„Manches teilt man gern, anderes nicht.“ Das ist der Aufhänger der aktuellen Werbekampagne, die Microsoft gerade landauf landab lanciert. Natürlich setzt die Kampagne am Persönlichkeitsrecht an — ein Gut, dass die Deutschen vor allem im Internet geschützt wissen wollen. Sie spiegelt damit aber auch das übliche Verständnis von (Un)Teilbarem wider: „Sie wird Mia heißen“ — die Ausgaben der Eltern werden aber nicht verraten. Warum eigentlich nicht? Vielleicht gibt’s ja Spartipps für Mia …

Okay, Kinder und Familie sind keine (Nonprofit-)Projekte, die sich professionell managen lassen. Nichtsdestotrotz gibt es Parallelen zu unseren Babys im sozialen Bereich. Vor allem im Nonprofit-Sektor sind die eigenen Vorhaben häufig Herzensangelegenheiten, in die einiges Engagement investiert wird. Unsere Babys eben! Selbstverständlich lasen wir uns da nur ungern von anderen reinreden. Und wenn es doch jemand tut — vielleicht ein Praktikant, eine Freiwillige oder irgend so ein Blogger — ist das nicht so schlimm. Einerseits stecken wir oft so tief in der Praxis, dass uns schnell zig Argumente einfallen, warum dieser oder jener Vorschlag gerade nicht umzusetzen ist. Andererseits geben die Störer auch irgendwann wieder Ruhe. Ähnlich verhält es sich übrigens auch mit Tagungen und Fortbildungen — on- und offline.

Unsere Babys kommen also mit einer schweren Projektitis zur Welt, die m.E. nicht allein auf die Praxis der Projektförderung zurückzuführen ist. Eine Idee im Kopf findet selten den Weg in die Öffentlichkeit, bevor nicht alles in Sack und Tüten ist. Erst wenn wir uns ganz sicher sind, dass wir (a) einen guten Kapitalvorsprung — Know-How, Fördermittel, Kontakte usw. — haben und (b) auch selbst an dem Projekt gewinnen — vor allem Weiterfinanzierung der eigenen Organisation und Reputation bzw. Legitimation –, holen wir das Projekt aus dem Keller. Schade nur, dass dessen Design jetzt allein unseren Idealen entspricht und von der relevanten Umwelt nur noch wenig beeinflusst werden kann.

Es geht mir hier also ums Ideen-Teilen — ein Thema der laufenden NPO-Blogparade von Opentransfer.de und Sebastian Vollberg. Warum nur tun wir uns so schwer mit dem Wissens- und Ideentransfer? Warum lassen wir so selten (freiwillig) zu, dass unsere Projektideen von anderen umgesetzt werden? Liegt es allein am Geld oder gibt es noch andere Gründe?

Warum wir Ideen nicht teilen:

Wer etwas ins Internet schreibt, sollte davon ausgehen, dass es geklaut wird. Nicht etwa von der Generation kostenlos! Geklaut wird viel eher von jenen, die den Netizens summa summarum eine Umsonst-Mentalität unterstellen und das Internet — mit all seinem ‚user generated content‘ — für deren Klowand halten. Das hat Vor- und Nachteile: Ich für meinen Teil habe z.B. nicht die Ressourcen, all die schönen Ideen, die mir morgens unter der Dusche einfallen, in die Tat umzusetzen. Schön also, wenn es jemand macht. Nachteilig ist daran, dass die ‚Macher‘ alle Lorbeeren ernten und ich im Zweifel überhaupt nichts davon habe. Ich kann mich dann bestenfalls noch mit eigenen Einschätzungen über die transferierte Projektidee hermachen …

Warum wir also Ideen nicht teilen? Weil wir nichts davon haben;  kein Geld, keine Reputation, keine Kontakte — nur unnützes Wissen über einige Bausteine der Projekte anderer. Es ist nämlich nicht — oder nur sehr selten — so, dass geklaute Projektideen eins zu eins umgesetzt werden. Meistens dienen die Ideen anderer nur als ‚Inspiration‘ für das eigene Projekt im Bastelkeller. Wenn dann der Pich ansteht, sind die unterschiedlichen Versatzstücke schon soweit ineinander verknotet, dass — wenn die Inkremente dann überhaupt noch widerzuerkennen sind — die Behauptung des Raubtransfers unmöglich zu beweisen ist — zumal man sich mit dem Versuch ziemlich schnell zum spießigen Vollidioten macht.

Ohne jetzt allzu weit in die Sphären der Gesellschaftskritik abzuheben, sei hier kurz bemerkt, dass Ideengeber oder Muse ganz offenbar kein erstrebenswertes Tätigkeitsziel in unserer Gesellschaft ist. Selber machen, Leistung und sog. Innovation dagegen wird honoriert. So stellt auch Hartmut Rosa den ständigen Wettbewerb, der nicht unbedingt nach ökonomischen Parametern entschieden wird, als Motor der Beschleunigung heraus und scheint sich damit nebenbei auch der Idee der Distinktion — der mehr oder weniger subtilen Abgrenzung gegenüber anderen — anzuschließen.

Warum wir Ideen trotzdem teilen:

Seine Ideen ins Internet zu schreiben hat also Vor- und Nachteile, wobei die Nachteile auf den ersten Blick überwiegen. Warum aber machen wir — mache ich — es trotzdem?! Weil ich mir davon etwas erwarte; viel Wissen, Kontakte, Reputation und auch Geld. Meinen Blog habe ich 2008 gestartet, um meine Erkenntnisse zum Online-Volunteering zu sammeln. Schnell ist daraus einer der viele Knotenpunkte des Netzwerkes rund um die NPO-Blogparade geworden. Mittlerweile haben sich meine Netzwerke ausgedehnt und -differenziert — deutlich zu erkennen an den Followerzahlen auf Twitter und Google+. Ich werde für Interviews angefragt und auf Tagungen und zu Workshops eingeladen, weil ich über Online- und Micro-Volunteering blogge und zu diesen Stichworten relativ gut zu finden bin.

Einer der zentralen Befunde meiner Masterarbeit und des vorausgegangenen Forschungsprojektes zum „Wissenstransfer aus der SocialBar“ war, dass sich über die aktive Teilnahme an der Social Media Szene Kapital akkumulieren lässt; ganz besonders kulturelles und soziales Kapital. Teile dieses Kapitals müssen freilich in die Inszenierung der Gemeinschaft re-investiert werden, im Großen und Ganzen bleibt aber genügend hängen, sodass sich das Engagement lohnt. Das, was hängen bleibt, wird dann als weiterer Wettbewerbsvorteil eingesetzt. Aktiv Teilnehmende der Social Media Szene können authentisch aus einer, für immer noch sehr viele, fremden (Medien-)Welt berichten und z.B. in Form von Beratungsleistungen Zugänge konstruieren.

Schluss:

Seine Ideen und Projekte im Netz zu veröffentlichen hat Vor- und Nachteile. Einerseits bringt uns der Ideen-Transfer Wissen, Kontakte, Reputation und Geld, andererseits können wir diesen Rücklauf nicht direkt mit unseren Ideen und Projekten in Verbindung bringen. Meine Antwort auf die Frage, warum wir uns so schwer damit tun, unser Wissen und unsere Ideen frei zugänglich zu machen, ist dementsprechend folgende: Eigene Leistung und eigene Innovation sind die Zielgrößen im immerwährenden Wettbewerb mit anderen. Geld ist dabei eine wesentliche Messgröße, doch ist sie eben nicht die einzige. Kulturelle und soziale Kapitalien (Bildungsabschlüsse, Know-How, Vitamin B usw.) sind mindestens genauso wichtig — zumal sie sich unter bestimmten Umständen auch in ökonomisches Kapital (in geldwerte Habe) konvertieren lassen (Bourdieu 1983: 185). Dieser indirekte — nur schwer messbare — Geldrückfluss aber passt nicht in die Denkschemata der alle Gesellschaftsbereiche durchdringenden Oikodizee (Joseph Vogl) mit ihrem unmittelbaren Return on Investment.

tl;dr: Warum wir Ideen nicht teilen? Weil es nicht lohnend scheint, solange es nicht alle tun. Warum manche es trotzdem tun? Weil es sich lohnt, solange es nicht alle tun.