Als ich neulich morgens las, was POTUS Trump gen Nord-Korea twitterte, kam ich nicht umhin, zumindest kurz an die atomare Apokalypse zu denken: Wer hätte gedacht, dass ich die live erleben würde …

Donald Trump ist so eine Figur unserer Zeit, finde ich. Er scheint mir das zu verkörpern, was vielen in den Sinn kommt, wenn es um Politik geht: Kampf und Krise, rechts gegen links, unten gegen oben, wir gegen die anderen … Doch regt sich Unbehagen! Glaubt man den Analysen Hartmut Rosas, sehnt sich der moderne Mensch nach Resonanz – nach einer gelingenden Anverwandlung von Welt, nicht nach wandelnden Krisenerscheinungen.

Bewegung & Gegenbewegung

Matthias Horx, Leiter des Frankfurter Zukunftsinsituts, konstatiert im Vorwort zu dessen diesjährigen Report, dass sich die „wahren Zukunftstrends“ als Gegenbewegungen gegen die Krisen der Zeit entwickeln. Mit Blick auf die allgegenwärtige Digitalisierung  drückte er das in einem Interview Ende letzten Jahres so aus:

Je mehr digitalisiert und vernetzt wird, desto mehr sehnen sich die Menschen nach Dingen zum Anfassen, nach Realität und schönem Design.

Zukunftstrends wider den Krisen unserer Zeit? Klingt gut! Doch vollzieht sich kultureller Wandel tatsächlich im Wechselspiel von Bewegung und Gegenbewegung? Meines Erachtens ist kultureller Wandel in modernen Gesellschaften vor allem durch das Streben nach Prestige (Norbert Elias), die  Akkumulation von Kapital (Pierre Bourdieu), den Kampf um Anerkennung (Axel Honneth) oder auch die Vergrößerung der Weltreichweite (Hartmut Rosa) gekennzeichnet. Dieses kämpfende Streben könnte man durchaus als (Grund-) Bewegung innerhalb der Gesellschaft ansehen, dessen Gegenstück dann die ebenso kämpferische Abgrenzung, Zurückweisung und Isolation ist.

Die von Horx ausgemachte Sehnsucht „nach Dingen zum Anfassen, nach Realität und schönem Design“ fügt sich gut in dieses Bild. Sie scheint im krassen Gegensatz zu dem unbehaglichen Mainstream zu stehen. Doch lässt sich daraus ein Zukunftstrend ableiten?

Vorhersagen & Orakelei

Bekanntlich sind Vorhersagen schwierig, vor allem wenn sie die Zukunft betreffen. Das skizzierte kämpferische Streben des Kulturwandels kann helfen, Entwicklungen nachzuvollziehen. Für konkrete Vorhersagen taugt es aber wenig. So könnte zum Beispiel diagnostizieren, warum dem Kulschel-Mainstream der Weltpolitik mit seinem großartigen Geschichtenerzähler Barack Obama die Trollerei nachfolgte. Sie versprach ein neues Gefühl zur Politik: Weniger einlullen lassen, mehr auf die Kacke hauen.

Doch war das eben nur eine von vielen möglichen Gegenbewegungen. Eine Bewegung hin zu mehr Fakten und Transparenz wäre ja auch möglich gewesen! Gleiches gilt für die Gegenbewegung zum heutigen Mainstream des um sich greifenden Unbehagens: Dass nach der Zeit twitternder Krisenerscheinungen die „Rache des Analogen“ (s.u.) folgt, ist auch nicht die einzige Möglichkeit.

Was sich im Allgemeinen also sicher voraussagen lässt, ist das sich über kurz oder lang etwas ändert. Das ist freilich ziemlich banal sicher aber auch einer der wesentlichen Gründe, warum es schon immer eine große Nachfrage nach Vorhersagen der Zukunft gab. Von den Orakeln von Delphi bis zu den Trendreports unserer Zeit ging es immer um zumindest ein gewisses Maß an Sicherheit in einer unbestimmten Zukunft. Die Lenkung der menschlich-selektiven Wahrnehmung dürfte dabei wohl die größten Leistungen der Orakel sein.

Resonanz & Entfremdung

Worauf Matthias Horx nun die Aufmerksamkeit lenkt, ist die Resonanz: „das große Prinzip unserer Tage.“ Die Resonanz, so hofft er, kann uns helfen, die Echo-Kammern des Internets zu überwinden und unser Unbehagen endlich loszuwerden. Die entsprechende Gegenbewegung markiert er mit Begriffen wie „Tugend“, „Moral“ und „Richtung“, „Utopie“ und „Design“, „Körper“, „Geist“ und „Seele“.

Allesamt passen sie ganz prächtig zum Konzept der Resonanz – einer Beziehung sich antwortender gegenüber, in der beide Seiten mit eigener Stimme sprechen und so in der Lage sind, sich gegenseitig anzuverwandeln.

Was ist Resonanz? Resonanz ist durch Af<–fizierung und E–>motion, intrinsisches Interesse und Selbstwirksamkeitserwartungen gebildete Form der Weltbeziehung in der sich Subjekt und Welt gegenseitig berühren und zugleich transformieren.

Resonanz ist kein Echo-, sondern eine Antwortbeziehung; sie setzt voraus, dass beide Seiten, mit eigener Stimme sprechen, und dies ist nur dort möglich, wo starke Wertungen berührt werden. Resonanz impliziert ein Moment konstitutiver Unverfügbarkeit.

Resonanzbeziehungen setzten voraus, dass Subjekt und Welt hinreichend ‚geschlossen‘ bzw. konsistent sind, um mit eigener Stimme zu sprechen und offen genug, um sich affizieren oder erreichen zu lassen.

Resonanz ist kein emotionaler Zustand, sondern ein Beziehungsmodus. Dieser ist gegenüber dem emotionalen Inhalt neutral. Daher können wir traurige Geschichten lieben.

Resonanz beschreibt Hartmut Rosa als mehr denn widerspruchslose Symbiose oder bloßes Echo. Resonanz ist ein Beziehungsmodus von Subjekt und Welt, der dem der Entfremdung — von einer indifferenten oder gar feindlich (repulsiven) Welt — gegenüber steht.

Was ist Entfremdung? Entfremdung bezeichnet eine spezifische Form der Weltbeziehung, in der Subjekt und Welt einander indifferent oder feindlich (repulsiv) und mithin innerlich unverbunden gegenüberstehen. Daher kann Entfremdung auch als Beziehung der Beziehungslosigkeit (Rahel Jaeggi) bestimmt werden.

Entfremdung definiert damit einen Zustand, in dem die ‚Weltanverwandlung‘ misslingt, so dass die Welt stets kalt, starr, abweisend und nichtresponsiv erscheint. Resonanz bildet daher ‚das Andere‘ der Entfremdung – ihren Gegenbegriff.

Depression/Burnout heißt der Zustand, in dem alle Resonanzachsen stumm und taub geworden sind. Man ‚hat‘ beispielsweise Familie, Arbeit, Verein, Religion etc., aber sie ‚sagen‘ einem nichts: Es findet keine Berührung mehr statt, das Subjekt wird nicht mehr affiziert und erfährt keine Selbstwirksamkeit. Welt und Subjekt erscheinen deshalb gleichsam als bleich, tot und leer.

Doch wird 2018 nun das Jahr der Resonanz? Wird es ein „Comeback der Tugenden“ geben? Werden richtungsweisende Utopien formuliert und verfolgt? Und wird dem Dreiklang aus Körper, Geist und Seele mehr Beachtung geschenkt werden? Kurz: Wird 2018 alles gut?