Seit einer Woche herrscht Ausnahmezustand – nicht nur in Deutschland. Das soziale Leben wird heruntergefahren: Bars und Restaurants, Kitas und Schulen wurden geschlossen, Altenheime und Krankenhäuser lassen Angehörige nicht mehr rein und allen Ortens wird an die Vernunft der Menschen appelliert: #FlatteningtheCurve.

»Es fehlen Begegnungen, die sonst selbstverständlich sind« sagt Bundeskanzlerin Angela Merkel in ihrer außerordentlichen Ansprache zur Verbreitung des Corona-Virus. »Die Lage ist ernst!« Das Virus ist hoch ansteckend und sehr gefährlich. Besonders ältere Menschen und Menschen mit Vorerkrankungen gehören laut Robert Koch Institut zu den Risikogruppen, bei denen ein schwerer Verlauf bei Erkrankung zu erwarten ist.

Abstand halten ist das dringende Gebot der Stunde, Ausgangssperren bereits ernsthaft im Gespräch. Mit Hochdruck wird digitalisiert was zu digitalisieren geht, um den Betrieb irgendwie am Laufen zu halten. Was aber geschieht mit den »Begegnungen, die sonst selbstverständlich sind«, wenn (vorübergehend) alles was geht auf remote umgestellt wird?

Einsamkeit: Mögliche Folgen der Krise

Schon 2013 hatte ich mich einmal mit der Frage beschäftigt, warum wir uns überhaupt noch im ›Real Life‹ treffen, wenn wir die Welt doch in der Hosentasche mit uns herumtragen. Mein Fazit damals: Weil alles andere noch nicht »in« ist. Zwar gibt es durchaus Menschen, die ›Distant Socializing‹ auch ohne Corona-Krise praktizieren (müssen), die sind aber nicht Mainstream. Die meisten Menschen haben heute ihre Schwierigkeiten mit Beziehung auf Distanz, weil sie es schlicht nicht geübt haben.

Die möglichen Folgen dieser Ungeübtheit bei einer plötzlichen Isolation beschreibt Jamil Zaki von der School of Humanities and Sciences der Stanford University recht anschaulich:

… loneliness is psychologically poisonous; it increases sleeplessness, depression, as well as immune and cardiovascular problems. In fact, chronic loneliness produces a similar mortality risk to smoking 15 cigarettes a day.

Das Problem hinter der Frage, was mit sozialen Beziehungen geschieht, wenn sie nur noch remote gepflegt werden können, ist also kein banales: Je länger die Krise dauert desto mehr werden Lösungen gebraucht, die Einsamkeit im großen Stil entgegenwirken, um so zu verhindern, dass der Corona-Krise eine Welle psychischer und mentaler Erkrankungen folgt.

Und das Problem könnte sich noch verschärfen: Wenn Träger der Sozialen Arbeit die wirtschaftlichen Folgen der Corona-Krise nicht überstehen, werden Hilfs- und Beratungsangebote wegbrechen, die zur Bewältigung der sozialen, psychischen und mentalen Folgen der Krise dringend gebraucht werden.

Geselligkeit auf Distanz: Worum geht’s?

Geselligkeit (›Socializing‹) ist kein ganz einfach zu bestimmender Gegenbegriff zu Einsamkeit. Es ist eher ein subjektives Gefühl von Verbundenheit als eine einzelne soziale Praxis. Ich bringe es mit gelingenden (Welt-) Beziehungen und horizontaler Resonanz sowie Gemeinschaft und Identität in Verbindung.

Philosophisch betrachtet ist Geselligkeit eine Form der Tätigkeit, die Hannah Arendt »Handeln« nannte und von »Arbeiten« und »Herstellen« unterschied:

Das Handeln ist die einzige Tätigkeit der Vita activa, die sich ohne die Vermittlung von Materie, Material und Dingen direkt zwischen Menschen abspielt (ebd. 2011: 17).

Es ist, wie sie mit dem Verweis auf das Lateinische schreibt, das pure Leben; das pure »unter Menschen sein« (›inter homines esse‹). Wie aber gehen wir dieser Tage »unter Menschen«?

  1. Digitales Bürgerschaftliches Engagement: Die Engagementbereitschaft ist in Krisenzeiten bemerkenswert hoch. Ausschließlich und überwiegend über das Internet geleistetes Engagement steht dieser Tage hoch im Kurs. Eindrücklich zeigt das der Hackathon #WirVSVirus, bei dem an diesem Wochenende (20. bis zum 22. März) mehr als 40.000 Online-Volunteers an etwa 1.200 Ideen zur Krisenbewältigung arbeiteten. Eindrücklich aber auch die ungezählten Initiativen und nachbarschaftlichen Aktionen, an denen sich Land auf Land ab mit Sicherheit noch hundertmal mehr Menschen beteiligen.
  2. Kunst und Kultur im Stream: Nach Absage zunächst größerer dann aller anderen Veranstaltungen haben große Opern- und Theaterhäuser begonnen, ihre Aufführungen live zu streamen – die Übertragung von „Carmen“ aus der Staatsoper Unter den Linden erreichte etwa 160.000 Menschen (Bericht RBB24). Und auch freischaffende Künstler, wie Igor Levit, streamen ›Wohnzimmerkonzerte‹, die zig-tausendfach angesehen werden.
  3. Digitale Normalität: Wie man Home Office und Remote Work, digitale Konferenzen, Meetings und Workshops organisiert, war diese Woche eine der ganz wichtigen Fragen. Unzählige Anleitungen und Tool-Sammlungen schwirren im Netz umher – zum Beispiel die Werkzeugsammlung auf DRK-Wohlfahrt.de und die Fragen für die Planung virtueller Events von Kathrin Bischoff. Auch sind mir Einladungen zu Remote-Meditationen (@joanabp) und -Stammtischen (@herb37) zugeflogen.

Ich nenne hier natürlich nur ein paar wenige Beobachtungen aus meiner ersten Woche im Ausnahmezustand (weitere finden sich in meinem Stream auf Twitter). Ich will damit die drei Cluster illustrieren, die ich aus daraus gebildet habe. Deutlich wird so nämlich, wozu Menschen auch remote »unter Menschen« gehen: Sie suchen sich Gelegenheiten (1) mit anderen zu wirken, (2) Erlebnisse miteinander zu teilen und (3) ihre Normalität so gut es geht aufrecht zu erhalten.

Zwischenfazit: Zentrale Sujets der Geselligkeit

Normalität, Gemeinschaft und Selbstwirksamkeit habe ich hier zentrale Sujets (auch) digitaler Geselligkeit identifiziert. In der aktuellen Krise, nach der mit Sicherheit vieles anders sein wird als zuvor, aber stellen sich die Fragen: Doch was ist normal? Wie vergemeinschaften sich Menschen? Und wie erleben sie Selbstwirksamkeit? Nach einer Woche Ausnahmezustand lassen sich diese Dynamiken noch nicht ausreichend beobachten. Zumindest aber lassen sich ein paar Fragen formulieren, die auf die nächste Beobachtungsebene der Interaktionsfelder zielen:

  • Wie wirkt sich die notwendig explizitere Kommunikation bei Telefon- und Video-Konferenzen auf das Miteinander aus? Erleben wir durch effizientere Abstimmung vielleicht mehr Selbstwirksamkeit?
  • Wie wirken sich die Grenzüberschreitungen zwischen Privatem und Beruflichem aus? Werden wir uns menschlich näher kommen, weil wir nun wissen, wie es hinter dem heimischen Schreib-, Wohnzimmer- oder Küchentisch der Kolleg!nnen aussieht?
  • Wie wirkt sich ortsunabhängiges Online-Volunteering auf die Vergemeinschaftung aus? Werden wir mehr unter ›unseresgleichen‹ bleiben oder den Spagat zwischen Nachbarschaft und (digitalen) Neo-Tribes meistern?

Mit euren Beobachtungen und Fragen, Anmerkungen und Hinweisen könnt ihr euch hier gern einklinken. Was fällt euch in eurem Umfeld in Sachen Geselligkeit auf Distanz auf? Nennt gern konkrete Beispiele!