Pünktlich nach meinem Moskau-Urlaub ist mir gestern eine interessante Meldung untergekommen: Der Technologie-Konzern Sony geht in Großbritannien mit einer Open Source App für die mobile Freiwilligenarbeit an den Start. Die Idee stammt vom französischen Designer Paul Frigout und soll — wie auch die schon ältere Idee des Online-Volunteering — auf die Bedürfnisse mobiler Volunteers eine Antwort geben. Werbewirksam passend kam Firgout die Idee, als er auf eine Straßenbahn wartete: Warum die Wartezeit nicht nutzen, um schnell mal was Gutes zu tun?

Über die +U-App, die auf die nationale Engagementdatenbank „do-it.org.uk“ zugreift, sollen Interessierte in Großbritannien nun Kurzzeit-Engagements in ihrer Nähe finden – egal wo sie gerade sind. Eine interessante Idee! Man stelle sich nur vor, die Berliner Stadtreinigung (BSR) stellt an jedes Bushäuschen ein Kehrgerät, das Wartende kurzentschlossen in die Hand nehmen können, um die Haltestelle besenrein zu hinterlassen. Vielleicht finden Nonprofits engagierte Beraterinnen und Berater, die ihnen bei der Konzeption und Umsetzung ihrer Kampagnen helfen können, künftig beim Frisör. Und auch die Berliner S-Bahn könnte so zu einer nützlichen Ermöglichungsstruktur für freiwilliges Kurzzeit-Engagement werden, zwingen uns die Zugverspätungen und -ausfälle doch bisweilen innezuhalten …

Ist mobiles Ehrenamt auch in Deutschland denkbar?

Jetzt aber mal im Ernst: Ließe sich dieses mobile Ehrenamt in Deutschland realisieren? Würden sich überhaupt Aufgaben und Interessierte für das Engagement ‚nebenbei‘ finden? Und ist es überhaupt sinnvoll, die Freiwilligenarbeit zu einer Tätigkeit ‚nebenbei‘ verkommen zu lassen?

Zur dritten Frage ist meine Antwort „Ja“: „Die Freiwilligenarbeit“ gibt es ohnehin nicht. Es gibt nur verschiedene Formen, die mehr oder weniger gut zur aktuellen Lebenssituation der Engagierten passen. Hochgradig mobile – vor allem junge – Menschen sind auf flexible Wege des freiwilligen Engagements angewiesen, ältere Freiwillige können und wollen mehr Verantwortung übernehmen. Dabei sind das keine getrennten Sphären des Freiwilligensektors, sondern unterschiedliche Ausprägungen ein und desselben Phänomens, das – wiederum in unterschiedlichen Ausprägungen – zu ein und demselben Ergebnis führt: das gute Gefühl etwas Gutes getan zu haben. Recht häufig beginnt die Engagementbiographie mit sporadischem Engagement und der Erfahrung, dass die aktive Teilhabe Freude bereitet. Später kommt die Übernahme von Verantwortung dazu, die günstiger Weise mit Gestaltungsspielraum einher geht und somit zu einem wesentlichern Motivator im freiwilligen Engagement wird. Solange das freiwillige Engagement ‚nebenbei‘ nicht zum Slacktivism verkommt, ist sie m.E. ein gangbarer Weg, gute Engagementerfahrungen möglich zu machen und eine Engagementbiographie anzustoßen bzw. fortzusetzen.

Die Frage nach den Interessierten ist schon schwieriger zu beantworten. Doch auch die werden sich finden, zumal die Entwicklung von +U auch den Unterhaltungswert (Gamification) nicht unberücksichtigt lässt. Lange schon ist bekannt, dass es viele Menschen gibt, die sich zwar ernstlich engagieren wollen, es aber wegen enger Zeitpläne (z.B. in Studium und Ausbildung) nicht tun können. Moral ist in! In Deutschland herrscht eine vergleichsweise positive Grundstimmung zu zivilgesellschaftlichen Engagement. Nur die Angebote sind in der Relation zur Nachfrage eben noch rar.

Damit scheinen mir die Aufgaben für Kurzzeit-Engagierte wohl die höchste Hürde für die Realisierung der mobilen Freiwilligenarbeit – wie übrigens auch zur Realisierung von Online- und speziell Mico-Volunteering. Nicht nur einmal habe ich hier im Blog festgestellt, dass es in deutschen NPOs am modernen Freiwilligenmanagement hapert, das Freiwillige nicht selten als kostenlose Dienstleister missverstanden werden, die mit Goodies gelockt und bei der Stange gehalten werden, das sich viele Haupt- und Ehrenamtliche gar nicht vorstellen können (oder wollen) mit sporadischen Volunteers zusammen zu arbeiten und sich die Denkschemata — die mentalen Modelle — des Ehrenamts recht veränderungsresistent zeigen. Hier liegt also die Herausforderung, die es anzugehen gilt.

Wie ließe sich mobiles Ehrenamt in Deutschland realisieren?

Ich persönlich bin nicht bereit zu glauben, der ‚Markt‘ des Ehrenamts müsse durch den Wettbewerb um Freiwillige bereinigt werden. Ich bin davon überzeugt, dass sich traditionsreiche Freiwilligenorganisationen weiterentwickeln können und künftig auch neue Formen des freiwilligen Engagements möglich machen werden. Ich weiß aber auch, dass das im Moment noch Zukunftsmusik ist. Die neuen Formen des freiwilligen Engagements — wie die des mobilen Online-  und Micro-Volunteerings — entwickeln sich zunächst in den avantgardistischen Nischen des Freiwilligensektors; Nischen, die von Initiativen mit wenig Budget und viel Kreativität besetzt werden. Leider ohne viel Aufhebens darum zu machen, werden hier neue Formen des freiwilligen Engagements praktiziert, die nach einer gewissen Zeit von größeren und besser ausgestatteten Organisationen übernommen und angepasst werden und so in den Mainstream des Engagements eingehen.

Ohne das Ziel, die neuen Wege des freiwilligen Engagements aus den Augen zu verlieren, wäre demnach bei den kleinen Initiativen anzusetzen, die als Pioniere den Weg für die ‚großen Tanker‘ des Dritten Sektors ebnen. Ob sich allerdings genügend Initiativen finden, um eine Öffentlichkeit zu schaffen, die sich nicht ignorieren lässt, ist eine Frage, die der Versuch wird beantworten müssen. Ich bin gespannt.