Anhand der Studien Hartmut Rosas zur Beschleunigung in der Moderne habe ich in den letzten beiden Teilen meiner Reihe zur Zukunft des freiwilligen Engagements („Beschleunigung“ & „kostenloses Engagement“) gezeigt, dass die Kosten für ein Engagement seitens der Freiwilligenorganisationen dem postmodernen homo oeconomicus immer noch viel zu hoch zu sein scheinen. Die Angabe, keine Zeit (mehr) für ein freiwilliges Engagement zu haben (bspw. Gensicke/Geiss 2010: 143ff.), hat sich im Zuge der Betrachtung als Symptom der Beschleunigung herausgestellt. Nicht etwa, weil das Freizeitbudget des postmodernen Menschen tatsächlich schrumpfen würde (eher Gegenteiliges ist der Fall) — viel eher ist es die aus der gesellschaftlichen Beschleunigung resultierende gefühlte Zeitnot, die uns die Entscheidung für ein stetes Ehrenamt schwer werden lässt.

Wie Ulrich Beck in seinem Konzept der Risikogesellschaft festhält, beinhaltet die Entscheidung für eine Handlungsoption immer auch die, gegen alle anderen. Während ich bspw. an diesem Text arbeite, verfolge ich nicht die Tweets und Statusmeldungen meiner Netzwerkkontakte und laufe somit Gefahr, eine ‚wichtige‘ Meldung (vll. ein Jobangebot) zu verpassen. Um dieses Risiko zu minimieren und dennoch sein produktiv zu können, übe ich mich in dem, was man allgemein als Multitasking bezeichnet: Ich mache kurze Schreibpausen und schaue bei Twitter und Facebook vorbei bzw.  achte auf die Alert-Mails (automatische Benachrichtigungen via E-Mail), die mich als Zeitsparmaschinen, als die ich sie eingerichtet habe, paradoxer Weise zeitlich stark beanspruchen. Durch diese ablenkenden Ausflüge brauche ich immer wieder einige Zeit, um in den Schreibfluss zu kommen, was die Arbeit am Text in die Länge zieht. Da das Surfen im Social Web und das Schreiben dieses Textes im Grunde zwei unterschiedliche Tätigkeits- und Erlebnissphären darstellen und am Ende des Tages von mir auch als solche erinnert werden („Kurz-Kurz-Muster“), wird mich heute Abend wohl das Gefühl beschleichen, eine halbe Ewigkeit für diese paar Seiten Text gebraucht zu haben, woraus wiederum ein gewisser Nachholbedarf dessen erwächst, was ich möglicher Weise verpasst habe. Da der Tag aber nur 24 Stunden hat, bleibt mir schlussendlich das Gefühl, keine Zeit mehr für das zu haben, was ich eigentlich gern tun würde, weil ich zuerst tue, was ich glaube, tun zu müssen: Einen Text schreiben und gleichzeitig auf dem Laufenden bleiben.

Was Sascha Lobo in seiner Kolumne die Mensch-Maschine kürzlich als Prokrastination bezeichnete, stellt sich hier als etwas dar, das Rosa (2005: 297) in Anschluss an Niklas Luhmann als Temporalisierung von Komplexität bezeichnet: Der postmoderne Mensch registriert seine Handlungsoptionen und wägt sie nach Machbarkeit ab. Er (oder sie) entscheidet sich schließlich für das, was momentan möglich erscheint und schiebt alles andere auf. Eben deshalb, so habe ich im ersten Teil dieser Reihe gezeigt, sieht der postmoderne Mensch eher Fern und surft im Social Web, als dass er (oder sie) sich ehrenamtlich engagieren würde.

Im zweiten Teil dieser Reihe habe ich demgemäß die Möglichkeiten betont, freiwilliges Engagement friktionslos zu gestalten — heißt, die Kosten, die Engagierte mit einem Ehrenamt verbinden, soweit zu senken, dass der Return on Engagement überwiegt und die Handlungsoption Ehrenamt als ‚die beste‘ Wahl erscheint. Als problematisch hat sich dabei herausgestellt, dass die Returnversprechungen „Spaß haben“, „Wirkungsmacht“, „neue Leute kennen lernen“ usw. viel zu abstrakt sind, als dass das Ehrenamt mit ihnen ‚vermarktet‘ werden könnte. Und auch die diskursive Hervorhebung der Wichtigkeit bzw. des gesellschaftlichen Nutzens freiwilligen Engagements anhand krisenhafter Erscheinungen unserer Zeit, die Daniela Neumann im Rahmen ihrer Dissertation untersucht, führen nicht zum gewünschten Ergebnis (mehr Engagierte); vielmehr scheinen sie ein hohles Echo in Gestalt engagementfreundlicher Stimmung und hoher Engagementbereitschaft zu erzeugen.

Die Fragen, die sich demnach hier anschließen lauten: Wie lässt sich der Return on Engagement konkret erlebbar gestalten? Was müssen Freiwilligenorganisationen tun, um die nächste Generation der bislang vor allem Engagementwilligen jungen Erwachsenen zu erreichen? Und welche Folgen könnten damit verbunden sein? Bevor ich auf die letzte Frage nach den möglichen Folgen neuen Freiwilligenengagements eingehen kann, will ich in diesem dritten Teil einen Lösungsvorschlag für die ersten beiden Fragen formulieren. Als These notierte ich dafür im letzten Teil: „Engagementförderung besteht nicht darin, abstrakte Versprechungen vom Ehrenamt zu vermarkten, sondern darin, den Return on Engagement erlebbar zu machen.“

Das gute Gefühl erlebbar machen

Der postmoderne homo oeconomicus ist sicherlich kein perfekter Entscheider. Angesichts der Fülle und Vielfalt von Informationen, die der Mensch im spätmodernen Internetzeitalter tagtäglich registrieren, selektieren und verarbeiten muss, ist er (oder sie) auf vereinfachende Heuristiken angewiesen (dazu Bühler 2010: 33). Das subjektive Empfinden wie auch Emotionen und mentale Modelle bilden dabei wesentliche Entscheidungsgrundlagen für oder gegen ein freiwilliges Engagement. Abstrakte Versprechungen von „Spaß“, „Wirkungsmacht“ und „Gemeinschaft“ müssen hier ins Leere laufen, weil die emotionale Verknüpfung zu diesen Kategorien individuell verschieden ist. Was ein Sportkletterer unter Spaß versteht, kann für den Schachspieler eine Höllenqual sein, was eine Politikerin unter Wirkungsmacht versteht, erscheint ihrer Kritikerin als Getrieben-Werden und unter Gemeinschaft resp. „Sozialkapital“ verstehen die einen ‚Vitamin B‘, die anderen den Garant für ein gutes Zusammenleben.

Eben diese unterschiedlichen Verknüpfungen machen das Erleben des Return on Engagements notwendig. Wie wir in der betterplace LAB Studie zum freiwilligen Engagement in Deutschland zeigten (Jähnert/Breidenbach/Buchmann 2011: 33f.), ist es eben dieser gefühlte Return on Engagement, der Freiwillige in ihrem Engagement motiviert und der m.E. nun auch den Schlüssel zur Förderung freiwilligen Engagements darstellt. Insbesondere, weil Stetigkeit und Dauer eines Engagements keine zwingenden Voraussetzungen für das Erleben dieses Returns darstellen — im Zuge steigender Mobilitäts- und Flexibilitätsanforderungen ist eher vom Gegenteil auszugehen (Petersen 2012: 60ff.) — scheint die Beschleunigung von Freiwilligenengagements im Sinne der biographischen bzw. nun situativen Passung (á la Fernsehen) durchaus angebracht.

Werner Kerschbaum, seines Zeichens stellvertretender Generalsekretär des österreichischen Roten Kreuzes, regte auf dem Münsteraner Zukunftskongress des DRK Ende vergangenen Jahres diesbezüglich an, Freiwilligenorganisationen metaphorisch als Flughäfen zu verstehen, bei denen (a) ein ständiges Kommen und Gehen und (b) ein striktes Management herrscht. Die Flugzeuge stellen in diesem Bild die Freiwilligen, die Lotsen im Tower das Freiwilligenmanagement dar. Insbesondere der Landeanflug war für Kerschbaum von besonderem Interesse. Auch ich will dieses Bild hier gern ‚ausmahlen‘. Dabei sei allerdings darauf hingewiesen, dass die Flugzeuglandung nicht losgelöst vom lotsenden Tower (dem Freiwilligenmanagement) und dem koordinierten Abflug (Starterlaubnis) gedacht werden kann.

Nach Hartmut Rosa ist die spät- oder postmoderne Identität eine nur noch situative (ebd. 2005: 352ff.). Die Konstruktion von Identität als Verknüpfung der eigenen Vergangenheit (Wer war ich?) mit der jeweils wünschbaren Zukunft (Wer will ich sein?) in der schrumpfenden Gegenwart des In-der-Zeit-Seins hat sich im Zuge der Modernisierung gewandelt. Wurden Identitäten in der Frühmoderne vor allem vor dem Hintergrund der Vergangenheit konstruiert, wurden sie in der klassischen Moderne zu einem Gestaltungsprojekt in der Lebenszeit. In der Spät- oder Postmoderne aber entzieht sich die Identitätskonstruktion mehr und mehr der räumlichen Umgebung und der materielle Struktur, sodass Identität zu einem Punkt zusammenschrumpft, von dem aus alle ‚Außenbeziehungen‘ gestaltet werden (ebd.: 377); Individualisierung par excellence.

Es ist eben dieser Punkt, auf den die postmoderne Identität zusammenschrumpft, der so trefflich zum Bild des Flugzeuges passt. Losgelöst von fester Struktur und ausgerüstet mit ermöglichender (nicht aber erzwingender) Technik entscheiden die jeweiligen Pilotinnen und  Piloten, wann sie mit wem wie Kontakt aufnehmen und ob sie wann und wo landen. Wie Roland Hitzler (1999) bzgl. neuer Gemeinschaften von „Existenzbastlern“ konstatiert, wird zur Landung in der Postmoderne nicht mehr verpflichtet sondern verführt, womit hier noch einmal die Konkurrenz angesprochen ist, der freiwilliges Engagement als eine Möglichkeit der Gestaltung frei zur Verfügung stehender Zeit ausgesetzt ist.

Nicht zum ersten Mal schlage ich für diese Verführung Online- und Micro-Engagements vor, die kein hohes Commitment erfordern und zeitlich wie inhaltlich sehr klar definiert sind. Für solche Engagementangebote braucht es zwar das lotsende Management im Tower, doch noch keine Landug, keine feste Struktur (Teams, Räumlichkeiten, Material usw.). Die freie Entscheidung, rasch wieder davon zu fliegen und sich anderenorts zum Landeanflug verführen zu lassen, bleibt erhalten, wobei der Return on Engagement zunächst ephemer (in ‚small crunches‘), später in längeren Episoden, verbunden mit fester Struktur erlebbar wird.

Fazit

Wenn die stagnierenden Engagementquoten in Deutschland Symptome der Beschleunigung in der Postmoderne sind, sind neue Wege zum freiwilligen Engagement gefragt, die nicht mehr nur biographisch sondern vielmehr situativ passen müssen. Soll auch jenen neuorientierten Individualisten das gute Gefühl des giving back möglich gemacht werden, müssen die Freiwilligenengagements so an deren Lebensweise angepasst werden, dass sie mindestens als ein gute, wenn nicht gar die beste Wahl erscheinen. Freiwilliges Engagement genießt in Deutschland durchaus hohes Ansehen, die Stimmung ist gut, doch wollen die traditionell zeitlich und inhaltlich unspezifischen, meist technikfernen Engagements nicht so recht zur Lebensweise des postmodernen Menschen passen; das freiwillige Engagement und Ehrenamt scheint damit immer noch viel zu teuer. Dass vor allem jungen Erwachsenen das Erleben des Returns on Engagement verwehrt bleibt, dürfte ihnen die Entscheidung für ein Ehrenamt nicht einfacher macheb. Wie soll man Handlungsoptionen gegeneinander abwägen, wenn man kein Gefühl für den erwartbaren Return hat?

Vorgeschlagen habe ich hier, Engagements so zu gestalten, dass sie in den individuellen Alltagsvollzug eingepasst werden können. Ergänzt mit weiteren Möglichkeiten des Engagierens, die die Freiwilligen mehr und mehr einbinden, ihnen mehr Gestaltungsspielraum und Verantwortung überlassen — so das positive Szenario — lässt sich langfristig der Bedarf an Ehrenamtlichen für Leitungs- und Führungspositionen decken. Doch auch das Negativszenario ist zu bedenken. Wenn es nämlich zutrifft, dass unsere Zeit so erlebnisreich wie erfahrungsarm ist, ist es durchaus vorstellbar, dass es niemals zu ‚Landung‘ neuer Freiwilliger kommt und der Bedarf an situativ passgenauen Micro-Engagements bis ins unermessliche steigt. Dann drohte die Stimmung unter den bereits Engagierten umschlagen, was auch sie dem Trend Micro-Volunteering folgen ließe — mit fatalen Folgen. Die Starts am Flughafen würden die Langen überwiegen; die einstmals gut gemeinte Strategie der Engagementförderung würde ins Gegenteil umschlagen und das Ende des Ehrenamts einläuten.

So schließe ich diesmal nicht mit einer These, sondern mit der Ankündigung, diese zwei Szenarien das nächste Mal gedankenexperimentell durchzuspielen. Vielleicht erweist sich das eine, das andere oder gleich alle beide als ziemlich unrealistisch …