Ende letzten Jahres publizierte die TU-Dortmund einen ersten Kurzbericht ihrer Studie zu „Erwerbsarbeit und Ehrenamt in der Bundesrepublik Deutschland und in Nordrhein-Westfalen“. Im Auftrag des Nordrhein-Westfälischen Ministeriums für Arbeit, Integration und Soziales sollte dem Zusammenhang von freiwilligem Engagement und abhängiger Beschäftigung nachgegangen werden. Im Fokus des Interesses stand vor allem die Frage, „in welchen Umfang und in welchen Feldern erwerbstätige Personen sich ehrenamtlich engagieren“ (Bärmer et al. 2011: 5). Ziel der Studie war es, die hier offene Forschungslücke zu schließen und „Grundlagen für Maßnahmenentwicklung zur Förderung der Freiwilligentätigkeit zu schaffen“ (ebd.).

Es sei schon hier voraus geschickt, dass ich regelmäßigen Leser!nnen meines Weblogs sowie aufmerksamen Leser!nnen der letzten beiden Freiwilligensurveys an dieser Stelle keine gänzlich neuen Erkenntnisse präsentieren kann. Der Zusammenhang zwischen freiwilligem Engagement mit (formaler) Bildung wird in der vorliegenden Studie ebenso bestätigt wie die Erkenntnis, dass Vollzeitbeschäftigung ganz offenbar kein Hindernis für freiwilliges Engagement ist. Nichtsdestotrotz ziehen die Autor!nnen dieses ersten Kurzberichtes ein bemerkenswerter Schluss, der mich die These von der notwendigen Flexiblisierung freiwilligen Engagements, die auch ich nicht selten vortrage, hinterfragen lässt.

Eine kurze Zusammenfassung der Ergebnisse:

Das freiwillige Engagement abhängig Beschäftigter ist in den letzten Jahren deutlich angestiegen. Von den 10.157 Befragten gaben 2.804 an, einer Freiwilligentätigkeit nachzugehen; das sind 27,6% — 9,6% mehr als noch in 1999. Zugenommen hat außerdem die Quote jener Erwerbstätigen, die momentan zwar keiner Freiwilligentätigkeit nachgehen, innerhalb der letzten 15 Jahre aber engagiert waren (1999: 11,3% | 2011: 21,1%). Und auch das Engagementpotential ist unter den Befragten nicht eben gering: Gaben in 1999 gerade 3,5% der nicht engagierten Befragten an, sich künftig Engagieren zu wollen, waren es in 2011 schon 14,5%. Damit wird hier erneut bestätigt, dass von einer „Krise des Ehrenamts“ auch in diesem Bereich nicht die Rede sein kann (Brämer et al. 2011: 6). Allerdings ist an dieser Stelle darauf hinzuweisen, dass weder frühere Engagements noch die momentane Engagementbereitschaft mit der künftigen Übernahme einer Freiwilligentätigkeit einhergehen müssen. Und dennoch: es kann wohl niemand bestreiten, „dass eine grundsätzlich positive Einstellung zum Engagement eine Voraussetzung zur Aufnahme einer freiwilligen Tätigkeit ist“ (Gensicke/Geiss 2010: 128).

Als Tätigkeitsfelder ihres freiwilligen Engagements gaben die Befragten am häufigsten die Bereich Sport (30,8%) und  Kirche (24,1%) an. An dritter Stelle folgt mit 14,9% der Rettungsdienst, an vierter Stelle mit 14,1% der Bereich Kultur und an fünfter Stelle mit gerade 4,5% die politische Interessenvertretung. Für jene Bereiche, für die auch Daten aus einer Erhebung von 1999 vorliegen, kann auf der einen Seite ein deutlicher Anstieg um 3,8% im Rettungswesen und 7% im Sport, bei der politischen Interessenvertretung auf der anderen Seite ein massiver Rückgang um 9,8% verzeichnet werden. Dass sich die Daten hier nicht mit denen des Freiwilligensurveys decken, der im Bereich Sport einerseits einen deutlichen Rückgang des Engagements seit 1999 und im Bereich politische Interessenvertretung andererseits einen messbaren Anstieg verzeichnet (Gensicke/Geiss 2010: 136), ist auf die spezifische Untersuchungsgruppe zurückzuführen und trägt dem Ziel der Untersuchung, eine Datenlücke der Engagementforschung zu schließen, insofern Rechnung.

Überdies werfen Brämer et al. auch einen wertvollen Blick auf die Geschlechterverteilung in den unterschiedlichen Engagementbereichen und bestätigen hier wiederum den Befund, dass der mehr oder weniger freiwilligen Arbeitsteilung zwischen den Geschlechtern im Privaten auch im freiwilligen Engagement kein Alternativmodell entgegengesetzt wird (Gensicke/Geiss 2010: 167). Während im männlichen Engagement eher die Außenwirkung im Vordergrund steht, sind Frauen häufiger in den Engagementbereichen mit Familienbezug zu finden:

Für Männer stehen der Sport (39,5%), das Rettungswesen (21,0%), die Kirche (14,4%) und die Kultur (13,6%) auf den ersten vier Rängen. […] Bei [den Frauen] rangieren die Kirche (25,1%), der Sport (24,3%), die Bildung (15,3%) und die Kultur auf den ersten vier Plätzen. Der Bereich des Sozialen (12,8%) folgt knapp dahinter auf dem fünften Platz (Brämer et al. 2011: 7).

Von besonderem Interesse stellen sich nun die Befunde zum Zusammenhang von (formaler) Bildung, Berufsprofil und dem Ausmaß des freiwilligen Engagements dar. Es ist wohl bekannt, das formal höher Gebildete mit gehobenem Berufsprofil relativ häufig einem freiwilligen Engagement nachgehen. Wie im Freiwilligensurvey erklären auch Brämer et al. die relativ hohen Engagementquoten höher gebildeter und entsprechend Angestellter mit der häufig damit einhergehenden Möglichkeit flexibler Arbeitszeitgestaltung bzw. „zeitlicher und räumlicher Dispositionsspielräume“ (ebd. 2011: 13; Gensicke/Geiss 2010: 278), stellen allerdings heraus, dass

[d]ie zeitlichen Dispositionsspielräume … nicht durch Arbeitszeitflexibilisierung schlechthin aufgebaut [werden], sondern durch eine mit Arbeitszeitkonten eindeutig beschreibbare spezifische Form der Arbeitszeitflexibilisierung, die in den letzten Jahren kontinuierlich ausgebaut und für die überwiegende Mehrheit der darin involvierten Beschäftigten gut geregelt wurde. Es ist diese spezielle Form von ‘regulierter Flexibilität’, die ehrenamtliches Engagement befördert und für den Zuwachs in den letzen 12 Jahren mitverantwortlich sein dürfte (Brämer et al. 2011: 13f.).

Zur These der Flexibilisierung freiwilligen Engagements

Die These, dass das freiwillige Engagement des 21. Jahrhunderts stärker flexibilisiert werden müsse, stützt sich vor allem auf die seit vielen Dekaden diskutierten Befunden der Individualisierungs- und Pluralisierungstendenzen moderner Gegenwartsgesellschaften. Vielfach war zum Ende des 20. Jahrhunderts die Rede von Peter Gross Multioptions- oder Ulrich Beck „Risiko-Gesellschaft“, einem Gesellschaftsentwurf in dem das Individuum aus einer Vielzahl von Möglichkeiten wählen muss, wobei jede Wahl auch eine Abwahl und damit ein Risiko bedeutet. Vielfach diskutiert wurde auch der Befund Ronald Hitzlers, der Mensch sei in der zweiten Moderne nicht mehr eingebettet (In Anschluss an Anthony Giddens sei er „disembedded“) und müsse sich dementsprechend selbst irgendwo wieder zuordnen („reembedding“) (Hitzler 1998: 84).  Und nicht zuletzt sind auch die Studien Hartmut Rosas zur Beschleunigung in der Moderne zu nennen. Auf der Grundlage der Untersuchung technischer Beschleunigung (Produktion & Distribution), der Beschleunigung des sozialen Wandels (Handlungsorientierungen & Praxisformen) sowie der Beschleunigung des Lebenstempos (einzelne Handlungssequenzen bspw. ‚ein Buch lesen‘, ‚einen Brief schreiben‘ usf.) postuliert Rosa eine Gesellschaft, die in ihrer Zeitstruktur durch „Kurz-Kurz-Muster“ gekennzeichnet ist und sich „als eine gleichermaßen erlebnisreiche wie erfahrungsarme Gesellschaft erweisen könnte“ (ebd. 2005: 470).

Das freiwillige Engagement als grundsätzlich selbstgewählte Tätigkeit, die stets in den individuellen Lebensentwurf eingepasst werden muss, kann diesen gesellschaftlichen Tendenzen nicht als eine Art Bollwerk des Konservatismus entgegen gesetzt werden. Denn so werden schließlich jene, die sich nicht mehr mit herkömmlichen Modellen steter Freiwilligenarbeit arrangieren können oder wollen, von der zivilgesellschaftlichen Teilhabe in etablierten Organisationen des Dritten Sektors ausgeschlossen. Eben deshalb — das die These — müssen die aktuellen gesellschaftlichen Tendenzen der Individualisierung und Pluralisierung in produktiver Weise aufgenommen werden, um so auch jenen ein freiwilliges — zivilgesellschaftliches — Engagement zu ermöglichen, denen es bisher versagt blieb.

Gemeint ist dabei nicht nur ‚die Jugend‘, die recht häufig als ‚Generation 2.0‘ und damit als große Unbekannte entworfen wird. Gemeint sind auch junge Erwachsene (und vor allem Frauen), im Übergang von der Schule zum Beruf bzw. zum Studium. Gemeint sind auch Menschen mit Behinderung, die sich nicht ohne Weiteres auf dem üblichen Wege einbringen können. Kurzum: Die Adressaten neuer Wege des freiwilligen Engagements sind jene, deren Engagement bisher nicht allzu nahe lag (z.B. Menschen mit Behinderung im Breitensport).

Online-Volunteering: Engagement für busy people?!

Das Online-Volunteering als ein möglicher neuer Weg des freiwilligen Engagements wurde bereits Mitte der 1990er Jahre in einem US-amerikanischen Pilotprojekt für das strategische Freiwilligenmanagement entwickelt. Seither hat sich das freiwillige Online-Engagement im angelsächsischen Sprachraum weitgehend etabliert. Es gehört dort zum guten Ton der Freiwilligenarbeit, Interessierten auch ein Engagement über das Internet von zu Hause, von Arbeit oder von unterwegs aus möglich zu machen. Zudem ist das Online-Volunteering in den letzten Jahren auch von unterschiedlichen Entrepreneurs aufgegriffen und als „Micro-Volunteering“ gehyped worden. Die Versprechen dabei: „Change the World in just your pyjamas“ (helpfromhome.org) oder „Online-Volunteering for busy people” (Sparked.com).

Vor allem Spaked.com scheint sich darauf eingeschossen zu haben, das Micro-Volunteering mit einer möglichst klaren USP zu vermarkten. Angesichts der oben dargestellten Fakten läuft das busy people Argument aber ins Leere. Es sind ja vor allem die sehr gut ausgebildeten, schwer beschäftigten Familienväter, die mehr Stunden freiwillige Arbeit leisten als jene mit niedrigerer Wochenarbeitszeit (Brämer et al. 11ff.). Können mit dem Online- und Micro-Volunteering also doch ‚nur‘ die erreicht werden, die sich ohnehin schon engagieren? Sind es also nicht doch wieder die ‚üblichen Verdächtigen‘, denen auf diesem Wege noch ein bisschen mehr Arbeit mit nach Hause gegeben wird?

Mit Blick auf die wenigen Statistiken, die diesbezüglich zum Online-Volunteering vorliegen, steht in der Tat zu befürchten, dass den busy people hier eine bequeme Alternative angeboten und der Konkurrenzkampf um die zivilgesellschaftliche Ressource freiwilliges Engagement damit verstärkt wird. Sowohl die Statistik der United Nation Volunteers zum Online-Volunteering als auch die der Standby Task Force weisen darauf hin, dass die Engagierten im Mittel über 30 Jahre sind und — das legt wiederum ihr Engagement selbst nahe — eher höher gebildet und finanziell entsprechend abgesichert sind.

So stellt sich also die Frage, ob das Online- und Micro-Volunteering tatsächlich ein neuer Weg des freiwilligen Engagements sein kann — ob damit also mehr Menschen ein Engagement ermöglicht wird oder ob es nicht doch wieder die gleichen sind, die sich nunmehr auf einem anderen Weg engagieren. Meine kurze Antwort hierzu ist ein klares „Jain“. Einerseits bedeutet das bloße Möglich-machen des freiwilligen Online-Engagements noch nicht, dass sich mehr Menschen engagieren, andererseits scheint das Online-Volunteering weiterhin ein möglicher Weg, jenen ein Engagement zu  ermöglichen, denen es bisher versagt blieb. So sind Frauen zwischen 20 und 35 Jahren im freiwilligen Engagement bekanntermaßen dramatisch Unterrepräsentiert, in den genannten Statistiken zum Online-Volunteering aber leicht in der Mehrzahl. Sicherlich hat dies einerseits damit zu tun, dass sich das freiwillige Engagement über das Internet besser in den Lebensalltag junger Frauen integrieren lässt, der nicht nur von Berufstätigkeit sondern häufig auch von Haus- und Familienarbeit geprägt ist. Vielleicht ist das Online-Volunteering aber auch ein Weg sich fern der Geschlechtlichkeit — die bei der (mithin anonymen) Erledigung von Engagements ja zunächst keine Rolle spielt – einzubringen …