Windräder und Starkstromtrassen, Parks und Wohnquartiere, Bildung, Atomkraft, das politische System und das Internet — alles Sujets von Protestbewegungen, deren Anhänger sich Land auf Land ab für das eine oder gegen das andere engagieren. Franz Walter und seine Kolleg!nnen vom Göttinger Institut für Demokratieforschung haben untersucht, was diese Menschen eigentlich antreibt, wie sie ticken und warum sie tun, was sie tun — finanziert von British Petrol (BP).

BP-Gesellschaftsstudie

British Petrol? Ja, genau! Der Ölkonzern, dessen offshore Borinsel “Deepwater Horizon” im April 2010 havarierte und im Golf von Mexiko eine ziemliche Sauerei hinterließ, hat offenbar Interesse an Grundlagenforschung zum Bürgerprotest. Naheliegend, findet LobbyControl und fordert — was auch sonst — vollkommene Transparenz:

  • “Was war der genaue Auftrag für die Studie?” Ist die Forschungsförderung für BP etwa mehr als greenwashing? Geht es vielleicht darum, Strategien zu entwickeln mit denen Bürgerproteste wirksam eingedeicht und so die eigenen Interessen besser durchsetzt werden können?
  • “Wie war BP an der Studie beteiligt?” Hat es vielleicht Einflussnahme auf die Methodik, auf die Fragestellung oder die Auswahl der Interviewpartner!nnen gegeben? Hat BP — beraten von dubiosen Consulting-Unternehmen wie kmw outrage management — etwa versucht Bürgerproteste aus dem gleißenden Licht öffentlicher Verzückung zu rücken, um ihnen so den steten Zulauf abzugraben?
  • “Welche Ergebnisse erhielt BP aus dem Forschungsprojekt?” Wissen die jetzt etwa mehr als wir — also ich meine jetzt die paar Leute, die das Buch gelesen haben? Hat BP etwa Zugriff auf die Interviewtranskripte oder gar die persönlichen Daten der Interviewten? Stehen vielleicht bald die Schergen des Öl-Multis vor der Tür engagierter Aktivisten? Und wenn ja, wurden die über die Rolle von BP informiert?

Kurzum: Nur mit der Offenlegung aller Vereinbarungen — bis hin zur letzten mündlichen Absprache zwischen Klotür und Pissoir — können die von Ulrich Müller in den Blog von LobbyControl geschriebenen Vorwürfe ausgeräumt werden. Über die als Fragen formulierten Anschuldigungen erst einmal nachzudenken kommt ja gar nicht in die Tüte!!!

Kein Wunder, dass sich die Reaktion des Göttinger Autor!nnen-Teams etwas gereizt liest. Von “reflexhaften Misstrauen” der “selbsterklärten Anti-Lobbyisten” ist da die Rede. Man möchte lieber die Befunde der Studie diskutieren und über die  Verfasstheit unserer Demokratie nachdenken als sich mit haltlosen Anschuldigungen ‘raunender Kritiker’ zu befassen, die natürlich vollkommen danebenliegen.

Ich persönlich finde allein die Diskussion zwischen einem Akteur der neuen Bürgergesellschaft und einem wissenschaftlichen Institut, das sich seit Jahren mit Protestbewegungen befasst, äußerst bemerkenswert. Doch was steckt nun dahinter? Ist den Studienergebnissen zu trauen oder sind sie doch zu sehr mit dem Einfluss ihres Finanziers konterminiert? Ich glaube das nicht!

Was Herr Müller bei seinen Anschuldigungen zunächst übersieht, ist, dass das Wissenschaftssystem, in dem das Göttinger Institut für Demokratieforschung operiert, anders codiert ist als das Politik- und Wirtschaftssystem. Wissenschaftlern — die viel Mühe und nicht selten auch Geld auf Publikationen verwenden, auf die sie ihren Namen schreiben können — geht es nicht um Geld oder Macht. Es geht ihnen um Reputation, um Ansehen und Standing in der Fachwelt. Mit großem Tam-Tam eine Studie zu veröffentlichen, die wissenschaftlichen Anforderungen nicht genügt oder ethischen Grundsätzen zu Wider läuft, würde bedeuten, diese Reputation auf’s Spiel zu setzen.

Nicht berührt davon bleibt allerdings die Verwendbarkeit der Forschungsergebnisse. Es ist ja durchaus richtig, dass qualitative Studien — Untersuchungen, die schonungslos in Wunden bohren, Widersprüche aufzeigen und Unzulänglichkeiten dokumentieren — den Forschungsgegenstand entzaubern. Es kann durchaus sein, dass BP genau daran ein Interesse hatte. Wenn das so ist, bin ich für meinen Teil mit British Petrol dacore. Wir können keine mystischen Erzählungen über die rosarote Welt der vielen kleinen wütenden Davids gebrauchen, wenn sich aus Protestbewegungen antidemokratische Tendenzen ergeben. Das ist das eine.

Das andere ist die Frage im Untertitel des Buches: “Was motiviert Protestbewegungen?” Vielleicht ist BP tatsächlich daran interessiert auf der Grundlage wissenschaftlicher Untersuchungen, Strategien zu entwickeln, die Motivation der Wutbürger auf irgendeine Weise zu unterminieren, entsprechende Strukturen zu zerschlagen oder Gegenbewegungen gezielt aufzubauen. Gleichwohl das natürlich unglaublich gemein wäre, ist es aus der Sicht eines Öl-Konzerns durchaus nachvollziehbar. Berührt das aber die Verwendbarkeit der Forschungsergebnisse? Nein! Ich glaube gerade weil BP die Studie finanziert hat, sollte man sie gelesen haben — das sorgt zumindest ansatzweise für gleiche Verhältnisse.

Aufbau und Inhalt

Was steht nun drin in der knapp 350-seitigen Publikation zur Studie? Nach einem kurzen Vorwort von Michael Schmidt (Vorstandsvorsitzender der BP Europa SE) folgt eine Einführung zu “Bürger in Bewegung” von Franz Walter, der sich hier auf das Forschungsinteresse an dem ‘schon etwas gesetzteren, nicht so aufregenden Typus’ der deutschen Wutbürger konzentriert (S. 9ff.). Es folgt eine Umfangreiche Einführung in das ausgebuffte Forschungsdesign von Stephan Klecha, Stine Marg und Felix Butzlaff (S. 14ff.), bevor dann aus acht unterschiedlichen Feldern bürgerschaftlicher Protestbewegungen von unterschiedlichen Autor!nnen-Teams berichtet wird. Den Abschluss bildet eine Kunklusion mit Ausblick von Franz Walter (S.301ff).

Methodik

Auch wenn nicht sonderlich beliebt, der Methodenteil gehört zu jeder anständigen Studie. Bei einfachen Umfragen reichen oft ein paar Stichpunkte. Bei größer angelegten Studien ist schon mehr nötig, um darzustellen, wie man zu den Ergebnissen gelangte. Hier geht es ja nicht nur um das Rechnen, sondern auch um die zu Grunde liegenden Modelle und das damit einhergehende Erhebungsdesign. Bei qualitativen Studien, wie der vorliegenden, ist der Methodenteil noch mal eine ganz andere Hausnummer.

Es geht hier nicht nur darum, zu beschreiben, wie das Material erhoben und ausgewertet wurde, es gilt auch zu klären, welcher Zugang zum Feld warum gewählt wurde. Liegen quantitativen Studien nämlich schon sehr genaue Vorstellungen über das Feld zu Grunde, haben qualitativ Forschende davon bestenfalls eine vage Ahnung. Vorurteile oder diffuse Annahmen über den Forschungsgegenstand können die Materialsammlung verzerren. Dementsprechend umsichtig müssen die Forschenden mit ihren Vorannahmen umgehen und die Methoden darstellen, mit denen sie zu ihren Interpretationen gelangten.

In der qualitativen Sozialforschung gibt es dafür sogenannte kodifizierte Verfahren. Das sind Methodensätze wie z.B.  die Grounded Theory oder die qualitative Inhaltsanalyse, über die in der wissenschaftlichen Literatur weitgehende Einigkeit ob ihrer intersubjektiven Nachvollziehbarkeit — nicht Objektivität, Reliabilität oder Validität — besteht. Die unterschiedlichen Methodensätze können durchaus miteinander kombiniert und an den jeweiligen Bedarf angepasst werden, im Kern müssen sie allerdings erhalten bleiben.

In der vorliegenden Studie wurden viele Methoden miteinander kombiniert, um bei den Einzel- und Gruppeninterviews (S. 21ff. & 25ff.) sowie der teilnehmenden Beobachtung  (S. 34ff.) zu nachvollziehbaren Ergebnissen zu gelangen. Insgesamt allerdings wurde die Untersuchungen im Stile der Grounded Theory angelegt, für die ein Hin-und-Herpendeln zwischen Materialauswertung und -erhebung kennzeichnend ist (vgl. S. 38).

Alles in allem wird die Forschungsmethodik detailliert und nachvollziehbar dargestellt. Wer sich für seine eigene Arbeit mal anschauen möchte, wie ein Methodenteil aussehen kann, wird hier fündig. Als etwas zu pragmatisch empfand ich das Vorgehen bei der Auswahl der Interviewpartner!nnen. Hier hangelten sich die Forschungs-Teams durch Bekanntschaften und persönliche Netzwerke, ließen sich also die nächsten Interviewpartner!nnen empfehlen anstatt sie selbst zu suchen. Das ist ressourcenschonend, hat aber den Nachteil, dass man wegen der Homogenität der Interviewten eher Material findet, das die gebildeten Hypothesen bestätigt und seltener auf Widersprüche stößt.

Galerie des bürgerschaftlichen Protests

In den acht anschließenden Kapiteln werden unterschiedliche Felder bürgerschaftlichen Protests beschrieben. Je nach Interessenlage und Vorkenntnis sind die Kapitel mehr oder weniger spannend. Wer sich z.B. schon längere Zeit mit dem Internetprotest beschäftigt, wird den entsprechenden Darstellungen (S. 267ff.) nicht sonderlich viel Neues entnehmen können. Die Kapitel können allerdings helfen, die Vorgänge im ‘eigenen’ Feld zu reflektieren. Darstellungen wiederum von unbekannten Protestfelder — für mich war das bspw. satirischer Protest (S. 250ff.) —  können interessante Einblicke geben.

Die acht zentralen Kapitel des Buches sind dementsprechend allesamt lesenswert. Die Darstellungen bauen nicht aufeinander auf, sodass man ruhigen Gewissens durch die vom Autor!nnen-Team kuratierte Galerie des bürgerschaftlichen Protests in Deutschland schlendern kann. Nicht in diese Galerie aufgenommen — weil “in der Protestgeschichte schon beinahe etabliert” (S. 18) — wurden Anti-Neonazi-Proteste und die Aktivitäten der Friedens- und Umweltbewegung. Besonders das Fehlen der Antifa-Bewegung finde ich ausgesprochen schade.

Conclusio

Am Ende des Buches zieht Franz Walter “zusammen, worüber uns die Einzelstudien zu den Akteuren des Protests informiert haben” (S. 301f.). Etwas seltsam ist, dass Walter die Befunde behandelt als entstammten sie quantitativen Untersuchungen und als könne man Aussagen über ganz Deutschland machen. Das ist nicht der Fall, wie Ansgar Klein im Forschungsjournal Soziale Bewegung (2/2013: 186f) feststellt. Nichtsdestotrotz sind die allgemeinen Befunde — jene, die in der Engagementforschung schon länger diskutiert werden — wie auch die protestspezifische Erkenntnisse interessant.

Zu den allgemeinen Befunden gehört zweifelsohne, dass Protest und Engagement Zeit bzw. Zeitsouveränität braucht (vgl. auch Brämer et al 2011). Wer glaubt, die “Dagegen-Gesellschaft” bestünde ausschließlich aus jungen Wilden und Yupies, ist schief gewickelt.

In der Trägergruppe des Protests [findet man] auffällig viele Hausmänner, Teilzeitangestellte, Freiberufler, Schüler, Lehrer und — ganz besonders Vorruheständler, Rentner und Pensionäre. Sie alle haben entweder reichlich freie Zeit oder doch das Privileg, über ihren Zeithaushalt vergleichsweise individuell und autonom disponieren zu können (Walter 2013: 302).

Bemerkenswert ist allerdings, dass sich im Internet- und beim satirischen Protest vor allem junge Menschen tummeln. Hierfür findet sich aber eine schlüssige Erklärung: Die als alternative Protestformen der neuen Bürgergesellschaft beschriebenen Felder sind zu Hauf von Menschen bevölkert, die negative Erfahrungen mit herkömmlichen Formen politischer Beteiligung gesammelt haben. So schreiben Geiges, van Dijk und Neef über die von ihnen befragten Mitglieder von DIE PARTEI:

Anders als die Apfelfront-Aktivisten sind sie in der Vergangenheit vielfach Mitglied von Parteien gewesen — aktiv in CDU, CSU, FDP. SPD und/oder Grüne sowie bei DKP und den Freien Wählern. Heute berichten sie, sich enttäuscht, auch gelangweilt aus ihren früheren Parteien zurückgezogen zu haben (Geiges/van Dijk/Neef 2013: 259).

Ähnliches ist im Kapitel von Hensel, Klecha und Schmitz zum Internetprotest zu lesen (S. 275f.). Auch hier ist der Befund, dass die gefühlte Ohnmacht und/oder die schlechten Aussichten auf Wirkungsmacht alternative Protestformen attraktiver machen, nachvollziehbar. Was die jüngeren Protestler — ob nun aus dem Feld des Internetprotests oder der Satire (Front deutscher Äpfel) — betrifft, die noch gar keine eigenen Erfahrungen mit herkömmlicher politische Partizipation sammeln konnten, lässt sich schlicht vermuten, dass sie die Geschichten der älteren glauben und — Mythen gleich — weitererzählen.

Ein interessanter protestspezifischer Befund ist, dass die “neue Macht der Bürger” vor allem vom Milieu der Kinderlosen auszugehen scheint.

Wenn eine Konstellation die Bereitschaft und Fähigkeit für zielstrebige, kontinuierliche Proteste ausschließt, dann ist das diese: Kinder im Vorschulalter, die Eltern unmittelbar nach der Ausbildung ohne bereits fest kalkulierbare Berufsperspektiven (Walter 2013: 303).

Aus der Engagementforschung ist der umgekehrte Befund bekannt: Die eigenen Kinder bieten zahlreiche Anlässe für freiwilliges Engagement in familiennahen Bereichen, weshalb im Freiwilligensurvey — und nicht nur dort — auch vom “Familiengipfel” zu lesen ist (Gensicke/Geiss 2010: 162).

Franz Walter stellt weiterhin die in vielen Protestfeldern offenkundige Neigung zur Expertokratie heraus, die aus der demokratietheoretischen Warte mithin groteske Züge annimmt. So schreiben Marg, Hermann, Hambauer und Belle Becké über Akteure im Feld des Protests im Zuge der Energiewende:

>>In ihren Augen existiert kein Widerspruch zwischen Demokratie als Entscheidungsprozess durch die Mehrheit und der für sie zwingenden Notwendigkeit, dass sie sich als faktische Minderheit mit ihrem Anliegen durchsetzen. Diese Selbstwahrnehmung können sie nur deswegen aufrechterhalten, weil sie keine Differenz zwischen ihren eigenen Werten und denen der Allgemeinheit, der Gesellschaft sehen. Aus ihrer Perspektive verfügen sie über die ‘guten’ und ‘richtigen’ Argumente, die es ihnen erlauben, einen moralischen Standpunkt einzunehmen (Marg/Hermann/Hambauer/Belle Becké 2013: 122).

Für Ansgar Klein (ebd.) ist das keineswegs neu. Im Zuge der europäischen Finanzkrise ließen sich in den letzten Jahren vermehrt Regierungsbildungen mit technokratischer Orientierung inkl. als ‘alternativlos’ dargestellter Strategien des exekutiven Durchregierens beobachten. Dass also im subjektiv als krisenhaft empfundenen Protestengagement ähnliche Entwicklungen beobachten lassen, ist keineswegs überraschend. Bemerkenswert dagegen ist die Bildung interdisziplinärer Netzwerke aus Bürgerinnen und Bürgern, Wissenschaftler!nnen und zivilgesellschaftlichen Akteuren.

Und auch in dem Befund, die sich wandelnden Protestformen würden die repräsentative Demokratie unterminieren, teilt Klein nicht. Sie tun dies nicht mehr als die Mitgliedschaft und das freiwillige Engagement im deutschen Vereinswesen. Klar ist, dass Formen und Wege gefunden werden müssen, bislang unterrepräsentierte Bevölkerungsgruppen in diese Zivilgesellschaft einzubinden, weil sie einen ständigen Vermittlungskanal zwischen der Bürgerschaft und den Eliten unserer Gesellschaft darstellt. Bei Vermittlung kommen ganz unterschiedliche Strategien und Taktiken zum Einsatz; “direktdemokratische Anbauten” wie Volksentscheide sind da nur eine Möglichkeit von vielen. Insgesamt — das zeigen die einzelnen Darstellungen — scheint das pragmatische Arrangement mit den repräsentativ-demokratischen Strukturen über die unterschiedlichen Protestfelder weit verbreitet.

Und zum Schluss?

Ich kann das Buch “Die neue Macht der Bürger”, dass für knapp 17,- EURO im Buchhandel zu haben ist, aus zwei Gründen empfehlen:

  1. Es handelt sich um eine Sammlung sauberer wissenschaftlicher Studien, die aufschlussreiche Einblicke in die Welt der anderen und/oder eine hilfreiche (Von-Außen-) Sicht auf die eigene Lebenswelt bietet. Wer sich also mit dem (eigenen) Protest beschäftigen möchte und wissen will was Protestbewegungen motiviert ist bei Franz Walter und seinen Kolleg!nnen genau richtig.
  2. British Petrol hat die Studie finanziert und dabei sicher auch an sich selber gedacht. Ganz im Sinne Crouchs These von der Postdemokratie, die ja von Lobbyisten gesteuert wird, die wissen, wie das System funktioniert, geben Walter und Co. hier Hinweise darauf, wo ‘die Gegner’ der neuen Bürgergesellschaft Angriffsfläche finden könnten.

tl;dr: Die neue Macht der Bürger — eine interessante Galerie des deutschen Bürgerprotests mit kritikfähiger Conclusio. Powered by BP.