Jetzt ist es schon einige Zeit her, dass ich die Zusage vom Veranstaltungsteam der stART Conference 2010 bekam. Am Nachmittag des zweiten Konferenztages — genauer gesagt ab 14:50 Uhr — werde ich über die Möglichkeiten des Micro-Volunteerings sprechen. Für die Möglichkeit dafür und natürlich auch die Einladung nach Duisburg bedanke ich mich herzlich. Da ich mir der etwas schwierigen Vortragszeit und der dann wahrscheinlich schon etwas ausgepumpten Teilnehmerinnen und Teilnehmer bewusst bin, will ich hier schon im Vorhinein vorbereitende Einblicke in meine Überlegungen zum Thema geben.

Zunächst einmal: Was hat Freiwilligenarbeit — ob nun über das Internet, von zu Hause, vom Arbeitsrechner oder von Unterwegs aus — eigentlich mit Kunst und Kultur zu tun? Ist freiwilliges Engagement nicht vielmehr eine Form der Nächstenliebe und damit Ausdruck des Altruismus von rund 23 Mio. Menschen in Deutschland? Sicherlich nicht! Es gibt zwar viele Menschen die gerne Helfen und sich in sozialen Projekten engagieren, doch werden auch von diesen Freiwilligen bei Weitem nicht alle vom Gutmenschentum getrieben. Die allermeisten Freiwilligen — das zeigen Engagementstudien wie der Freiwilligensurvey deutlich — erwarten Spaß und Teilhabe, einen konkreten Outcome und nicht zuletzt auch Anerkennung von ihrem freiwilligen Engagement.

Die Freiwilligenarbeit also nur auf den Gedanken der Nächstenliebe und des Mitleids mit anderen Geschöpfen dieser Erde zu beschränken kann der Sache nicht gerecht werden und ist eher für die historische Betrachtung von Ehrenämtern von Bedeutung. Die Freiwilligenarbeit heutiger Tage ist vielmehr eine Form der partizipativen Mitgestaltung des Gemeinwesens — oder etwas anders ausgedrückt: des sozialen, kulturellen, ökologischen und manchmal auch ökonomischen Umfeldes von Menschen.

Freiwilliges Engagement hat also tatsächlich auch im Bereich von Kunst und Kultur seinen Platz. Das nicht zu letzt, weil Kunst- und Kultureinrichtungen zu denjenigen Organisationen gehören, die notwendig auf ihre Besucherinnen und Besucher, auf ihre Unterstützer und Unterstützerinnen angewiesen sind. Kunst und Kultur ist ohne einen Anker im Gemeinwesen kaum vorstellbar und macht deshalb auch das Involvieren von interessierten Freiwilligen sinnvoll.

Nun kann von Freiwilligen — und das betrifft vor allem jüngere Volunteers — aber nicht mehr eine stete Mitarbeit, im Sinne des neuen Ehrenamtes, erwartet werden. Engagementstudien wie der erwähnte Freiwilligensurvey zeigen, dass sich die demographische Entwicklung in Deutschland auch in den Engagementquoten widerspiegelt. Bereits an anderer Stelle habe ich dafür plädiert über neue Wege für das freiwillige Engagement nachzudenken und dafür nicht nur einmal vorgeschlagen, skalierbare Engagementangebote zu zerlegen und sie in minimalistischer Form über das Internet anzubieten. Eine mögliche Form dafür ist das Online-Volunteering, bei dem Freiwillige Aufgaben für eine Organisation über das Internet erledigen und zwar wann und wo sie wollen. Eine ähnliche Idee, die aber etwas weiter geht, ist die des Micro-Volunteerings, dem Engagement für die Hosentasche.

Beim Micro-Volunteering — das gebe ich gerne zu — handelt es sich eher um eine Form des Crowdsourcing als um Freiwilligenarbeit. Zu Beginn meiner Überlegungen zum freiwilligen Online-Engagement hatte ich mit Herbert Schmidt bereits dieses Problem diskutiert. Während er das Crowdsourcing als eine mögliche Form des Online-Engagements sah, hatte ich mich damals für eine striktere Begriffsdefinition ausgesprochen, die das Crowdsourcing tendenziell ausschließt. Die Begründung dafür lautete damals:

Wenn jedwede Form der Bürgerbeteiligung unter Volunteering fallen würde, werden wir mit diesem Begriff schon in Kürze nichts mehr bezeichnen können.

Dieser Ansicht kann ich mich auch heute noch weitgehend anschließen, weiß aber, dass die Grenzen zwischen Bürgerbeteiligung, Freiwilligenarbeit und Ehrenamt nur künstlich sein können und in der Realität verschwimmen. Selbst Freiwillige, die sich wann und wo sie wollen für eine Organisation engagieren, müssen mit unter zu Ehrenamtlichen gezählt werden. Die Administratoren der Wikipedia liefern hierfür ein glänzendes Beispiel. Sie engagieren sich in einer Organisation, sind für eine gewisse Zeit gewählt und übernehmen freiwillig ein relativ hohes Maß an Verantwortung.

Begrifflich würde ich dieser Konfusion gern mit einer kleinen Trickserei begegnen: Ich bleibe einfach bei dem englischen „Volunteering“ und weiche im Deutschen auf das nackte „Engagement“ aus. Das angloamerikanische „Volunteering“ schließt nämlich beinahe alle Formen unentgeltlicher — oder zumindest nicht primär auf materiellen Gewinn gerichteten — Tätigkeiten ein, weshalb unter anderem in der Medienbranche „Voluntariate“ absolviert werden und in den USA so mancher Delinquent zu „volunteer work“ verurteilt wird. Den Terminus des freiwilligen Engagements würde ich gern weiterhin den Freiwilligen vorbehalten, die sich ganz bewusst dafür entscheiden einer Organisation mit ihrer Zeit oder ihren Fähigkeiten zu helfen. Dass das nämlich beim Crowdsourcing nicht unbedingt der Fall ist, zeigen Beispiele aus der Gamerszene oder aus dem investigativen Journalismus. (Bspw. ID-Sorfware mit der Entwicklung von Doom und der Blog “TalkingPointsMemo” des US-Journalisten Joshua Micah Marshall)

Nun stellt sich aber die Frage, inwieweit das Engagement für den Kunst- und Kulturbetrieb skalier- und zerlegbar ist. Ist Micro-Volunteering für Kunst- und Kultureinrichtungen also überhaupt denkbar? Ja, ich meine schon.

Ich muss gestehen, dass ich kein Experte für den Kunst- und Kulturbereich bin. In meiner Zeit an der Fachhochschule Erfurt habe ich zwar unter anderem im Schwerpunkt „Kultur“ studiert, doch bezogen sich meine Bemühungen eher auf einen anthropologischen als einen künstlerischen Kulturbegriff. Das birgt nun zum einen den Nachteil, dass ich mich im Kulturmanagement nicht umfassend genug auskenne um einschätzen zu können, was möglich ist und was nicht, hat aber auch den Vorteil, dass ich frei assoziieren und so ziemlich flott (neue[?]) Ideen produzieren kann.

So auch kürzlich beim Lesen eines Beitrags von Karin Janner auf ihrem Kulturmarketing Blog. Karin berichtete über eine Buchsuchmaschine, die, mit einer Community verknüpft, nicht nach den Standardinformationen von Büchern, wie sie vielleicht bei Amazon.com zu finden sind sucht, sondern die Daten nach Handlungsort, Genre und Handlungszeit von Krimis und Romanen filtert.

Handlungsort, Genre und Handlungszeit sind hier die Suchparameter für Bücher, die auf Google Maps verortet sind.

Warum — dacht ich mir — sollte man diese Idee nicht auch auf die Erstellung von Info-Materialien für Opern und Theater übertragen? Das Engagementangebot wäre gut skalierbar. Fragen wie „In welcher Zeit spielt ein bestimmtes Stück?“, „Wo spielt es?“, „Wer hat es geschrieben?“ oder „Welche Parallelen gibt es zu anderen Geschichten?“ sind für geübte Opern- und Theatergängerinnen und -gänger recht leicht zu beantworten. Wenn man dann noch die Möglichkeit bereitstellt über das Smartphone Karten und Bilder zuzuordnen oder kleine Hinweistexte verfassen kann, könnte recht rasch ansprechendes Infomaterial für jung und alt entstehen.

Ich glaube tatsächlich, dass es für das Micro-Volunteering einige interessante Anwendungsmöglichkeiten im Kunst- und Kulturbereich gibt. Werden die Beiträge von Micro-Volunteers kreativ angeboten und gebündelt, kommen dabei ganz erstaunliche Sachen heraus. Wer nur auf dem Blog der Extraordinaries liest, wird das bestätigt sehen. Was ich allerdings nicht glaube, ist das mit dem Micro-Volunteering viel Geld eingespart werden kann. Zum einen sollte das sowieso nicht das Ziel von Engagementangeboten sein, zum anderen kostet das Management von Volunteers auch Zeit und Geld, was man bei dieser Rechnung (ROI ist da voll im Trend) nicht vergessen sollte.