Vor kurzem erreichte mich die Nachricht, dass das Vodafone-Betterplace-Projekt „Mobiles & Ehrenamt“ nun regelmäßig über die Arbeit an der neuen App berichten will. „Ab jetzt könnt Ihr […] unter der Kategorie Zeitspenden regelmäßig erfahren, was wir machen.“ Gebloggt werden soll über die „ersten Schritte und Funktionen“ der App, sowie über beteiligte Freiwilligenagenturen und „Zeitspender“. Außerdem sollen auch „interessante Gastblogger“ zu Wort kommen: „Wir wollen gemeinsam mit euch an dem Thema Zeitspenden arbeiten“ steht da in dicken Lettern. Was eigentlich neu ist, wo genau die USP dieses Projekts zu suchen ist und wie Ehrenamt zur Spendenplattform Betterplace passt, erklärt zunächst Till Behnke in einem kurzen Interview.

Zwar bin ich persönlich momentan nicht für’s Gastbloggen bei Betterplace abkömmlich — ich komme ja kaum mit meinem eigenen Blog hinterher — doch bin ich natürlich gespannt, was da jetzt alle paar Wochen berichtet werden wird. Von der App selbst, deren erste BETA-Version bereits im September dieses Jahres veröffentlicht werden sollte, ist ja leider noch nichts zu sehen.

„Bowling alone“ beim LAB-together

Zu sehen gab es allerdings etwas anderes: Dr. Mark Speich, Leiter des Vodafone Instituts für Gesellschaft und Kommunikation, sprach auf dem ersten Betterplace LABtogether über das Kooperationsprojekt und die Fragen, wie und warum freiwilliges Engagement mobil wird bzw. werden muss. Selbst war ich zwar nicht zugegen, doch habe ich mir die Videodokumentation ganz genau angehört und will die angestellten Überlegungen hier kurz kommentieren.

An dieser Stelle herzlichen Dank an Jörg Eisfeld-Reschke für den Hinweis auf Twitter.

Speich beginnt seinen Vortrag mit dem Verweis auf einen der Wohl umstrittensten Aufsätze im weiten Feld der Engagementforschung: „Bowling alone“ von Robert D. Putnam. In der Tat beschreibt Putnam in diesem Aufsatz – wie viele andere dieser Zeit auch – global zu beobachtende Individualisierungstendenzen, die er – und das war das eigentlich Kritische in diesem Aufsatz – mit der Funktionsfähigkeit von Gesellschaft in einen kausalen Zusammenhang brachte. Je mehr Netzwerke einander vertrauter Akteure, so die einfache These, desto besser funktionieren demokratische Institutionen, Verwaltungen und Wirtschaftsunternehmen. Putnam, der seine ersten Untersuchungen zum sozialen Kapital in Italien durchführte, musste sich seiner Zeit einige Kritik gefallen lassen, weil seine Theorie gerade in Italien aller Empirie zu trotzen suchte. In Süd-Italien, wo Wirtschaft, Verwaltung und demokratische Institutionen (z.B. demokratisch einwandfreie Wahlen) nun gar nicht so recht funktionieren wollten, gab es mit der Mafia vergleichsweise viele einander vertraute Akteure und damit auch ein hohes Level an sozialem Kapital. Erst sechs Jahre nach „Bowling alone“ verlegte die Bertelsmann Stiftung — seiner Zeit immer mal wieder wegen neoliberaler Umtriebe in der Kritik — den Band „Gemeinschaft und Gemeinsinn“, in dem Putnam seine Theorie des Sozialkapials ausdifferenzierte und mit dem „bonding“ und „bridging social capital“ zu retten versuchte, was zu retten war. Doch auch das wollte nicht so recht gelingen, denn grundsätzlich zielt das Putnam’sche Sozialkapital auf die Utopie einer harmonischen Gesellschaftsordnung, in der es keine Querulanten gibt. Gerade die braucht aber Zivilgesellschaft, wenn sie sich nicht in der Rhetorik politischer Sonntagsreden verlieren will.

Wenngleich Speich nicht näher auf das politische Konzept des sozialen Kapitals einging, sondern vor allem das Bild des „Bowling alone“ nutzte, um Individualisierung zu beschreiben, finde ich diese Wahl doch bemerkenswert. Bemerkenswert vor allem deswegen, weil das von Putnam prognostizierte sinkende Vertrauen in öffentlich zugängliche Netzwerke (bridging social capital) und der damit einher gehende Niedergang des bürgerschaftlichen Engagements so gar nicht zur Solidaritätsfähigkeit und -willigkeit junger Menschen — dem Ausgangspunkt der gemeinsamen Überlegungen — passen will. Wenn Speich meint: „Wir haben auf der einen Seite die Bereitschaft, auf der anderen Seite anscheinend keinen Kanal mehr, diese Bereitschaft zur Hilfe, zur Solidarität auch aufzunehmen“ irrt er vor allem in der Annahme, dass auf der Handlungsebene sonderlich viel Bereitschaft zur gegenseitigen Unterstützunggezeigt würde. Darüber, wie es um die gegenseitige, informelle Unterstützung, die man ja auch Solidarität nennen kann, bestellt ist, liest man im  Freiwilligensurvey:

Von Anfang an hat sich der Freiwilligensurvey nicht nur für die öffentlichen Netzwerke in Deutschland interessiert, sondern auch für die informellen Unterstützungsleistungen, die Menschen sich gegenseitig gewähren. Das geschah unter zwei verschiedenen Aspekten: Zum einen sollte überprüft werden, inwiefern die Menschen den Eindruck hatten, im Zweifelsfall auf die Unterstützung durch andere zurückgreifen zu können. Zum anderen ging es darum, inwieweit solche Unterstützungsleistungen tatsächlich erbracht werden. Beide Indikatoren des sozialen Kapitals in Deutschland haben in den letzten 10 Jahren ein anderes Verlaufsmuster gezeigt. Die Gewissheit, sich auf die Unterstützung anderer Menschen verlassen zu können, ist in der letzten Dekade weitgehend stabil geblieben, aber die Angaben der Befragten, solche Leistungen auch zu erbringen, sind deutlich zurückgegangen  (Gensicke/Geiss 87).

Schade eigentlich! Die Katze füttern oder den neuen PC der Nachbarin einrichten, das war einmal; besonders in heterogenen Regionen, um hier mal einen weniger umstrittenen Aufsatz von Robert Putnam zu zitieren. Dass in Deutschland eine vergleichsweise engagementfreundliche Grundstimmung herrscht, ist also die eine Sache, wer sich wann und wie engagiert eine andere. Dr. Speich scheint mir hier in die Falle der sozialen Erwünschtheit getappt, die bei jungen Menschen besonders weit offen steht. Vor allem im Jugendalter herrscht einfach der größte Anpassungsdruck, weshalb die 14 bis 25-jährigen bei hoher zivilgesellschaftlicher Beteiligung (z.B. Mitgliedschaft in Vereinen) zu beinahe 50% angeben, mindestens „eventuell“ (meint auch nicht auf der Handlungsebene) zum freiwilligen Engagement bereit zu sein.

Davon, wie diese — spitz formuliert — „Lippenbekenntnisse“ in freiwilliges Engagement überführt werden könnten, hatte ich bereits das eine oder andere Mal geschrieben. Zentral war dabei stets der Return on Engagement und damit die Rolle von Freiwilligenorganisationen, die so etwas möglich machen können. Gerade die scheinen mir bei dieser Kegelpartie aber eher Zaungäste zu sein. Man will gern „eine Form des Engagements vermitteln und finden […], die eben nicht durch die Riten und Rituale der Vereinsmeierei geprägt ist“ – ein anderes Engagement, ein neues Ehrenamt, neben den bestehenden Strukturen. So soll ja auch die Betterplace App ein Tool werden, das nutzerfreundlich neben allem anderen steht und so die Arbeit etablierter Akteure (Vereine, Verbände usw.) besser machen soll, so Behnke im Interview. Bereits in meinem letzten Beitrag zum Thema hatte ich gefragt, wie das eigentlich gehen soll, erhielt bis heute aber keine befriedigende Antwort. Klar, es geht bei Weitem nicht nur um die Entwicklung einer App für die Ehrenamtsvermittlung. Es geht um eine bessere Marktpositionierung von Betterplace, wie das aber die Arbeit von Freiwilligenorganisationen besser machen soll, ist mir weiterhin völlig schleierhaft.

Und sonst?!

In den restlichen 14 Minuten des Vortrages steckt für mich nicht allzu viel, was sich nicht auch schon aus der ersten Pressemitteilung vom Mai dieses Jahres ergeben hätte: Vodafone ist toll und Betterplace auch, der „shared value“ rückt die Kooperation etwas weg vom reinen Greenwashing und dass das Geotagging eine zentrale Funktion der App werden soll zeigt, dass die Sony +U-App hier durchaus Modell stehen könnte. Interessant finde ich allerdings, dass Vodafone und Betterplace den Pfad der Übertragung angelsächsischer Modelle verlassen und etwas Neues – etwas einzigartiges  – probieren wollen, nämlich die Verbindung von freiwilligem Engagement und Spenden.

Wir glauben, dass wir hier wirklich etwas schaffen, was es so noch nicht gibt; die Kombination von Zeit- und Geldspenden mit der gleichzeitigen Möglichkeit auch eigene Projekte zu initiieren und das in einer einzigen App verknüpft, das ist aus unserer Sicht einzigartig. Wir haben es auch bislang im Ausland nicht gesehen.

In der Tat ist mir kein Projekt bekannt, dass Geldspenden und freiwilliges Engagement auf einer Plattform vereint. Das mag daran liegen, dass sich die ganze Welt einig ist, dass das nicht funktioniert, aber die Welt kann ja auch Unrecht und die Betterplace-Rebellen Recht haben, wer weiß das schon. Es wird sich zeigen müssen, ob das Projekt „Mobiles Ehrenamt“ Schwung in die deutsche Freiwilligenarbeit bringt und ab 2015 auch international ausgerollt werden kann. Ich bin da skeptisch, weil ich nicht sehe, dass und wie die Freiwilligenorganisationen, die schlussendlich den Content einstellen sollen, hier mitgenommen werden, aber auch das hatte ich ja schon gesagt.