… Nun hat Stéphane Hessel, ein Veteran der Résistance, der französischen Widerstandsbewegung aus der Zeit des deutschen Nationalsozialismus, also zur allgemeinen Empörung aufgerufen.

Dem 93-jährigen Franzosen-Greis könnte man nun prompt unterstellen, dass ihm das Aufregen in die Wiege gelegt wurde und sich sein Aufruf zu cholerischen Ausbrüchen auf seine Landsleute beschränken wird. Übersehen würde man dabei jedoch, dass sich auch bürgerlicher Protest zu globalisieren scheint. Wurde nicht auch der gemeine Deutsche unlängst zum „Wutbürger“ erkoren?

Klar: bei uns ist es — wie es in der ZEIT heißt — „latente Hysterie“ mit der gegen Bahnhofsbauvorhaben mobilisiert wird. In Frankreich dagegen zeigt das Volk den Mächtigen alle paar Jahrzehnte recht deutlich wo der Hammer hängt. Ob aber nun latent oder manifest, deutsch oder französisch, ist eigentlich gleich. Hessels Aufruf des „indignez-vous“ adressiert (glücklicher Weise) weniger die Performance als die ideale Folge der Empörung: das Engagement.

Die schlimmste aller Haltungen ist die Indifferenz, ist zu sagen: ‚Ich kann für nichts, ich wurschtel mich durch.’ Wenn ihr euch so verhaltet, verliert ihr eine der essenziellen Eigenschaften, die den Menschen ausmachen: die Fähigkeit, sich zu empören, und das Engagement, das daraus folgt.

Doch folgt aus der Empörung wirklich Engagement? Ich weiß ja nicht. Ich glaube, dass ein häufiges Resultat der Empörung die Radikalisierung ist, die dem zivilen Fortschritt entgegensteht. Wer kann sich schon mit einem empörten Globalisierungsgegner über einen zivilisierten Kompromiss unterhalten? Niemand — zumindest nicht, wenn sich die Meinungen z.B. zum G8 Gipfel stark unterscheiden. Wenn überhaupt dann sind es doch die Protestformen als solidarisierende Praktiken, die variieren dürfen. Das Anliegen, sich in seiner Gruppe wohl und heimisch zu fühlen, bleibt doch die gleiche …