… hatte ich das Vergnügen mit Tim Moritz Hector vom Wikimedia Deutschland e.V. und Kathleen Ziemann vom betterplace LAB über “Partizipatorische Perspektiven” des Online-Volunteerings zu plaudern — Ninia LaGrande  moderierte. Über was wir uns so unterhalten haben, kann man in diesem Mitschnitt bestaunen.

Wenngleich wir fast eine halbe Stunde über Online-Volunteering und Ehrenamt im “realen Leben” — zum Beispiel das bei der freiwilligen Feuerwehr (*hust*) — unterhalten haben, kam eine Frage gar nicht zur Sprache, die sich mir während der Veranstaltung ergab: Ortrud Wendt von der Niedersächsischen Landesmedienanstalt (NLM) wies in ihrem Grußwort darauf hin, dass laut JIM-Studie Jugendliche im Durchschnitt 1,5 Ehrenämter ausüben. Kathleen Ziemann berichtete in ihrem Input dann dagegen, dass jugendliches Engagement in Deutschland leicht rückläufig sei und außerdem eine verstärkte Tendenz zu sporadischem und aktionsbezogenem Engagement beobachtet werden könne. Kathleen bezog sich dabei natürlich auf die Betterplace Analyse “Das hat richtig Spaß gemacht”, der ich kaum wiedersprechen kann, weil ich sie 2011 selber geschrieben habe. Das mit den 1,5 Ehrenämtern hat mich trotzdem ein bisschen irritiert. Grund genug mal genauer hinzuschauen.

FWS vs. JIM – die Intensität des Engagements und die Quoten

Zunächst: Was hat die Studie „Jugend – Information – Medien“ eigentlich zum Engagement von jungen Menschen zu sagen?
Befragt werden seit 1998 jährlich gut 1.000 12- bis 19-jährige zu ihren Freizeitaktivitäten, Themeninteressen und Informationsquellen sowie zu TV-, Computer- und Handynutzung. Die JIM-Studie ist also vor allem für die Medienpädagogik gut, die mit Ehrenamt zunächst nicht all zu viel am Hut hat. 2014 wurden die Teens nun das erste Mal auch nach ihrem ehrenamtlichen Engagement gefragt. Das sicherlich vor dem Hintergrund der Diskussion um zurückgehendes Engagement Jugendlicher und den vermeintlich bösen Medien, die unseren Kindern die Zeit für die wichtigen Dinge im Leben rauben. Müßig eigentlich, wurde diese These des endweder Medien oder Ehrenamt doch schon gründlich wiederlegt (Begemann et al. 2011).
Da ich an den Fragebogen der JIM-Studie bisher nicht rangekommen bin, kann ich leider nur mutmaßen, wie das ehrenamtliche Engagement der Teens erhoben wurde: Nach der Anlage der Studie lässt sich vermuten, dass die Frage nach ehrenamtlichem Engagement bei denen  Freizeitaktivitäten untergebracht wurde. Gefragt wurde dabei wohl nach einer ‚regelmäßig ausgeübten freiwilligen Tätigkeit in einem Verein, einer Gruppe oder Institution‘ (vgl. JIM 2014: 10). Und wenn ich mir die ‚erzielte‘ Quote von ca. 50% Engagierten so anschaue, liegt für mich die Vermutung nahe, dass die Frageführung stark ins Erwünschte zielte (ähnlich der General Alterstudie).
Wie dem auch sei! Beim Vergleich unterschiedlicher Studien sind die Quoten ohnehin Schall und Rauch. Und auch mit den durchschnittlich 1,5 Ehrenämter pro Nase muss man sich nicht weiter beschäftigen. Das heißt nämlich nicht, dass jeder zweite Teenager durchschnittlich in zwei Organisationen, Gruppen oder Institutionen tätig ist, sondern ‚nur‘ dass oft mehr als eine Tätigkeit ausgeübt wird.
Was die JIM Studie also sagt, ist dass sich viele Teens in der einen oder anderen Weise 2014 freiwillig engagiert haben. Was sagt der Freiwilligensurvey?
Leider lässt der neue Survey noch mindestens bis Herbst 2015 auf sich warten. Entsprechend muss man den von 2009 zurate ziehen. Das ist nicht weiter schlimm, denn so doll werden sich die Daten 2014 nicht von 2009 unterscheiden…
Allein für sich genommen sagt der Freiwilligensurvey 2009 nichts anderes als die JIM-Studie: Viele Jugendliche gehen einem freiwilligen Engagement nach; in Zahlen 36% der 14- bis 19-jährigen. Interessant ist der Befund im Vergleich mit Befunden der vorherigen Erhebungswellen: Hier zeigt sich nämlich ein steter Rückgang des Engagements der Teens um 2%. Das ist nicht dramatisch, läuft aber gegen den allgemeinen Trend steigender Quoten (vgl. FWS 2009: 148ff.).
Zusammengefasst heißt das also folgendes:

  • Aus dem Befund der JIM-Studie 2014 irgendeinen Trend ableiten zu wollen, wäre gelinde gesagt hanebüchen. Anders ist das beim Freiwilligensurvey, für den wurde 2009 das dritte mal nach Ehrenamt gefragt.
  • Durch (sehr wahrscheinlich) unterschiedliche Frageführung und -kontextualisierung sind die beiden Quoten nicht vergleichbar. Was da steht ist schlicht: Viele Teenager engagieren sich freiwillig.

JIM vs. FWS: Sporadisches und aktionsbezogenes Engagement

Zum sporadischen Engagement in Initiativen- und Projektarbeit liefert der Freiwilligensurvey keine wirklich eindeutigen Ergebnisse. Es scheint so zu sein, dass das freiwillige Engagement, das hier erhoben wird ein längerfristiges ist, dass größtenteils mit „regelmäßigen terminlichen Verpflichtungen“ einhergeht. Gerade jeder fünfte Engagierte — hauptsächlich aus den Bereichen Schule und Kita — gab 2009 an, dass die „zeitaufwendigste Tätigkeit in absehbarer Zeit beendet“ sein wird (vgl. FWS 2009: 2010). Dass diese Quote seit 1999 kontinuierlich sinkt, deutet nicht unbedingt darauf hin, dass sich sonderlich viele Freiwillige nur Projektbezogen engagieren, was sich auch in ihrem Selbstverständnis widerspiegelt (vgl. dazu FWS 2009: 112).
Also doch kein sporadisches und aktionsbezogenes Engagement unter jungen Menschen? Doch, nur eben nicht im Freiwilligensurvey. Abgesehen davon, das man wohl vermuten kann, dass das Engagement, das im Freiwilligensurvey abgefragt wird, etwas enger gefasst wird als das in der JIM-Studie (s.o.), ist Absehbarkeit ein dehnbarer Begriff. Vermuten lässt sich, dass absehbare Zeiträume für ältere Menschen länger sind, als für jüngere. ‚Auf Dauer gestellt‘ geht bei Schüler!nnen vielleicht ab ‚länger als ein Schuljahr‘ los während es für Studierende vielleicht nur ‚länger als ein Semester‘ bedeuten kann. Wie gesagt: Eindeutig sind die Befunde hier nicht.
Und auch die JIM-Studie macht dazu keine Aussagen. Berichtet wird nur, dass sich viele Jugendliche engagieren. Das hier erhobene Engagement ist durch die Anlage der Studie (s.o) aber breiter gefasst. Man könnte also die Vermutung anstellen, dass sich nicht wenige Teenager auf eine Weise engagieren, die der Freiwilligensurvey nicht erfasst. Hier einfach eine Quote von 14% zu nennen (50% in der JIM minus 36% im FWS) wäre zu einfach. Einerseits sind die Altersgruppen nicht deckungsgleich, andererseits ist die Vermutung einer Frageführung hin zu sozialer Erwünschtheit nicht aus der Welt.
Zusammengefasst heißt das also folgendes:

  • In der ‚offiziellen‘ Engagementstatistik ist sporadisches und/oder aktionsbezogenes Engagement kein Thema. Entsprechend sind die Befunde nicht eindeutig.
  • Engagementformen, die nicht in die Engagement-Quote des Freiwilligensurveys eingehen — zum Beispiel sporadisches und/oder aktionsbezogenes Engagement —, könnten (Achtung Vermutung!) sich in Studien mit einem breiteren Engagementverständnis wie der JIM-Studie widerfinden.

Fazit:

Dass sich Teenager verstärkt sporadischem und/oder aktionsbezogenem Engagement zuwenden bleibt statistisch eine Vermutung, die sich vor allem aus der Öffentlichkeitsarbeit scheinbar ‚erfolgreicher‘ Nonprofits speist. Ob deren Verlautbarungen immer stimmen, sei dahin gestellt. Allerdings liegt die Vermutung nahe, dass sporadische und aktionsbezogene Engagementformate bei jungen Menschen besser ankommen, weil sie eben (situativ) passen.
Wie ich diese Entwicklung einschätze? Ich warne davor, die scheinbar objektiven Beobachtungen zu erst zu nehmen. Finden junge Menschen einen Zugang zu einem Engagement, engagieren sie sich auch so lange es eben geht. Auf die Vermutung hin, nur noch sporadische und/oder aktionsbezogene Engagementprojekte anzubieten, ohne echte Zugänge in die Organisation — zu längerfristiger Mitarbeit — zu schaffen, führt geradewegs in eine selbsterfüllende Prophezeiung: Weil nur noch sporadisches und/oder aktionsbezogenes Engagement angeboten wird, engagieren sich junge Menschen auch nur noch so und wir beschweren uns dann darüber, dass sich Jugendliche nicht mehr langfristig binden können oder wollen.

tl;dr: Sporadisches und/oder aktionsbezogenes Engagement könnte schon ein Format für junge Menschen sein, muss es aber nicht.