Am vergangenen Montag war es endlich soweit: Der Hauptbericht des neuen Freiwilligensurveys (1999-2004-2009) stand auf der Website des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ) zum Download bereit. Nach der dritten Erhebungswelle, so heißt es, sind jetzt statistisch gesicherte Rückschlüsse auf Trends im freiwilligen Engagement möglich. Als besonders ermutigend wird dabei der Trend zur Stabilität des freiwilligen Engagements in Deutschland genannt. So schreibt auch Kristina Schröder im Vorwort der Studie

Die gute Nachricht vorweg: Die Anzahl der Engagierten ist seit zehn Jahren auf hohem Niveau stabil.

Das stimmt so eigentlich nicht. Nach allem was wir wissen, stieg die Engagementquote nämlich bis zur letzten Erhebungswelle stetig an. Von 25,1% in 1985 auf 27,6% in 1992 auf schließlich 34% in 1999 und 36% in 2004. Das zumindest schrieb ich in Anschluss an Thomas Olk noch in meinem Artikel zur Freiwilligenarbeit über das Internet in der DZI-Zeitschrift Soziale Arbeit und referierte es auch auf der stARTconference in Duisburg. Wenn überhaupt, ist das freiwillige Engagement in Deutschland demnach seit fünf Jahren „stabil“.

Die Quoten aus den Jahren 1985 und 1992 stammten dabei natürlich nicht aus dem Freiwilligensurvey, den gibt es erst seit 1999. Die Zahlen wurden seinerzeit aus den Datensätzen des Sozio-ökonomischen Panels (SOEP) errechnet. Diese als jährliche Befragung von 12.000 repräsentativ ausgewählten Haushalten (Panel) konzipierte Erhebung, fragt allerdings nur nebenbei ein recht unscharf definiertes Ehrenamt ab, was Gensicke und Geiss, als Autor und Autorin der vorliegenden Studie, mit zwar berechtigter dennoch recht harsch daher kommender Kritik ansetzen lässt:

Es fehlt sowohl eine hinreichend scharfe Definition des freiwilligen Engagements als auch eine Diskussion der Messqualität in verschiedenen Umfragen. Das […] Sozioökonomische Panel (SOEP) […] ist eine sehr unzureichende Quelle für Informationen über das freiwillige Engagement. Es wird jedoch in dieser Hinsicht überstrapaziert, obwohl es freiwilliges Engagement nur als randständiges Thema mit einer sehr einfachen Frage zu den Freizeitgewohnheiten der Befragten erfasst (Freiwilligensurvey S. 58f).

Ohne die Zahlen aus dem SOEP hätten wir zwar überhaupt keine Vorstellung über die Entwicklung unserer Bürger- bzw. Zivilgesellschaft aber nun ja, sei’s drum. Die Quote ist jedenfalls stabil geblieben. 36% der mittels Festnetztelefon erreichbaren deutschsprachigen Wohnbevölkerung ab 14 Jahren engagiert sich freiwillig, unentgeltlich, öffentlich, gemeinwohlorientiert und vernetzt. Genauso wie 2004 …

… natürlich nicht! Abseits der Engagementquote hat sich in der deutschen Zivilgesellschaft einiges getan: Der Trend geht scheinbar zu öffentlichem statt privatem Sozialkapital — eher zu Putnam denn zu Bourdieu, wenn man so will –, die lang befürchtete „Krise des Ehrenamtes“ bleibt aus, erstmals geben mehr Menschen an, sich engagieren zu wollen, als es tatsächlich tun (36% Engagierte vs. 37% Engagementwillige) und nicht zu letzt hat auch das Internet weiter Einzug in das freiwillige Engagement und die Zivilgesellschaft gehalten. Nachrichten über Nachrichten, die mich optimistisch stimmen.

Mit besonders großer Spannung habe ich natürlich auf das Kapitel fünf des aktuellen Freiwilligensurveys gewartet. Im Kurzbericht zu dieser Studie und dem zweiten Monitor Engagement, mit denen wir ja bis dato vorlieb nehmen mussten, war dazu schließlich nichts zu finden. Warum dieser wichtige Bereich bis zu dem rech spät publizierten Hauptbericht ausgespart wurde, kann ich mir überhaupt nicht erklären. Es ist eine Erfolgsgeschichte! So schreiben auch Gensicke und Geiss:

Der Siegeszug des Internets wirkt sich deutlich und nachhaltig auf den Freiwilligensektor aus (Freiwilligensurvey S. 242).

Durch alle Alterskohorten und Geschlechterkonstruktionen wird das Internet für das Engagement heute häufiger genutzt als noch vor fünf Jahren. Das Web kommt im freiwilligen Engagement und vor allem in den von der bürgerlichen Mittelschicht dominierten Engagementbereichen wie der beruflichen und politischen Interessenvertretung oder der Jugend- und Kulturarbeit an. Doch, das zeigt der Vergleich mit den aktuellen Onliner-Studien, es nutzen bei weitem nicht so viele Engagierte das Netz, wie es theoretisch möglich wäre. So betrachtet kommt der Interneteinsatz im Engagement zwar an, wird von den Freiwilligenorganisationen aber offenbar noch nicht zielgerichtet gefördert. So schreiben auch Gensicke und Geiss:

[Die] Ergebnisse zeigen, dass neben der Frage des Internetzugangs für den Einsatz dieses Mediums weitere Faktoren eine Rolle spielen. Beispielsweise beeinflussen bestimmte Inhalte und Anforderungen freiwilliger Tätigkeit das Nutzungsverhalten […]. Auch Organisationen und Einrichtungen können günstige Rahmenbedingungen bzw. ein positives Klima für den Einsatz des Internets schaffen und die Freiwilligen zur Internetnutzung ermutigen (Freiwilligensurvey S. 242f).

Der Interneteinsatz im freiwilligen Engagement, das lässt sich aus den Ausführungen Gensickes und Geiss’ schließen, hängt weniger von Bildung und Geschlecht als viel mehr von den Inhalten und Anforderungen im freiwilligen Engagement ab. So nutzen ehrenamtliche Vorstände das Internet bspw. wesentlich häufiger als Freiwillige, die sich in sozialen Organisationen oder im Bereich der Pflege engagieren. Leider schließt das aber den Einfluss von Bildung und Geschlecht auf die Internetnutzung im Engagement nicht aus. Die Anforderungen und Inhalte des jeweiligen Engagements werden immer noch ganz wesentlich von Bildung und Geschlecht der Freiwilligen bestimmt. So sind ehrenamtliche Vorstandsposten überproportional mit Männern besetzt; soziale oder pflegerische Tätigkeiten (am Menschen) dagegen werden häufiger von Frauen übernommen. Jugendtrainerinnen und -trainer haben häufig keinen höheren Bildungsabschluss, während Engagierte in der politischen Interessenvertretung häufig einen Hochschulabschluss vorweisen können.

Laut Gensicke und Geiss erklärt sich der seltenere Interneteinsatz von (weiblichen) Freiwilligen in sozialen und pflegerischen Engagementbereichen mit der angestrebten Nähe zum Menschen und — im Kontrast dazu — der häufigere Interneteinsatz von (männlichen) Freiwilligen durch ihr nach außen orientiertes Engagement bspw. als Vorstandsmitglied oder in der Öffentlichkeitsarbeit:

Für den Dienst am Menschen benötigen [Frauen] das Internet weniger, wohingegen Männer im Rahmen ihrer Öffentlichkeitsarbeit und Verwaltungstätigkeit häufiger auf das Internet zurückgreifen. Auch müssen Frauen weniger organisieren als Männer, was sie ebenfalls weniger auf das Internet verweist (Freiwilligensurvey S. 244).

Wenn ich die Magenkrämpfe, die dieses Zitat bei mir auslöst, für den Moment ignoriere, muss ich Gensicke und Geiss dahingehend Recht geben, dass die Aufgaben den Interneteinsatz im freiwilligen Engagement bestimmen. Freiwillige sind offenbar bereit und fähig sich in ihrem Engagement des Internets zu bedienen. Internetaffinität ist kein Privileg höher qualifizierter Männer — sie zieht sich durch die ganze Breite der Zivilgesellschaft und sollte nun auch in den Freiwilligenorganisationen gefördert werden.

Die nur all zu weit verbreitete Annahme, dass das Engagement am Menschen den Interneteinsatz per se verunmöglicht, ist schlichtweg falsch. Ebenso wie die Annahme, dass es kein Engagement abseits der Verwaltung und Öffentlichkeitsarbeit gibt, das den Einsatz des Internets zulässt. Es muss gelten, Engagementangebote zu schaffen, die das Internet als omnipräsentes Alltagsmedium auch in die Freiwilligenarbeit einbinden und ein Online-Engagement von zu Hause, vom Arbeitsrechner oder sogar von unterwegs aus zu lassen.