Seit Jahren schon schwelt es im Dritten Sektor. Rund um das Freiwilligen- und Stakeholder-Management steht die Frage im Raum, ob und wie sich freiwilliges Engagement und Stakeholder-Partizipation quantifizieren lassen. Auch im aktuellen Programmheft der Akademie für Ehrenamtlichkeit Deutschland wird der Return on Investment (RoI) aus professioneller Engagementförderung im Vorwort aufgegriffen; mit ziemlich düster-pessimistischem Unterton, wie ich meine:

Auch bei den Vereinen und Verbänden gibt es widersprüchliche Begebenheiten: während einerseits immer mehr Freiwilligen-KoordinatorInnen und -ManagerInnen (von uns und auch von anderen) ausgebildet werden, sind die Trägerorganisationen des Engagements nach wie vor nicht bereit, freiwilliges Engagement in ihre Organisationsentwicklung einzubeziehen. Die Förderung des freiwilligen Engagements kostet und sie ist keinesfalls umsonst, sondern kann mit einem hohen „Return of Investment“ rechnen. Eine bayerische Studie zeigte: „Jeder Euro für Engagement-Förderung bringt eine Wertschöpfung von 6 bis 7 Euro“ – dies gilt so oder so ähnlich sowohl für staatliche/kommunale Engagementförderung als auch für die dafür eingesetzten Mittel in Verbänden oder Einrichtungen. Allein – ein gutes Freiwilligen-Management ist den Entscheidern offenbar zu teuer.

Dies führt dazu, dass die Aufgaben des Freiwilligen-Managements oder der -Koordination überwiegend als Teilzeitaufgaben und quasi nebenher erledigt werden. Oder eben gar nicht – der neue Freiwilligensurvey zeigt, dass es weniger Ansprechpersonen für Freiwillige gibt als fünf Jahre zuvor.

Um für echte, ernst gemeinte (und nicht bloß kompensierende) Partizipationsmöglichkeiten im Dritten Sektor zu werben, kommen wir offenbar nicht um die ‚Verzahlung’ dieser eigentlich genuinen Aufgaben von NPOs herum.

Warum!? Zum einen sind NPOs nicht erst seit Kurzem auf wirtschaftspolitisch begründete Alimentation angewiesen. Und zum anderen braucht es nach Jahrzehnten der Selbstzufriedenheit und GmbHisierung (Reifenhäuser, Hoffmann, Kegel 2009: 56f) auch eine gehörige Portion Überzeugungsarbeit um die intern kursierende Angst vor engagierten Bürgerinnen und Bürgern, die sich nun einmischen sollen, zu überwinden. In Zeiten der Effektivität und Effizienz braucht es offenbar ‚harte Fakten’ um die eigentliche Existenzberechtigung zivilgesellschaftlicher Organisationen nach innen und außen zu vermarkten. Doch woher sollen diese ach so harten Fakten kommen?

Einige Versuche, das freiwillige Engagement in Deutschland und Europa zu quantifizieren, gibt es bereits: Mit einem Schmunzeln erinnere ich mich bspw. noch an die 35 Mrd. EURO, die Freiwillige, dem Engagementatlas 2009 der AMB Generali zu folge, zum deutschen Bruttoinlandsprodukt beitragen würden, wenn man sie denn bezahlen müsste (ebd. 2009: 14). Das sind etwa 2% des BIP Deutschlands — eine Zahl die eigentlich nur noch von den 5% des Bruttosozialproduktes Europas übertroffen wird, die auf der Webseite des Centre Européen du Volontariat (CEV) zu finden ist. 5% des BSP Europas wären den Prognosen von EUROSTAT für 2010 folgend übrigens mehr als 600 Mrd. EURO, was bei einer durchschnittlichen Engagementquote von 23% (für Europa) doch tatsächlich erstaunlich ist.

Wie viele andere auch glaube ich nicht, dass diese Zahlen auf belastbarem Boden stehen. Viel eher scheinen es mir Marketinginstrumente im oben angedeuteten Sinne zu sein, die den Wert freiwilligen Engagements — den ich keines Falls bestreite (!) — unterstreichen sollen. Leider entpuppen sie sich dabei recht schnell als unrealistisch.

Um eben das zu zeigen, legte Christian Tracht in seinem Beitrag zum BBE-Newsletter 19/2009 nahe zunächst zu fragen, was da eigentlich monetarisiert werden soll. Worum geht es also bei dieser Rechnung eigentlich? Welche Methoden der Monetarisierung werden angewandt und wie kommen schließlich diese exorbitant hohen Beiträge zum Bruttosozialprodukt oder eben Renditen von „6 bis 7 Euro“ zu Stande?

Um was geht es?

Es geht um freiwilliges Engagement — freiwillige, vernetzte, gemeinwohlorientierte Tätigkeit in der Öffentlichkeit, die vor allem eines ist: unentgeltlich. Freiwillige bekommen für ihre Arbeit kein (oder nur wenig) Geld, was natürlich einen hervorragenden Ansatzpunkt für eine  Monetarisierungsdebatte bietet.

Wenn wir — wie im Engagementatlas’09 geschehen — einfach davon ausgehen, dass man freiwilliges Engagement immer bezahlen könnte, können wir auch ziemlich schnell ausrechnen, wie viel wir durch unsere Engagementförderung eingespart hätten. Einzig der Taschenrechner bräuchte genügend Stellen in der Anzeige. Die Voraussetzung für diese Rechnung wäre aber, dass sich das sog. Dritt-Personen-Kriterium ansetzen lässt, dass also die geleistete Tätigkeit prinzipiell auch von bezahlten Arbeitskräften hätte erbracht werden können. Da gibt es eben nur ein Problem: Nicht für jede freiwillige Tätigkeit gibt es ein adäquates Gegenstück auf dem Arbeitsmarkt.

Besonders für Mentorinnen oder freiwillig Engagierte Gelegenheitshelfer lässt sich auf dem Arbeitsmarkt schwerlich ein bezahltes Äquivalent finden. Die Definition unbezahlter Arbeit über das Dritt-Person-Kriterium neigt sogar dazu, hauswirtschaftliche Tätigkeiten („unbezahlte Reproduktionsarbeit“ — die immer noch überdurchschnittlich häufig von Frauen geleistet wird) nicht als Arbeit sondern als Freizeitaktivität zu deklarieren, was sie m.E. schon sehr ins wackeln bringt.

Ergänzend könnte man hier versuchen den Pudding ‚unbezahlte Arbeit’ mit Listen an die Wand zu nageln. Mittels Code-Listen werden größere Studien recht häufig nach bestimmten Ausprägungen der gemessenen Items gesucht. Tracht (2009) zu folge finden sich in einer Liste des Bundesamtes für Statistik über 230 Aktivitäten, die als unbezahlte Arbeit gelten. Zwar können solche Listen die Schwächen des Dritt-Person-Kriteriums annähernd ausgleichen, doch sind sie (a) für unerfahrene Evaluierende recht unhandlich und (b) offenbar auch nicht so einfach zu bekommen (Ich habe die besagte Liste nicht finden können.).

Methoden der Monetarisierung

Sei es nun aber drum! Gesetzt den Fall, wir würden es schaffen unbezahlte Arbeit glaubhaft von Freizeitaktivitäten und bezahlter Arbeitszeit trennen zu können, können wir für unsere Monetarisierungsdebatte nun zwei verschiedene Methoden in Stellung bringen: die Output- und die Inputmethode. Die Outputmethode setzt den (potentiellen oder durchschnittlichen) Marktwert der einzelnen Produkte und Dienstleistungen an und summiert sie zu einer Art Brutto-Produkt freiwilligen Engagements. Mit der Inputmethode dagegen wird versucht das zu berechnen, was der Organisation (oder der öffentlichen Hand) durch die unentgeltliche Arbeit der Freiwilligen an Ausgaben erspart geblieben ist (Marktkostenansatz) oder was die Engagierten für ihre Gesellschaft zu opfern bereit waren (Opportunitätsansatz).

Wenn also im Engagementatlas’09 die 4,6 Mrd. Arbeitsstunden freiwillig Engagierter mit 7,50€ multipliziert werden, handelt es sich hier keineswegs um den Marktkostenansatz. Der Marktkostenansatz läge bei gleicher Unterstellung eines Stundenlohns von 7,50€ mit weit mehr als 46 Mrd. € über dem bereits errechneten Beitrag zum BIP. Die Lohnsteuer und Sozialabgaben — die diesen Wert so weit steigen lassen — rechneten die Autorinnen und Autoren hier gar nicht ein. Sie setzen die Opportunitätsmethode an und unterstellten, dass jeder und jede Freiwillige auf einen Stundenlohn von 7,50€ verzichtet hat, was natürlich wieder mit den weitgehend ungeklärten Fragen nach unbezahlter Arbeit, dem Arbeitszeitgesetz, der lokalen Infrastruktur usw. kollidiert.

Fazit

Insgesamt haben wir es also bei der Monetarisierung freiwilligen Engagements mit einem höchst wackligen Konstrukt aus Annahmen und Unterstellungen zu tun, die die Realität — positiv ausgedrückt — nur in sehr geringem Maße abbilden. Was die ungeklärten Fragen der eben erläuterten 7,50€-Opportunität anbelangt, könnte man ja argumentieren, dass es natürlich manche Menschen gibt, die in der Zeit ihres Engagements nichts hätten verdienen können, doch eben auch andere, die sehr wahrscheinlich die Möglichkeit haben weit mehr als das Doppelte zu verdienen. Dennoch bleibt es ein wackliges Konstrukt auf der Basis von angenommenen Mittelwerten, Medien oder Medianen auf denen in den nächsten Schritten dann die heiß begehrten Kennzahlen wie der ermittelt werden sollen über die ich das nächste Mal berichte.