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Als die Initiative 100% Tempelhof im Mai 2014 das „Gesetz zum Erhalt des Tempelhofer Feldes“ (ThFG) per Volksentscheid durchsetzte, schwante es mir schon: Lange wird die Gegenattacke des Senates nicht auf sich warten lassen.  Und das fand ich auch nicht schlimm! Wie ich hier und da schon schrieb, bin ich nicht grundsätzlich gegen die Bebauung des Feldes. Natürlich, auf keinen Fall so, wie es der Senat seiner Zeit plante! Nicht zu Gunsten privaten Wohnungsbau und überflüssiger Statussymbolik. Ich habe mir da eher etwas vorgestellt, dass den Berlinerinnen und Berlinern auf lange Frist wirklich nützt …

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Was die Berlinerinnen und Berlin genau wollen, weiß ich nicht. Ganz offenbar wusste das auch der Berliner Senat nicht. Im Gegensatz zu mir, hätte der aber fragen, hätte breite Beteiligung zulassen können. Hat er aber nicht! Die Strategie des Senats bestand eher darin, mit einer unausstehlichen Wir-wissen-schon-was-gut-für-euch-ist-Attitüde und nur quasi-demokratischen Taktiken, die Interessen Weniger gegen den Willen Vieler durchzusetzen. Das Ergebnis war eindeutig: 740.000 Ohrfeigen und ein basisdemokratisch legitimiertes Gesetz, dass die Bebauung des Tempelhofes Feldes komplett untersagt. Blöd gelaufen! Aber Fehler sind ja bekanntlich dazu da, um aus ihnen zu lernen.

Lernerfolg angetäuscht — neue Wege in alte Sackgassen

Tatsächlich meinte ich schon zarte Pflänzchen eines Lernerfolges zu erkennen, als im September 2014 die Erarbeitung eines Entwicklungs- und Pflege-Plans (EPP) für das Tempelhofer Feld im Stile der Liquid Democracy verkündet wurde. Der damalige Senator für Stadtentwicklung und Umwelt Michael Müller begrüßte die Teilnehmenden der Auftaktveranstaltung seiner Zeit übrigens mit das Feststellung, dass die Auseinandersetzungen um die Nutzung des Tempelhofer Feldes „endgültig entschieden“ sind.

Es gibt nun die spannende Situation, wie gemeinsam mit unterschiedlichsten Standpunkten und Ansichten möglichst viel für möglichst viele Berlinerinnen und Berliner erreicht werden kann. Das Tempelhofer Feld soll für alle offen sein. Die gesamte Stadtgesellschaft soll diesen Freiraum erleben können.

Am vergangenen Dienstag nun entschied der Berliner Senat — jetzt unter Führung eben jenen Michael Müllers — die Auseinandersetzung doch nicht als so endgültig entschieden zu betrachten. Was geht uns auch unser Geschwätz von vor ein paar Monaten an? Müller ist nun Oberbürgermeister von Berlin und bekanntlich auch ein Freund der Bebauung des Tempelhofer Feldes — das war er vor dem Volksentscheid und und blieb er auch danach.

Es ist wirklich schade, dass die mehr als nur ‚gut gemeinte‘ Bürgerbeteiligung an der Entwicklung und Pflege des Tempelhofer Feldes wieder in die Sackgasse der Auseinandersetzungen vergangener Tage umgeleitet wurde. Mir tuen die engagierten Berlinerinnen und Berliner leid, die am EPP mitgearbeitet haben. Ihre Mühen waren sicher nicht alle für die Katz, doch ihr Vertrauen darauf, dass der Berliner Senat echte Bürgerbeteiligung zulassen würde, dürfte schweren Schaden genommen haben.

Neuer Masterplan — mit Flüchtlingen auf’s Feld

Was hat der Berliner Senat nun vor? Angesichts der vielen Tausend Flüchtlinge, die nach Berlin kommen oder hier her verteilt werden (laut RBB 51.186  im Jahr 2015 allein bis Oktober), ist die Frage ihrer Unterbringung eine drängende. Zahlreiche Gebäude — vor allem Sporthallen — wurden in Berlin bereits als Notquartiere zweckentfremdet, doch reicht der Platz hinten und vorne nicht, zumal die Berliner Sportvereine mittlerweile Sturm gegen diese Zweckentfremdung laufen. Nicht umsonst meinte der der neue Berliner Stadtentwicklungssenator Andreas Geisel (SPD) im RBB: „Wir  wollen die Sporthallen so schnell wie möglich wieder frei bekommen.“

Container und Traglufthallen „von einfacher Schönheit“ sollen es nun richten. Hallen und Container, die der Berliner Senat — temporär — genau dort aufstellen will, wo sie laut Tempelhof Gesetz nicht aufgestellt werden dürfen: Auf der Nord-, West- und Ostseite des Tempelhofer Feldes.

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Um dies tun zu können, ist freilich eine Änderung des gerade 18 Monate alten, per Volksentscheid durchgesetzten, ThFG notwendig. Das will der Berliner Senat, so Geisel im RBB, offen und respektvoll tun und verkündet im RBB:

Wir wollen Tempelhof zu einem Willkommenszentrum ausbauen […] Das ganze ist eine riesengroße Herausforderung, auch was die Gesundheitsversorgung angeht. Aber Wegducken geht nicht. Ich wünsche mir weniger Wut und mehr Mitgefühl.

Geschmückt mit Worthülsen wie „Willkommenszentrum“, mit frommen Wünschen nach „weniger Wut und mehr Mitgefühl“, mit offensiver Zahlenschwindelei und dem Trostpflaster „temporär“ drängt der Berliner Senat nun auf’s Feld. Mit dem Damoklesschwert der Flüchtlingskrise in der einen Hand und dem Schutzschild parlamentarischer Legitimation handelnder Personen in der anderen sieht sich der Berliner Senat nun in der Lage, sich des ungewollten Kindes ThFG scheibchenweise zu entledigen.

#THF100 reloaded — neuerliche Mobilmachung

Dass die Initiative 100% Tempelhof dem neuen Vorstoß des Senates wenig abgewinnen kann, liegt auf der Hand. Seit Jahren setzet sich der Verein für ein offenes, unbebautes Tempelhofer Feld ein und mobilisierte dafür erstaunlich viele Berlinerinnen und Berliner. Immerhin 740.000 gültige  Stimmen wurden 2014 für das ThFG gesammelt; 300.000 mehr als die SPD bei ihrer letzten Wahl in Berlin zusammenbekommen hat.

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Auch wenn der Berliner Senat ‚nur‘ ein bis 31. Dezember 2019 befristeten Paragraphen 9 in das des ThFG einfügen will, der die Errichtung von Anlagen für die Flüchtlingsunterbringung regeln soll, steht die Aushöhlung des ‚Volks-Gesetztes‘ durchaus zu befürchten: Werden auf dem Feld einmal Gebäude — und wenn es auch nur mobile Blumenhallen von einfacher Schönheit sind — errichtet, muss das Feld mindestens in Ansätzen auch für die Bebauung erschlossen werden (Strom, Wasser, Abwasser etc.). Damit hätte der Senat den Fuß für weitere Ausnahmen — vielleicht eine Internationale Gartenschau (!?) — in der Tür. Mit so starkem Gegenwind jedenfalls hätte er nach drei Jahren bebautem Feld wohl nicht mehr zu rechnen.

Kritisiert wird außerdem, dass alternative Möglichkeiten vom Berliner Senat nicht gründlich geprüft wurden; nicht leer stehende Gebäude und auch nicht verfügbare Freiflächen. In der Hauptsache geht es aber um das nachhaltig beschädigte Vertrauen in die ‚gemeinnützigen‘ Absichten von Herrn Müller und Co. im Berliner Senat, wie Lorenz Maroldt, Chefredakteur des Tagesspiegels, in seinem Kommentar bei Radio Eins treffend zusammenfasst.

Vorschlag zur Güte — lÄngerfristig nutzen Schaffen

Das Tempelhofer Feld ist Berliner Luxus: Es ist nicht sonderlich schön, bietet aber viel Platz. Platz, der in der Stadt Mangelware ist. Platz, der zum (Mit-) Machen und Ausprobieren einlädt. Platz, auf dem Neues entsteht … Damit  kann das Tempelhofer Feld durch aus seinen Beitrag zur Bewältigung der Flüchtlingskrise leisten. Einerseits ganz kurzfristig, andererseits auch langfristig.

Kurzfristig: Die Menschen, die nach Berlin kommen, trocken und sauber unterzubekommen reicht nicht aus. Schon heute liest man viel von gereizter Stimmung in den Flüchtlingsunterkünften und anliegenden Bezirken, die nicht auf den Unwillen oder die Blödheit der Leute, sondern vor allem auf fehlende Freiräume zurückzuführen ist. Platz für Sport, Bewegung und Begegnung zu bieten, ist also das Mindeste — und zwar nicht erst dann, wenn jemand zu schaden gekommen ist, sondern gern schon früher, zum Beispiel jetzt.

Langfristig: Berlin ist heute schon eine Stadt des Nebeneinanders. Man sieht das recht deutlich in den Engagementstatistiken, in denen Ballungsräume ohnehin immer etwas hinerher hinken. Auf dem Tempelhofer Feld und rund herum ist in den letzten Jahren allerdings eine erstaunliche Vielfalt bürgerschaftlichen Engagements entstanden. Das liegt vor allem daran, dass es hier die Möglichkeit gibt, etwas Neues zu machen und abseits ausgetretener Pfade etablierter (Sport-) Vereine zu wandeln. Angesichts unserer unermesslichen Unkenntnis desssen, was unsere neuen Mitbürger tun können und wollen, ist das genau was wir für soziale Integration brauchen, die mehr sein soll als nur ‘satt und sauber’.

tl;dr: Es geht wieder rund ums Tempelhofer Feld: Nach Monaten berechtigter Hoffnung auf ein konstruktives Miteinander rüsten Senat und Berliner Wahlvolk wieder gegeneinander auf. 

Das Schlagwort „Web 2.0“ begleitet uns ja nun schon eine ganze Weile. Und auch wenn „Web 2.0“ langsam out wird (siehe Google Trends), wird uns diese x.0-isierung voraussichtlich noch eine ganze Weile erhalten bleiben. Die x.0-Metapher scheint mir mittlerweile ein gängiges Instrument zu sein, um Diskussionen über digital-soziale Veränderungen anzustoßen oder zumindest Aufmerksamkeit für den eigenen Standpunkt dazu zu erhaschen — in der Diskussion um digital-soziales Engagement denke man vielleicht an „Ehrenamt 2.0“ (Thiedeke 2008) oder „Engagement 2.0“ (DJI und TU-Dortmund). Wie dem auch sei! Nehmen wir die x.0-Metapher als Marker für die Diskussion um digital-soziale Veränderungen, kommen wir um deren neustes Gespenst nicht herum: die „Industrie 4.0“.

Industrie 4.0

Die so genannte vierte industrielle Revolution soll nach der Indienstnahme von Dampf- und Wasserkraft in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts (Industrie 1.0), dem Aufkommen der fordistischen Massenproduktion in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts (Industrie 2.0) und dem Beginn der Produktionsautomatisierung in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts (Industrie 3.0) nun den Menschen vollends in die industrielle Maschinerie integrieren. Wie? Durch miteinander vernetzte, selbstständig ‚denkende‘ Arbeitsmittel: Datenbrillen und Tablets, über die die Menschen nachvollziehen können (sollen), was die über das Intra- und Internet verbundenen Gerätschaften gerade tun.

Ob in den „Smart Factories“ den so zu Cyborgs mutierten Menschen künftig jedwede Entscheidungsfreiheit genommen wird und wir uns also auf den Weg zurück zur Industrie 2.0 machen oder ob die neuen Möglichkeiten der digitalen Vernetzung zum industriellen „Cloud Working“ genutzt werden, ist prinzipiell offen. Mir schwant aber, dass die Sache für den Menschen nicht so gut ausgeht — sprich die anstehenden ‚Herausforderungen‘ zu Gunsten der effizienteren Maschinen ‚gelöst‘ werden.

Worin aller Voraussicht nach diese ‚Herausforderungen‘ bestehen, umreißen Martin Krzywdzinsk, Ulrich Jürgens und Sabine Pfeiffer im WZB-Brief vom September dieses Jahres:

  • Ersatz menschlicher Arbeit: Die Produktionsautomatisierung der Industrie 3.0 ist noch nicht vorüber. Ganz im Gegenteil! Durch ‚intelligenter‘ werdende Maschinen wird auch in der Industrie 4.0 weniger Menpower für die Produktion gebraucht. Das Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) geht von einem Minus zwischen 12 und 42% aus (Bonin/Gregory/Zierahn 2015).
  • Abwertung von Qualifikationen: Ganz besonders die mittleren und unteren Qualifikationsgruppen — sagen wir Maschinenführer und Reinigungskräfte — werden es in den Reinräumen der Industrie 4.0 künftig schwer haben. Von der Abwertung der Qualifikationen waren bislang eher die mittleren Qualifikationsgruppen betroffen (Schweißer wurden zum Maschinenführer), jetzt werden sich auch die Reinigungskräfte spezialisieren oder einen anderen Job suchen müssen.
  • Verschlechterung der Arbeitsbedingungen: Durch die digitale Vernetzung wird die Arbeit zunehmend entgrenzt und seitens des Managements besser kontrollierbar. Die Leistungskontrolle bspw. von Callcenter-Mitarbeitern (ein Paradebeispiel für die Dienstleistungsindustrie 4.0) ist heute schon so aussagekräftig, dass hier eine Art Akkordarbeit möglich wird: Wer im Callcenter mehr verdienen will, muss Kunden schneller ‚zufrieden‘ stellen. Die Entgrenzung der Arbeit wiederum betrifft die ständige Erreichbarkeit des „Always On“ und den Kontrollverlust über die eigene Arbeitsplanung. Beides — zunehmende Leistungskontrolle und Entgrenzung — sind wesentliche Negativ-Kriterien bei der Bewertung von Arbeit, wie sie der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) auf seiner Webseite als Selbsttest anbietet.

Das alles hat natürlich nicht so wahnsinnig viel mit freiwilligem Engagement und Ehrenamt zu tun, oder? Doch!

Ehrenamt 4.0

Es ist eine Binsenweisheit, dass sich die Strukturen der Arbeitswelt auch in denen des Ehrenamts niederschlagen. Teilweise mit beträchtlicher Zeitverzögerung überlagern die im Erwerbsleben usus gewordenen ‚neuen‘ Arbeitsweisen (z.B. das Cloudworking) die alten. Bei dieser Überlagerung stirbt das Alte nicht gleich aus, wird aber zunehmend aus dem Mainstream verdrängt, bis es irgendwann ganz verschwindet. Am Wandel des Ehrenamts — hier einmal im Stile der x.0-Metapher von 1 bis 3 — lässt sich das ganz gut erkennen:

  • Ehrenamt 1.0 ist das Mitgliederengagement in Gewerkschaften, Parteien, Kirchen, Verbänden sowie Sport- und Kulturvereinen. Es war früher bürgerlicher Mainstream, sich in einem Verein zu engagieren und wer wirklich etwas darstellen wollte, wurde Mitglied des Vorstandes. Heute müssen Mitgliederorganisationen schon ganz schön die Werbetrommel rühren und mit Bonbons locken, damit überhaupt noch jemand eintritt.
  • Ehrenamt 2.0 ist das Engagement in Projekten, das in kleineren Vereinen und Initiativen mehr oder weniger professionell gemanagt wird. Vereine und Verbände (natürlich auch Kirchen), die sich modern zeigen wollen bieten genau dieses zeitweise Engagement in Projekten an, die einem am Herzen liegen — sei es weil der eigene Nachwuchs dran hängt (Sport, Schule, Kindergarten) oder weil man selbstlos tätig werden will.
  • Ehrenamt 3.0 ist das auf Effizienz, Effektivität und Impact gebürstete Projektengagement. Dabei sind alle Mittel Recht, um allseitig gewinnbringend zu wirken: Über das Internet wird Flexibilität und / oder Anonymität gewährt, durch Reisetätigkeiten Urlaub mit Ehrenamt verbunden und Arbeitnehmer für die Teambildungsmaßnahme ‘Ehrenamt’ freigestellt (mehr zu “Volunteer Work in the 21 Century” hier).

Was nun zu folgen scheint ist das Ehrenamt 4.0 — ein Ehrenamt das mit „Human Computation“ wahrscheinlich treffend beschrieben ist. Menschen führen hier keine Maschinen mehr, sie ergänzen Maschinen nur noch dort, wo diese noch nicht soweit sind. Ein aktuell viel zitiertes Beispiel ist fold.it, ein experimentelles Desktop-Puzzel-Spiel bei dem es darum geht, komplexe Protein-Ketten zusammenzusetzen. Menschen — ganz besonders viele Menschen (die „Crowd“) — sind hierbei (noch) effektiver als Maschinen. Eine Maschine aber stellt die Spielumgebung; quasi die Struktur in dem sich die Menschen engagieren. Mitbestimmung? Pustekuchen!

Dunkle Zeiten?!

Die Integration des Ehrenamtes in die Welt vernetzter Maschinen und Algorithmen scheint angesichts der  voranschreitenden Entwicklung der Industrie 4.0 nur eine Frage der Zeit. Zunächst steht die Integration vernetzter Maschinen und Algorithmen in das Ehrenamt an. Sie macht uns das Engagieren leichter und man kann damit auch bestimmt mehr Menschen für das Ehrenamt mobilisieren. Doch schon bald werden wir merken, dass das angesichts der schier unerschöpflichen Zahl von Problemen in der Welt nicht reicht. (Ein Grunddilemma des Ehrenamts: Es reicht nie.)

Werden wir dann sagen „na und“ oder werden wir alles tun, die ewig knappe Ressource Ehrenamt so effizient wie möglich einzusetzen? Was geschieht dann? Bleibt das Ehrenamt „Bürgerpflicht“, wenn es nichts mehr mit Bürgersein zu tun hat? Ist das Engagement noch attraktiv und bindend, wenn die ehrenamtliche Arbeit nur noch Maschinen lehrt, es besser zu machen? Wenn die Mitbestimmung und Mitgestaltung denen vorbehalten bleibt, die die Maschinen prgrammieren und führen können? Wer wird sich noch engagieren, wenn die Freizeit-Arbeit dann fremdbestimmt und präzise kontrolliert ist?

tl;dr: Ein — zugegeben — düsteres Zukunftsbild des “Ehrenamt 4.0”, in dem Menschen in der Welt der Maschinen und Algorithmen aufgehen. Mit der Bitte um Richtigstellung!

Im Sommer dieses Jahres erschien “Psychologie der Freiwilligenarbeit. Motivation, Gestaltung und Organisation” im Springer Verlag — ein ‘must have’ für das Freiwilligenmanagement! Ich habe mir den Band angesehen und einiges Interessantes darin gefunden. Doch eins nach dem anderen:

Vorwort: Was von diesem Buch (nicht) zu erwarten ist

In ihrem Vorwort machen die Herausgeber des Bandes Theo Wehner und Stefan Güntert — Leiter und Oberassistent der Forschungsgruppe Psychologie der Arbeit an der ETH Zürich — deutlich, dass die Freiwilligenarbeit in den einzelnen Beiträgen nicht aus dem ‘üblichen’, sondern einem arbeitspsychologischen Blickwinkel in Augenschein genommen werden.

Analysiert wird im Feld der Freiwilligenarbeit und in der Gesellschaft in erster Linie das stagnierende oder gar abnehmende Phänomen der Freiwilligkeit. Bewertet werden primär die Befunde aus persönlichen Beobachtungen oder statistischen Erhebungen (Freiwilligenmonitore). Interveniert wird derzeit häufig mit Rekrutierungssystemen, dem Gebrauch von Anreizen, und mit Professionalisierungsstrategien, wie wir sie aus dem Personalmanagement kennen …

Was in der aktuellen Diskussion um die Freiwilligenarbeit also fehlt — so die Autoren –, sind fundierte Erkenntnisse aus der Arbeitspsychologie. Und in der Tat: Diese Analysen können die anderer Untersuchungen (z.B. auf der Grundlage statistischer Erhebungen) fundiert untermauern, ausdifferenzieren oder ihnen sogar wiedersprechen. Was — da scheinen sich die Herausgeber sicher — aktuell nicht fehlt, sind praktische Arbeitshilfen für das Freiwilligenmanagement.

Es werden keine Tool-Kits für die erfolgreiche Rekrutierung und Bindung von Freiwilligen angeboten.

Kurzum: Wer sich “Psychologie der Freiwilligenarbeit” zu Gemüte führt, kann zahlreiche Bestätigungen hinlänglich bekannter Thesen, Perspektivwechsel auf bereits beschriebene Phänomene und kleinere Überraschungen erwarten. Praktische Arbeitshilfen dagegen muss man in den 15 Beiträgen des Buches mit der Lupe suchen, findet aber hier und da hilfreiche Anregungen zum Nachmachen und ‘Selber-Basteln’.

Auftakt: Zum Unterschied von Erwerbs- und Freiwilligenarbeit

Ein eindrückliches Beispiel für den Perspektivwechsel auf bereits umfangreich beschriebene Phänomene, ist die auf die Freiwilligenarbeit selbst. Hannah Arendt zumindest ist mir in diesem Zusammenhang noch nicht begegnet. Sie aber liefert Wehner und seinen Kolleg!nnen mit ihrer “Vita Activa” (“vom tätigen Leben”) die Grundlage für die Unterscheidung zwischen Erwerbs- und Freiwilligenarbeit.

Arendt beschreibt drei Arten des Tätigseins: das Arbeiten, dass vordergründig der (materiellen) Existenzsicherung dient, das Herstellen, dass dem natürlichen Kreislauf der Natur, dem Biologisch-Vergänglichem, das Künstlich-Beständige entgegensetzt und all den Rest — die Handlung — der sich “ohne die Vermittlung von Materie, Material und Dingen direkt zwischen Menschen [abspielt]” (Arendt, zit. nach Wehner et al 2015:16).

Freiwilligenarbeit, verstanden in diesem Sinne, ist also gar keine Arbeit. Bürgerschaftliches, freiwilliges Engagement oder Ehrenamt dient nicht — und schon gar nicht vordergründig — der (materiellen) Existenzsicherung. Viel eher treffen Arendts Attribute des Handelns auf die Freiwilligenarbeit zu, wobei auch ihre politische Dimension nicht unberücksichtigt bleibt.

Und so beziehen Wehner und seine Kolleg!nnen die Freiwilligenarbeit — oder besser die “frei-gemeinnützige Tätigkeit” — vor allem auf Arendts Handlungsbegriff, um sie deutlich von der Erwerbsarbeit abzugrenzen. Ohne Not, wie ich finde, übergehen sie dabei die ‘herstellende’ Freiwilligenarbeit (z.B. im Katastrophenschutz), bei der sehr wohl zwischen Materie, Material und Dingen vermittelt wird. Vielleicht ist man hier der Vorstellung etwas auf den Leim gegangen, dass Ehrenamt vorrangig soziales Engagement sei, bei dem der Aufbau und die Pflege von Beziehungen im Mittelpunkt stehen (z.B. Besuchs- und Patenschaftsprojekte).

Doch wie dem auch sei! Der Punkt ist, dass sich freiwilliges Engagement und Ehrenamt als Tätigkeiten grundlegend von der Erwerbsarbeit unterscheiden. Diese Erkenntnis zieht sich wie ein roter Faden durch den gesamten Band und wird immer dann aufgenommen, wenn Methoden und Werkzeuge der (Erwerbs-) Arbeitspsychologie auf die Freiwilligenarbeit angewendet werden.

Motivation: Zu den Funktionen der Freiwilligenarbeit

Wie Wehner und Güntert in ihrem Vorwort richtig bemerken wird aktuell viel darüber diskutiert, wie Menschen in die Freiwilligenarbeit gebracht werden können (Stichwort “Engagementpotential”). So wird immer wieder nach der Motivation zum freiwilligen Engagement gefragt und sehnlichst auf einen Zaubertrick oder ein Wundermittel gehofft, mit dem die Sache ein für alle Mal zu klären sein könnte. Dass das freilich ein Wunschtraum ist, ist den meisten sonnenklar. Doch bleibt die Frage, was den zu versprechen und dann auch einzulösen sei, um Menschen zu einem freiwilligen Engagement zu motivieren.

Die Antwort darauf findet man in der “Multifunktionalität der Freiwilligenarbeit” (Oostlander/Güntert/Wehner 2015:60ff.) — heißt im funktionalen Ansatz von Clary et al. (1998) und dem Volunteer Function Inventory. Der funktionale Ansatz folgt der grundlegenden Erkenntnis, dass jeder Mensch mit seinem Tun irgendeinen Nutzen, einen “return on engagement”, anstrebt. Und da sich der Wert dieses Nutzens, also auch der Aufwand, der dafür betrieben wird, jeweils subjektiv bestimmt, wird man in der Praxis nicht umhin kommen, die Motivation der Engagierten selbst zu erforschen.

Der funktionale Ansatz von Clary et al. und insbesondere die ‘Übersetzung’ des Volunteer Function Inventorys auf den deutschsprachigen Raum von Oostlander et al. liefert dazu etwas Inspiration.

Funktionen der Freiwilligenarbeit

Volunteer Function Inventory nach Clary et al. mit Beispielen von Oostlander et al. (Oostlander/Güntert/Wehner 2015: 62)

Organisation: Zu den Kriterien guter (Freiwilligen-) Arbeit

Menschen zu einem freiwilligen Engagement zu verhelfen, ist eine Herausforderung, sie dann an die Organisation zu binden, ihr Engagement zu verstetigen und weiterzuentwickeln eine andere. Personal- und Organisationsentwicklung sind hier die Stichworte, zu denen auch die Arbeitspsychologie etwas beizutragen hat. Oberflächlich betrachtet geht es dabei vor allem um die Gestaltung von Aufgaben, die die allgemeine Zufriedenheit der Freiwilligen und ihre Freude am Engagement steiget. Mit von der Partie sind aber auch Indikatoren guter Freiwilligenarbeit wie die Identifikation mit der Organisation und organisationsbezogenes Engagement (z.B. Gremienarbeit), die ich bisher nicht mit den Motivatoren, Moderatoren und Hygienefaktoren aus dem Job Diagnostic Model (JDM) von Hackman und Oldham zusammengebracht habe.

Die Untersuchungsergebnisse zur “Gestaltung von Aufgaben und organisationalen Rahmenbedingungen in der Freiwilligenarbeit” (van Schie/Güntert/Wehner 2015: 131ff.) fand ich entsprechend aufschlussreich. Auch hierin stecken einige Anregungen für das Freiwilligenmanagement:

  • Die allgemeine Zufriedenheit im Engagement wird vor allem durch die Vielfalt im Engagement (JDM-Motivator) und transparente Information der Freiwilligen beeinflusst.
  • Die Freude an der jeweiligen Tätigkeit wird ebenso von der Vielfalt aber auch von der Bedeutsamkeit der Aufgabe und den Rückmeldungen dazu (alles JDM-Motivatoren) beeinflusst.
  • Die Identifikation mit der Organisation — heißt auch Bindung an die Organisation — wird maßgeblich von der Wertkongruenz, also der Schnittmenge der Wertorientierungen der Freiwilligen und den gelebten Werten der Organisation, bestimmt, wobei die Vielfalt der Tätigkeit sowie die Anerkennung durch die Mitarbeitenden der Organisation und dem jeweiligen persönlichen Umfeld ebenso eine Rolle spielen.
  • Für das organisationsbezogene Engagement ist die Wertkongruenz ebenso wichtig, hier spielen aber auch die JDM-Motivatoren Entscheidungsautonomie und Vielfalt eine Rolle. Außerdem ist die Anerkennung des Engagements im persönlichem Umfeld der Ehrenamtlichen wichtig.

Schluss: Was sonst so (nicht) in diesem Buch zu finden ist

Psychologie der Freiwilligenarbeit ist ein lohnenswerter Schmöker. Die neun Cent pro Buchseite sind gut investiertes Geld. Drei größere Findlinge habe ich hier kurz vorgestellt, viele mehr kleinere stecken noch drin; einmal von vorn nach hinten durchgeblättert:

  • Der Hinweis auf den Selbsttest “gute Arbeit” vom DGB (S. 13). Unbedingt durchklicken und zwar regelmäßig!
  • Die Rolle der Selbstbestimmung im freiwilligen Engagement (S. 77ff). Nicht unwesentlich für gelingende Anerkennung und Wertschätzung.
  • Die Erweiterung des Volunteer Function Inventory um soziale Gerechtigkeit (S. 95ff). Ein Strohhalm, den die Motivations-Zaubertrick-Suchenden greifen könnten.
  • Eine Sammlung verschiedener Befunde zu Freiwilligenarbeit und Gesundheit (S. 109ff). Ein Kapitel für Gläubige.
  • Ein Prozessmodell zum “Hineinwachsen” in längerfristiges Engagement (S. 133). Mal was anderes als der Kulturschock.
  • Die Findings zu neuen Formen der Freiwilligenarbeit (S. 195ff). Ein höchst interessant-ärgerliches Kapitel.
  • Der Serviceteil in dem die Grundlagen zur Statistik erläutert werden (S. 281ff). Ein echter Service!

Nicht zu finden ist das Online-Volunteering. Im Kapitel zu neuen Formen der Freiwilligenarbeit beschreiben Nefeind, Güntert und Wehner zwar die drei Entwicklungslinien neuer Formen der Freiwilligenarbeit, wozu auch die “virtuelle Freiwilligenarbeit” (ebd. 2015: 197) zählt, nehmen aber nur die zwei “zahlenmäßig wichtigsten neuen Formen der Freiwilligenarbeit”, die Eventfreiwilligenarbeit und den Voluntourismus in Augenschein.

Voluntourismus! Zahlenmäßig wichtig? Ich dachte ich lese nicht richtig. Da werden 10.000de junger Menschen angeführt, die aus dem deutschsprachigen Europa für ein paar Tage, Wochen oder Monate zu einem Voll- oder Teilzeitdienst im Ausland aufbrechen und von drei- bis vierstelligen Eurobeträgen schwadroniert, die sie dafür bezahlen. Nur mal so zur Info: In der deutschsprachigen Wikipedia sind über 160.000 Online-Volunteers aktiv (Stand Juni 2015) … Man man man! Alles muss man selber machen 🙂

tl;dr: “Psychologie der Freiwilligenarbeit”, ein Band voller Anregung und Bestätigung für das Freiwilligenmanagement, dem auch die Prise Provokation zum Selber-Machen nicht fehlt.

… hatte ich das Vergnügen mit Tim Moritz Hector vom Wikimedia Deutschland e.V. und Kathleen Ziemann vom betterplace LAB über “Partizipatorische Perspektiven” des Online-Volunteerings zu plaudern — Ninia LaGrande  moderierte. Über was wir uns so unterhalten haben, kann man in diesem Mitschnitt bestaunen.

Wenngleich wir fast eine halbe Stunde über Online-Volunteering und Ehrenamt im “realen Leben” — zum Beispiel das bei der freiwilligen Feuerwehr (*hust*) — unterhalten haben, kam eine Frage gar nicht zur Sprache, die sich mir während der Veranstaltung ergab: Ortrud Wendt von der Niedersächsischen Landesmedienanstalt (NLM) wies in ihrem Grußwort darauf hin, dass laut JIM-Studie Jugendliche im Durchschnitt 1,5 Ehrenämter ausüben. Kathleen Ziemann berichtete in ihrem Input dann dagegen, dass jugendliches Engagement in Deutschland leicht rückläufig sei und außerdem eine verstärkte Tendenz zu sporadischem und aktionsbezogenem Engagement beobachtet werden könne. Kathleen bezog sich dabei natürlich auf die Betterplace Analyse “Das hat richtig Spaß gemacht”, der ich kaum wiedersprechen kann, weil ich sie 2011 selber geschrieben habe. Das mit den 1,5 Ehrenämtern hat mich trotzdem ein bisschen irritiert. Grund genug mal genauer hinzuschauen.

FWS vs. JIM – die Intensität des Engagements und die Quoten

Zunächst: Was hat die Studie „Jugend – Information – Medien“ eigentlich zum Engagement von jungen Menschen zu sagen?
Befragt werden seit 1998 jährlich gut 1.000 12- bis 19-jährige zu ihren Freizeitaktivitäten, Themeninteressen und Informationsquellen sowie zu TV-, Computer- und Handynutzung. Die JIM-Studie ist also vor allem für die Medienpädagogik gut, die mit Ehrenamt zunächst nicht all zu viel am Hut hat. 2014 wurden die Teens nun das erste Mal auch nach ihrem ehrenamtlichen Engagement gefragt. Das sicherlich vor dem Hintergrund der Diskussion um zurückgehendes Engagement Jugendlicher und den vermeintlich bösen Medien, die unseren Kindern die Zeit für die wichtigen Dinge im Leben rauben. Müßig eigentlich, wurde diese These des endweder Medien oder Ehrenamt doch schon gründlich wiederlegt (Begemann et al. 2011).
Da ich an den Fragebogen der JIM-Studie bisher nicht rangekommen bin, kann ich leider nur mutmaßen, wie das ehrenamtliche Engagement der Teens erhoben wurde: Nach der Anlage der Studie lässt sich vermuten, dass die Frage nach ehrenamtlichem Engagement bei denen  Freizeitaktivitäten untergebracht wurde. Gefragt wurde dabei wohl nach einer ‚regelmäßig ausgeübten freiwilligen Tätigkeit in einem Verein, einer Gruppe oder Institution‘ (vgl. JIM 2014: 10). Und wenn ich mir die ‚erzielte‘ Quote von ca. 50% Engagierten so anschaue, liegt für mich die Vermutung nahe, dass die Frageführung stark ins Erwünschte zielte (ähnlich der General Alterstudie).
Wie dem auch sei! Beim Vergleich unterschiedlicher Studien sind die Quoten ohnehin Schall und Rauch. Und auch mit den durchschnittlich 1,5 Ehrenämter pro Nase muss man sich nicht weiter beschäftigen. Das heißt nämlich nicht, dass jeder zweite Teenager durchschnittlich in zwei Organisationen, Gruppen oder Institutionen tätig ist, sondern ‚nur‘ dass oft mehr als eine Tätigkeit ausgeübt wird.
Was die JIM Studie also sagt, ist dass sich viele Teens in der einen oder anderen Weise 2014 freiwillig engagiert haben. Was sagt der Freiwilligensurvey?
Leider lässt der neue Survey noch mindestens bis Herbst 2015 auf sich warten. Entsprechend muss man den von 2009 zurate ziehen. Das ist nicht weiter schlimm, denn so doll werden sich die Daten 2014 nicht von 2009 unterscheiden…
Allein für sich genommen sagt der Freiwilligensurvey 2009 nichts anderes als die JIM-Studie: Viele Jugendliche gehen einem freiwilligen Engagement nach; in Zahlen 36% der 14- bis 19-jährigen. Interessant ist der Befund im Vergleich mit Befunden der vorherigen Erhebungswellen: Hier zeigt sich nämlich ein steter Rückgang des Engagements der Teens um 2%. Das ist nicht dramatisch, läuft aber gegen den allgemeinen Trend steigender Quoten (vgl. FWS 2009: 148ff.).
Zusammengefasst heißt das also folgendes:

  • Aus dem Befund der JIM-Studie 2014 irgendeinen Trend ableiten zu wollen, wäre gelinde gesagt hanebüchen. Anders ist das beim Freiwilligensurvey, für den wurde 2009 das dritte mal nach Ehrenamt gefragt.
  • Durch (sehr wahrscheinlich) unterschiedliche Frageführung und -kontextualisierung sind die beiden Quoten nicht vergleichbar. Was da steht ist schlicht: Viele Teenager engagieren sich freiwillig.

JIM vs. FWS: Sporadisches und aktionsbezogenes Engagement

Zum sporadischen Engagement in Initiativen- und Projektarbeit liefert der Freiwilligensurvey keine wirklich eindeutigen Ergebnisse. Es scheint so zu sein, dass das freiwillige Engagement, das hier erhoben wird ein längerfristiges ist, dass größtenteils mit „regelmäßigen terminlichen Verpflichtungen“ einhergeht. Gerade jeder fünfte Engagierte — hauptsächlich aus den Bereichen Schule und Kita — gab 2009 an, dass die „zeitaufwendigste Tätigkeit in absehbarer Zeit beendet“ sein wird (vgl. FWS 2009: 2010). Dass diese Quote seit 1999 kontinuierlich sinkt, deutet nicht unbedingt darauf hin, dass sich sonderlich viele Freiwillige nur Projektbezogen engagieren, was sich auch in ihrem Selbstverständnis widerspiegelt (vgl. dazu FWS 2009: 112).
Also doch kein sporadisches und aktionsbezogenes Engagement unter jungen Menschen? Doch, nur eben nicht im Freiwilligensurvey. Abgesehen davon, das man wohl vermuten kann, dass das Engagement, das im Freiwilligensurvey abgefragt wird, etwas enger gefasst wird als das in der JIM-Studie (s.o.), ist Absehbarkeit ein dehnbarer Begriff. Vermuten lässt sich, dass absehbare Zeiträume für ältere Menschen länger sind, als für jüngere. ‚Auf Dauer gestellt‘ geht bei Schüler!nnen vielleicht ab ‚länger als ein Schuljahr‘ los während es für Studierende vielleicht nur ‚länger als ein Semester‘ bedeuten kann. Wie gesagt: Eindeutig sind die Befunde hier nicht.
Und auch die JIM-Studie macht dazu keine Aussagen. Berichtet wird nur, dass sich viele Jugendliche engagieren. Das hier erhobene Engagement ist durch die Anlage der Studie (s.o) aber breiter gefasst. Man könnte also die Vermutung anstellen, dass sich nicht wenige Teenager auf eine Weise engagieren, die der Freiwilligensurvey nicht erfasst. Hier einfach eine Quote von 14% zu nennen (50% in der JIM minus 36% im FWS) wäre zu einfach. Einerseits sind die Altersgruppen nicht deckungsgleich, andererseits ist die Vermutung einer Frageführung hin zu sozialer Erwünschtheit nicht aus der Welt.
Zusammengefasst heißt das also folgendes:

  • In der ‚offiziellen‘ Engagementstatistik ist sporadisches und/oder aktionsbezogenes Engagement kein Thema. Entsprechend sind die Befunde nicht eindeutig.
  • Engagementformen, die nicht in die Engagement-Quote des Freiwilligensurveys eingehen — zum Beispiel sporadisches und/oder aktionsbezogenes Engagement —, könnten (Achtung Vermutung!) sich in Studien mit einem breiteren Engagementverständnis wie der JIM-Studie widerfinden.

Fazit:

Dass sich Teenager verstärkt sporadischem und/oder aktionsbezogenem Engagement zuwenden bleibt statistisch eine Vermutung, die sich vor allem aus der Öffentlichkeitsarbeit scheinbar ‚erfolgreicher‘ Nonprofits speist. Ob deren Verlautbarungen immer stimmen, sei dahin gestellt. Allerdings liegt die Vermutung nahe, dass sporadische und aktionsbezogene Engagementformate bei jungen Menschen besser ankommen, weil sie eben (situativ) passen.
Wie ich diese Entwicklung einschätze? Ich warne davor, die scheinbar objektiven Beobachtungen zu erst zu nehmen. Finden junge Menschen einen Zugang zu einem Engagement, engagieren sie sich auch so lange es eben geht. Auf die Vermutung hin, nur noch sporadische und/oder aktionsbezogene Engagementprojekte anzubieten, ohne echte Zugänge in die Organisation — zu längerfristiger Mitarbeit — zu schaffen, führt geradewegs in eine selbsterfüllende Prophezeiung: Weil nur noch sporadisches und/oder aktionsbezogenes Engagement angeboten wird, engagieren sich junge Menschen auch nur noch so und wir beschweren uns dann darüber, dass sich Jugendliche nicht mehr langfristig binden können oder wollen.

tl;dr: Sporadisches und/oder aktionsbezogenes Engagement könnte schon ein Format für junge Menschen sein, muss es aber nicht.

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