Kürzlich veröffentlichte Jayne Cravens in ihrem Blog einen interessanten Beitrag über die Herausforderungen für deutsche NPOs, die mit dem Aussetzen der Wehr- und Zivildienstpflicht ab dem 1. Juli 2011 einher gehen. Man sollte dazu wissen, dass Mrs. Jayne acht Jahre lang in Deutschland gelebt und in den Genuss des deutschen (Sonder-) Weges der Freiwilligenarbeit gekommen ist — ihr Lebensgefährte bekleidete gar selbst das typisch deutsche Ehrenamt des Feuerwehrmanns. Auch wenn sie während ihrer Zeit in Deutschland unserer Landessprache nicht wirklich mächtig wurde, weiß sie die Herausforderungen, die das Ende der Wehr- und Zivildienstpflicht für junge Männer mit sich bringt, durch aus einzuschätzen:

Hundreds of charities across Germany that have relied on almost 100,000 conscripts to run their organizations are bracing for a severe labor shortage. […] Can Germany recruit 90,000 volunteers to replace Zivis?

Der offiziellen Einberufungsstatistik des BMFSFJ zufolge waren es in 2010 übrigens kaum 80.000 Zivildienstleistende (Stand 01.12.2010), die ab spätestens Ende 2011 durch Freiwillige ersetzt werden müssen. Zilvis, die — glaubt man den O-Tönen eines NPR-Reports, auf den Cravens verweist — bisher eben die Arbeit gemacht haben, die Freiwilligen nicht zugemutet wurde: z.B. Wäsche und Geschirr waschen.

Dish brushes - by blog.jmc.bz (flickr.com)

Da der Zivildienst als Ersatz für die eigentlich angedachte Zeit in der Bundeswehr vorgesehen war und per Definition nicht freiwillig sein kann, wird er bis heute mit rund 10€ am Tag, plus Kindergeld, Weihnachtsgeld (evtl. Mobilitätszuschlag) und durchschnittlich 690€ Entlassungsgeld besoldet. Mit 580 bis 830€ pro Monat ein erkleckliches Taschengeld für junge Menschen (meist zwischen 18 und 20 Jahren), dass sie bisher eben auch Arbeiten in Kauf nehmen ließ, die man echten Freiwilligen nicht zumuten will.

Wie Cravens meine auch ich, dass deutsche NPOs hier vor einer ganzen Reihe von Herausforderungen stehen. Die Entgelte der Freiwilligendienste oder -jahre werden junge Männer (aber auch Frauen und ältere Menschen) nicht zu stupidem Tellerwaschen verlocken können. Im Gegensatz zum Zivildienst ist der Freiwilligendienst nämlich wirklich freiwillig und wird auch nicht entlohnt. Lediglich Kost, Logie und Arbeitsbekleidung sowie ein kleines Taschengeld, das „6 Prozent der in der allgemeinen Rentenversicherung geltenden Beitragsbemessungsgrenze gem. § 159 des Sechsten Buches Sozialgesetzbuch nicht übersteigen“ darf, soll gestellt werden (Dieses wenig erhellende Zitat stammt von der Webseite Bundes-Freiwilligendienste.de).

Das heißt also, dass NPOs, die bisher auf Zivis angewiesen waren, nun zur Attraktivität für Freiwillige gezwungen werden. Wir reden hier nicht von den Freiwilligen die halt schon immer irgendwie dabei gewesen, schon immer so nebenher mitgelaufen sind sondern von wichtigen Arbeitskräften aus der Mitte der Organisationen, ohne die es überhaupt nicht läuft. Zugegeben: Vieles was bisher im Dritten Sektor läuft, ist ohne Freiwillige nicht denkbar. Viele Organisationen sind auf Freiwillige angewiesen. Aber auch diese haben Land auf Land ab mit Nachwuchssorgen zu kämpfen, die m.E. auf die gleichen Ursachen zurückzuführen sind, die es auch im Zuge der Umstellung von Zivil- auf Freiwilligendienst zu bearbeiten gilt.

Ich persönlich glaube nicht, dass das Stupide der Arbeit das eigentliche Problem ist. Stupid sind viele Arbeiten, auf die man sich als Freiwilliger so einlässt. Mein kleines Engagement für die Berliner SocialBar bspw. ist auch nicht sonderlich herausfordernd: Ich schneide die Audiomitschnitte und kopiere Twitter-Updates. Sicherlich ist es aber herausfordernd Freiwillige zu suchen und dann auch zu halten, die im Abwasch ihr Lebensglück finden, doch kann man einerseits Strukturen so verändern, dass jede(r) mal dran ist und andererseits — und das ist der eigentlich herausfordernde Punkt — die Engagements eben so gestalten, dass die Freiwilligen einen wirklichen, einen spürbaren Beitrag leisten. Cravens meint dazu,

volunteers want to feel like the work they are doing is critical, not just nice, but necessary,

was wiederum sehr gut zur Diskussion der letzten NPO-Blogparade passt, wie echte Partizipation zu fördern ist. Ohne die für die Freiwilligen spürbare Relevanz des Engagements, werden sich — allen Kampagnen und Programmen vom Freiwilligendienst aller Generationen bis zum Bundesfreiwilligendienst — wohl kaum 80.000 Bundesbürger!nnen finden, die die NPOs bei ihrer Arbeit unterstützen wollen. Gelingt es hingehen eine anerkennende, wertschaffende und kooperative Kultur freiwilligen Engagements im Dritten Sektor zu implementieren, sind wir auf dem besten Weg einen frühen Zugang zum freiwilligen Engagement (und damit einher gehenden Engagement-Karrieren) zu schaffen, der eben auch entsprechend intrinsisch motiviert ist und nicht des des verfassungsgemäßen Zwangs wegen abgeleistet wird.