Da rollt etwas Neues auf uns zu: Graswurzelcampaigning via Change.org. Waren es im deutschen Campaigning bislang wenige, die darüber entschieden, welche Kampagnen gestartet werden und welche Themen in den Fokus des Boulevard gerückt werden sollten, sollen es jetzt viele werden. Jeder und jede kann eine Kampagne starten — für eine fußgänger-, fahrrad-  oder autofahrerfreundliche Ampelschaltung, einen Zebrastreifen für Schulkinder oder dessen Abschaffung, für oder gegen die Ganztagsschule, rituelle Beschneidung, Homophobie …

Okay, zugegeben, das Themenspektrum dürfte nur so vielfältig sein wie die Schar der Aktiven, was die autofahrerfreundliche Ampelschaltung und die Abschaffung eines Zebrastreifens für Schulkinder eher unwahrscheinlich macht; ganz ausschließen kann man Einzelfälle aber nicht. Nun, wie dem auch sei, Graswurzelcampaigning finde ich prinzipiell gut, besser zumindest als Slacktivism-Kampagnen á la „Keine BILD in meinem Briefkasten“[1]. Einerseits wird damit individueller Empörung Raum gegeben, was eben auch (politisches) Engagement anregt. Andererseits geht damit — das hoffe ich zumindest inständig — endlich die Gutmenschen-Rhetorik von der Rettung der Welt zu Ende. Die muss nämlich immer vom bevorstehenden Weltuntergang ausgehen, gegen den es selbstverständlich anzugehen gilt, wobei „Dagegen“ das zentrale Prinzip ist.

Doch zurück zu Change.org, einer Plattform für „alle Menschen überall auf der Welt“, die unter Leitung von Paula Hannemann (vormals Online-Campaignerin beim WWF) nun auch in Deutschland etabliert werden soll. Auf meinen Streifzügen durch die internationalen Blogsphären bin ich bereits das ein oder andere Mal über Change.org gestolpert; zum Beispiel im Coyoteblog von Jayne Cravens. Vor dem Hintergrund ihrer langjährigen Erfahrungen mit dem ‚mission based‘ Interneteinsatz hatte sich Jayne im Januar vergangenen Jahres einmal mit der Frage befasst, ob Online-Campaigning eigentlich funktioniert — meint, ob ePetitionen & Co tatsächlich Impact entfalten können. Ihr zu folge können sie das in der Tat, wenn gewisse Kriterien erfüllt sind:

  • Webbasiert — Unterstützende zeichnen via Webseite, nicht über E-Mail. Wenn alles an einem Ort ist, sind die Infos zur Kampagne auch besser auffind- und verbreitbar.
  • Verifiziert — Unterstützer zeichnen mit einer gültigen E-Mail-Adresse und bestenfalls mit ihrem Klarnamen.
  • Penetrierend — jedes Mal, wenn ein Unterstützer oder eine Unterstützerin eine Petition zeichnet, wird eine E-Mail an das adressierte Unternehmen generiert, die sowohl die Nachricht als auch Namen und die E-Mail-Adresse des Unterstützenden enthält.
  • Informiert — die Unterzeichner!nnen bekommen Informationen und Argumentationshilfen für ihre Peer-to-Peer-Kommunikation über das Kampagnenthema.
  • Verschränkt — Unterstützende werden zu weiteren Aktivitäten / zu weiterem Engagement angeregt; die Kampagne bleibt nicht nur im Netz.
  • Präsent — das Kampagnenthema ist in den Medien (TV, Radio, Zeitung, Blogs etc.) präsent.

Selbstverständlich hängt die Verschränkung von On- und Offline-Aktivitäten vor allem von den Initiierenden der Kampagnen ab. Nur wenn andere über die Mitzeichnung hinaus effektiv in die Kampagne eingebunden werden sollen — was mitnichten selbstvertändlich ist –, kann dies auch geschehen. Nichtsdestotrotz halte ich Change.org als Plattform für webbasiertes Campaigning mit der Möglichkeit zielgenauer und verifizierter Penetration für gut geeignet, Graswurzelcampaigning in Deutschland salonfähig zu machen, zumal es sich hier um einen Big Player mit über 10 Millionen User!nnen weltweit und einem rasanten Wachstum handelt, dem auch die Aufmerksamkeit etablierter Medien hierzulande bald gewiss werden sollte.

Auch wenn die DE-Version von Change.org heute noch eher ‚denglish‘ daher kommt,[2] wurden bereits einige deutsche Campagnen gestartet; darunter eine „Für kindgerechte Ü-Eier“ (2.000 Unterschriften), eine für die Rettung des Berliner Mauerparks  (1.000 Unterschriften) und eine gegen die Zwangsbeschneidung von Jungen (2.500 Unterschriften). Es sind sowohl globale als auch lokale Themen, zu denen bereits Kampagnen in deutscher Sprache gestartet wurden, wobe die wirklich nennenswerten Erfolge m.E. eher bei ‚glokalen‘ Themen zu erwarten sind. Mit Kampagnen, die zwar im Kern für etwas eintreten, das viele Menschen betrifft, aber eben doch einen expliziten lokalen Bezug herstellen und entsprechende Geschichten erzählen, lässt sich politisches Engagement m.E. eher mobilisieren als mit abstrakten Themen, die sich nicht direkt im Lebensumfeld der Unterzeichnenden wiederfinden.

Und auch über das politische Engagement hinaus fände es sehr sinnvoll, würde dem freiwilligen Engagement, das häufig hinter der Kampagnenarbeit steht und ihr nicht selten auch nachfolgt, bei Change.org mehr Aufmerksamkeit geschenkt. Soweit ich es bis jetzt überblicken kann, werden die wichtigsten Kriterien wirkungsvoller Kampagnenarbeit bei Chage.org mit unterschiedlichen Methoden forciert. Regelmäßig wird auf das Medienecho zu den entsprechenden Kampagnen verlinkt, die verifizierte Penetration adressierter Unternehmen ist technisch zumindest angelegt und die Initiator!nnen werden auch dazu aufgefordert Argumente und Informationen zu ihrem Thema einzustellen. Zudem folgen der Unterzeichnung nebst Aufforderung den Direktlink zur Kampagne weiter zu verbreiten auch Updates, die das Thema über die Mitzeichnung hinaus präsent halten. Genau hier könnte allerdings auch Mitarbeit der Unterstützenden angeregt werden, die über den ‚klick-to-share‘ hinaus geht, und die Kampagne zum Produkt vieler und nicht nur weniger werden lässt.


[1] Ich für meinen Teil fand es ziemlich befremdlich als CAMPACT zu „Alle gegen BILD“ aufgerufen hat. Mit all dem Monitoring vom dem beim professionellen Campaigning so oft gesprochen wird, hätte man doch wissen müssen, dass mit dieser Kampagne vor allem die Leute adressiert und erreicht, die ohnehin in hohem Maße BILD-resistent sind. „Keine BILD in meinem Briefkasten“, dem stimmten wohl die allermeisten Unterzeichnenden zu; sowieso vor als auch nach dem 60 Geburtstag der BILD. Wozu denn dann noch mehr tun als bequem von der Couch aus den Axel Springer Spam zu vermeiden?!

[2] Es ist nicht für mich nicht verständlich, warum die allgemeinen Geschäftsbedingungen sowie die Datenschutzbestimmungen nur in englischer Sprache abrufbar sind. Zwar handelt es sich hier um ein US-amerikanisches Unternehmen mit entsprechenden AGBs und Datenschutzbestimmungen, die sicherlich nicht zu 100% mit dem deutschen Recht im Einklang stehen, doch fände ich eine deutsche Übersetzung — auch wenn sie nicht ganz rechtssicher ist — interessierten Nutzer!nnen gegenüber nur fair.