Am 30. und 31. Mai war ich auf dem 16. Deutschen Präventionstag in Oldenburg. Cristina Perincioli und Cillie Rentmeister hatten mich gebeten, das Webtool www.spass-oder-gewalt.de dort in einem kurzen Projektspot vorzustellen. Der Input sollte nicht länger als 10 bis 15 Minuten dauern und die “Nice Guys Engine” eher aus der Anwender- denn aus einer theoretisierenden Perspektive präsentieren. Während meines Studiums in Erfurt hatte ich mit dem Tool in unterschiedlichen Gruppen gearbeitet; darunter Jugendliche zwischen 12 und 15 und Studies wie auch angehende Erzieher!nnen zwischen 18 und 25.

Wie ich schon an anderer Stelle schrieb, bietet die Lernplattform Spaß oder Gewalt (SOG) m.E. einen sehr guten Zugang, um mit Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen über sexualisierte Gewalt ins Gespräch zu kommen. Dabei ist das Tool nicht darauf ausgelegt, Jungen und junge Männer — häufig die Täter bei sexuellen Übergriffen — abzuschrecken bzw. mit erhobenen Zeigefinger zu belehren. Viel mehr geht es darum, das Thema in Peer-Groups auf die Agenda zu rufen, sich damit aus unterschiedlichen Perspektiven zu beschäftigen und zu einer einvernehmlichen Grenzziehung zwischen Spaß und Gewalt zu kommen.

Die dahinter stehende These ist einfach: Gewalt — und auch sexualisierte Gewalt — hat ihren Ursprung im Spaß. Sozusagen aus missverständlichem Jux und vielleicht etwas derber Tollerei können Interaktionen resultieren, die schnell entgleiten und von der harmlosen Übertreibung in Aggression und Gewalt umschlagen. An einem Pogo lassen sich die einzelnen Eskalationsstufen recht gut anschaulich machen:

  1. Sich zu emotionsgeladener, schneller Musik gegenseitig anrempeln, anzuspringen und auch ein wenig zu schupsen, ist auf entsprechenden Konzerten gang und gäbe. Natürlich kann es aber auch unangenehm empfunden bzw. als Herausforderung oder Provokation missverstanden werden — eine Frage des Geschmacks.
  2. Wer ‘unverschuldet’ in einen Pogo gerät, versucht i.d.R. das Gerangel zu verlassen bzw. bedeutet den anderen, dass anrempeln und schupsen gerade nicht okay ist. Das geht im Eifer mithin unter, manchmal werden die Zeichen aber auch missgedeutet und erst recht drauf los gesprungen.
  3. Selbstverständlich versucht das ‘Opfer’ in diesem Fall die unangenehme Situation zu beenden und setzt sich zur Wehr. Das Resultat ist eine beiderseitig missverständliche Interaktion, die aus den Fugen gerät. War es zuvor ein harmloses Missverständnis haben wir es jetzt mit einer handfesten Auseinandersetzung zu tun, bei der natürlich schnell auch zurückgeschupst wird.
  4. Gerät die Sache weiter aus dem Ruder — und das geht beim Pogo schnell, weil sich das Interaktionsmuster während des Kontrollverlusts ja kaum noch vom ursprünglichen unterscheiden — schlägt die Angelegenheit in Gänze um — eine deftige Schlägerei ist dann nicht selten das Resultat.

Pädagoginnen und Pädagogen auf dem Schulhof oder in der offenen Jugendarbeit — bei Punk- oder Oi!-Konzerten die Ordner — können häufig erst dann eingreifen, wenn es zu spät ist. Mit einer einvernehmlichen Grenzziehung zwischen Spaß und Gewalt — das Ziel der Gruppenarbeit mit SOG — kann schon viel früher (eben präventiv) angesetzt werden und das heikle Thema sexualisierte Gewalt auf den Plan gerufen werden. Einzige Herausforderung: Ein Internetanschluss und die entsprechenden Treiber-Programme …