Als ich gestern recht ziellos durch das Hauptgebäude meiner Uni schlich, sprach mich ein Kommilitone aus dem Fachbereich Theologie an. Er und sein Begleiter — beide offenbar asiatischer Herkunft — erklärten mir, dass sie gerade ein Kurzreferat vorbereiten und jemanden suchen, an dem sie ihre Argumentation testen können. Es handele sich lediglich um fünf Minuten zuhören und ein kurzes Feedback. Ich willigte ein und lauschte gespannt.

„Am Anfang“, so zeigte mir mein Gegenüber in seinem Exemplar der Bibel, „schuf Gott Himmel und Erde“. Dann schuf der „Geist Gottes“ Tag und Nacht, Land und Meer, Gras, Kraut und Bäume und schließlich Vieh, Gewürm und Tiere auf Erden wie in der Luft. Nach dem das geschehen ist, sprach der Christengott:

Laßt uns Menschen machen, ein Bild, das uns gleich sei, die da herrschen über die Fische im Meer und über die Vögel unter dem Himmel und über das Vieh und über die ganze Erde und über alles Gewürm, das auf Erden kriecht.

“Laßt uns Menschen machen” – darauf wies mich der angehende Theologe besonders hin. Wer war mit diesem Plural wohl gemeint? Die Tiere, das Vieh und das Gewürm konnten es ja nicht gewesen sein. Sie sind nach der gängigen Auslegung der Bibel unbeseelte Geschöpfe der Natur. Und nach ihrem Vorbild sind wir Menschen offenbar auch nicht geschaffen, sollen wir als höchste Geschöpfe auf Erden doch über sie herrschen.

Wir Menschen sind — der Bibel folgend — als Männer und Frauen nach dem Ebenbild Gottes geschaffen. Was zusätzlich zur offenbar schizophrenen Persönlichkeit unseres Schöpvers und seiner/ihrer ätherischen Art als ‚sprechender und schaffender Geist’ auch noch bedeutet, dass wir es mit einem Zwitter zu tun haben.

Eine recht erstaunliche Erkenntnis, wie ich meine. Ist es doch in unseren Breiten kaum denkbar mehr als (s)ein biologisches Geschlecht zu haben. Gängig ist doch die Behauptung, dass Männer sich wie Männer benehmen, weil sie (biologisch) Männer sind und so schon ob ihrer körperlichen Überlegenheit bestimmte Arbeiten ausüben und andere nicht. Ein Mann mit weiblichen Interessen, femininem Auftreten oder auch nur metrosexuellem Habitus wird in unseren Breiten doch recht schnell als etwas Eigentümliches wahrgenommen.

Die Polarität von (zwei) Geschlechtern, die Annahme, das eine Geschlecht würde das andere erst komplettieren sowie der häufig zu beobachtende Hang zum Männlichen (Phallozentrismus) stammt also gar nicht vom Christengott. Weil die Bibel aber ein Werk der Menschen ist, finden sich dort entsprechend auch Hinweise auf bzw. Argumente für diese weit verbreiteten Denkschemata. So z.B. die heteronormative Annahme, dass ein Geschlecht muss immer durch das andere Geschlecht ergänzt werden um komplett zu sein.

Die Predigten Jesus, des Gott-Sohnes, von der Gnade des Herrn, unserem Vater im Himmel, wird offenbar als klarer Hinweis auf die Geschlechtlichkeit des Christengottes verstanden. Jesus muss es schließlich wissen! Übersehen wird dabei, dass Jesus eigentlich gar nichts wissen kann — zumindest nichts was er hätte empirisch überprüfen könne. Er konnte glauben und das hat er wohl auch getan, auf das Geschlecht des Christengottes von dem er so begeistert erzählt haben soll, konnte er aber — wenn überhaupt — nur über den Fakt schließen, dass er eine Mutter hat — eine der zahlreichen Marias, die in der Bibel auftauchen — und es dazu eben einen Vater geben muss. Das aber auch der Geist Gottes, der zuvor recht wundervolles aus dem Nichts geschaffen hatte, in sie gefahren sein und ihr ein Kind gegeben haben könnte, fällt Jesus natürlich nicht ein — das wäre ja auch ein bisschen kompliziert und so dem damaligen Campagning für den christlichen Glauben abträglich.

Wenn ihr die Bibelverse nachlesen wollt, empfehle ich www.bibel-online.net