Das große Schlagwort dieser Tage heißt »Digitalisierung« – ein Wort, mit dem wir viele Facetten des Wandlungsschubs geklammert bekommen, der die Gesellschaft seit einiger Zeit mächtig durchschüttelt. In der Zivilgesellschaft – aber auch anderswo – wird viel über Nutzung und Gestaltung der Digitalisierung gesprochen; ganz so als sei sie eine unabhängige Variable gesellschaftlichen Wandels. Das ist sie aber nicht! Im Grunde wird mit »Digitalisierung« nichts anderes bezeichnet als die beschleunigte Fortschreibung der Wandlungsprozesse moderner Gesellschaften, die schon lange laufen.

Man kann sich nun Gedanken darüber machen, wohin uns dieser Wandel führt. In seiner linearen Fortschreibung kämen wir recht schnell zu ökologischen, ökonomischen und humanitären Katastrophen globalen Ausmaßes und zum Ende der Welt. Wir können uns aber auch Gedanken darüber machen, wie wir diesen Wandel gestalten wollen – oder besser: was ›am Ende‹ dabei rauskommen soll. Eben dazu lädt »D3 so geht digital« in der aktuellen Nonprofit-Blogparade ein.

Wen es interessiert … Die NPO-Blogparade ist ein Format des teilstrukturierten Austausches unter Bloggerinnen und Bloggern mit dem Fokus auf gemeinnützige Themen. Auf Initiative eines »Host-Blogs« (in diesem Fall »D3 so geht digital«) steuern Interessierte Beiträge zu einer Fragestellung bei, die sich mit dem Nonprofit-Sektor im weitesten Sinne befasst. Nach einer gewissen Zeit werden die mit dem »Host-Blog« verlinkten Beiträge auf diesem zusammengefasst und rückverlinkt, sodass sowohl die Inhalte der Blogparade als auch das Netzwerk der Beteiligten zugänglich gemacht wird.

(Digitale) Entwicklungsziele für die Zivilgesellschaft

Den gesellschaftlichen Wandel vom ›Ende‹ her zu denken, heißt natürlich nicht, dass wir irgendwann damit fertig werden könnten, ihn zu gestalten. Ganz im Sinne Hans Blumenbergs Schiffbruch-Metapher gibt es keinen Hafen, in dem wir irgendwann ankommen könnten. Es gibt nur Anliegen oder Fixsterne, denen wir beim Treiben im Meer folgen können, um die Orientierung nicht zu verlieren. Die Ära dieses gemeinschaftlichen Treibens im Meer der Möglichkeiten bezeichne ich gern als »postdigitales Zeitalter«, ein Zeitalter, in dem die techno-sozial beschleunigte VUCA-Welt die neue Normalität ist.

Anregend für die folgenden Impulse zu möglichen Entwicklungszielen der Zivilgesellschaft – den »Digital Development Goals« – war vor allem die Trendstudie »Hands on Digital« des Frankfurter Zukunftsinstituts. Die Autorinnen und Autoren um Harry Gatterer stellen dem Aktionismus dieser Tage (›Wir müssen auch möglichst schnell digital werden‹) eine »digitale Pragmatik« gegenüber, mit der sie vor allem Fragen nach Identität, Führung, Innovation, Kooperation und Hybridität betonen – zentrale Sujets auch für Organisationen der Zivilgesellschaft.

Future Code: wir erkennen uns selbst

Der große Bauchladen mit allerhand temporären Anbauten gehört der Vergangenheit an. Wir wissen ganz genau, warum wir da sind, was wir wollen und wie wir arbeiten. Und wir können es ganz klar artikulieren. Wir grenzen uns nicht affektiv von anderen ab. Wir suchen Partnerschaften und Kooperationen zur Ko-Kreation, die zu uns passt. 

Wir stellen uns selbstverständlich Fragen wie diese:
– Wo kommen wir her, was war unsere ursprüngliche Idee?
– Was ist das konkrete Problem das wir lösen wollen?
– Wie packen wir Chancen und Herausforderungen alltäglich an?

Leadership 4.0: Führung von der Quelle des Handelns

Law & Order war gestern. Wir verstehen, die Kreativität, die Intuition und die Erfahrung unserer Mitstreiterinnen und Mitstreiter als unseren größten Ressourcenschatz. Wir schätzen die Vielfalt der Perspektiven auf dem gemeinsamen Weg und schaffen Räume für den freien Fluss des Wissens. Empathie und systemisches Denken sind dabei unsere wichtigsten Werkzeuge.

Wir stellen uns ganz selbstverständlich Fragen wie diese:
– Was kann ich von anderen lernen?
– Warum tun Menschen was sie tun genauso wie sie es tun?
– Wie wirkt das Tun einzelner auf das Tun vernetzter anderer?

Learning by Doing: pragmatisch Schritt für Schritt

Die Zeit der langen Planung von Maßnahmen und Meilensteinen ist vorbei. Wir arbeiten ›agil‹, in iterativen Schleifen. Unser Anliegen und unsere Ziele stets vor Augen tun wir Schritt für Schritt, was möglich ist, auf dem Weg nach vorn. Die Möglichkeiten erschließen wir uns dafür aus dem Feedback von außen und innen, der Ebene intersubjektiver Realität.

Wir stellen uns ganz selbstverständlich Fragen wie diese:
– Wer reagiert wie und warum auf das was wir tun?
– Welche Möglichkeiten ergeben sich für den nächsten Schritt?
– Wie fühlt sich die Vorstellung des nächsten Schrittes an?

Digitale Erleuchtung: wir gehen ›OMline‹

Große Versprechungen ziehen im postdigitalen Zeitalter nicht mehr. Wir schauen genau hin und fragen uns, was dran ist an den Thesen. Der angstfreie, analysierende Blick und der Abgleich mit den eigenen Anliegen bestimmt unsere Wahrnehmung dessen, was neu und anders ist. Wir sehen das Neue und Andere neugierig an, laufen aber nicht jedem Bimmeln hinterher.

Wir stellen uns ganz selbstverständlich Fragen wie diese:
– Wie lautet die These hinter dem Nutzenversprechen digitaler Tools?
– Welches Problem lässt sich mit neuen Werkzeugen besser lösen als mit alten?
– Wie lassen sich einzelne (digitale) Lösungen in unser Wertesystem integrieren?

Mit den so formulierten Entwicklungszielen stelle ich vor allem ›soft skills‹ in das Zentrum unserer Bemühungen auf dem weiteren Weg im digitalen Wandel. Bei Diskussionen über derartige Vorschläge bekomme ich häufig zu hören, dass das doch alles ein wenig »esoterisch« klinge. Und das ist auch nicht von der Hand zu weisen! Umso wichtiger wird es deshalb sein, dass sich auch die Wissenschaft über ihre Rolle im postdigitalen Zeitalter verständigt. Es möge kein postfaktisches werden.