Auf der Plattform WikiLeaks (wiki für schnell; leaks für undichte Stellen) wurde bereits einiges veröffentlicht. Zuletzt am 23. November 2010 die Depeschen US-amerikanischer Botschaften. Letztere hat das Fass offensichtlich zum Überlaufen gebracht: Hatten sich die USA die Veröffentlichung vieler tausender Warlogs aus dem Afganistan- und Irakkrieg noch gefallen lassen müssen, sollte nun offenbar Schluss sein. Die us-amerikanische Regierung ging in die Offensive: Der Druck auf internationale Finanzdienstleister wie PayPal und VISA, die Geschäfte mit WikiLeaks zu beenden, sowie die noch laufende Vorbereitung einer Klage wegen Anstiftung zum Geheimnisverrat drängten den Betreiber der Enthüllungsplattform Julian Assange sowohl in die finanzielle Enge wie die politische Öffentlichkeit.

Der Streit um WikiLeaks taucht seit dem immer wieder in den Nachrichten auf. Anhänger wähnen mit den Aktionen der US-Regierung die Meinungs- und Informationsfreiheit in Gefahr, Gegner sehen durch die Enthüllung der als geheim eingestufte Dokumente (welt-)politische Krisen heraufziehen. M.E. ist es wie so oft: Beide Seiten übertreiben und haben doch nicht ganz Unrecht. So belanglos die Enthüllungen zuweilen sind, so groß ist auch das Gewicht, das sie u.U. entfalten könnten — vor allem im ewig schwelenden Nah-Ost-Konflikt.

Was sich nun aber aus diesem Streit entwickelt, halte ich — gelinde gesagt — für schwierig: Während die einen die undichte Stelle im Internet, die ähnlich einem schwarzen Loch, alle möglichen Geheimdokumente anziehen und in die digitale Öffentlichkeit ausspeien soll, mit aller Gewalt stopfen wollen, greifen die anderen — zumindest rhetorisch — zu den Waffen. Mit sog. DDoS-Attacken auf die Server der bereits erwähnten Finanzdienstleister, versuchen sie die ausgemachten Bösewichte abzustrafen — zuweilen mit Erfolg. Dass dieser kürzlich ausgerufene Cyber-War dann in der medialen Öffentlichkeit auch noch als neue Protestform — Protest 2.0 — rüber kommt, macht die Sache auch nicht besser.

DDoS-Attacken sind im Grunde nichts anderes als Schottern! Kriminelle Beschädigung fremden Eigentums. Das hat nichts mit kreativem Protest oder zivilem Ungehorsam zu tun. Und wer glaubt, hier den kleinen Netizen-David gegen den großen Wirtschafts- und Politik-Goliath kämpfen zu sehen, der sei an die Social Media Kampagne von Greenpeace gegen Nestlé erinnert.

Thiemo Wenck von Telemedicus beschäftigte sich Anfang Dezember mit dem Phänomen der Internet-Attacken und betrachtete die ganze Sache aus der juristischen Perspektive. Nicht ganz unwichtig für das Thema Protest und Engagement! Ob und inwieweit nämlich das Recht gebogen wird, ist maßgeblich für die Entscheidung, ob wir noch von Engagement und zivilisiertem Protest reden können oder nicht. Ob eine Aktion dem Gemeinwohl zuträglich sein kann oder nicht, hängt ganz wesendlich davon ab, ob es sich im Rahmen grundsätzlicher Regeln der Gesellschaft (Verfassung/Menschenrechte) bewegt.

Da Selbstjustiz — und nichts anderes ist es, wenn irgendwer den seiner oder ihrer Meinung nach „Bösen“ abzustrafen versucht — und Angriffe auf bestehende Infrastruktur (ob im Netz oder im Wendland) m.E. nicht mit den den Regeln unserer Gesellschaft vereinbar sind, kann ich Wenck schließlich nur zustimmen:

Wer die Aktionen als Online-Demonstrationen versteht, hat die falschen Parallelen gezogen. Wer seine Meinung kundtun will, kann dies selbstverständlich auch im Internet frei tun, genauso wie man offline die Möglichkeit hat, demonstrieren zu gehen. Die Teilnahme an DDoS-Attacken ist aber keine friedliche Demonstration, sondern ein steinewerfender Mob. […]
Wer legal und ohne das Ansehen der Sache zu beschädigen für Wikileaks und die Meinungs- und Pressefreiheit kämpfen will, der hat dazu die Möglichkeit. Man kann Öffentlichkeit schaffen, informieren, aufklären. Man kann auch rein verbal zum großen Shitstorm beitragen, so dass dieser auch offline spürbar wird. Auch der persönliche Boykott der Unternehmen ist ein probates Mittel. Die Masse der Unterstützer hat ein gewaltiges Machtpotential. Diese Energie in DDoS-Attacken verpuffen zu lassen bringt nichts. Wer klug ist und wirklich etwas bewegen will, macht sich nicht strafbar, sondern engagiert sich sinnvoll und produktiv. Und am besten über den momentanen Hype hinaus.