Vor etwa einem Jahr habe ich hier im Blog zum ersten Mal über meine Arbeit im neu geschaffenen ‚Cluster‘ Soziale Innovation & Digitalisierung geschrieben. Ich habe immer noch keine Ahnung, was ein ‚Cluster‘ sein soll. Ich finde aber gut das es das gibt. Es ist ein sinnvolleres Wort als „Büro“. Bei einem „Büro für Soziale Innovation & Digitalisierung“ müsste ich automatisch an Zuständigkeit denken. Das hat in meinem alten Job – im „Büro für Internationale Freiwilligendienste“ – auch Sinn gemacht, die Zuständigkeit für soziale Innovationen und Digitalisierung aber lässt sich nicht zwischen vier Wänden einsperren. Es sind ja alle gefragt, die gesellschaftliche Transformation, die wir Digitalisierung nennen, mit Kreativität und Innovationsgeist, mit neuen Methoden und Denkweisen zu gestalten.

Was wir in unserem Cluster dazu beitragen können, ist Anregungen und Beispiele dafür zu poolen, sodass sich jedermann (und -frau) bedienen kann, um das eigene Themenfeld – ob das nun Kita oder Pflege, Jugendarbeit oder Behindertenhilfe ist – sinnvoll zu gestalten. Allein mit einem solchen Pool ist es freilich nicht getan! In der Praxis machen wir uns natürlich ‚zuständig‘ – vor allem dafür, den Wert alternativer Methoden oder Perspektiven, neuer Ansätze, Kooperationen und Netzwerkarbeit hervorzuheben und so auch zu pushen.

Ich sehe uns im Cluster Soziale Innovation & Digitalisierung schon als diejenigen, die ihre Anregungen und Beispiele, ihre Prototypen und Fuck-up-Cases in die Welt der Kitas oder Pflege, der Jugendarbeit oder Behindertenhilfe tragen. Das ist nicht immer (eigentlich nie) einfach! Zum Beispiel, weil wir auf gar keinen Fall sowas wie „Fuck-up-Case“ sagen dürfen …

Ansätze für Soziale Innovation

Über mein Verständnis von sozialer Innovation und ihrer gesellschaftlichen Verbreitung hatte ich hier im Blog geschrieben und mit Brigitte Reiser diskutiert. Mein Fazit: Soziale Innovation bezeichnet – wie auch die Digitalisierung – einen gesellschaftlichen Wandlungsprozess, der auf allen Ebenen – vor allem aber vor Ort – gestaltet werden kann. Ein paar Werkzeuge für diese Gestaltungsaufgabe haben wir im vergangenen Jahr gesammelt, erprobt und entwickelt:

  • Um die Performance von Ideengebern und Projekt-Verantwortlichen bei ihren Präsentation zu verändern, um anzufangen Bulletpoint-Wüsten und Power-Point-Karaoke den Garaus zu machen, für größere Bilder und weniger Text auf den Vortragsfolien adaptieren wir Pecha Kucha als Vortragsmethode.
  • Um dem immer hohen Bedarf nach kollegialem Austausch gerecht zu werden, um der nur passiven Aufnahme von Input etwas entgegen zu setzen und Freak Events zum New Normal werden zu lassen, entwickeln wir das BarCamp zum MachCamp und verbreiten es als alternatives Tagungsformat im Verband.
  • Um unsere Arbeitsmittel – vom Teamblog über die Webseite bis zur Präsentation – bestmöglich zu entwickeln, um nicht erst im öffentlichen Betrieb die wesentlichen Anpassungen vornehmen zu müssen und nicht zuletzt um fatale System-Crashs zu vermeiden arbeiten wir mit Prototypen und der (mehr oder weniger) ausdrücklichen Bitte, sie kaputt zu machen.

Erwartungsgemäß kamen Methoden wie das BarCamp im vergangenen Jahr etwas besser an als Pecha Kucha oder Prototyping. BarCamps sind, wenn man so will, serienreif und stoßen in der Wohlfahrtspflege mittlerweile auf große Ressonanz. Die Adaption dieses Tagungsformates für das DRK ist demnach sehr vielversprechend, die Verbreitung im Verband deshalb aber nicht weniger herausfordernd. Ein BarCamp ist ein Do-it-yourself-Format, für das es keine reine Lehre gibt. Wenn wir also die Wirkung von Bar- oder MachCamps über die Verbandsstrukturen skalieren wollen, reicht es nicht, einmal jährlich eine neue Auflage des Cross Media Day zu feiern. Die neuen Auflagen müssen wir mit immer neuen Leuten, Organisatoren und Moderatoren feiern!

Für das Prototyping und Pecha Kucha müssen wir noch ein bisschen werben. Hier experimentieren wir mit Story-Telling und neuen Workshop-Formaten sowie Schreib- und Bildwerkstätten. Aktuell arbeiten wir hierfür an greifbaren Beispielen, wie einer neuen Webseite, und fordern in Fortbildungsveranstaltungen zu Pecha Kucha anstelle der immer gleichen Präsentationen heraus.  

Wege in der Digitalisierung

Zur Digitalisierung hatte ich vor einem Jahr geschrieben, dass die Wohlfahrtspflege hier noch ganz am Anfang steht. Ich hatte ernsthaft überlegt, ob ich das so schreiben kann, bin aber der Ansicht, dass alles andere gelogen wäre. Aktuelle Themen der digitalen Gesellschaft wie „Big Data“, “Blockchain” „künstliche Intelligenz“ und „Robotik“ liegen für die klassische Wohlfahrt noch in weiter Ferne. Verbessert hat sich nach meinem Eindruck allerdings das Verständnis von Social Media und den Möglichkeiten, mit der postenden und twitternden Crowd umzugehen (Stichwort: Social Media Policy). Das ist natürlich ein guter Zugang zur Digitalisierung, die ja in erster Linie wohlbedachter Organisationsentwicklung bedarf, zeigt aber eben auch, dass hier noch ein weiter Weg zu gehen ist.  

Es ist nicht einfach, Neugierde auf die Digitalisierung als vor allem technisch getriebene Transformation der Gesellschaft  zu wecken. Entweder, so mein Eindruck, weil die konkreten Veränderungen weit ab der Lebensrealität vieler Praktiker geschieht oder, weil ganz intuitiv unüberwindbare Blockaden gegen die bloße Möglichkeit eigener Veränderung in Stellung gebracht werden.

Ein möglicher Weg für uns wäre es freilich, Krisen heraufzubeschwören. Wer aber schon mal versucht hat, mit Führungskräften aus der Pflege über mögliche Disruptionen (z.B. durch das BUURTZORG-Konzept) zu diskutieren, wird wissen, dass der Verlass auf die Behäbigkeit des Systems beinahe grenzenlos ist. Viel sinnvoller scheint es mir deshalb, den Weg über die Mythen, Geschichten und Narrative zur Digitalisierung in der Wohlfahrtspflege zu gehen. Zum einen schaffen wir damit den Nährboden für Ressonanz in der Verbandskommunikation, zum anderen können wir so die konkreten Fragestellungen für die Organisationsentwicklung identifizieren.

Weiter geht’s

Das vergangene Jahr stand für mich ganz im Zeichen des Aufbruchs. Gemeinsam haben wir tolle Veranstaltungen, wie das Forum Soziale Innovation, Insight DRK und den Cross Media Day organisiert. Ich habe dabei viele Menschen getroffen, die sich sehr für die Innovationsförderung und Digitalisierung im DRK und in der Wohlfahrtspflege interessieren und aktiv mitmischen wollen. Ich habe aber auch Menschen kennen gelernt, die das alles doof finden und dafür auch interessante Argumente haben.

In unserem Cluster und mit unseren Kolleg!nnen aus dem Generalsekretariat haben wir im letzten Jahr einige Hebel für den Wandel im DRK ausprobiert und mit dem einen oder anderen auch etwas bewegt. Mit zahlreichen engagierten aus dem ganzen DRK und von allen Verbandsebenen  haben wir gezeigt, dass BarCamp im DRK richtig gut funktioniert. Die nominierten Teams aus dem Ideenwettbewerb haben gezeigt, dass Pecha Kucha ziemlich cool mit Wohlfahrtsthemen zusammengeht und nebenbei einen wunderbaren Abend bei „Insight DRK“ gestaltet. Wir basteln an Prototypen und sammeln gute Erfahrungen damit. Und auch wenn es manchmal schneller gehen dürfte kommen wir auch beim Thema Digitalisierung voran.

Alles in allem also liegt ein gutes Jahr hinter uns. Ich gehe fest davon aus, dass ein weiteres gutes folgen wird. Herausforderungen gibt es schließlich genug. Zum Beispiel würde ich sehr gern noch viel mehr von den digital Jedis und Intrapreneurs aus dem DRK und von anderswo hören und lesen. Aktuell ist dafür ein Webinar-Format in Planung und eine Mailing-Gruppe in der Testphase. So richtig viel Ressonanz kommt aber noch nicht. Habt ihr Tipps oder Hinweise? Immer gern rein damit in die Kommentare.