Das Treffen vor Ort – in der physischen Welt – ist bei Online-Projekten ziemlich wichtig. Noch die ‘virtuellesten’ Communitys, wie vielleicht die der Blogsphäre oder die der Wikipedia, brauchen ihre Treffen im Real Life. Warum ist das so? Die technischen Möglichkeiten, mit denen über das Internet kommuniziert werden kann, werden immer weiter entwickelt. Und das nicht nur in Sachen Usability! Auch die Bandbreite übertragbarer Kommunikationsakte wird ausgeweitet und ggf. um neue Zeichen und Symbole erweitert (vom Text zum Emoticon von VoIP zur Videotelefonie usw.). Objekte über das Internet durch die ganze Welt zu verbreiten, ist heute keine reine Scince Fiction mehr. Genauso wenig wie ein ‘Quasi-Vor-Ort-Engagement über das Internet’. Und trotzdem: Wir treffen uns – da schließe ich mich nicht aus – immer noch sehr gern in der stofflichen Welt, um genau das zu tun, was wir auch über das Internet tun könnten: kommunizieren.

Ganz unabhängig vom Wünschbaren, beschäftigt mich die Frage, warum das so ist, schon eine ganze Weile. Vor kurzem, im Gespräch mit Kathleen Ziemann, die zur Zeit einen Beitrag zu „Karma statt Kohle“ für den Betterplace-Lab-Trendreport schreibt, bin ich wieder drauf gestoßen (worden). Zeit also Erklärungsansätze – drei sind es an der Zahl, die sich so ähnlich auch in der sehr lesenswerten ethnographischen Studie über Familienkultuen von Wolf Wagner (2003: 73ff.) finden – für dieses ‘wunderbare’ Phänomen aufzuschreiben und dann noch ein bisschen drüber nachzudenken.

Soziobiologie – die These vom Sex

Die Soziobiologie geht – nicht ganz zu Unrecht – davon aus, dass der Mensch durch Urinstinkte gesteuert wird, die allen Lebewesen zueigen sind. Nur ein Teil unseres Gehirns, nämlich bestimmte Zonen der Hirnrinde, ist typisch menschlich. Der Rest unserer animalischen Schaltzentrale ist ‘natürlich’ dafür da, dass unsere Körper funktionstüchtig sind und bleiben und auch unsere Gene weitergegeben werden. Genau das ist – aus Sicht der Soziobioloigie – der Grund dafür warum wir uns trotz aller technischen Möglichkeiten und vorhandener Kompetenzen immer noch in der physischen Welt treffen. Auch wenn sich bereits Objekte über das Internet verbreiten lassen, das ‘Beamen’ von Lebewesen, wie auch fruchtbarem Samen, ist bis heute nicht gelungen.

Die Logik der Soziobiologie ist in der Tat bestechend und taucht in den Medien auch immer wieder auf. Besonders beliebt sind die Thesen der Soziobiologie bei Erklärungsversuchen, warum Männer und Frauen sind wie sie sind. Warum z.B. finden überwiegend viele Männer jüngere Frauen attraktiv und vice versa? Oder: Warum besteht ‘die Frau als solche’ auf Treue in einer Beziehung, wohingegen der Mann in einer Tour fremd geht? Es ist alles in unseren Genen angelegt, auch die Antwort auf die Frage, warum wir uns trotz allen Fortschritts immer noch in der stofflichen Welt begegnen wollen.

Sozialanthropologie – die These von der Sozialisation

Die Anthropologie ist in der Wissenschaft so etwas wie der Gegenspieler zur Soziobiologie. Schon immer streiten sich Kulturalisten und Naturalisten darum, ob es nun die Natur ist, die den Menschen in seinem Tun bestimmt, oder die Kultur. Welche Macht haben die Gene wirklich? Es ist nicht so, dass die Anthropologie die Wirkung von Genen komplett verleugnen würde, man verweist allerdings darauf, dass menschliche Verhaltensmuster viel zu Komplex sind, als dass sie von ein paar wenigen Aminosäure-Verbindungen in der DNS vorbestimmt (determiniert) werden könnten. Vielmehr werden die genetisch ‘angelegten’ Verhaltensweisen durch die jeweilige Kultur verstärkt oder abgeschwächt. Demnach ist es auch die Kultur, in die wir hinein sozialisiert wurden, die beeinflusst, ob wir uns noch im Real Life treffen wollen oder nicht.

Schauen wir uns nun die Kultur an, in die wir ‘junge Erwachsene’ hinein sozialisiert wurden, wird ziemlich schnell klar, warum wir dem physischen Treffen einen so hohen Stellenwert beimessen: Was uns unsere (Groß-) Elterngeneration vorgelebt hat, was wir als ‘normal’ kennen gelernt haben, hatte nichts – oder nur sehr wenig – mit ‘virtuellen Welten’ zu tun. In der Kindheit und Jugend der Wenigsten von uns gab es zu Hause regelmäßig Telefon- oder Video-Konferenzen. Dementsprechend empfinden wir das physische Zusammentreffen mit anderen, die wir vielleicht auch über das Internet kennen gelernt haben, als völlig normal und die Vorstellung nur noch im ‘Cyber Space’ zu leben ziemlich abwegig.

Ethnologie – die These vom Kulturwandel

Als Kulturwandel werden alle kulturellen Veränderungen im Zeitverlauf beschrieben, die durch das Aufeinandertreffen unterschiedlicher (Alltags-) Kulturen oder durch Veränderungen innerhalb eines Kulturraums bewirkt werden (Gottschalk o.J.). Das Internet mit seinen Sozialen Medien ist definitiv ein Motor des heutigen Kulturwandels. Das lässt sich unter anderem an den (Lern-) Prozessen beobachten, die Digital-Outsider durchmachen müssen, um an einer immer stärker digitalisierten Gesellschaft teilhaben zu können. Teilhabe ist hier aber nicht nur auf politische Partizipation beschränkt, sondern umfasst auch die Positionierung in der Gesellschaft. Bei diesem Seinen-Platz-Finden – das hatte Norbert Elias in seinen Studien über den Prozess der Zivilisation herausgearbeitet – spielt die Vermeidung von Schande und das Streben nach Prestige eine wesentliche Rolle.

Schande vermeidet man, in dem die allgemein akzeptierten Vorschriften [auch ungeschriebene Gesetzte | Anm. von mir] einhält. Für Ehre und Prestige genügt das nicht. Man muss Verhaltensweisen oder Besitztümer vorweisen, die einen höheren Status anzeigen, die über das Gewohnte hinausweisen. Diese kann man an denjenigen Menschen ablesen, die bereits über einen solchen Status verfügen. Übernimmt man ihre Verhaltensweisen und strebt nach ihren Besitztümern, hat man die besten Chancen, an ihrer Ehre und ihrem Prestige teilzuhaben (Wagner 2003: 86).

Jenen, die heute die Mittel und Möglichkeiten des Social Webs virtuos zu nutzen wissen, wird i.d.R. mehr kulturelles Prestige beigemessen als jenen, die dies nicht können. Das heißt allerdings nicht, dass sich das Gros der Gesellschaft am gemeinen ‘Onliner’ orientiert; dessen Verhaltensweisen übernimmt und nach ihren Besitztümern gestrebt wird. Lediglich auf die gesellschaftlichen Eliten, die sowohl über kulturelles als auch über ökonomisches Prestige (Geld und in Geld konvertierbare Habe) verfügen, trifft das zu. Auch diese müssen nämlich ihren Platz in der Gesellschaft finden bzw. behaupten und sind dementsprechend immer auf der Suche nach neuen Kulturtechniken, mit denen sie sich gegenüber der immer aufstrebenden bürgerlichen Mitte abgrenzen können. Zu diesen Praktiken könnte auch die körperlose Netzkommunikation gezählt werden, da sich damit (quasi nebenbei) auch Arbeitsprozesse effizienter organisieren lassen. Die Frage also, warum wir uns immer noch in der stofflichen Welt treffen, obwohl uns immer mehr Möglichkeiten der webbasierten Kommunikation zur Verfügung stehen, ist aus der Perspektive des Kulturwandels also ähnlich zu beantworten wie aus der der Anthropologie: Die Zeit ist noch nicht reif, wobei der kulturelle Wandel nicht an Sozialisation, sondern Prestigestreben festgemacht wird.

Diskussion

Zwei zu eins für die Menschlichkeit! Sozialisation und Prestigestreben liefern uns für’s Erste die differenziertesten Befunde, wobei sowohl die Antwort der Anthropologie als auch die Ethnographie darauf hinweist, dass es jetzt so ist wie es ist, die Zukunft aber unbestimmt bleibt. Die These vom Sex dagegen behauptet, dass uns unser archaisches Gehirn weiterhin aus dem Haus treiben wird, auch wenn wir uns einmal als Hologramme durch die Welt beamen können. Drei zu eins für die Menschlichkeit?! So funktioniert das natürlich nicht. Entscheidungen fallen in der Wissenschaft auf der Grundlage von Fakten. Fakten mit denen Thesen geprüft, erweitert, modeliert oder eben verworfen werden. In diesem Sinne hier eine kurze Diskussion:

  1. Bei der These vom Sex geht es um die Fortpflanzung, um die Verbreitung der eigenen Gene. Die Behauptung lautet: Alle wollen ihre Gene weitervererben, erfolgreich sind dabei aber nur diejenigen mit der höchsten Anpassungs- bzw. Überlebenswahrscheinlichkeit. In der Tierwelt mag das so zutreffen bei den Menschen wird aber das kleine Bisschen Gehirn übersehen, das ‘typisch menschlich’ Großes bewirkt. Der Mensch ist im Stande sein eigenes Soziotop einzurichten, in dem er der Herr ist und (fast) kein Anpassungsbedarf besteht. Im Ergebnis heißt das, dass alle, die ihre Gene weitergeben wollen, auch dazu im Stande sind. Und das genau dieses ‘wollen’ wider des Determinismus der Soziobiologie verläuft, zeigen die Fertilitätsraten nach Einkommen (weltweit). Dass wir uns also im Real Life treffen, um unsere Gene weitergeben zu können, passt nicht zu der beharrlichen Empfängnisverweigerung, die besonders unter Akademikerinnen grassiert (wobei natürlich auch die Männer verhüten).
  2. Die These von der Sozialisation besagt im Kern, dass wir intergenerational bestimmte Muster vermittelt bekommen, die wir als normalen Rahmen für unsere Handlungen inkorporieren. Verhaltensweisen außerhalb dieses Rahmens erscheinen uns unnormal und abwegig. Dagegen spricht zunächst, dass sich Verhaltensweisen seit einigen Dekaden auch intragenerational verändern (Rosa 2005: 176ff.). Nur weil jemand in einer Familie mit Vater, Mutter und Geschwistern aufgewachsen ist, heißt das nicht, dass er oder sie ein Patchwork aus Freundin, Stiefkindern und eigenen Kindern nicht aushalten könnte. Ein zweites Gegenargument findet sich in der Historie der ‘power of love’. Die sexuelle Befreiung sollte nämlich zu einer nach innen und außen friedliebenderen Gesellschaft führen, was der Statistik zu folge nicht geklappt hat. Die Anzahl der Sexualdelikte, stets als Resultat der sexuellen Unterdrückung angesehen, hat seit den 1970er Jahren sogar zugenommen (Wagner 2003: 76). Dass wir uns also immer noch im Real Life treffen, weil es unsere Eltern und Großeltern so vorgemacht haben, passt nicht zu den Handlungsrahmen, in denen sich viele von uns heute wie selbstverständlich bewegen. In Facebook & Co. schaffen Jugendliche gar einen elternfreien Raum, in dem ganz neue Formen des Miteinanders ausprobiert werden.
  3. Die These vom kulturellen Wandel erklärt uns, dass das Streben nach Prestige kulturelle Praktiken durch die Gesellschaft ‘wandern’ lässt – und zwar von Oben nach Unten, von den gesellschaftlichen Eliten zu den Armen und Ungebildeten. Anhand unterschiedlicher Praktiken – von der Benutzung des Taschentuchs bis zur Kravatte für den Herrn – lassen sich einheitliche Wege dieser Wanderung nachzeichnen. Wie sich also Praktiken durch die Gesellschaft verbreiten macht das Modell klar, welche es im einzelnen sind dagegen nicht. Und genau hier beginnt die Orakelei. Sicherlich gibt es Menschen, die nur noch über das Internet mit der Außenwelt kommunizieren. Vielleicht verfügen diese Menschen auch über viel kulturelles Kapital, doch wissen wir nicht, ob sich die gesellschaftlichen Eliten eines Tages an ihnen orientieren werden – ob sie sich einen Distiktionsgewinn aus der Adaption dieser Praktiken erwarten. Tun sie dies, wird es nicht mehr lange dauern, bis ‘virtuelles Leben’ auch in der gesellschaftlichen Mitte ‘normal’ wird, tun sie es nicht, bleibt alles wie es ist und wir treffen uns weiterhin, um gemeinsam Kaffee zu trinken.

tl;dr: Treffen im Real Life sind ‘in’, deshalb ist die stoffliche Welt für uns so wichtig. Was allerdings die Zukunft bringt bleibt ungewiss.