Was ist Spaß, was ist Gewalt? Im Berufsalltag vieler Pädagoginnen und Pädagogen sollte diese Frage immer wieder gestellt werden. Raufen sich Burschen auf dem Schulhof, geht (notgedrungen) jemand dazwischen. Keifen sich Mädels an, eher nicht. Zumindest in meiner Schulzeit gehörten beide Szenarien — die raufenden Schuljungen wie auch die zickigen Mädels — zum alltäglichen Bild. Und nicht nur das: Auch Neckereien zwischen den Geschlechtern waren mehr oder weniger üblich.

Zumeist konnten die Neckereien, das Geraufe und Gezanke kindlichem oder später jugendlichem Übermut zugeschrieben werden. Manchmal wohl auch zu Recht. Doch wo ist die Grenze? Was lässt nette Jungs fies werden und wo beginnt sich die Zankerei ins Mobbing zu verwandeln?

Ich denke, all zu einfach sind diese Fragen nicht zu beantworten. Zumindest insofern man auch nicht einfach sagen kann, es würden sich nur Jungen auf dem Schulhof raufen, Mädchen würden sich dagegen nur (harmlos) anzicken und wenn irgendjemandes Neckerei zu weit geht, dann ist es sowieso die der Jungen — die Mädchen sind die Opfer. Wie so häufig ist die Sache etwas verzwickter: Anhand eines empirischen Beitrags zu Gewalt an Schulen vom Bundesverband der Unfallkassen (2005) lässt sich recht gut zeigen, dass die Unterschiede innerhalb der sozialen Kategorien männlich und weiblich größer sind als die zwischen denselben.

Statistik der Raufunfälle - aus "Gewalt an Schulen"

Statistik der Raufunfälle - aus "Gewalt an Schulen"

So betrug 2003 der Unterschied zwischen den nachweislichen Raufereien (nach denen ein[e] der Raufenden zum Arzt musste) zwischen Hauptschülerinnen und -schülern knapp 15 Verletzte pro 1.000 Schüler!nnen, bei Realschüler!nnen rund 14 und bei Gymnasiast!nnen 6. Der Unterschied zwischen Jungen am Gymnasium und Jungen an der Hauptschule dagegen kann auf über 30 beziffert werden. Anhand der Statistik in Tabelle elf wird recht deutlich sichtbar, dass die Anzahl nachweislicher Folgen tätlicher Auseinandersetzungen ganz offenbar mit der Schulform — bzw. dem damit einhergehenden Bildungshintergrund — in Zusammenhang steht. Hauptschüler!nnen müssen nach Schlägereien auf dem Schulhof häufiger zum Arzt als Realschüler!nnen oder Gymnasiast!nnen. Innerhalb der Schulformen allerdings sind eher die Jungen als die Mädchen beteiligt.

Ebenso wie bei den Schulhofschlägereien verhält es sich auch mit sexuellen Übergriffen. Entgegen medialer Suggestion sind es nämlich nicht zuerst die Herren mittleren Alters (Sportlehrer, Pfarrer, Onkel oder Nachbarn), die sich an Kindern vergehen. In Deutschland wird sexueller Missbrauch — meint: die Vergewaltigung von Kindern — am häufigsten von der Altersgruppe der 14–16 Jährigen begangen (Elz 2003: 2ff). Dabei sind es (natürlich) auch hier die Jungen, die sich häufiger strafbar machen als die Mädchen, was aber auch damit zusammen hängen könnte, dass sexualisierte, weibliche Gewalt weder von den Täterinnen noch von den Opfern oder der Polizei als Missbrauch im Sinne der Vergewaltigung wahrgenommen wird und hier der Trichtereffekt der Kriminalstatistik wirkt.

Mit diesen beiden Statistik im Hinterkopf, die sich in den letzten sieben Jahren wahrscheinlich nicht radikal verändert haben (man denke an die Medienberichte über Haupt- und Gesamtschulen in ‘Problembezirken’ größerer Städte), können wir uns nun wieder der Frage nach der Grenze zwischen Spaß und Gewalt zuwenden. Die These, die ich hier gern zu Grunde legen würde, ist, dass die oft beklagte Jugendgewalt (ob sexualisiert oder nicht) in Spaß seinen Ursprung hat und — wenn die Kontrolle verloren geht — in Gewalt und Missbrauch umschlägt.

Leider ist vielen Jugendlichen nicht klar, dass spaßiges Gängeln von anderen auch als ernsthafte Auseinandersetzung wahrgenommen werden kann. Dazu bedarf es nämlich einiger Reflexivität, die vor allem Jugendlichen bildungsferner Milieus mithin fehlt. Ein Grund für diesen Umstand vermuten die Macherinnen der NiceGuysEngine in den Schwierigkeiten, vor denen Eltern wie Pädagog!nnen stehen, wenn sie mit (ihren) Kindern und Jugendlichen über die Grenzen zwischen (sexualisierter) Gewalt und harmlosen Spaß ins Gespräch kommen wollen (Rentmeister 2007: 55ff). Je weiter die Kinder und Jugendlichen von einem höheren Bildungsabschluss entfernt sind — so könnte man schließen — desto schwieriger das Gespräch. Diesbezüglich ist mir die scholasitsche Schockstarre nur all zu gegenwärtig, in die ich (und dem Anschein nach auch meine Mitschüler) verfiel, als der Biologielehrer das Thema Sexualkunde hinter sich bringen wollte.

Zumindest was die Diskussion um die Grenze von harmlosem Spaß zu sexueller Gewalt angeht — die wir freilich nicht führten — hätte ihm die Nette-Leute-Maschine, die heute auch unter spass-oder-gewalt.de zu finden ist, geholfen. Die Lernplattform Spaß oder Gewalt (der Kürze wegen im Folgenden mit „SOG“ abgekürzt) habe ich bereits im Grundstudium der Sozialen Arbeit in Erfurt kennen gelernt. Damals war die Plattform noch im Aufbau und ich einer der ersten, die sie zunächst mit Studierenden und später auch mit Kindern und Jugendlichen ausprobierte.

Screenshot: 'Spielwiese' der Lernplattform Spaß oder Gewalt

Screenshot: 'Spielwiese' der Lernplattform Spaß oder Gewalt

SOG besteht aus drei Modulen: der „Spielwiese“, der „Gruppenarbeit“ und der „Auswertung im Plenum“. Auf der „Spielwiese“, die Hauptseite von SOG, gibt es zunächst verschiedene Angebote durch die man sich recht umstandslos klicken kann. Die Trennung zwischen „für Jungen“ und „für Mädchen“ soll das jeweils andere Geschlecht dabei eher neugierig machen, als dass sie als tatsächliche Trennung aufgefasst werden kann. Technisch gibt es hier keinerlei Beschränkung. Nutzende der Spielwiese müssen sich nicht anmelden und weil SOG als Website über das Internet abrufbar ist, können Interessierte auch abseits der Arbeit in einer Gruppe einfach neugierig sein — Mädchen können z.B. nachschauen ob Pornos ungesund sind und Jungen warum der Freund (der sie ja sein könnten) manchmal so fies ist.

Das zweite Modul ist die „Gruppenarbeit“, die mit dem Fall einer 14-jährigen Schülerin beginnt, die von gleichaltrigen auf dem Schulhof vergewaltigt wird. In bis zu vier AGs — zwei für Jungen, eine für Mädchen und eine gemischtgeschlechtliche — arbeiten die Schüler!nnen heraus, wie es dazu kommen konnte. Begleitet wird die Arbeit von Material, Fragebögen und Interviews, die auf SOG bereit stehen. Je nach AG interviewen sich die Schüler!nnen gegenseitig, bearbeiten Fragebögen via Texteingabe und vergleichen ihre Eingaben mit anderen. Seit dem offiziellen Start im Herbst 2006 haben über 3.000 Jugendliche (ab 12 Jahren) — natürlich anonym — Daten eingespeist die hier als Vergleichsgrundlage dienen.

Das dritte Modul von SOG besteht in der Auswertung der Gruppenarbeiten im Plenum. Hierbei geht es hauptsächlich darum, mit Regeln frieden zu schaffen. Während die Schüler!nnen in der Gruppenarbeit für einzelne Fragen sensibilisiert werden und selbst herausgefunden haben,

  • wie weit „Mädchen-Necken“ in der eigenen Schule oder in der Jugendeinrichtung verbreitet ist
  • wie Jungen das Necken selbst empfinden
  • was Mädchen schon selbst erfahren haben
  • was (rechtlich gesehen) Spaß und was Gewalt ist und
  • was Zivilcourage bewirken kann,

gilt es nun in der jeweiligen Gruppe Verhaltensregeln auszuhandeln, an die sich alle halten wollen (was auch mit einem Gruppenvertrag besiegelt werden kann). Hier ist das erste und einzige Mal eine neutrale Gesprächsleitung gefragt, die bei der Aushandlung der Gruppenregeln moderiert.

Wenn ich eingangs fragte, wo die Grenze zwischen Spaß und Gewalt liegt, was nette Jungs fies werden lässt und wo zanken in Mobbing übergeht, sollte nach diesem Ausflug zu einem m.E. hervorragenden Online-Tool klar geworden sein, dass diese Fragen nicht an Pädagog!nnen sondern an ihre Schützlinge zu richten sind. Sicherlich haben wir unsere Vorstellungen davon, was ein „netter Junge“ und ein „liebes Mädel“ ist. Wichtiger als die Phantasien der Eltern, Erzieher!nnen und Pädagog!nnen ist aber das zivilisierte Miteinander der Teenies. Ich denke, dass Pädagog!nnen mit der NiceGuysEngine ein Werkzeug an die Hand gegeben wurde, dass für eine sensible und sensibilisierende Arbeit mit Kindern und Jugendlichen innerhalb und außerhalb der Schule geeignet ist. Nicht um sonst erhielt die Autorin und Produzentin Cristina Perincioli 2007 den Frauenmedienpreis des Thüringer Landesfrauenrates und der Thüringer Landesmedienanstalt.