Mitte Juni war ich zur Auftaktveranstaltung der Bundesarbeitsgemeinschaft der Freiwilligenagenturen (bagfa) nach Hannover eingeladen, um dort die Themeninsel zum barrierefreien Engagement im Web zu gestalten. Später am Tag hatte ich dann gemeinsam mit Laura Gehlhaar (SOZIALHELDEN) und Sandra Vukovic (Aktion Mensch) die Gelegenheit auf dem Podium über inklusives (Online-) Engagement zu diskutieren. Gern will ich meinen Input, die anschließende Diskussion und meine Eindrücke vom Podium hier dokumentieren.

Themeninsel: Barrierefreies Engagement im Netz

Nachdem ich mich bei meinen letzten Inputs zum barrierefreien Engagement eher der angelsächsischen Herangehensweise orientierte — zuerst die Lösung aufzeigen, dann das Problem benennen — habe ich mich diesmal für die deutschen Variante entschieden: Zuerst bin ich auf die Grundlagen zu Inklusion und Engagement mit Behinderung eingegangen, um anschließend mit dem Online-Volunteering eine mögliche Lösung zu präsentieren.

Zuerst zu den Grundlagen: Bevor man sich strategisch und wirksam mit dem Thema Inklusion beschäftigen kann, muss man zuerst verstehen, was Inklusion ist. Sicher ist dafür gut zu wissen, dass neben dem Inklusionsprozess auch noch andere Prozesse laufen, die natürlich nicht nur ‘schlecht’ sind:

  • Exklusion: Wir leben wir nicht mehr im Mittelalter, wo z.B. das Heimatrecht nur per Abstammung oder Ehe erlangt werden konnte. Doch gibt es auch heute noch Exklusion — z.B. im Golf Club oder in Vorstandsetagen …
  • Separation: Auch Gulags bauen wir in Deutschland nicht, doch laufen Selektionsprozesse, die zuweilen heftige Debatten auslösen — z.B. in der Schule oder der Straffälligenrehabilitation …
  • Integration: Dieser jahrelang vom dem Englischen “inclusion” missverständlich übersetzte Begriff (vgl. Sander 2002) hat in Deutschland einige Relevanz erhalten und wird bis heute kontrovers diskutiert — z.B. hinsichtlich integrativer Kitas oder Werkstätten für Menschen mit Behinderung …
  • Inklusion: Mit der UN Behindertenrechtskonvention kommt der Begriff der Inklusion schließlich auch in Deutschland an. Er beschreibt den Prozess, in dem die empirische Realität einer vielfältigen Gesellschaft auf- und erstgenommen wird, in dem durch Abbau von Barrieren die Teilhabe aller möglich gemacht wird, um schließlich die Vielfalt der Gesellschaft auf allen Ebenen widerzuspiegeln (inklusive Gesellschaft).

Inklusion ist für mich — und einige andere — nicht nur auf die Teilhabe von Menschen mit Behinderung ausgerichtet. Er ist eine Art Begriffs-Matroschka, in dem sich alles Mögliche widerfindet (z.B. Migrationserfahrung und sexuelle Orientierung). Eigentlich müsste dieses umfassende Inklusionsverständnis zur Grundlage der Diskussion genommen werden, um nicht Gefahr zu laufen, Inklusion exklusiv werden zu lassen.

Doch wie so oft, sieht die Realität — auch die des bagfa-Projektes — anders aus: Einerseits liegt das freilich an Förderstrukturen, die die oft kritisierte Schrebergärten-Mentalität im Dritten Sektor weiterführt und im Laufe des Inklusionsprozesses aufgelöst werden müssen. Andererseits stellt eine selektive Herangehensweise die Inklusion auch nicht in Frage. Salopp formuliert: Das Projekt Inklusion ist so groß, dass man gut daran tut, mit einem überschaubaren Teil anzufangen. Man muss sich nur eben klar darüber sein, dass da noch viel zu tun ist…

Soviel also zum Inklusionsbegriff. Weiter mit der Frage, wie es um das Engagement von Menschen mit Behinderung eigentlich bestellt ist: Auf welche Potentiale kann man hier eigentlich hoffen?

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Die Umfrage der Aktion Mensch, die ich hier im Blog bereits unter die Lupe genommen habe, verspricht einiges, lässt aber auch die Herausforderungen beim freiwilligen Engagement mit Behinderung erahnen:

  1. Menschen mit Behinderung engagieren sich in ähnlichem Umfang wir Menschen ohne Behinderung.
  2. Menschen mit Behinderungen haben häufiger Schwierigkeiten einem Engagement nachzugehen und legen ihr Engagement genau aus diesem Grund häufiger nieder
  3. Das gemeinsame Engagement von Menschen mit und ohne Behinderung ist nicht die Regel. Vermuten lässt sich hier, dass Behinderte weiterhin eher als Hilfeempfänger denn als selbst Engagierte angesehen werden (Ein Problem der Anerkennung!). Das gilt allerdings nicht, wo Menschen mit Behinderung für ihre eigenen Belange tätig werden was sich bei ihnen deutlich im Engagement in der Behindertenhilfe niederschlägt.

Mit dieser Einführung zur Inklsion und Engagement mit Behinderung ging es in meinem Input dann weiter mit zur Organisationsentwicklung. Anspruch des bagfa-Projektes ist es ja nicht, die ganze Gesellschaft, sondern zunächst einen wesentliche Teil ihrer Engagementinfrastruktur — nämlich die Freiwilligenagenturen — zu „inklusiven Akteuren” weiterzuentwickeln.

Als nützliches Büchlein für diese anspruchsvolle Aufgabe ist mir vor etwa einem Jahr der Kommunale Index für Inklusion — das famose gelbe Buch — unter die Nase gekommen. Das Büchlein versammelt hunderte Diskussionsfragen, die den Fokus auf unterschiedliche Aspekte inklusiver Organisationen richten. Ein paar Fragen aus diesem Büchlein habe ich der Organisationsstruktur- und -kulturebene sowie den gängigen Praktiken zugeordnet und versucht diese auf die Online-Kommunikation via Website, E-Mail und Social Media zu beziehen.

Es zeigte sich dabei (wieder einmal), dass sich viele Prinzipien aus der ‘stofflichen Welt’ ohne viele Umstände auf die ‘virtuelle Welt’ übertragen lassen. Mit ein bisschen Phantasie ist der Kommunale Index für Inklsion also durchaus auch für die Befassung mit der Web-Kommunikation nützlich. Und noch mehr! Die Fragen, die sich zu Organisationsstrukturen stellen und übertragen lassen gehen beinahe nahtlos in den Prinzipien der BITV 2.0 über: Wahrnehmbarkeit, Bedienbarkeit, Verständlichkeit und Robustheit (vgl. Böhming 2015).

Und schließlich zum Online-Volunteering! Gern wollte ich mit den Teilnehmenden diskutieren, inwiefern dieses Engagement tatsächlich ein barrierefreies sein kann und welche Fallstricke dabei vielleicht vorstellbar sind. Vielleicht hat die diesmal gewählte teutonische Herangehensweise aber etwas zu stark beeindruckt. Jedenfalls provozierte die These, dass Online-Volunteering — bei allen Herausforderungen, die damit verbunden sind — Barrieren im gemeinsamen Engagement von Menschen mit und ohne Behinderung Engagement abzubauen, keine große Gegenwehr.

Zur Umsetzung aber gibt es noch einiges zu tun:

  • Die Möglichkeit, sich Online, von zu Hause, vom Arbeitsplatz oder von unterwegs aus engagieren zu können, muss wesentlich bekannter gemacht werden — sowohl unter den Trägern des Engagements (inkl. Freiwilligenagenturen) als auch unter den möglicher Weise interessierten Freiwilligen.
  • Neben den Kompetenzen zum Umgang mit Menschen mit Behinderung müssen auch die (kulturellen) Kompetenzen für die Einbindung von Online-Volunteers in den Organisationen aufgebaut werden — ein Lernprozess, der sicherlich nicht leicht oder nebenbei verläuft.
  • Und schließlich braucht es ein Freiwilligenmanagement, das fähig ist, weniger die Anforderung der Organisation als die Bedarfe, Wünsche und Ressourcen der Freiwilligen ins Zentrum der Bemühungen zu rücken.

In der anschließenden Diskussion wurden einige Online-Volunteering-Projekte wie etwa die Wikipedia, BeMyEyes, Cybermentor, Wheelmap und “Was habe ich” diskutiert. Interessanter Weise neigte sich die Diskussion dabei immer wieder in die Richtung Engagement für Menschen mit Behinderung (BeMyEyes, “Was habe ich”) — vielleicht ein Hinweis auf kommende Herausforderungen im Inklusions-Projekt der bagfa.

Insgesamt aber wurde deutlich, dass das Interesse am Online-Volunteering unter den Teilnehmenden recht hoch war. Einige konnten sich Online-Volunteers in ihrer Organisation freilich gar nicht vorstellen, andere arbeiten bereits mit Freiwilligen übers Netz und planen hier noch weiter voran zu gehen. Sehr erfreulich!

Podium: Inklusives (Online-) Engagement

Podium-Hannover(Foto: Bernd Mummenthey)

Angelika Magiros von der Bundesvereinigung der Lebenshilfe (sitzend rechts im Bild) moderierte die abschließende Podiumsdiskussion zur “Außensicht” auf die Herausforderungen der kommenden Jahre. Dabei ging es unter anderem um die Fragen, wie das bislang eher randständige Thema des Engagements — der Teilgabe — von Menschen mit Behinderungen mehr Rückenwind bekommen kann (Frage an Sandra Vukovic; mitte links im Bild) und wie das ganze vielleicht auch noch Spaß machen könnte (Frage an Blog Frau Gehlhaar; rechts im Bild)

Mich fragte Angelika inwiefern das Internet und seine Sozialen Medien beim Engagement mit Behinderung eine Rolle spielen können und ob das nicht vielleicht auch in die Hose gehen kann.

Selbstverständlich kann Online-Volunteering auch nach hinten losgehen. Online-Volunteers, die nur unbezahlt einen Job erledigen, den sonst keiner macht und sonst nichts mit der jeweiligen Organisation zu tun haben, ist für mich eine ebenso gruselige Vorstellung wie für viele andere auch. Nichtsdestotrotz muss sich die Szene mit den “Megatrends” des freiwilligen Engagements im 21. Jahrhundert beschäftigen, zu denen neben Mobilität und Trisektoralität auch die Digitalisierung zählt (vgl. UN-Volunteers 2011: 25ff). Und wenn man sich einmal mit der Digitalisierung beschäftigt, kann man es doch gleich so machen, dass dabei mehr Teilhabe rauskommt.

Eine andere Frage, die an uns alle drei ging, war, wie wir es schaffen, dass Inklusion nicht zur Worthülse mutiert — wie wir also immer auf’s neue vom Nutzen und der Richtigkeit des Inklusionsprozesses zu überzeugen.

Meine Antwort steckte da schon in der Frage: Man muss überzeugen! Unterschiedliche Leute überzeugt man natürlich auf unterschiedliche Weise: Den Geschäftsführer vielleicht mit höheren Einnahmen, den Pressemenschen vielleicht mit besserem Image … Dabei sollte man aber nie vergessen, dass solche Argumente nur Argumente, keine guten Gründe sind. Das darf man nicht verwechseln, sonst läuft man schnell Gefahr das Ziel — die inklusive Gesellschaft — aus dem Auge zu verlieren.

tl;dr: Der Auftakt ist getan, in den nächsten Jahren kommen sicher viele Mind-Shits auf Freiwilligenagenutren zu.