Erst gestern fand ich in meinem Briefkasten die neue Ausgabe der merz (Zeitschrift für Medien und Erziehung), in der sich ein lesenswerter Beitrag zu “Beziehungen in virtuellen Räumen” findet. Einige zentrale Gedanken aus diesem Beitrag will ich gern noch in die (eigentlich beendete) NPO-Blogparade zum Thema “Social Media für die Bürgergesellschaft” geben. Wie in meinem ersten Beitrag zu dieser NPO-Blogparade spielen auch hier neue Formen der Vergemeinschaftung eine wesentliche Rolle …

Wenn es um die Zukunft unserer Bürger- und Zivilgesellschaft geht, wird nicht selten auf ‘die Jugend’ — die Generation 2.0 — verwiesen. Junge Menschen sind es, die fortsetzen sollen, was ‘die Alten’ angefangen haben. Dass dieser Plan nicht so recht aufgeht, sehen wir am oft beklagten Nachwuchsmangel für Vorstandsämter. Es finden sich einfach immer weniger Engagierte, die weiterführen, was andere begonnen haben. Mit der Aussetzung des Wehr- und Wehrersatzdienstes hat sich das Problem nun auch noch verschärft. Spülte der Zivildienst früherer Tage junge Männer zu Hauf in den Dritten Sektor, ist die Entscheidung, auch nur einen Fuß in die Sphären traditionellen Freiwiligenengagements zu setzen, heute dem Einzelnen überlassen und steht damit mehr den je in Konkurrenz zu anderen (normalen?!) Freizeitbeschäftigungen.

In der aktuellen Ausgabe des BBE-Newsletters (8/2012) meldet sich der langjährige Jugendkulturforscher Klaus Farin zu Wort und attestiert etablierten Organisationen der deutschen Bürger- und Zivilgesellschaft schlechte Karten in diesem Konkurrenzkampf:

Dass jugendliches Engagement bisher an Parteien, Gewerkschaften, Amtskirchen und     zahlreichen traditionellen Jugendverbänden spurlos vorbeiweht, hat seine Ursache nicht in der Politik- und Institutionenfeindlichkeit der Jugend, sondern in der Jugendfeindlichkeit der Politik und der Institutionen – in ihrer autistischen Erstarrung zwischen taktischen Geplänkeln, tradierten Alt-Herren-Ritualen, bürokratischen Endlosschleifen und der Forderung nach bedingungsloser Anerkennung einer Autorität, die nicht oder nur historisch begründet wird und nicht tagtäglich neu verdient werden muss (Farin 2012: 6).

Wer also jugendliches Engagement aufnehmen will — so lässt sich resümieren –, muss andere Rahmenbedingungen erfüllen als etwa für das Engagement von Erwachsenen. Nicht nur, weil bei Jugendlichen Spaß und Kompetenzerwerb im Vordergrund stünden — das ist auch im Engagement von Erwachsenen nicht unwesentlich –, sondern vor allem weil junge Menschen in anderen Formen des Miteinanders leben, die der Verunsicherung ob ihrer Zukunftsperspektiven besser gerecht werden als Engagementkarrieren in hierarchisch strukturierten Sozialverbänden.

Über eben diese Gemeinschaften schreibt auch Christina Schachtner vom Institut für Medien- und Kommunikationswissenschaften an der Alpen-Adria-Universität Klagenfurt in der aktuellen Ausgabe der merz  (2/2012). Explizit befasst sich Schachtner in ihrem Beitrag mit “Beziehungen in virtuellen Räumen”. Ähnlich Farin postuliert sie einen bemerkenswerten Anspruch jugendlichen Engagements, der an der Realität des Dritten Sektors allerdings weitgehend vorbei zu wehen scheint:

Wir wollen etwas tun und wir wollen durch unser Tun etwas bewirken, etwas, das soziale  Haltepunkte schafft in einer Welt, in der das Herausfallen zu einer kollektiven Erfahrung  geworden ist (ebd.: 46).

Dreh und Angelpunkt der Förderung jugendlichen Engagements scheint also (einmal mehr) der Drang nach Gemeinschaft, Geborgenheit und Selbstverwirklichung bzw. Selbstwirksamkeit zu sein. Jugendliches Engagement — Engagement 2.0 — ist vorhanden. Jugendliche gestalten ihr Umfeld bereits mit den ihnen zur Verfügung stehenden Mitteln, indem sie sich bspw. im Internet darstellen und die Reaktionen anderer provozieren. Für Schachtner dokumentiert dies eine Art Selbstverwirklichung, die die tägliche Praxis der Selbstdarstellung im Social Web immer weiter vorantreibt.

Mit der öffentlichen Selbstdarstellung — an dessen Wie und Was Erwachsene nicht selten Anstoß nehmen — sind sehr fluide Formen der Anerkennung verbunden, die mit herkömmlichen Vorstellungen jugendlicher Gemeinschaft (Peer-Group, Clique etc.) nicht oder nur bedingt zu fassen sind; Anerkennungsformen, die Schachtner mit Kinderspielen wie ‘Guck-Guck’ oder ‘Da-und-Fort’ vergleicht:

Das Fort-und-Da kennzeichnet auch das Kommunizieren in virtuellen Foren und Chats.  Der andere äußert sich und verschwindet dann wieder von der Bildfläche. Meist weiß ich nicht wo er ist, wenn er nicht da ist; aber auf einmal ist er wieder da (ebd.: 44).

Jugendliche Gemeinschaft erwächst also nicht mehr nur aus dem physisch bedingten Einander-Kennen (Nachbarschaftskinder, Sandkastenliebe, Klassenkamerad!nnen usf.), sondern wird durch (Selbst-) Inszenierung hergestellt und aufrecht erhalten. Jugendliche Gemeinschaften sind damit fluide Inszenierungsphänomene, die kein Drinnen und Draußen, keine Hierarchie und keine Kompromisse kennen. Für den Einzelnen bilden sie relativ einfach (ab)wählbare “Teilzeitwelten” (Roland Hitzler), die dort Gemeinschaft und Geborgenheit bieten, wo der Individualisierungsdruck moderner Gegenwartsgesellschaften neue Vorstellungen des Miteinanders kreiert,

  • die Kollektivität und Individualität miteinander versöhnen,
  • die keine dauerhafte Einbindung vorsehen,
  • die Zugehörigkeit und ein Gefühl des Aufgehobenseins auch bei kurzfristigen Engagements versprechen und
  • die einen neuen Begriff von Heimat nahe legen, der nicht an einen geographischen Ort geknüpft ist, sondern einzig an den Ort, wo Freunde sind (Schachtner 2012: 45).

Wie nun aber umgehen mit dieser neuen Stammeskultur (Michel Maffesoli)? Jugendliche gelten heute als sehr pragmatisch. Diese Generation greift nicht nach Utopien, wie es die 68er noch taten, sondern setzt auf das Machbare. Sicherlich ist das freiwillige Engagement eine Option, Haltepunkte in einer Welt zu schaffen, in der Flexibilität und Individualität als Maß aller Dinge verkauft werden, doch scheint es eben nicht die naheliegendste zu sein. Die Welt der Sozialen Medien dagegen bietet, was Farin (ebd.: 3f.) zufolge jugendliches Engagement beflügelt:

  1. Keine (festen) Hierarchien
  2. Spaß-Kultur — kein Stress!
  3. Freundschaften — der Weg ist das Ziel
  4. Keine Taktik, keine Kompromisse
  5. Action statt Schulungskurse
  6. Realistische Ziele
  7. Engagement auf Zeit

Eben diese Strukturen, in denen sich Jugendliche und junge Erwachsene schon heute engagieren, sind es, die die Bürgergesellschaft vor große Herausforderungen stellen. Das Fehlen fester — “nicht oder nur historisch begründeter” — Hierarchien steht im krassen Gegensatz zur Verhasstheit traditioneller Dritt-Sektor-Organisationen und der Spaß am Engagement endet oft dort, wo Kompromisse ausgehandelt werden müssen. Engagement auf Zeit und konkret fassbare Ziele sind im herkömmlichen Freiwilligenengagement die Ausnahme währenddessen Verbands-Taktik und dauerhafte Bindung zur Regel gehören.

Nun bin ich sicher nicht derjenige, der dafür plädiert, den Dritten Sektor vollständig auf den Kopf zu stellen. Ich bin davon überzeugt, dass die “jugendfeindlichen” Strukturen bürgerschaftlicher Selbstorganisation ihre Daseinsberechtigung haben, weil ich weiß, dass sich viele Menschen gerade hier wohlfühlen. Wer allerdings Jugendlichen nicht erst in Zukunft einen Zugang zum freiwilligen Engagement ermöglichen will, muss die gewachsenen Organisationsstrukturen weiterentwickeln und entsprechende Zugänge schaffen. Die Welt der Sozialen Medien bietet dafür zweifelsohne einen Raum, in dem die Inszenierung sozialer Themen möglich ist und Anknüpfungspunkte für sporadisches Jugendengagement angeboten werden können.