Am 22. August stellte Bundesfamilienministerin Schröder den ersten Engagementbericht der Bundesregierung vor. Die Erstellung dieses Berichtes geht auf den Antrag der Fraktionen CDU/CSU und SPD vom 28. Januar 2009 zurück, die seinerzeit die große Koalition bildeten. Der Antrag wurde am 19. März 2009 als Auftrag des Bundestages an die Bundesregierung beschlossen. Der konkrete Auftrag lautete:

Der Deutsche Bundestag fordert die Bundesregierung auf, in dieser Legislaturperiode die Voraussetzungen zu schaffen, dass künftig pro Legislaturperiode ein wissenschaftlicher Bericht einer jeweils neu einzusetzenden Sachverständigenkommission mit Stellungnahme der Bundesregierung vorgelegt wird, der auf Schwerpunkte konzentriert die Entwicklung des bürgerschaftlichen Engagements darstellt. Dabei soll der Stand der Engagementpolitik einschließlich der politischen, rechtlichen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen des bürgerschaftlichen Engagements in Deutschland berücksichtigt werden.

Die so geforderten Engagementberichte der kommenden Bundesregierungen werden demnach erst nach Erscheinen des dritten Berichts — wenn es keine Zwischenfälle gibt — in 12 Jahren tatsächlich Ergebnisse liefern können, sollen sie doch, dem Auftrag gemäß über die Ist-Stände hinaus die Entwicklungen im bürgerschaftlichen Engagement darstellen. Dennoch lohnt sich ein Blick auf den aktuellen Engagementbericht, der in seiner Vollversion mehr als 1.300 Seiten umfasst. Nach dem viel kritisierten Beschluss der Nationalen Engagementstrategie der Bundesregierung vom 10. Oktober 2010 kann der Bericht schließlich auch als erste Evaluation der dort angedachten Maßnahmen gelesen werden.

Zwei kritische Punkte der Nationalen Engagementstrategie

In der Nationalen Engagementstrategie spielt das ‚bürgerschaftliche Engagement‘ von Unternehmen (Corporate Citizenship) eine nicht unwesentliche Rolle. Unternehmen, so heißt es, „leisten mit ihrem Engagement, das auch mit strategischen Interessen verbunden wird, wertvolle Beiträge für das Gemeinwohl“ (Nationale Engagementstrategie 2010: 4). Deshalb wurde seinerzeit die Förderung der Zusammenarbeit zwischen Staat, Markt und Zivilgesellschaft — genauer gesagt Stiftungen — als ein zentrales Element der Strategie benannt. Nicht zu Unrecht kritisierte dies Berit Sandberg. Die Professorin für Public- und Nonprofit-Management der HTW Berlin schrieb im Juni 2011 in betrifft Bürgergesellschaft, die Bedeutung von Stiftungen in der Zivilgesellschaft (insb. in der Engagementförderung) sowie ihr demokratisches Innovationspotental würden in der Nationalen Engagementstrategie der Bundesregierung weitgehend überbewertet. Mit der „Quangoisierung des Stiftungswesens“, so Sandberg im Forschungsjournal Soziale Bewegung (3/2011), würde die Bundesregierung in ihrer Engagementpolitik nicht mehr dem Leitbild des aktivierenden Staates folgen, der keine Allzuständigkeit für die Lösung gesellschaftlicher Probleme beanspruchen kann und soll. Vielmehr fällt die amtierende Bundesregierung „in die Haltung eines intervenierenden aktiven Staates zurück, ohne dessen autoritativ-paternalistische Fürsorge das Engagement von Bürgerinnen und Bürgern nicht denkbar ist“ (ebd. 94).  

Tatsächlich werden im Abschnitt II des Kapitels zur „Förderung der Zusammenarbeit von Staat, Wirtschaft und Stiftungen für mehr Engagement und Innovation“ aber Unternehmen als potentielle Ermöglicher des freiwilligen Engagements ihrer Mitarbeitenden ausgemacht, auf die die Bundesregierung einwirken will. Es wird behauptet, dass es bereits eine ganze Reihe von Firmen gibt, die ihre Mitarbeitenden zwei, drei Tage im Jahr für ihr Engagement oder Ehrenamt freistellen, was „langfristig gesehen […] auch Investitionen in die soziale Infrastruktur“ darstellt (Nationale Engagementstrategie 2010: 62). Inwieweit diese Investitionen aber sinnvoll sein sollen — meint inwiefern dafür Anreize gegeben werden können — bleibt weitestgehend im Dunkeln und wird auch nicht weiter erörtert. Stattdessen setzt die Bundesregierung auf die Forderung an Unternehmen, mehr Arbeitszeitflexibilisierung und Zeitsouveränität der Mitarbeitenden zu schaffen, um deren freiwilliges Engagement zu ermöglichen. Doch auch diese Überlegung blieb nicht ohne Widerworte. So hieß es im ersten Kurzbericht der von der TU-Dortmund durchgeführten Beschäftigtenbefragung zu Erwerbsarbeit und Ehrenamt zwar:

Die [engagementförderlichen; Anm. H.J.] zeitlichen Dispositionsspielräume werden nicht durch Arbeitszeitflexibilisierung schlechthin aufgebaut, sondern durch eine mit Arbeitszeitkonten eindeutig beschreibbare spezifische Form der Arbeitszeitflexibilisierung, die in den letzten Jahren kontinuierlich ausgebaut und für die überwiegende Mehrheit der darin involvierten Beschäftigten gut geregelt wurde. Es ist diese spezielle Form von ‘regulierter Flexibilität’, die ehrenamtliches Engagement befördert und für den Zuwachs in den letzen 12 Jahren mitverantwortlich sein dürfte (Bräme et al. 2011: 13f.).

Eben diese „regulierte Flexibilität“ ist allerdings eher unter qualifizierten und hochqualifizierten Mitarbeitenden verbreitet, die sich ohnehin öfter freiwillig Engagieren als andere und zwar unabhängig von der Wochenarbeitszeit. Unternehmen also als Vehikel zur Mobilisierung freiwilligen Engagements ihrer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zu adressieren, hilft — wenn überhaupt — nur dort, wo freiwilliges Engagement ohnehin schon weit verbreitet ist.

Auch scheint der Appell an die Unternehmen selbst, sich ‚bürgerschaftlich‘ zu engagieren nicht wirklich zu fruchten. Das zumindest zeigt der erste Engagementbericht. In der Zusammenfassung, wie auch den entsprechenden Pressemitteilungen findet sich recht prominent platziert — bspw. im Vorwort zur Zusammenfassung — die Aussage, Unternehmen würden in Deutschland schätzungsweise 11 Mrd. Euro in ihr gesellschaftliches Engagement investieren. Das ist zunächst eine beeindruckende Zahl, schaut man sich aber an, aus welchen ‚Investitionen’ sich diese 11 Mrd. Euro zusammensetzen, braucht man schon einige Phantasie, um hier noch von ‚bürgerschaftlichem Engagement‘ der Unternehmen im Sinne von Corporate Volunteering sprechen zu können.

Mit 8,5 Mrd. Euro — weit über die Hälfte des Schätzwertes — dominieren finanzielle Zuwendungen das ‚bürgerschaftliche Engagement‘ der Unternehmen in Deutschland. Mit weitem Abstand folgenden dann Sach- und Produktspenden (1,5 Mrd. Euro) sowie die Überlassung betrieblicher Infrastruktur (900 Mio. Euro). Hierbei von ‚bürgerschaftlichem Engagement‘ zu sprechen ist etwa so sinnvoll wie Privatspenden und Freiwilligenarbeit in einen Topf zu werfen. Insofern spricht die Sachverständigenkommission hier auch von „Corporate Giving“ als Strategie des Unternehmensengagements (S. 769f.) das im Gegensatz zum „Corporate Volunteering“ (z.B. Freistellung von Mitarbeitenden — 22 Mio. Euro) mit marktwirtschaftlichen Ansprüchen vereinbar scheint.

Sinn und Motivation des Unternehmensengagements

Es scheint hier also, als müsste das Unternehmensengagement konzeptionell etwas breiter angelegt werden, damit sich die Frage nach dem Stand der Dinge überhaupt lohnt. Zur Erinnerung: Der (zugegeben etwas plumpen) Rechnung im Engagementatlas der AMB Generali zu folge beläuft sich das bürgerschaftliche Engagement von Privatpersonen in Deutschland auf ca. 35 Mrd. Euro (AMB Generali 2009: 14). Stellt man das Unternehmensengagement, das auch wirklich so zu bezeichnen wäre (22 Mio. Euro aus Freistellung von Mitarbeitenden),  daneben, schrumpft der privatwirtschaftliche Beitrag zur deutschen Engagementquote auf ein Lächerliches zusammen.

Doch wie dem auch sei, ein Aspekt des Unternehemensengagements ist für dessen Förderung bzw. die Zusammenarbeit zwischen Wirtschaftsunternehmen und zivilgesellschaftlichen Organisationen, Gruppen und Initiativen durchaus interessant: Warum sollte es für Unternehmen eigentlich sinnvoll sein, in ein Engagement zu investieren, wenn ihre Kernfunktion doch in der marktwirtschaftlich koordinierten Bedürfnisbefriedigung und (Eigen-)Nutzenmaximierung besteht? Die geforderte wirtschaftswissenschaftliche Sicht auf Bedeutung, Strategien und Wirkung bürgerschaftlichen Engagements (BMFSFJ 2012: 9f.) jedenfalls lässt unternehmerisches Engagement, wie es in der nationalen Engagementstrategie skizziert wurde, kaum möglich erscheinen. Da die für den ersten Engagementbericht durchgeführte Unternehmensbefragung allerdings ergab, dass sich knapp 64% der deutschen Unternehmen nach eigenen Angaben bürgerschaftlich engagieren (gewichteter Durchschnitt | S. 522) wurden im Rahmen des Engagementberichts auf der Grundlage gängiger Wirtschaftstheorie vier Idealtypen des Unternehemsengagements formuliert (Zusammenfassung: S. 493f.).

(1)    Stakeholderorientiertes Unternehmensengagement:

Für Wirtschaftsunternehmen ist bürgerschaftliches Engagement dann sinnvoll, wenn die Inhaber der Ressourcen (z.B. Kunden, Mitarbeitende, Geldgeber) dieses Engagement wünschen (S. 484). Ganz grob gesagt heißt das: Unternehmen engagieren sich dann, wenn sie sich daraus einen Imagegewinn erwarten. In den öffentlichen Debatten ist dieses Typus „Unternehemsengagement als Marketing-Aktion“ wohl am Häufigsten anzutreffen.

(2)    Wettbewerbssicherndes oder marktmachterhaltendes Engagement

Im Rahmen freien und gleichberechtigten — perfekten — Wettbewerbs ist Unternehemnsengagement weitgehend unwahrscheinlich, weil damit ethische Ziele über die Gewinnmaximierung gesetzt werden (S. 488). Kurz gesagt: Theoretisch können sich Wirtschaftsunternehmen eigentlich kein bürgerschaftliches Engagement leisten. Befindet sich Unternehmen auf Grund unzureichender Wettbewerbskontrolle nicht in gleichberechtigtem — imperfektem — Wettbewerb (die Kommission nennt hier als Beispiel den Energiesektor) oder erzeugen sie völlig neue Produkte und Dienstleistungen und stehen deshalb nicht unter Konkurrenzdruck, ist es ihnen allerdings möglich höhere Preise für ihre Leistungen zu erzielen und den Gewinnüberschuss in das Unternehmensengagement zur Imagebildung oder Selbstverwirklichung der Unternehmerinnen und Unternehmer zu investieren (S. 489). Der Trick besteht dabei darin, die Kosten für die Renovierung der Fassade auf diejenigen umzuschlagen, die sie anschauen.

(3)    Intrinsisch motiviertes Engagement

Auch wenn sich Wirtschaftsunternehmen eigentlich kein bürgerschaftliches Engagement leisten können, gibt es doch Unternehmerinnen und Unternehmen, die ihrer gesellschaftlichen Verantwortung gerecht werden wollen und Gewinne zu strukturbildenden Impulsen für die Gesellschaft einsetzen (S. 490).

(4)    Transaktionskostensenkendes Engagement

Ein vierter Typus unternehmerischen Engagements rekurriert im Kern auf die Begrenztheit natürlicher Ressourcen und der damit verbundenen Notwendigkeit von Effizienz- und Effektivitätssteigerung unternehmerischer Aktivitäten, resp. nachhaltiges Unternehemsmanagement (S. 492f.). So kann die Verwendung von Gewinnen für das unternehmerische Engagement dann sinnvoll sein, wenn es Vertrauen zwischen den Stakeholdern schafft und damit Transaktionskosten senkt.

Selbstverständlich treten diese Idealtypen nicht — oder nur sehr selten — in Reinform auf, was die Sachverständigenkommission dazu bewog, die Motivation von Unternehmen zu bürgerschaftlichem Engagement in zwei Cluster zu fassen: reagierendes und agierendes Unternehemensengagement.

(I)    Reagierendes Engagement: Hierunter wird zunächst das stakeholderorientierte Engagement subsumiert. Doch ist „[auch] die Sicherung von Wettbewerbsvorteilen, eventuell auch als Deckmantel zur Verschleierung einer aus gesellschaftlicher Sicht unerwünschten Marktsituation, ein denkbares Motiv für reagierendes bürgerschaftliches Engagement, mit dem das Unternehmen auf Druck von außen reagiert, um seinen Wettbewerbsvorteil nicht einzubüßen“ (S. 662).

(II)    Agierendes Engagement: Hierunter fällt vor allem die intrinsische Motivation, sich in die Gesellschaft einzubringen, doch auch das transaktionskostensenkende Engagement als Unternehmensstrategie zur Bildung von Sozialkapital fällt hierunter.

Fazit

Liest man den Engagementbericht als Evaluation der Nationalen Engagementstrategie, ist festzuhalten, dass der erste Blick auf das Corporate Citizenship in Deutschland kaum nennenswerte Effekte der in die Wege geleiteten Maßnahmen der Bundesregierung offenbart. Finanzielle Zuwendungen, die das deutsche Unternehmensengagement dominieren, sind für Unternehmen schlicht notwendig, um ihre moralische Reputation zu erhalten, damit Vertrauen zu ihren Stakeholdern zu schaffen und Transaktionskosten zu senken. Mit dem Appell der Bundesregierung an die Unternehmen, im Dreiklang Staat, Markt und Stiftungen doch bitte auch ihren Teil zu leisten, hat das jedenfalls nichts zu tun.

Noch viel schlechter fällt die Evaluation bzgl. des Corporate Volunteering aus, das von der Sachverständigenkommission als eine Strategie des Unternehmensengagements vorgestellt wurde. Mit der Freistellung von Mitarbeitenden werden gerade einmal 22. Mio. Euro in das Unternehmensengagement investiert. Neben den immensen (hier nicht zu beziffernden) Investitionen von Privatpersonen in die deutsche Zivilgesellschaft ist das nicht wirklich viel und wird in Zukunft wohl auch nicht viel mehr werden. Für größere Unternehmen dürfte die Freistellung von Mitarbeitenden schlicht weniger attraktiv sein, als gut zu steuernde und wesentlich besser zu vermarktende finanzielle Zuwendungen.

Alles in allem wächst und wuchert auch das Corporate Citizenship in Deutschland vor sich hin. Eine strategische Entwicklung, die Maßnahmen vorsieht, mit denen das Corporate Volunteering für Unternehmen attraktiver gestaltet werden könnte, ist nicht zu erkennen. Mich persönlich überrascht das nicht, denn bei der amtierenden Bundesregierung ist so gut wie keine Engagementpolitik  zu erkennen, die tatsächlich wirksam sein will.