Aufmerksam lauschte ich gestern Abend Julia Simonson vom Deutschen Zentrum für Altersfragen. Sie sprach im Unterausschuss bürgerschaftliches Engagement über Zielsetzung, Konzeption und Zeitplanung für den neuen Freiwilligensurvey, der 2014 zum vierten Mal durchgeführt wird. Der Freiwilligensurvey ist eine der bedeutensten — wenn nicht gar die bedeutenste — Erhebung zum freiwilligen Engagement in Deutschland. Für Engagementforschung und Engagementpolitik, für Theorie und Praxis sind die Daten und Befunde dieses Surveys von großer Bedeutung. Und das nicht nur, weil sie schlagkräftige Argumente liefern, mit denen schon der eine oder andere (schief gewachsene) Zahn zu ziehen war, sondern auch, weil damit der Blick auf relevante Themen gelenkt wird — Themen, die im freiwilligen Engagement nicht länger übergangen werden können.

In den letzten Wellen des Freiwilligensurveys wurde das Internet — das Megathema der letzten zehn Jahre und im freiwilligen Engagement nachweislich bedeutsam seit 2008/09 sträflich vernachlässigt. Man hat es nicht recht vorausgesehen, schreibt Sibylle Picot im Forschungsjournal Soziale Bewegung (4/2012: 88). „Vielleicht haben einige darauf gewartet, dass etwas passiert mit dieser angeblich oder tatsächlich so angepassten Generation“, meint die Jugendforscherin und ergänzt, dass man wohl befürchtete, das Thema Internet zu früh aufzugreifen und das knappe Gut öffentlicher Aufmerksamkeit ohne Not zu verschwenden. Diese Befürchtung ist 2013 aus der Welt! Vielleicht konnte man bei der Planung der dritten Welle des Freiwilligensurveys (2007/08) noch zu der Ansicht gelangen, dieser Web 2.0 Hype geht vorbei. Heute disqualifiziert man sich mit derartigen Aussagen als weltfremd. Das Internet und ganz besonders die Sozialen Medien sind kein Ad-Ons des täglichen Lebens mehr, sie sind Plug-Ins. Sie werden nicht mehr nach Bedarf an oder ab geschaltet, sie sind always on — sie durchziehen nicht nur die Lebenswirklichkeit vieler Millionen Menschen, sie sind auch natürlicher Begleiter im Engagement.

Nun haben Simonsons Ausführungen vor dem Unterausschuss nicht so detailliertes Material geliefert, um hier mehr als Orakelei zu betreiben. Nichtsdestotrotz seien ein paar Grundlagen für ebendiese zusammengestellt, die darauf hoffen lassen, dass das ortsunabhängige Engagement im und über das Internet (Online-Volunteering) mit in den neuen Freiwilligensurvey aufgenommen wird.

  • Die Rahmenbedingungen: In 10 bis 15 Minuten Redezeit müssen sich die geladenen Expert!nnen in Gremien wie dem Unterausschuss bürgerschaftliches Engagement stets auf die (wichtigen) Oberthemen und Schwerpunkte konzentrieren. Umso erfreulicher ist es, dass Simonson dem Fokus auf neue Engagementformen in ihrem Vortrag einigen Raum gab. Das, gepaart mit dem Eindruck, viel mehr als die Oberthemen stünden noch gar nicht fest, deutet nämlich auch darauf hin, dass dieser Schwerpunkt von Beginn an mit in die Planung der vierten Welle des Freiwilligensurveys einbezogen wurde.
  • Die anderen Themen: Studien wie der Freiwilligensurvey sind immer retrospektiv. Das betrifft nicht nur die Aussagen die gemacht, sondern auch die Themen die aufgenommen werden. Neben den neuen Engagementformen nannte Simonson als Schwerpunktthemen u.a. auch Lernprozesse im Engagement (ein gar nicht so altes Thema), die Monetarisierung und ihre Auswirkungen auf das Engagement (insbesondere seit den Gesetzen zur Stärkung des Ehrenamts 2007 & 2013 relevant), biographische Aspekte des Engagements (der Begriff Engagementbiographie ist in der Literatur noch nicht mal näher definiert) und dessen Auswirkungen auf Lebensglück und — man höre und staune — Gesundheit.
  • Das Erhebungsdesign: Die Erhebungsmethodik des Freiwilligensurveys war immer wieder der natürliche Angriffspunkt für Kritik. Im ersten Freiwilligensurvey war die Anzahl der Befragten zu klein, im zweiten auch. Menschen mit Migrationshintergrund, Menschen mit Behinderungen und Menschen ohne Festnetztelefon waren systematisch unterrepräsentiert. Die Interviews umfassten 2009 zwar 20 Minuten, waren aber nicht lang genug, um dem individuellen Engagement der Befragten gerecht zu werden. All das soll sich im neuen Freiwilligensurvey ändern: Mindestens sollen 25.000 Befragte in die Stichprobe eingehen (Aufstockung durch die Länder und privatwirtschaftliche Geldgeber exklusive), 7.500 davon werden auf dem Mobiltelefon angerufen, die Interviews sollen 30 Minuten umfassen und bei Bedarf in einer von fünf verschiedenen Fremdsprachen geführt werden können.

Was können wir also erwarten vom neuen Freiwilligensurvey? Mit einiger Sicherheit hat das ausgebaute Erhebungsdesign Auswirkungen auf die Engagementquote. „Je detaillierter die Nachfragen zur Freiwilligenarbeit, desto eher geben Menschen an, engagiert zu sein“ zitiert Johannes Emmerich in seiner Doktorarbeit Steinberg et al. (2002: 449). Menschen mit Migrationshintergrund sowie Menschen mit Behinderungen und auch Menschen ohne Festnetzanschluss sind durchaus aktiv in der Zivilgesellschaft. Ich bin mir nicht sicher, ob ihr Engagement die Quote insgesamt beeinflusst, doch angesichts des Fokus auf neue Engagementformen, halte es zumindest für nicht unwahrscheinlich.

Auch werden wir mehr erfahren über die (Wechsel-) Wirkung der — so oft geforderten — Engagementinfrastruktur wie Freiwilligenzentren und -agenturen, Mehrgenerationenhäuser und Stadtteilbüros, deren Wirkungsgrad — das nehme ich an — mit dem lokalen Umfeld (z.B. Größe und Lage der Kommune, sowie die Zusammensetzung ihrer Einwohner) korrespondiert. Schon lange ist bekannt, dass das freiwillige Engagement in den Speckgürteln der Ballungszentren verbreiteter ist als anderswo. Gemeindezentren dürften hier, wo viele Häuslebauer und Bildungsbürger zusammen wohnen, besser funktionieren als in den Problemkiezen deutscher Großstädte (zum Engagement in Problemvierteln ein Blick wert: Klatt/Walter 2011).

Und schließlich werden wir auch mehr über die Rolle des Internets im freiwilligen Engagement erfahren. Sicherlich wird wieder gefragt werden, welche Bedeutung die Engagierten dem Internet beimessen. Das hatten wir auch schon im letzten Freiwilligensurvey — mit bekanntem Ergebnis. Zu erwarten ist, dass diesmal etwas detaillierter auf den Einsatz der Mittel und Möglichkeiten des Internets eingegangen und handfestere Befunde formuliert werden. Welche Rolle bspw. spielen die Webseiten der Freiwilligenorganisationen, Projekte und Initiativen? Wirken sie überhaupt bei der Gewinnung von Freiwilligen oder sind sie vielleicht ‘nur’ Anlaufstellen für bereits Engagierte? Selbiges gilt für die derzeitige Praxis der dialoglosen Spiegelung von Website-Inhalten in Social-Networking-Diensten. Hier ist auch die Frage interessant, ob die Sozialen Medien als Motor weiterer Individualisierung des Engagements wirken und so die Nachfrage nach (biographisch, thematisch, situativ) passenden Engagementangeboten perpetuieren …

Mich persönlich interessiert natürlich brennend, ob das Online-Engagement in Deutschland eigentlich schon eine nennenswerte Größe ist oder weiterhin Zukunftsmusik bleibt. Ich hatte meiner Hoffnung, dass das Online-Volunteering in der vierten Welle des Freiwilligensurveys untersucht wird, ja schon hier und da Ausdruck verliehen. Ich halte es für ein wichtiges Thema und glaube, dass sich schon viele Freiwillige ausschließlich oder teilweise über das Internet engagieren, ohne es Online-Volunteering zu nennen. Der Irrtum ist aber nie ausgeschlossen! Weite Teile des Dritten Sektors haben sich lange Zeit als äußerst resistent gegenüber ePartizipation gezeigt und taten sich bislang auch schwer damit, das Internet für den Aufbau von Unterstützer-Communitys und den Polylog auf Augenhöhe zu nutzen. Allerdings habe ich in den letzen Jahren immer mehr Online-Engagementprojekte gefunden, die nicht nur von der Avantgarde der Zivilgesellschaft organisiert werden, sondern an etablierte NPOs wie die Caritas angedockt sind.

Was bleibt ist der Zweifel während die Eule der Minerva, die “erst mit der einbrechenden Dämmerung ihren Flug” beginnt (Hegel), fliegt. Und sie fliegt noch eine ganze Weile! Die Zeitplanung sieht vor, den Freiwilligensurvey erst Ende 2015 an das BMFSFJ zu übergeben…

tl;dr: Neue Engagementformen werden ein Fokus im neuen Freiwilligensurvey. Und auch sonst deutet viel darauf hin, dass wir mehr erfahren zum Online- und Micro-Volunteering in Deutschland.