Nette kleine Spielereien gibt es immer wieder — ganz besonders im weiten Feld der Software-Entwicklung. Manchmal kommen dabei dabei ziemlich coole Ideen raus. So etwa ThirdEye und Be My Eyes — iPhone-Apps, die eine Art barrierefreier Zugang zur Power der Crowd für Menschen mit Sehbehinderung möglich machen sollen.

ThirdEye — ein guter Ansatz

Nachdem StarHub und die Singapore Association of Visually Handicapped im Sommer 2013 ihre App “ThirdEye” rausgebracht haben, dachte ich mir “ziemlich cool”. Die App bot Micro-Volunteers die Möglichkeit blinden und sehbehinderten Menschen bei der Identifikation alltäglicher Stillleben behilflich zu sein. Sie setzte auf die sehr barrierearme Nutzbarkeit von iPhones auf, hatte aber auch so ihren Verbesserungsbedarf. Auf Google+ kommentierte ich die App seiner Zeit wie folgt:

Crowdsourced Augumented Reality für blinde Menschen

Möchten blinde Menschen wissen, wie es um sie herum aussieht? Wie wäre z.B. die aktuelle Umgebung zu beschreiben, wie das Obst in der Auslage? Ich weiß nicht, ob sie wirklich nützlich ist, ziemlich cool ist sie alle mal, die #OneThirdEye App von +StarHub und der Singapore Association of Visually Handicapped.

Für blinde Menschen, die auf ein drittes Auge angewiesen sind, läuft die App weitgehend barrierefrei. Die VoiceOver Funktion meines iPhones jedenfalls half mir, mit geschlossenen Augen zu navigieren. Ich bin nicht im Raum herumgelaufen, deshalb konnte ich blind ein Foto machen und hochladen, auf dem auch etwas zu sehen ist. Ich kann mir aber vorstellen, dass bilden Menschen auf der Straße so etwas schwer fallen dürfte.

Für Micro-Volunteers greift die App — warum auch immer — auf das Facebook-Profil zu. Die Fotos, die in einer Art Stream angezeigt werden, sind erwartungsgemäß mehr oder weniger aussagekräftig. Mal sind es Vorhänge, mal Knie, mal ein Autositz von hinten. Nichtsdestotrotz gibt es zu beinahe jedem Foto ein paar Kommentare. Auch unter meinem Foto wurden binnen drei Minuten vier treffende Beschreibungen gepostet: “I see a really messy table with earphones, books and papers” schreibt z.B. Stephen Lee.

Will man als Micro-Voluneer ein Foto beschreiben, reicht ein Klick auf das Bild und einer in die Eingabezeile (Kurze Wege!). Weitere Informationen und Hinweise, wie z.B. ein Bild für blinde Menschen am besten zu beschreiben ist, sucht man allerdings vergebens.

Alles zusammen: Mega coole App, die hoffentlich das Experimentierstadium, in dem sie sich momentan befindet überlebt. Mein Eindruck war, dass es momentan wenige, dafür aber sehr fleißige, Kommentator!nnen gibt, die alle möglichen Schnappschüsse beschreiben; egal ob nun mit dem Gefühl, sich an einem Testlauf zu beteiligen oder ohne.

Etwas kritisch sehe ich, dass (a) keine Rückmeldung zwischen den Hilfeempfäger!nnen und den Kommentierenden möglich ist, (b) das System einen recht unbesorgten Umgang mit der Privatsphäre fremder Menschen induziert und (c) keine Tipps für nütze und unnütze Bildbeschreibungen gegeben werden. Was genau könnte ich als blinder Mensch denn mit der Information anfangen, dass der Duden auf meinem Schreibtisch gelb ist?

Be My Eyes — die Weiterentwicklung (?)

Vor kurzem nun brachte die dänischen Software-Schmiede ROBOCAT die Be My Eyes App raus. Die Idee zur App wurde schon im April 2012 auf dem dänischen Startup Weekend das erste Mal präsentiert, doch kommt sie mir wie die Weiterentwicklung von ThirdEye vor: Auch Be My Eyes setzt auf die barrierenarme VioceOver-Funktion des iPhones — eine Android-App ist (noch) nicht verfügbar — und soll Menschen mit Sehbehinderung alltägliche Assistenz via Micro-Volunteering vermitteln. Im Vergleich mit der ThirdEye App gibt es aber einige Unterschiede:

Video statt Foto

Be My Eyes setzt nicht auf Foto sondern Video. Das ist eine entscheidende Weiterentwicklung, war doch die Kritik an ThirdEye, dass es blinden oder sehbehinderten Menschen im Alltag recht schwer fallen dürfte, ein Foto zu machen, auf dem man auch etwas erkennt. Jene blinden Kollegen zumindest, die ich seiner Zeit zu ThirdEye befragte, meinten, dass sie noch nie ernsthaft versucht hätten, ein brauchbares Foto zu machen. Doch warum sollten sie dann gleich mit Video anfangen?

Interaktion statt Kommentare

Be My Eyes setzt nicht auf die Kommentierung sondern den Dialog via Video-Telefonie. Auch das eine entscheidende Weiterentwicklung. Der Dialog muss sich nämlich nicht auf den ‘Job to do’ (die Beschreibung des Video-Inhalts) beschränken — “ein bisschen mehr nach links”, “ein bisschen näher ran”, “ist das dein erster Video-Call”? Ganz abgesehen davon, dass die Interaktion den Micro-Volunteers einen Einblick in die Lebenswelt blinder Menschen gibt, hilft sie blinden Menschen auch brauchbare Inhalte zu erstellen und entsprechende Informationen darüber zu bekommen.

Evaluation statt ewiges Rauschen

Be My Eyes evaluiert die Assistenz der Micro-Volunteers. Einer meiner Kritikpunkte an der ThirdEye App war die fehlende Rückmeldung von Hilfeempfänger!nnen zu den Micro-Volunteers. Die ist mit der Interaktion via Video-Telefonie nun eigentlich gegeben,         nichtsdestotrotz ist noch eine kurze Evaluierung sinnvoll. Zum einen beugt es den Missbrauch der App vor (Micro-Volunteers können bei zu negativen Bewertungen gesperrt werden), zum anderen ließen sich so auch technische Mängel aufdecken, die beim Online- und Micro-Volunteering immer wieder Fallstricke darstellen.

Alles zusammen macht die Be My Eyes App eine gute Figur. Die Interaktion via Video-Telefonie ‘bereichert’ Kommunikation (Rich Media!) und macht ein kleines Bisschen Mehr möglich als nur die Hilfe für Menschen die nicht richtig gucken können (Stichwort: Vorurteile ggü. Menschen mit Behinderung). Was bleibt ist die durchaus gegebene Möglichkeit, das Menschen über diese App den ihnen völlig fremden Micro-Volunteers tiefere Einblicke in ihr Privatleben erlauben als sie womöglich wollen. Doch das ist auch ein Risiko der stofflichen Assistenz ‘on-site’.

Zum Schluss — Micro-Volunteering-Assistenz in Deutschland?!

Auch wenn man zuweilen anderes liest; dem letzten Freiwilligensurvey (2009) zufolge sind Menschen mit Behinderung eine sehr kleine Zielgruppe im freiwilligen Engagement (ebd.: 231f.). Befragt nach den Adressaten geben die meisten Engagierten keinen speziellen Personenkreis an. Am zweithäufigsten wird die Zielgruppe (wahrscheinlich nicht-behinderter) Kinder- und Jugendlicher genannt, gefolgt von älteren Menschen, Familien und Frauen. Insgesamt acht Prozent der Engagierten gibt an, sich für die Sammelkategorie “anderer Personenkreis” zu engagieren, zu denen neben Menschen mit Behinderungen auch Migrant!nnen, Ausländer!nnen, Flüchtlinge, Arbeitsuchende und Existensgründer!nnen gehören.

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Die Landschaft des deutschen Freiwilligenengagements kommt — auch vermittelt durch den Freiwilligensurvey — sehr geordnet daher (Stichwort: Schrebergärten-Mentalität). Man bleibt gern unter sich. Das gilt für gesellschaftliche Milieus (Prekäre, bürgerliche Mitte, Eliten etc.) gleichermaßen wie für die unterschiedlichen (Förder-) Kategorien (z.B. Menschen mit Behinderung). Mit Blick auf die Aktion Mensch Umfrage von 2013 kann man wohl sagen, dass sich am häufigsten Menschen mit Behinderung für Menschen mit Behinderung engagieren.

Nichtsdestotrotz sind Apps wie Be My Eyes sehr sinnvoll. Sie bauen Brücken und bieten die Möglichkeit, sich abseits ausgetretener Pfade zu engagieren, wobei das natürlich wieder eine Frage des Geschmacks (von Micro-Volunteers und Hilfeempfäner!nnen) und somit Milieu-Zugehörigkeit ist. Die Userschaft der Be My Eyes App wird sich m.E. also zunächst auf vor allem auf die Expeditiven und die Performer begrenzen, wobei dies Milieus sind, von denen viel abgeguckt wird (Stichwort: Kultureller Wandel) und mit deshalb — zumindest in Deutschland — ein langer Atem angebracht scheint.

tl;dr: Mit “Be My Eyes” ist eine sinnvolle Weiterentwicklung der “ThirdEye” App gelungen, die neues, unkonventionelles Engagement in Deutschland und der Welt möglich macht.