Menschen mit geistiger Behinderung werden des Öfteren für dumm gehalten, eröffnete Erika Schmidt ihre Begrüßung beim Jahrestreffen der Freiwilligenkoordinator(innen) der Lebenshilfe im Schloss Rauischholzhausen (bei Marburg). Frau Schmidt engagiert sich seit Jahren bei Lebenshilfe NRW und hatte sich mit anderen freiwillig und hauptamtlich Aktiven in ihrem Engagement über diese Frechheit unterhalten. Raus gekommen ist ein Gedicht über die Dummheit, die durch das Staunen lernen hilft.

Erika Schmidt / Armin Herzberger

„Die Dummheit“

Dummheit die sich als Einfalt zeigt die liebe ich:

Sie nennt den Augenblick und staunt.

Fragt nicht woher fragt nicht wohin.

Ist ohne List und Arg

Sie staunt nur.

Im ersten Staunen schon, da wird sie klug.

Und ahnt es nicht.

Eigentlich — so mein erster Gedanke bei diesen Zeilen — müsste man den Spieß umgedreht denken: All zu oft schlägt mir das pure Staunen entgegen, wenn ich in Work- und Infoshops über das freiwillige Online-Engagement oder den Social-Media-Einsatz in der Freiwilligenarbeit spreche. Bitte nicht falsch verstehen: Ich halte niemanden für dumm. Besonders nicht die, die meine Workshops zum Thema besuchen. Aber das ‘im Staunen klug werden’ trifft es ziemlich gut. Deshalb mache ich auch gern’ Workshops — ich staun’ ja auch immer wieder und werde von Mal zu Mal klüger (glaube ich).

Bei der Workshop-Gestaltung hatte ich mich diesmal für die ‘amerikanische Variante’ entschieden. Amerikanisch dabei: zuerst etwas Erstaunliches präsentieren und dann ein Problem suchen, das man damit lösen könnte.

So ging es also nach einer kurzen Vorstellungsrunde und der Feststellung, dass ausnahmslos alle Teilnehmenden das Internet bei ihrer Arbeit nutzen, mit der Idee des Online-Volunteerings los. Gemäß der amerikanischen Variante ging ich dabei nicht gleich auf das freiwillige Online-Engagement von Menschen mit geistigen Behinderungen ein. Zunächst einmal wollte ich die Idee an sich vorstellen um danach mit den Teilnehmenden über Möglichkeiten und Schwierigkeiten des Online-Engagements bei ihrer Arbeit zu sprechen.

Die Freiwilligenarbeit über das Internet — das bleibt zunächst fest zu halten — ist nichts anderes als die Freiwilligenarbeit vor Ort in einer Organisation. Auch für Online-Volunteers gelten Regeln zu Schweigepflicht, zum Datenschutz, zu Aufwendungsentschädigung etc. pp. Der Unterschied zwischen so genannten On-Site- und Online-Aktiven, ist lediglich der Kommunikationskanal. Während die einen von den Mitarbeitenden in der Organisation mit allen Sinnen wahrgenommen werden können, können sie von den anderen zunächst einmal ‘nur’ lesen. Das macht deren Arbeit aber nicht weniger real oder wichtig.

Virtual volunteering is volunteering without barriers and borders

meinte einst Randy Tyler, ein kanadischer Freiwilligenkoordinator vom McDonalds Youth Service (MYS) und bestätigt damit: Freiwilligenarbeit über das Internet ist freiwilliges Engagement (in diesem Fall „Volunteering“) nur eben ohne zeitliche Barrieren oder geographische Grenzen.

Das hört sich zunächst einmal sehr gut an. Besonders Engagementinteressierte in der schwierigen und konfliktbeladenen Zeit von Ausbildung, Übergang in den Beruf und Gründung einer eigenen Familie (vgl. BMFSFJ 2010, 6) könnten so einem Engagement nachgehen. Sie können sich für die Organisation ihrer Wahl über das Internet engagieren — egal wo es sie hinverschlagen hat. Und das meint natürlich nicht nur die Freiwilligenarbeit für Organisationen in Deutschland. Spätestens seit den Aktionen von 2aid.org wissen wir, dass das Internet keine Grenzen kennt.

Eben diesen Umstand wollen sich auch die United Nation Volunteers zu nutze machen. Mit der Volunteer-Matching-Plattform onlinevolunteering.org bieten sie interessierten Freiwilligen aus Europa und der ganzen Welt die Möglichkeit sich für Organisationen in Entwicklungsländern zu Engagieren. Die Freiwilligen die sie zu vermitteln suchen, definieren sie als „Online-Volunteers“.

An online-volunteer is an individual who commits her/his time and skills over the internet freely and without financial considerations, for the benefit of society.

Zunächst wird hier noch einmal deutlich, dass sich die Kriterien der Freiwilligenarbeit, die sich, von der Enquete-Kommission entwickelt, auch in den Freiwilligensurveys finden, auch hier entdecken lassen: „freely“ (freiwillig), „without financial considerations“ (unentgeltlich), „over the internet“ (öffentlich und vernetzt) und „for the benefit of society“ (gemeinwohlorientiert). Doch — meine ich — wird hier auch noch ein zweiter Aspekt deutlich: Die persönlichen Fähigkeiten und die zeitlichen Ressourcen werden nämlich von den Freiwilligen über das Internet angeboten und sollten deshalb von Seiten der Organisationen als eine Art Spende angesehen werden (dazu aber an anderer Stelle mehr).

Das freiwillige Online-Engagement insgesamt lässt sich abschließend also als Engagementform betrachten, die freies und selbstbestimmtes Engagement, unabhängig von Wohnort und Mobilität zulässt und sich vom freiwilligen Engagement vor Ort nur durch den Kommunikationskanal Internet unterscheidet. Dem entsprechend liegen hier aber auch die größten Herausforderungen für Freiwilligenorganisationen, die Online-Engagement ermöglichen wollen. Zuverlässige Technik zu beschaffen ist dabei sicherlich eine Seite, viel wichtiger sind aber die zeitlichen Ressourcen die Mitarbeitenden zur Verfügung stehen müssen um mit Freiwilligen — über welche Internet-Tools auch immer — zu kommunizieren. Vor allem beim Online-Engagement geistig Behinderter, bei dem die Online-Kommunikation zusätzlich noch aufbereitet werden muss, wird die Zeit nämlich ein wirklich bedeutender Faktor.

Wie ich bei meinen Überlegungen hier im Bog zu zeigen versuchte, bietet die Web-Kommunikation neben einer Vielzahl an Möglichkeiten seinen Content mit vielerlei Barrieren zu verstellen auch etliche Möglichkeiten barrierearm zu kommunizieren. Die Aufbereitung in leichter Sprache ist dabei eine Möglichkeit; Videos, Bilder, Podcasts und Karten können unterstützend eingesetzt werden. Und das ohne großen technischen Aufwand. Mit dem bloßen Learning by Doing und dem im Staunen lernen lässt sich da schon viel machen.

Wie beim freiwilligen Online-Engagement insgesamt, stehen wir auch beim Online-Engagement geistig Behinderter in Deutschland noch weitestgehend am Anfang. Nach vielerlei Berichten und persönlichen Erfahrungen mit geistig behinderten Menschen, die ich in den letzten Tagen machen durfte, glaube ich persönlich aber nicht, dass das noch lange so bleibt. Es bewegt sich was, das wurde mir deutlich. Besonders weil mir Teilnehmende in meinem Workshop auch berichteten, dass das Interesse geistig Behinderter am Internet durch aus groß ist und sie damit — wie viele andere auch — ernsthaft zum überholen ansetzen.

Als Ergebnisse des Workshops zum barrierefreien Online-Engagement will ich hier festhalten, dass es (a) unklug ist irgendjemanden, ob nun Behindert oder nicht, zu unterschätzen. Das gilt besonders für Menschen, die sich für ihre Sache engagieren wollen. Außerdem gilt es (b) Barrieren in der Web-Kommunikation abzubauen und neben Leichter Sprache auch andere Mittel zum Einsatz kommen zu lassen. Die Möglichkeiten, die Social-Media-Tools hierfür bieten sind äußerst vielfältig. Sicherlich sind nicht alle Online-Werkzeuge auch nützlich oder zielführend, doch ohne jemals mit Podcasts, Videos oder digitalem Kartenmaterial herumexperimentiert zu haben — und hier sind wir schon bei (c) — kann das jeweilige Potential niemals abgeschätzt werden.

Für Workshopteilnehmerinnen und -teilnehmer sowie alle Interessierten hier noch einmal alle Teile meiner Rechercheberichte zum Thema

sowie die Links zu den Online-Engagementprojekten von und mit geistig Behinderten

und die Links zu Internet Projekten für Menschen mit geistiger Behinderung.

Ich freue mich über eure Ergänzungen, Kritik und Diskussionsbeiträge über die Kommentare und erinnere auch Frau Kettner vom Bundesministerium für Arbeit und Soziales noch einmal an ihr Versprechen nützliche Links zum Thema „barrierefreie Web-Kommunikation“ zu posten. Sollte euch das Kommentieren schwer fallen, weil es so viel ist was zu schreiben wäre, macht es euch einfach: Überlegt, was am meisten auf den Nägeln brennt und vertraut darauf, dass andere die wichtigen Fragen stellen, die es sonst noch gibt.

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