Eins der wichtigsten Tools im Freiwilligenmanagement ist das sauber formulierte Engagementangebot. Erst danach kommen die Medienkanäle, über die Freiwillige gesucht werden können. Freiwillige (ob Online- oder On-Site-Volunteers) haben einen schlechten, einen frustrierenden und keineswegs einen nachhaltig wirkungsmächtigen  Stand in einer Organisation, Vereinigung oder Initiative in der nicht klar ist, was sie da eigentlich sollen.

Ausgehend von dieser These, lässt sich auch das worst case szenario der Engagementförderung entwerfen: Es stehen interessierte Freiwillige vor der Tür, sie sind voller Tatendrang und niemand kann ihnen eine Aufgabe geben — niemand weiß was sie eigentlich tun sollen. Im aller besten Fall hat man es dann mit geduldigen, lebenserfahrenen Menschen zu tun, die gelassen ihre Kontaktdaten angeben — falls dann doch mal Arbeit zu tun ist. Im eher wahrscheinlichen, schlechteren Fall schlägt sich der Frust Bahnen und man hat es mit Engagierten zu tun, die ihren Tatendrang über (nur verständliches) Frust ablassen kanalisieren.

Volunteer Classification Model nach Nancy Macduff (2006) in Anlehnung an die Grundformen der Angst von Fritz Riehmann.

Wie aber auch immer; echte Engagementförderung mit erfolgreichem Freiwilligen-Recruitment sieht anders aus. Selbstverständlich sollte es immer möglich sein, eine Hintertür für Social-Entrepreneurs offen zu halten, in dem man auch Unterstützung für individuelle Projekte unter dem Dach der Organisation in Aussicht stellt. Die hauptsächliche Zielgruppe des Freiwilligen-Recruitment sind diese Engagierten (A-Engagierte?) aber nicht. Da sich die Majorität der Engagierten eher zu den traditionellen oder den lustvollen Freiwilligen bzw. zu den Weltverbesserern zählen lässt, sprechen Offerten à la „hier kannst du auch mit machen“ nicht unbedingt viele an. Zum einen ist das schon rechnerisch wahrscheinlich (bei vier Freiwilligen-Typen von denen ich hier ausgehe), zum anderen liegen bequeme Engagements als volunteer tasks, über die Engagementwillige nicht weiter auf der Meta-Ebene nachdenken müssen, näher als solche, die sie erst selbst entwerfen müssen. Womit wir wieder bei den Engagementangeboten sind, deren Praxis ich mir hier einmal anschauen will.

Zwei Engagementangebote unter der Lupe:

Die Frage, die ich mir dabei stelle ist, wie Online-Engagementangebote gestrickt sein müssen, damit Online-Volunteers über Social Networking Dienste erfolgreich angeworben werden können. Ausgehen will ich dabei von Engagementangeboten des Österreichischen Roten Kreuz (ÖRK) und der „Charity 2.0“ 2aid.org. Beide Organisationen arbeiten mit Online-Volunteers — bei 2aid.org ist die Internet gestützte Zusammenarbeit gar ein zentrales Prinzip — und beide Organisationen suchen hin und wieder Freiwillige über Facebook, wo sie auch ähnlich viele Abonnentinnen und Abonnenten zählen (2aid.org: 11.222 / ÖRK: 14.769 Stand 06.Mrz.). Abgesehen davon aber, sind diese beiden Organisationen nicht weiter vergleichbar: 2aid.org ist eine noch recht junge, ehrenamtlich organisierte Charity-Organisation, die Spenden für Wasserprojekte in der Dritten Welt akquiriert, wogegen das ÖRK eine traditionelle Freiwilligenorganisation mit hauptamtlichem Management ist.

Das erste mir bekannte Online-Engagementangebot des ÖRK auf Facebook wurde am 28. Januar vergangenen Jahres gepostet. Damals ging es um die Übersetzung div. englischsprachiger Storys aus dem haitianischen Katastrophengebiet. Die Resonanz war recht hoch; binnen zwei Tagen ging die erste Übersetzung online. Auf Grund der relativ hohen medialen Öffentlichkeit, mit der die Ereignisse bedacht wurden, lässt sich allerdings mutmaßen, dass damit auch eine recht hohe Anteilnahme (involvement) in der Bevölkerung einherging, was das Engagementpotential für die haitianischen Katastrophenopfer — direkt oder indirekt — potenziert haben dürfte. So sind mir für ein anderes Beispiel, die Flutkatastrophe in Pakistan, die eine vergleichsweise geringe mediale Öffentlichkeit hatte, keine derartigen Engagementaufrufe bekannt. Sinnvoller scheint mir deshalb, das folgende, zu einer neutraleren Zeit veröffentlichte, Engagementangebot zu analysieren.

Virtuelle Freiwillige: Wer unterstützt uns mit Übersetzung von englischen Texten ins Deutsche? (Engagementangebot des ÖRK vom 24. Februar 2011; 08:55 Uhr)

Auch hier war die Resonanz hoch. Bis heute (Stand 06.Mrz.) wurde diese Statusmeldung von 20 Userinnen und Usern geliked und 17-fach kommentiert, wobei sich die Überscheidungen dieser beiden Gruppen in Grenzen halten. Lediglich das ÖRK selbst und ein weiterer User haben das Engagementangebot sowohl geliked als auch kommentiert.

Inhaltlich wirken die Kommentare durchweg als Bewerbung um das Engagement. Alle Kommentierenden signalisierten ihre Engagementbereitschaft, wobei die letzte ‚Bewerberin’ nur noch ihr Bedauern kundtun konnte, zu spät reagiert zu haben.

das ging schnell, hätte auch gerne geholfen (Kommentar von Susanna Reiter-Schachinger 24. Februar 2011; 11:06 Uhr)

Sicherlich auch begünstigt durch die hohe Resonanz wurde die Übersetzungsarbeit der ‘Weisheit der Vielen’ überlassen. So wurde mir berichtet, dass die Pressemitteilungen, die es zu übersetzten galt, dreifach übersetzt und von einem Angestellten nachträglich zu einer eigenen Mitteilung zusammengestellt wurde, die am gleichen Tag online ging.  Übersetzungsfehler, die bei der ersten Übersetzung im Januar 2010 noch auftraten, wurden so vermieden. Anzumerken ist, dass (sowohl bei diesem Engagementaufruf als auch bei dem im Januar 2010) nicht nur über das Produkt sondern auch den Stand des Prozesses berichtet wurde, was dem involvement der Beteiligen noch zuträglich gewesen sein sollte.

Ein zweites Engagementangebot, das ich hier kurz analysieren will, stammt von der Charity-Organisation 2aid.org. Diese postete am 18. Januar 2011 um 18:27 Uhr folgendes:

Pscht… wir planen wieder was Neues und brauchen Eure Hilfe und Unterstützung 🙂
Wer von Euch kennt einen Grafiker (HTML+CSS), der Lust hätte, mit uns für den guten Zweck zusammen zu arbeiten?

Auch hier war die Resonanz recht hoch, fiel allerdings etwas anders aus als beim ÖRK. Bis heute (Stand 06.Mrz.) wurde dieses Engagementangebot zwölf Mal geliked und 16-fach kommentiert. Die Überschneidungen beschränken sich auch hier auf gerade zwei Personen — 2aid.org ist nicht darunter. Auffällig ist jedoch, dass sich mindestens drei (mir bekannte) Mitorganisatorinnen von 2aid.org unter den Likenden finden, die ihrerseits allerdings nicht kommentierten.

Inhaltlich wirken die Kommentare zunächst wie eine Diskussion um das Engagementangebot — meint: die Frage, was denn nun eigentlich gemeint / gesucht ist — schlagen dann aber um in Bewerbungen auf das Engagement, die sogar in dem Vorschlag gipfeln, sich die Arbeit „brüderlich“ zu teilen. Etwas verwirrend dabei ist, dass das Engagementangebot indirekt formuliert ist („Wer von Euch kennt einen Grafiker“). Die drei positiven Kommentare bzw. Signale der Engagementbereitschaft sind dem entsprechend sowohl diejenigen, die „einen Grafiker“ kennen als auch diejenigen, die offenbar selbst Grafiker sind (bzw. es verstehen, mit HTML/CSS umzugehen). Bis auf die Ansprechpartnerin für Interessierte ist mir über den weiteren Verlauf der Ereignisse nichts bekannt. Weder auf der Facebook-Seite der Organisation noch auf deren Blog finden sich dazu Informationen.

Strategie hinter der Engagementsuche

Für mich als Außenstehenden ist es natürlich schwierig zu sagen, was, abseits der Seitenbetreuung und Kontakt-Personen, noch hinter den Engagementangeboten steht. Mein Eindruck ist aber, dass die Engagementsuche jeweils in unterschiedliche Richtungen zielte. Ging es bei 2aid.org ‚nur’ um einen Freiwilligen / eine Freiwillige, der oder die einen Webauftritt oder eine -applikation gestaltet und dabei offenbar ein eigenes Produkt erstellen, vielleicht noch nicht ein mal im Team arbeiten sollte, erschließt sich mir der Zweck des Engagements beim ÖRK zunächst nicht.

Wenn die Mitteilung, die schlussendlich auf der Website des ÖRK zu lesen ist, das Arbeitsergebnis eines Mitarbeiters / einer Mitarbeiterin der PR war, der oder die mindestens sechs Texte zu lesen hatte, wozu musste dann überhaupt jemand irgendetwas übersetzten? Wäre es nicht einfacher gewesen, aus den zwei englischen Texten einen deutschen zu machen? Sicherlich! Doch blieben dann eben die Friends und Follower außen vor; und gerade die gilt es bei Facebook ja einzubeziehen.

Mit dem Engagementangebot auf Facebook wurde eigentlich mehr Arbeit geschaffen als dass die kompensatorische Wirkung freiwilligen Engagements ökonomisch ausgenutzt worden wäre. Zunächst sicherlich nicht einfach zu bewerten, gehe ich ja davon aus, dass Freiwilligenarbeit wirkungsmächtig sein soll. Doch stellt sich eben auch die Frage, ob nicht auch der Weg das Ziel sein kann.

Bei 2aid.org geht es freilich darum, neue Projekte mit neuen Ressourcen zu bestreiten — in ehrenamtlich organisierten Projekten findet sich (wenn überhaupt) selten großer finanzieller Spielraum. Beim ÖRK dagegen ist das Problem ein anderes: Traditionelle Freiwilligenorganisationen laufen (sicherlich nicht nur in Deutschland) Gefahr, sich von ihrer Basis zu entfernen. Im eingeschliffenen Tagesgeschäft geraten wohl so manche Stakeholder-Interessen sprichwörtlich unter die Räder. Sporadische Online-Engagements — selbst wenn sie eher um ihrer Selbst willen inszeniert werden — können hier Abhilfe schaffen. Vorerst! Auf Dauer lässt sich echte Partizipation wohl nicht inszenieren.

Fazit

So weit ich die hier vorgestellten Organisationen kenne, sind es moderne, lernende Organisationen, deren Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter (ob ehren- oder hauptamtlich) ständig dazu lernen. Deshalb gehe ich auch davon aus, dass sie mir einerseits meine kritischen Ausführungen nicht krumm nehmen und andererseits mit Facebook als ein Social Networking Dienst auch ihre lernenden Erfahrungen machen. Auf die Frage, wie denn nun ein Online-Engagementangebot bei Facebook gestrickt sein muss, lässt sich demgemäß aber auch nicht einfach antworten. Die Standardantwort wäre: Man muss eben seine eigenen Erfahrungen machen.

Was sich allerdings aus den — recht oberflächlichen — Analysen der zwei Engagementangebote, gepaart mit meiner einführenden These, lesen lässt, ist dass vor allem eine vorausgehende Planung und zu Grunde liegende Strategie wichtig ist. Es darf einfach nicht passieren, dass engagierte Freiwillige abgewiesen werden müssen — anders ausgedrückt: es muss für alle genug da sein.

Zweitens halte ich eine klare Engagementofferte für sinnvoller als Diskussionsangebote. Freilich sind streitbare Äußerungen auch eine Möglichkeit des Stakeholder-Einbezugs, doch finde ich sie bei Engagementangeboten eher fehl am Platze. M.E. sollte ein Engagementangebot, das über einen Medienkanal wie Facebook verbreitet wird, die Bequemlichkeit der Nutzenden respektieren. Erfahrungsgemäß ist es häufiger das Ziel der Nutzenden, sich zu informieren, als weitreichende Diskussionen vom Zaun zu brechen. Aktive, direkte Formulierungen, die die (beinahe magische) 140-Zeichen-Grenze nicht überschreiten, sind m.E. erfolgversprechender als passive, indirekt formulierte Posts, die mehr Fragen auslösen als sie Antworten (Informationen) geben.

Schlussendlich halte ich es (drittens) für sehr sinnvoll, offiziell über den Verlauf des Projektes bzw. Vorhabens zu berichten und Danke zu sagen. Die Strategie von 2aid.org, ihre Mitarbeitenden als Personen auftreten zu lassen, ist sicherlich sinnvoll, zumal so auch diverser Content produziert wird, doch können corporate Updates über den Verlauf für alle, die das Projekt verfolgen (Das schließt die Liker mit ein!) ein Ansporn sein, sich das nächste Mal (wieder) aktiv einzumischen.