Am Montag den 17. Januar 2011 hatte ich im Rahmen eines Uni-Seminars zu den verschiedenen Aufgabenbereichen des Bildungsmanagements die Gelegenheit das Freiwilligenmanagement als Personal- und Stakeholdermanagement im Dritten Sektor vorzustellen. Wie im Seminar versprochen, will ich euch hier die Präsentation (mit Videos) und einige weiterführende Links zur Verfügung stellen. Da wir es im Seminar leider nicht geschafft haben – die Fragen zum NPO- und Stakeholdermanagement waren einfach zu wichtig – stelle ich die Diskussion aus der Präsentation unten auch noch ein. Gern würde ich die Diskussion hier weiterführen.

Zunächst zur Präsentation: Ich hatte diesmal mit prezi.com gearbeitet. Prezi ist ein hervorragendes Online-Tool, das eine Abwechslung zu den ‚üblichen’ Slides bieten kann. In der Basis-Version ist es kostenlos, es gibt aber auch kostenpflichtige Varianten, mit denen man dann auch offline arbeiten kann. Einen ausführlicheren Beitrag zum „anders präsentieren mit Prezi“, findet ihr beim PR-Blogger und Profi-Presentator Klaus Eck.

Weiterführendes:

  • Zum Thema „echte Partizipation“ hatte ich hier bereits geschrieben. In Anlehnung an ein medienpädagogisches Modell hatte ich besonders die Erwartbarkeit von Wirkungsmacht als Kriterium wahrer Partizipation herausgestellt.
  • Der Freiwilligensurvey des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ) bietet eine sehr gute Basis für die Beschäftigung mit dem Thema Freiwilligenarbeit. Seit 1999 wird diese Großbefragung der deutschen Wohnbevölkerung am 14 von TNF Infratest durchgeführt. Ende 2010 erschien der Hauptbericht zur dritten Erhebungswelle 2009.
  • Jayne Cravens (USA) hatte das Thema Zivildienst und Freiwilligenarbeit in Deutschland Ende letzten Jahres in ihrem Blog aufgegriffen (mit deutscher Übersetzung). Insgesamt sind wir uns sehr einig darüber, dass das Aussetzen des Zivildienstes eine große Herausforderung für den Dritten Sektor in Deutschland darstellt – jetzt sind 80.000 Freiwillige zum sofortigen Einsatz gesucht.
  • Zum Thema Lobby-Arbeit hatte ich zwei Beispiele angerissen; eins aus der Wirtschaft und eins aus dem Bereich der Zivilgesellschaft. Das Wirtschaftsbeispiel stammte aus dem Special Report von IP-Watch demzufolge die Musikindustrie (u.a. in Gestalt der RIAA) 90 Mio. US$ in die Lobby-Arbeit für verschärfte Urheber- und Leistungsschutzrechte investierte. Das zivilgesellschaftliche Beispiel wurde im Juni letzten Jahres von Uygar Özesmi auf der Berliner SocialBar vorgestellt. Mit nicht mehr als 9.000 US$ führte Greenpeace Mediterranean eine sehr erfolgreiche Kampagne gegen Kohle- und Atompolitik – eine Zusammenfassung mit Videos findet ihr auf dem Forschungsprojektblog zur SocialBar.
  • Wer sich weiter mit politischer Arbeit beschäftigen will, dem / der lege ich das Büchlein „Wie Politik funktioniert“ [PDF] von Wolf Wagner ans Herz. Eigentlich wollte ich daraus zitieren, es schienen mir aber alle mit dem Gedanken, dass auch NPOs / NGOs im Stande sind das politische System zu irritieren, einverstanden.
  • Die „vier Kriterien spendenwerter Organisationen“ habe ich gemeinsam mit Brigitte Reiser in der 4. Runde der NPO-Blogparade formuliert. Ich verwandt sie auch in meiner Diplomarbeit und finde sie in der Literatur zu Freiwilligenmanagement und Fundraising – wie in der Präsentation auch beschrieben – immer wieder.
  • Besonders für das interne und externe Marketing, aber auch für die Evaluation der Freiwilligenarbeit in einer Organisation sind Kennzahlen wichtig. Über die Monetarisierung freiwilligen Engagements (z.B. Tracht 2009) sowie verschiedene Methoden der Kennzahlentwicklung wird im Dritten Sektor seit Jahren gestritten. Auch neuere Entwicklungen (wie z.B. der SRoI) bleiben davon nicht unberühert. Dennoch ist es sinnvoll auch diese Ansätze zu kennen – sei es nur, um waghalsige Aussagen kritisch begegnen zu können. Hilfreich hierfür ist sicherlich der Blog zur Sozialrendite in dem auch auf englische Literatur des REDF und der nef verwiesen wird.
  • Für Fragen rund um das Freiwilligenmanagement hält die Akademie für Ehrenamtlichkeit Deutschland beim fjs e.V. einiges an Material bereit. Grundkurs Feiwilligenkoordination und der aufbauende Kurs strategisches Freiwilligenmanagement werden dort schon seit über 10 Jahren angeboten und weiter entwickelt. Bis heute wurden von der AfED mehr als 1500 Freiwilligenmanagerinnen und -koordinatoren ausgebildet.
  • Für das Matching Freiwilliger hatte ich das Volunteer-Classification-Model von Nancy McDuff (2006) vorgestellt. Dieses Modell, das auch von anderen Think-Tanks (weiter) entwickelt wird, geht auf die Studien Fritz Riemanns zurück. Bereits vor einiger Zeit hatte ich hier im Blog darüber geschrieben. Eine m.E. gute Übersicht über die vier Grundformen der Angst [PDF] findet ihr hier.
  • Zum Thema Social Media Policys – die hatte ich bei der Einarbeitung Freiwilliger angesprochen – haben Jörg Eisfeld-Reschke und Jona Hölderle eine hilfreiche Anleitung zur deren Erarbeitung geschrieben. Anhand von 20 Fragen können die wichtigsten Eckpfeiler der corporaten Social Media Kommunikation erarbeitet werden.

Zur Diskussion:

Wenn wir davon ausgehen, dass jene freiwilligen Assoziationen, die die Resonanz aus der Bürgerschaft aufnehmen und lautverstärkend in die politische Öffentlichkeit tragen, die Infrastruktur – das Rückrad – der politisch gewollten Bürgergesellschaft (zum politischen Willen siehe BBE 2009) sind, können folgende Punkte doch verwundern:

  • Mit dem Beschluss der Nationalen Engagementstrategie (vom 06. Okt. 2010) sind eben diese  Infrastruktureinrichtungen der Bürgergesellschaft gerade noch “wichtige Partner der Bundesregierung im Bereich der Engagementpolitik”. Die Hauptakteure der Engagementförderung hingegen sollen nun aber Bund, Länder und Kommunen werden.

Zur Erinnerung: während sich (1.) beinahe die Hälfte der 23 Millionen Freiwilligen in Deutschland in Vereinen engagiert, sind es in kommunalen Einrichtungen nicht einmal 10%. (2.) Hat – kann – weder Bundes-, noch Länder- oder Kommunalexekutive ein Interesse an einer vitalen Zivilgesellschaft haben (differente Akkumulationslogik politischen Kapitals – siehe auch Zitat von Heribert Prantl)

  • Im Dritten Sektor ist die Haltung gegenüber Freiwilligen als austauschbare Helfer weit verbreitet. Da den 23 Millionen freiwillig Engagierten in Deutschland knapp 24 Millionen Menschen gegenüber stehen, die angeben “bestimmt” oder zumindest “eventuell” zum Engagement bereit zu sein (BMFSFJ 2010), sehen sich vor allem größere NPOs in einer bequemen Marktposition.

Burdney und Meijs (2009) unterstellen hier gar einen “endless cycle of recruitment”. Sind Freiwillige gefunden, werden sie, nach wirtschaftlichen Kriterien (bspw. ROI), ausgebeutet. Nehmen sie dann ihren Abschied können umstandslos neue Freiwillige gesucht werden. Für die Bindung, die Motivation und das Empowerment (die eigentlichen Aufgaben einer NPO) wird nicht all zu viel getan.

  • Schon seit Jahren geht der Trend unter höher qualifizierten Engagementwilligen dahin sich in eigenen (Bürger)Initiativen für das direkte Lebensumfeld zu engagieren. Auch die Bundesregierung will diese Bewegung unterstützen (siehe Nationale Engagementstrategie). Werden diese Initiativen und Sozialunternehmungen nicht von größeren NPOs unterstützt, sind sie selten in der Lage das politische System derart zu irritieren, dass auch weiter reichende Problemstellungen angegangen werden. Neben Lob und Anerkennung für das Engagement bleibt so der ewige Beigeschmack der faktischen Machtlosigkeit und des – typisch Deutschen – “die da oben und wir hier unten” erhalten, was nicht zu letzt auch die stellenweise Radikalisierung der Bürgerschaft (S21/Gorleben) zur Folge hat.