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Mein ehemaliger Professor für politische Systeme Dr. Wolf Wagner war so freundlich, das von mir als “teutonisch” bezeichnete Feedback auf meine Seminararbeit zu “Scrum for Science” auf einer Metaebene zu analysieren. Wolf Wagner hat sich vor allem im ersten Teil seiner wissenschaftlichen Laufbahn kritisch mit den Schriften Karl Marx’ auseinander gesetzt. Seine Analyse der marxistisch geladenen Kritik an der These, Wissenschaft und Forschung seien die Grundlage für die Entwicklung der Wirtschaft und Gesellschaft, verleiht das m.E. besonderes Gewicht. Und auch sonst finde die Analyse sehr lesens- und entsprechend teileneswert. Vielen Dank lieber Wolf!

Metaanalyse der Rückmeldung von Prof. Dr. Kirsten Lehmkuhl zur Seminararbeit von Hannes Jähnert zu SCRUM

Wolf Wagner (CC-Wikipedia)Es gibt selten eine so ausführliche und wertschätzende und zugleich kritische Rückmeldung zu einer Seminararbeit. Dies spricht für die Autorin und gegen die These Jähnerts, die Uni erfülle nicht ihre Funktion.

Die Gutachterin wirft Jähnert vor allem vor, dass er unzulässig vereinfache, nämlich dass Wissenschaft und Forschung die Grundlage für die Entwicklung der Wirtschaft und Gesellschaft seien. Sie setzt dagegen:

„Grundlage ist aber die Dynamik der wirtschaftlichen Wertschöpfung und die Aneignung des Mehrwerts durch die kapitalistischen Betriebe auf der einen Seite“ …

„Auf der anderen Seite entwickelt sich Gesellschaft ebenfalls nicht durch die Universitären Institutionen, sondern dadurch, dass sie durch politische Entscheidungen dafür sorgt, dass alle BürgerInnen am produzierten Reichtum … partizipieren.“

Wenn man schon auf Marx rekurriert und seine Wertanalyse als eine gültige Beschreibung der heutigen Weltwirtschaft zugrunde legt, dann muss man auch berücksichtigen, dass Marx immer beide Seiten des Produktionsprozesses sieht, den Arbeitsprozess bei der Produktion von Gebrauchswerten und den Wertschöpfungsprozess bei der Produktion von Tauschwerten. Gesellschaftliche Entwicklung bedeutet nicht die einfache Reproduktion auf gegebenem Niveau, sondern erweiterte Reproduktion und Investitionen. Diese können mehr vom Gleichen sein. Dann ist es keine gesellschaftliche Entwicklung, sondern Expansion. Entwicklung bedeutet Veränderung von Qualität. Wenn wir von Qualität reden, sind wir auf der Gebrauchswertseite, beim Arbeitsprozess. Es müssen neue Verfahren und/oder neue Produkte vorliegen, damit man sinnvoller Weise von Entwicklung sprechen kann. Für die ist — wieder marxistisch gesprochen — der Einsatz von Mehrwert zwar logische Voraussetzung aber nicht hinreichender Grund. Es müssen Neuentwicklungen hinzukommen und wo sollen die herkommen, außer aus Forschung und Wissenschaft? Wenn die Universitäten dabei weitgehend versagen, wie Jähnert behauptet, müssen sie anderswo herkommen. Dass sie dann aus den riesigen „Forschungs- und Entwicklungsabteilungen“ oder aus dem „Sektor kleiner innovativer Bastelbuden und Start-Ups“ kommen, ändert nichts daran, dass diese selbstverständlich auch Forschung und Wissenschaft sind, was die These nur bestätigt, dass diese Grundlage der gesellschaftlichen Entwicklung sind.

Die Gutachterin widerspricht sich auch in ihrer Umverteilungsthese:

„Auf diesen Abgaben/dieser Umverteilung von Mehrwertbestandteilen aus der kapitalistischen (Reichtums-)Produktion basiert (Grundlage!) eine Gesellschaft, die mit Bildung, Infrastruktur für Datentransfer und Verkehr, Medien, Gesundheitsversorgung und sozialer Sicherheit für einen Lebensstandard und eine Produktivität der arbeitenden Bevölkerung sorgt, die ihresgleichen sucht und einen — zumindest in den Jahrzehnten zwischen den 50er und 70er Jahren für einen relativ stabilen Rahmen ihrer Produktionsweise gesorgt hat.“

In der Marx‘schen Analyse würden „Bildung, Infrastruktur für Datentransfer und Verkehr, Medien, Gesundheitsversorgung und sozialer Sicherheit“ durchweg nicht zum Mehrwert zählen, da sie Teile der Reproduktionskosten der Arbeitskraft sind. Dass sich diese von Generation zu Generation qualitativ und quantitativ steigern, ist einerseits nach Marx dem Klassenkampf geschuldet, andererseits ein kulturell bestimmter Anteil sind und damit zum variablen Kapital zählen, der unter anderem durch die Steigerung der Produktivkraft der Arbeit erzeugt wird. Allein diese stammt aus dem Mehrwert, aus den Investitionen in qualitative Veränderungen und Rationalisierungen des Arbeitsprozesses — also aus Wissenschaft und Forschung. Die muss nicht universitär sein. Doch können sich Betriebe keine Grundlagenforschung leisten. Diese wird nur an Hochschulen und anderen staatlich finanzierten Forschungseinrichtungen geleistet.

Bei ihrer Kritik an der Forderung, Deutschland müsse den Status eines Exportweltmeisters bewahren, wechselt die Gutachterin vom ökonomischen ins moralische Fach. Rein ökonomisch gesehen bieten Exportüberschüsse durchaus die Möglichkeit, durch weitere Investitionen in Wissenschaft und Forschung also weitere gesellschaftliche Entwicklung den Produktivitätsvorsprung gegen die internationale Konkurrenz zu wahren. Die Kritik, dass damit „andere Länder in wirtschaftliche Schwierigkeiten“ getrieben würden, „in unterentwickelten Ländern gar bis zum völligen Erliegen wirtschaftlicher Entwicklung, in Teilen Afrikas zum Beispiel zur Hungersnot“ führe, ist keine Widerlegung des ökonomischen Arguments. Im Übrigen ist sie sachlich falsch: Es sind die Agrarsubventionen in USA und Europa, die es möglich machen, Agrarprodukte in Drittweltländern so billig zu verkaufen, dass sogar die dortigen sachlichen Gestehungskosten (also ohne die Löhne einzurechnen) unterboten werden. Dazu kommen noch Handelsbeschränkungen (Einfuhrquoten) der Industrieländer als hauptsächliche wirtschaftliche Ursachen der Unterentwicklung in der Welt.

Die Argumentation „Aber auch Portugal, Irland und Griechenland geraten in massive Schieflagen, wenn Exportströme, d.h. Weltmarktanteile, so klar und einseitig verteilt sind“ ist auch falsch: Man kann nur kaufen, wenn man auch verkauft. Wer wenig verkauft, kann dementsprechend wenig kaufen. Wer dennoch mehr kauft, gerät in Schulden. Das gilt für alle Länder, gleichgültig wie reich oder arm sie sind. Wenn sich Länder gegen alle Vernunft spekulativ überschulden, liegt das nicht an dem Exportüberschuss Deutschlands. Aus diesem werden bestenfalls Kredite finanziert. Der Expotüberschuss besteht im Übrigen seit dem Beginn des Wirtschaftswunders und hat in all der Zeit seither keine solchen Probleme erzeugt. Jedenfalls ist damit die These von Wissenschaft und Forschung als Grundlage der gesellschaftlichen Entwicklung nicht berührt.

Bei der Analyse der Probleme der Wissenschaft kritisiert die Gutachterin, dass die Universitätsangehörigen nicht zur Elite des Landes zählen würden. Damit hat sie vollkommen Recht. Doch das trifft nicht die Kritik des Herrn Jähnert am Wissenschaftssystem. Mit „Elitenzuwahl“ ist nicht gemeint, dass die Hochschullehrer die Elite Deutschlands ausmachen, sondern dass sich die Hochschullehrer ihre späteren Kollegen und Kolleginnen selbst aussuchen und dabei dazu neigen, sich keine allzu scharfe Konkurrenz ins Haus zu holen, also eher Mittelmaß zu fördern. Der Hauptkritikpunkt Jähnerts liegt jedoch in der Vernachlässigung des „verrückten“ und der einseitigen Überbetonung des „pedantischen“ Denkens. Auf diesen wichtigsten Punkt geht die Gutachterin gar nicht ein. „SCRUM“ wird von Jähnert aber gerade aus diesem Grund als eine strategisch entscheidende Möglichkeit gesehen, weil es das „verrückte“ Denken ermutigt und neue Wege ermöglicht.

Auf die von der Gutachterin angenommenen, etwas verschwörungstheoretisch anmutenden verschlungenen Wege der Verwertung von wissenschaftlichen Erkenntnissen kommt es Jähnert gar nicht an. Sein Problem ist, dass die Forschungsinstitutionen in Deutschland großenteils so selbstbezüglich auf innerinstitutionelle Reputationskriterien ausgelegt sind, die vor allem an Exaktheitskriterien ausgerichtet sind, dass Kreativität schon im Ansatz erschwert, wenn nicht verhindert wird. Die Kritik der Gutachterin, die

„Stärkung der Exportwirtschaft durch universitäre Innovationsförderung, käme einem Offenbarungseid der demokratischen Verfassung und Selbstverwaltung unserer Gesellschaft gleich“

geht am Hauptargument Jähnerts vorbei und ist verfassungsrechtlich unhaltbar, denn die Freiheit von Lehre und Forschung schließt eine staatliche Anstrengung um effizientere und gesellschaftlich nützlichere Hochschulen in keiner Weise aus. Siehe dazu die Rechtsprechung des Bundesverfassungsgerichts zum brandenburgischen Hochschulgesetz (Beschluss vom 26. Oktober 2004 BVerfGE 111, 333-365, Absatz 159):

“Solange der Gesetzgeber ein in diesem Sinne hinreichendes Maß an organisatorischer Selbstbestimmung der Grundrechtsträger sicherstellt, ist er frei, den Wissenschaftsbetrieb nach seinem Ermessen zu regeln, um die unterschiedlichen Aufgaben der Wissenschaftseinrichtungen und die Interessen aller daran Beteiligten in Wahrnehmung seiner gesamtgesellschaftlichen Verantwortung in angemessenen Ausgleich zu bringen (vgl. BVerfGE 35, 79 <116, 120>; 47, 327 <404>; 93, 85 <95>).

Für diese Aufgabe ist der parlamentarische Gesetzgeber besser geeignet als die an speziellen Interessen orientierten Träger der Wissenschaftsfreiheit. Er ist dabei weder an überkommene hochschulorganisatorische Strukturen noch an deren einzelne Elemente gebunden. Der Gesetzgeber darf nicht nur neue Modelle und Steuerungstechniken entwickeln und erproben (vgl. BVerfGE 47, 327 <404>: “Wissenschaftsmanagement”), vielmehr ist er sogar verpflichtet, bisherige Organisationsformen kritisch zu beobachten und zeitgemäß zu reformieren (vgl. BVerfGE 35, 79 <117>).“