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Aus irgendeiner Ecke des sozialen Netzes ist mir diese Woche die Microsoft-Studie „Digitalisierung für alle“ zugefolgen.  Basierend auf einer britischen Grundlagenstudie befragte YouGov im Februar dieses Jahres etwa 500 Führungskräfte und 500 Mitarbeitende in der deutschen Privatwirtschaft sowie 100 Mitarbeitende aus dem öffentlichen Dienst (n = 1.073) zum Stand der Dinge in Sachen Digitalisierung.

Die Autor!nnen der Studie verstehen Digitalisierung als evolutionären – nicht revolutionären (!) – Transformationsprozess, den es zu gestalten gilt. Agile Methoden scheinen dafür (einmal mehr) das Mittel der Wahl:

In dieser Studie untersuchen wir die Treiber einer Kultur, die in der Lage ist, die digitale Transformation erfolgreich zu bewältigen, und beschreiben konkrete Maßnahmen, um eine agile, digitale Kultur zu entwickeln (S. 5).  

Als Treiber einer digitalisierungsfreundlichen Kultur werden fünf zentrale Herausforderungen näher in Augenschein genommen und in den einzelnen Kapiteln mit den Ergebnissen der Befragung und ein paar O-Tönen aus der Wirtschaft illustriert.  

  • Zusammenarbeit fördern – Potentiale der [Mensch-Maschine-] Zusammenarbeit durch neue digitale Technologien nutzbar machen.
  • Ängste akzeptieren – Ängste, die durch Veränderung entstehen, nicht zu ignorieren, sondern Menschen proaktiv bei der Überwindung unterstützen.
  • Nutzen aufzeigen – Ressourcen und Rahmenbedingungen zur Verfügung stellen, damit Erfahrungen mit neuen Technologien gemacht werden können.
  • Gemeinsam gestalten – das Umfeld, in dem das Unternehmen agiert, verstehen und neue digitale Technologien darauf ausrichten.
  • Agilität leben – Menschen darin unterstützen, eine flexible, aktive Kultur der ständigen Verbesserung und der Innovationsbereitschaft zu entwickeln.

Digitalisierung: Aufgaben für Führungskräfte

Gleichwohl am Anfang der Studie betont wird, dass die „erfolgreiche Integration von neuen Technologien“ (a.k.a. Digitalisierung im Hause Microsoft) eigentlich nur buttom-up gelingen kann, werden all diese Herausforderungen als Führungsaufgaben beschrieben. Führung, die also nicht „autokratisch von oben“ Digitalisierung verordnet, sondern förderliche Rahmenbedingungen dafür schaffen soll.

Gefragt nach diversen Einflussfaktoren auf eine digitalisierungsfreundliche Organisationskultur nickten die befragten Unternehmensleitungen ziemlich energisch: Fast alle dieser Befragten meinen zum Beispiel, dass es wichtig ist, neue Technologien schnell beherrschen zu lernen und dass ihre Mitarbeitenden offen gegenüber Innovationen sind. Bei den Mitarbeitenden dagegen scheint das nicht so recht anzukommen. Hier sagen nicht mal drei Viertel der Befragten, dass schnelles Beherrschen neuer Technologien wichtig sei. Und nur etwas mehr als Hälfte sehen sich als offen gegenüber Innovation.  

Ganz offenbar gibt es einen tiefen Graben der wahrgenommenen Wandlungsbemühungen zwischen Unternehmensleitung und Mitarbeitenden. Einen Graben der sich mit bis zu 60% geringerer Zustimmung zu Fragen einer digitalisierungsfreundlichen Organisationskultur niederschlägt. Das macht die zentrale Aufgabe der Führungskräfte deutlich: Führungskräfte müssen ihre Mitarbeitenden für den digitalen Wandel gewinnen.

Wie genau dieses ‚Gewinnen‘ aussehen soll, hängt natürlich von den Mitarbeitenden ab – den Menschen, die es betrifft. Hier kommt es zum Beispiel auf das richtige Mindset an! Die Autor!nnen der Microsoft-Studie zitieren hier Carol Dwecks (The New Psychology of Success). Ihr zu folge neigen Menschen zu einem „Fixed“ oder einem „Growth Mindset“ – grundverschiedene Denkweisen, in denen basale Eigenschaften wie Talente, Intelligenz, Charakterzüge und so weiter entweder als gegeben und unveränderbar oder als flexibel und entwicklungsfähig verstanden werden.

Ganz so bipolar, finde ich, muss man das nicht sehen. Es gibt sicherlich in ein und derselben Person unterschiedlich fixe und flexible Eigenschaften. Was aber auf jeden Fall richtig ist, ist dass man mit einem 100% Fixed Mindset nicht weit kommt. Die Welt dreht sich heute viel zu schnell, als dass man allein mit seinen irgendwann einmal entwickelten nun aber unveränderbaren Eigenschaften alle Herausforderungen bewältigen könnte. Individuelle Entwicklung ist der Schlüssel – sie zu systematisieren bedeutet digitalen Wandel zu gestalten.

Digitalisierung: Aufgaben für Mitarbeitende

Aus nachvollziehbaren Gründen richtet sich die Microsoft-Studie eher an Führungskräfte als an Mitarbeitende. Wohl aus diesem Grund beschlich mich beim Lesen dann und wann auch das eigentümliche Gefühl ein Schaaf zu sein. Nun muss man mich für den digitalen Wandel nicht mehr gewinnen. Aus der Schaaf-Perspektive aber frage ich mich, wer Führungskräfte für den digitalen Wandel gewinnen und entwickeln soll.

All das, was als Herausforderung im digitalen Wandel beschrieben wird, betrifft ja nicht nur Mitarbeitende. Auch Führungskräfte sorgen sich um ihren Posten, wenn Hierarchien immer weiter abgebaut werden. Auch Führungskräfte – viele haben ihre Diplomarbeiten noch auf der Schreibmaschine getippt – müssen den Umgang mit neuen Technologien lernen. Und auch manche Führungskraft läuft mit Vorstellungen von (Gott-)gegebenen, unveränderlichen Eigenschaften durch die Welt und vererbt sie im Zweifel auch noch an ihre Nachfolger!nnen.

Es ist leider nicht die Rolle von Mitarbeitenden Führungskräfte zu Coachen. Es ist traurig, aber Führungskräfte müssen sich an ihrem eigenen Schopf aus dem Sumpf ziehen. Das gelingt natürlich nicht (oder nur selten), weil sie in ihren (geerbten) Vorstellungen festhängen und Impulse immer nur vor diesem Hintergrund auswählen und verarbeiten können. Daran ändert auch „Reverse-Mentoring“ (der Henkel-Case S. 42) nichts. Mitarbeitende können die armen Chefs aber zu gegebenem Anlass ‚anfeuern‘ – es darf ruhig auch mal positives Feedback geben.

Ebenso ist Mitmachen, Ausprobieren und Sich-Drauf-Einlassen sicher eine gute Idee, um eine digitalisierungsfreundliche Organisationskultur bottom-up zu befördern. Es ist dafür gar nicht notwendig immer der oder die erste an Bord zu sein. Es reicht schon, sich beim Aufspringen einmal nicht darüber zu beschweren, dass der Zug viel zu schnell und außerdem auf dem falschen Gleis und sowieso mit hässlichen Sitzbezügen fährt.

Zur Implementierung neuer digitaler Tools und Verfahren zitieren die Autor!nnen der Microsoft-Studie Everett Rogers Kurve der Technologieadaption. Ich bin mir nicht ganz sicher, ob man die so einfach für die Organisationsentwicklung adaptieren kann, finde den Ansatz aber gut: Eine Hand voll Leute testet und entwickelt Innovationen, die früher oder später von den meisten in der Organisation übernommen werden und schließlich auch die Skeptiker des Wandels nachziehen.

Adaption einer Innovation durch verschiedene Nutzergruppen (blau) und der gesamte Markt (gelb)

Fazit: Digitalisierung für alle

Es mag sein, dass die Gestaltung des digitalen Wandels vor allem Aufgabe der Führungskräfte ist. Das heißt aber nicht, dass Mitarbeitende nur abwarten müssen, bis die Sache vollbraucht ist. Ganz im Sinne des nutzerzentrierten Arbeitens in agilen Prozessen geht es nicht ohne Mitarbeit, ohne Partizipation, ohne Ausprobieren und ohne Scheitern. Ja, Scheitern macht keinen Spaß! Und: Nein, nicht aus jedem Scheitern kann man was Nützliches lernen! Frust ist vorprogrammiert. Umso wichtiger ist es, auch winzige Fortschritte gemeinsam zu feiern, statt sie kleiner zu reden als sie sind.

Vor etwa einem Jahr habe ich hier im Blog zum ersten Mal über meine Arbeit im neu geschaffenen ‚Cluster‘ Soziale Innovation & Digitalisierung geschrieben. Ich habe immer noch keine Ahnung, was ein ‚Cluster‘ sein soll. Ich finde aber gut das es das gibt. Es ist ein sinnvolleres Wort als „Büro“. Bei einem „Büro für Soziale Innovation & Digitalisierung“ müsste ich automatisch an Zuständigkeit denken. Das hat in meinem alten Job – im „Büro für Internationale Freiwilligendienste“ – auch Sinn gemacht, die Zuständigkeit für soziale Innovationen und Digitalisierung aber lässt sich nicht zwischen vier Wänden einsperren. Es sind ja alle gefragt, die gesellschaftliche Transformation, die wir Digitalisierung nennen, mit Kreativität und Innovationsgeist, mit neuen Methoden und Denkweisen zu gestalten.

Was wir in unserem Cluster dazu beitragen können, ist Anregungen und Beispiele dafür zu poolen, sodass sich jedermann (und -frau) bedienen kann, um das eigene Themenfeld – ob das nun Kita oder Pflege, Jugendarbeit oder Behindertenhilfe ist – sinnvoll zu gestalten. Allein mit einem solchen Pool ist es freilich nicht getan! In der Praxis machen wir uns natürlich ‚zuständig‘ – vor allem dafür, den Wert alternativer Methoden oder Perspektiven, neuer Ansätze, Kooperationen und Netzwerkarbeit hervorzuheben und so auch zu pushen.

Ich sehe uns im Cluster Soziale Innovation & Digitalisierung schon als diejenigen, die ihre Anregungen und Beispiele, ihre Prototypen und Fuck-up-Cases in die Welt der Kitas oder Pflege, der Jugendarbeit oder Behindertenhilfe tragen. Das ist nicht immer (eigentlich nie) einfach! Zum Beispiel, weil wir auf gar keinen Fall sowas wie „Fuck-up-Case“ sagen dürfen …

Ansätze für Soziale Innovation

Über mein Verständnis von sozialer Innovation und ihrer gesellschaftlichen Verbreitung hatte ich hier im Blog geschrieben und mit Brigitte Reiser diskutiert. Mein Fazit: Soziale Innovation bezeichnet – wie auch die Digitalisierung – einen gesellschaftlichen Wandlungsprozess, der auf allen Ebenen – vor allem aber vor Ort – gestaltet werden kann. Ein paar Werkzeuge für diese Gestaltungsaufgabe haben wir im vergangenen Jahr gesammelt, erprobt und entwickelt:

  • Um die Performance von Ideengebern und Projekt-Verantwortlichen bei ihren Präsentation zu verändern, um anzufangen Bulletpoint-Wüsten und Power-Point-Karaoke den Garaus zu machen, für größere Bilder und weniger Text auf den Vortragsfolien adaptieren wir Pecha Kucha als Vortragsmethode.
  • Um dem immer hohen Bedarf nach kollegialem Austausch gerecht zu werden, um der nur passiven Aufnahme von Input etwas entgegen zu setzen und Freak Events zum New Normal werden zu lassen, entwickeln wir das BarCamp zum MachCamp und verbreiten es als alternatives Tagungsformat im Verband.
  • Um unsere Arbeitsmittel – vom Teamblog über die Webseite bis zur Präsentation – bestmöglich zu entwickeln, um nicht erst im öffentlichen Betrieb die wesentlichen Anpassungen vornehmen zu müssen und nicht zuletzt um fatale System-Crashs zu vermeiden arbeiten wir mit Prototypen und der (mehr oder weniger) ausdrücklichen Bitte, sie kaputt zu machen.

Erwartungsgemäß kamen Methoden wie das BarCamp im vergangenen Jahr etwas besser an als Pecha Kucha oder Prototyping. BarCamps sind, wenn man so will, serienreif und stoßen in der Wohlfahrtspflege mittlerweile auf große Ressonanz. Die Adaption dieses Tagungsformates für das DRK ist demnach sehr vielversprechend, die Verbreitung im Verband deshalb aber nicht weniger herausfordernd. Ein BarCamp ist ein Do-it-yourself-Format, für das es keine reine Lehre gibt. Wenn wir also die Wirkung von Bar- oder MachCamps über die Verbandsstrukturen skalieren wollen, reicht es nicht, einmal jährlich eine neue Auflage des Cross Media Day zu feiern. Die neuen Auflagen müssen wir mit immer neuen Leuten, Organisatoren und Moderatoren feiern!

Für das Prototyping und Pecha Kucha müssen wir noch ein bisschen werben. Hier experimentieren wir mit Story-Telling und neuen Workshop-Formaten sowie Schreib- und Bildwerkstätten. Aktuell arbeiten wir hierfür an greifbaren Beispielen, wie einer neuen Webseite, und fordern in Fortbildungsveranstaltungen zu Pecha Kucha anstelle der immer gleichen Präsentationen heraus.  

Wege in der Digitalisierung

Zur Digitalisierung hatte ich vor einem Jahr geschrieben, dass die Wohlfahrtspflege hier noch ganz am Anfang steht. Ich hatte ernsthaft überlegt, ob ich das so schreiben kann, bin aber der Ansicht, dass alles andere gelogen wäre. Aktuelle Themen der digitalen Gesellschaft wie „Big Data“, “Blockchain” „künstliche Intelligenz“ und „Robotik“ liegen für die klassische Wohlfahrt noch in weiter Ferne. Verbessert hat sich nach meinem Eindruck allerdings das Verständnis von Social Media und den Möglichkeiten, mit der postenden und twitternden Crowd umzugehen (Stichwort: Social Media Policy). Das ist natürlich ein guter Zugang zur Digitalisierung, die ja in erster Linie wohlbedachter Organisationsentwicklung bedarf, zeigt aber eben auch, dass hier noch ein weiter Weg zu gehen ist.  

Es ist nicht einfach, Neugierde auf die Digitalisierung als vor allem technisch getriebene Transformation der Gesellschaft  zu wecken. Entweder, so mein Eindruck, weil die konkreten Veränderungen weit ab der Lebensrealität vieler Praktiker geschieht oder, weil ganz intuitiv unüberwindbare Blockaden gegen die bloße Möglichkeit eigener Veränderung in Stellung gebracht werden.

Ein möglicher Weg für uns wäre es freilich, Krisen heraufzubeschwören. Wer aber schon mal versucht hat, mit Führungskräften aus der Pflege über mögliche Disruptionen (z.B. durch das BUURTZORG-Konzept) zu diskutieren, wird wissen, dass der Verlass auf die Behäbigkeit des Systems beinahe grenzenlos ist. Viel sinnvoller scheint es mir deshalb, den Weg über die Mythen, Geschichten und Narrative zur Digitalisierung in der Wohlfahrtspflege zu gehen. Zum einen schaffen wir damit den Nährboden für Ressonanz in der Verbandskommunikation, zum anderen können wir so die konkreten Fragestellungen für die Organisationsentwicklung identifizieren.

Weiter geht’s

Das vergangene Jahr stand für mich ganz im Zeichen des Aufbruchs. Gemeinsam haben wir tolle Veranstaltungen, wie das Forum Soziale Innovation, Insight DRK und den Cross Media Day organisiert. Ich habe dabei viele Menschen getroffen, die sich sehr für die Innovationsförderung und Digitalisierung im DRK und in der Wohlfahrtspflege interessieren und aktiv mitmischen wollen. Ich habe aber auch Menschen kennen gelernt, die das alles doof finden und dafür auch interessante Argumente haben.

In unserem Cluster und mit unseren Kolleg!nnen aus dem Generalsekretariat haben wir im letzten Jahr einige Hebel für den Wandel im DRK ausprobiert und mit dem einen oder anderen auch etwas bewegt. Mit zahlreichen engagierten aus dem ganzen DRK und von allen Verbandsebenen  haben wir gezeigt, dass BarCamp im DRK richtig gut funktioniert. Die nominierten Teams aus dem Ideenwettbewerb haben gezeigt, dass Pecha Kucha ziemlich cool mit Wohlfahrtsthemen zusammengeht und nebenbei einen wunderbaren Abend bei „Insight DRK“ gestaltet. Wir basteln an Prototypen und sammeln gute Erfahrungen damit. Und auch wenn es manchmal schneller gehen dürfte kommen wir auch beim Thema Digitalisierung voran.

Alles in allem also liegt ein gutes Jahr hinter uns. Ich gehe fest davon aus, dass ein weiteres gutes folgen wird. Herausforderungen gibt es schließlich genug. Zum Beispiel würde ich sehr gern noch viel mehr von den digital Jedis und Intrapreneurs aus dem DRK und von anderswo hören und lesen. Aktuell ist dafür ein Webinar-Format in Planung und eine Mailing-Gruppe in der Testphase. So richtig viel Ressonanz kommt aber noch nicht. Habt ihr Tipps oder Hinweise? Immer gern rein damit in die Kommentare.

Als ich neulich morgens las, was POTUS Trump gen Nord-Korea twitterte, kam ich nicht umhin, zumindest kurz an die atomare Apokalypse zu denken: Wer hätte gedacht, dass ich die live erleben würde …

Donald Trump ist so eine Figur unserer Zeit, finde ich. Er scheint mir das zu verkörpern, was vielen in den Sinn kommt, wenn es um Politik geht: Kampf und Krise, rechts gegen links, unten gegen oben, wir gegen die anderen … Doch regt sich Unbehagen! Glaubt man den Analysen Hartmut Rosas, sehnt sich der moderne Mensch nach Resonanz – nach einer gelingenden Anverwandlung von Welt, nicht nach wandelnden Krisenerscheinungen.

Bewegung & Gegenbewegung

Matthias Horx, Leiter des Frankfurter Zukunftsinsituts, konstatiert im Vorwort zu dessen diesjährigen Report, dass sich die „wahren Zukunftstrends“ als Gegenbewegungen gegen die Krisen der Zeit entwickeln. Mit Blick auf die allgegenwärtige Digitalisierung  drückte er das in einem Interview Ende letzten Jahres so aus:

Je mehr digitalisiert und vernetzt wird, desto mehr sehnen sich die Menschen nach Dingen zum Anfassen, nach Realität und schönem Design.

Zukunftstrends wider den Krisen unserer Zeit? Klingt gut! Doch vollzieht sich kultureller Wandel tatsächlich im Wechselspiel von Bewegung und Gegenbewegung? Meines Erachtens ist kultureller Wandel in modernen Gesellschaften vor allem durch das Streben nach Prestige (Norbert Elias), die  Akkumulation von Kapital (Pierre Bourdieu), den Kampf um Anerkennung (Axel Honneth) oder auch die Vergrößerung der Weltreichweite (Hartmut Rosa) gekennzeichnet. Dieses kämpfende Streben könnte man durchaus als (Grund-) Bewegung innerhalb der Gesellschaft ansehen, dessen Gegenstück dann die ebenso kämpferische Abgrenzung, Zurückweisung und Isolation ist.

Die von Horx ausgemachte Sehnsucht „nach Dingen zum Anfassen, nach Realität und schönem Design“ fügt sich gut in dieses Bild. Sie scheint im krassen Gegensatz zu dem unbehaglichen Mainstream zu stehen. Doch lässt sich daraus ein Zukunftstrend ableiten?

Vorhersagen & Orakelei

Bekanntlich sind Vorhersagen schwierig, vor allem wenn sie die Zukunft betreffen. Das skizzierte kämpferische Streben des Kulturwandels kann helfen, Entwicklungen nachzuvollziehen. Für konkrete Vorhersagen taugt es aber wenig. So könnte zum Beispiel diagnostizieren, warum dem Kulschel-Mainstream der Weltpolitik mit seinem großartigen Geschichtenerzähler Barack Obama die Trollerei nachfolgte. Sie versprach ein neues Gefühl zur Politik: Weniger einlullen lassen, mehr auf die Kacke hauen.

Doch war das eben nur eine von vielen möglichen Gegenbewegungen. Eine Bewegung hin zu mehr Fakten und Transparenz wäre ja auch möglich gewesen! Gleiches gilt für die Gegenbewegung zum heutigen Mainstream des um sich greifenden Unbehagens: Dass nach der Zeit twitternder Krisenerscheinungen die „Rache des Analogen“ (s.u.) folgt, ist auch nicht die einzige Möglichkeit.

Was sich im Allgemeinen also sicher voraussagen lässt, ist das sich über kurz oder lang etwas ändert. Das ist freilich ziemlich banal sicher aber auch einer der wesentlichen Gründe, warum es schon immer eine große Nachfrage nach Vorhersagen der Zukunft gab. Von den Orakeln von Delphi bis zu den Trendreports unserer Zeit ging es immer um zumindest ein gewisses Maß an Sicherheit in einer unbestimmten Zukunft. Die Lenkung der menschlich-selektiven Wahrnehmung dürfte dabei wohl die größten Leistungen der Orakel sein.

Resonanz & Entfremdung

Worauf Matthias Horx nun die Aufmerksamkeit lenkt, ist die Resonanz: „das große Prinzip unserer Tage.“ Die Resonanz, so hofft er, kann uns helfen, die Echo-Kammern des Internets zu überwinden und unser Unbehagen endlich loszuwerden. Die entsprechende Gegenbewegung markiert er mit Begriffen wie „Tugend“, „Moral“ und „Richtung“, „Utopie“ und „Design“, „Körper“, „Geist“ und „Seele“.

Allesamt passen sie ganz prächtig zum Konzept der Resonanz – einer Beziehung sich antwortender gegenüber, in der beide Seiten mit eigener Stimme sprechen und so in der Lage sind, sich gegenseitig anzuverwandeln.

Was ist Resonanz? Resonanz ist durch Af<–fizierung und E–>motion, intrinsisches Interesse und Selbstwirksamkeitserwartungen gebildete Form der Weltbeziehung in der sich Subjekt und Welt gegenseitig berühren und zugleich transformieren.

Resonanz ist kein Echo-, sondern eine Antwortbeziehung; sie setzt voraus, dass beide Seiten, mit eigener Stimme sprechen, und dies ist nur dort möglich, wo starke Wertungen berührt werden. Resonanz impliziert ein Moment konstitutiver Unverfügbarkeit.

Resonanzbeziehungen setzten voraus, dass Subjekt und Welt hinreichend ‚geschlossen‘ bzw. konsistent sind, um mit eigener Stimme zu sprechen und offen genug, um sich affizieren oder erreichen zu lassen.

Resonanz ist kein emotionaler Zustand, sondern ein Beziehungsmodus. Dieser ist gegenüber dem emotionalen Inhalt neutral. Daher können wir traurige Geschichten lieben.

Resonanz beschreibt Hartmut Rosa als mehr denn widerspruchslose Symbiose oder bloßes Echo. Resonanz ist ein Beziehungsmodus von Subjekt und Welt, der dem der Entfremdung — von einer indifferenten oder gar feindlich (repulsiven) Welt — gegenüber steht.

Was ist Entfremdung? Entfremdung bezeichnet eine spezifische Form der Weltbeziehung, in der Subjekt und Welt einander indifferent oder feindlich (repulsiv) und mithin innerlich unverbunden gegenüberstehen. Daher kann Entfremdung auch als Beziehung der Beziehungslosigkeit (Rahel Jaeggi) bestimmt werden.

Entfremdung definiert damit einen Zustand, in dem die ‚Weltanverwandlung‘ misslingt, so dass die Welt stets kalt, starr, abweisend und nichtresponsiv erscheint. Resonanz bildet daher ‚das Andere‘ der Entfremdung – ihren Gegenbegriff.

Depression/Burnout heißt der Zustand, in dem alle Resonanzachsen stumm und taub geworden sind. Man ‚hat‘ beispielsweise Familie, Arbeit, Verein, Religion etc., aber sie ‚sagen‘ einem nichts: Es findet keine Berührung mehr statt, das Subjekt wird nicht mehr affiziert und erfährt keine Selbstwirksamkeit. Welt und Subjekt erscheinen deshalb gleichsam als bleich, tot und leer.

Doch wird 2018 nun das Jahr der Resonanz? Wird es ein „Comeback der Tugenden“ geben? Werden richtungsweisende Utopien formuliert und verfolgt? Und wird dem Dreiklang aus Körper, Geist und Seele mehr Beachtung geschenkt werden? Kurz: Wird 2018 alles gut? 

In den nächsten Tagen steht die Daten-Nutzer-Konferenz des DZA an. Hier werden einige Vertreter aus der Wissenschaft zusammenkommen und zeigen, was sie so mit dem Scientific Use File (SUF) des Freiwilligensurveys 2014 angestellt haben. Auf dem Programm stehen ganz unterschiedliche Themen; vom Gender-Gap im Ehrenamt über die Rolle der Religion für die Freiwilligenarbeit bis hin zu einer Typologie mehrdimensionaler Engagementformen. Und auch einen Ausblick auf den Freiwilligensurvey 2019 soll es geben.

Da bin ich natürlich schon sehr gespannt! Zusammen mit Mike Weber hatte ich ja das Thema Digitalisierung in den Kick-Off zum nächsten Freiwilligensurvey 2019 eingebracht und bei meinem Blog-Projekt „Online-Volunteering in Deutschland“ einige Schlaglichter auf den Stand der Dinge zum digitalen Ehrenamt geworfen. Zeit also für eine kurze Summary.

Digitales Ehrenamt in Deutschland

Das Online-Volunteering ist ja seit je her unter vielen Namen bekannt. Digitales Ehrenamt ist der jüngste Spross. Zur Frage, was Online-Volunteering aber eigentlich abseits der vielen Buzzwords genau ist, hatte ich schon vor fünf Jahren eine – wie ich immer noch finde – brauchbare Definition vorgelegt, in der ich die üblichen fünf Kriterien der Enquete-Kommission „Zukunft des bürgerschaftlichen Engagements“ von 2002 mit einer sechsten ergänzt und schrieb:

Online-Volunteering ist freiwilliges, unentgeltliches Engagement mit anderen, das öffentlich ausgeübt wird, sich am Gemeinwohl orientiert und bei dem die jeweilige Tätigkeit vollständig oder teilweise über das Internet vom heimischen Rechner, von Arbeit oder von unterwegs aus verrichtet wird.

Für den letzten Freiwilligensurvey 2014 wurde dies mit genau einer Frage an die Engagierten operationalisiert, die das Internet für ihr Engagement nutzen: „Findet Ihre Tätigkeit ausschließlich oder überwiegend oder nur teilweise im Internet statt“ (im SUF das Item w4_420).

Gemeinsam mit Mike Weber vom Fraunhofer Institut öffentliche IT habe ich unlängst aufgeschrieben, dass das in Zeiten omnipräsenter Digitalisierung eigentlich ein bisschen wenig ist. Mit unserem Papier „Die Digitalisierung des Ehrenamts im Blick“ haben wir entsprechend Impulse für den nächsten Freiwilligensurvey 2019 gegeben und dafür auch die Internet-Nutzung im Engagement mit an Bord geholt.

Die Fragen, mit denen das für den jüngsten Freiwilligensurvey erhoben wurde, lauteten: „Nutzen Sie für Ihre Tätigkeit das Internet?“ und, wenn das gegeben war „Nutzen Sie für Ihre Tätigkeit auch soziale Netzwerke oder beteiligen sich an Blogs, Foren oder Wikis“ (im SUF die Items w4_418f.). 

Das Framework unserer Diskussion dazu, was an der Digitalisierung des Ehrenamts denn alles so spannend sein könnte und was entsprechend in den nächsten Freiwilligensurvey aufgenommen werden sollte, stelle ich gern in einer Tabelle mit halbdurchlässigen Spalten dar. Ganz trennscharf lassen sich Internet-, Social Media Nutzung, Online-Volunteering und Crowdsourcing schließlich nicht denken.

Im Grunde spricht diese Tabelle schon ziemlich gut für sich selber. Was auf der Seite der Internetnutzung im Engagement allerdings noch fehlt, ist die durchaus relevante Spalte technische Hilfsmittel (Wearables, Drohnen, 3D-Drucker, künstliche Intelligenz und Virtual Reality), die für das Engagement zum Einsatz kommen. Da gibt es in gar nicht ferner Zukunft sicher einiges Erkenntnispotential!

Mythen über das Online-Volunteering

Lange bevor es das digitale Ehrenamt als zeitgenössische Bezeichnung des Online-Volunteerings gab, gab Mythen darüber, wie das Internet das Engagement verändert. Jayne Cravens hatte schon in den 90er Jahren angefangen, diese Mythen zu sammeln und als solche zu entlarven. Eine Zusammenstellung der populärsten Mythen hat sie 2011 bei Techsoup.org veröffentlicht.

Ein paar deutschen Mythen über das Online-Volunteering habe ich mich bei meiner kleinen Sonderauswertung des letzten Freiwilligensurveys zugewandt. Die Details dazu habe ich (mit einer Ausnahme) in einzelnen Artikeln verbloggt, die ich hier einmal mit wenig Text und großen Bildern anteasern will.  

Online-Volunteering ist nur was für Jugendliche!

Lange wurde es geglaubt: Die Internet-Nutzung ist eine Frage der Generationen. Und doch so falsch! Teenager engagieren sich ungefähr so häufig über das Internet wie ihre Großeltern. Online-Voluntering ist was für Menschen, die auf Flexibilität angewiesen sind – Twens zum Beispiel.

(Mehr dazu lesen)

Online-Volunteering ist Clicktivismus. Da investiert doch niemand wirklich Zeit ins Engagement!

Online-Campaigner mussten die Ladder of Engagement erfinden, um dem  Mythos des Click- und Slacktivismus etwas entgegen zu setzen. Defacto sieht es allerdings genau umgekehrt aus: Wer sich vollständig offline (also on-site) engagiert, investiert im Schnitt viel weniger Zeit ins Engagement – in Schule und Kindergarten ist das echt frappierend.

(Mehr dazu lesen)

Für das Online-Volunteering fehlt auf dem Land das schnelle Internet!

Stimmt! Und stimmt auch nicht. Der Deutsche Bauernverband kritisiert zu Recht, dass Anwendungen mit denen vielleicht Traktoren über das Internet ferngesteuert werden können, das eine übliche Mbit/s nicht ausreicht. Für E-Mails, Cloud-Dienste und einen Chat wie WhatsApp reicht es aber allemal. Dass das Online-Volunteering auf dem Land nicht ganz so weit verbreitet ist wie in der Stadt, hat wahrscheinlich andere Gründe als langsames Internet — zum Beispiel das Durchschnittsalter der Engagierten. Dass 5G auf dem Land aber noch lange nicht Standard ist, trägt auch nicht unbedingt zur digitalen Entwicklung der dortigen Engagement-Infrastruktur bei – meint ja auch der LandFrauenverband

Zum Schluss: 3 Learnings

Mit dem ProjektFWS wollte ich vor allem nachholen, was im Freiwilligensurvey versäumt wurde. Für den aktuellen engagementpolitischen Diskurs wurde hier ja ‘symptomatischer Weise’ die erhobene letzte Antwortkategorie der Frage nach dem Online-Volunteering (das „nur teilweise“ im Internet geleistete Engagement) gar nicht berichtet (vgl. hier und bei Mohabbat Kar et al 2017:14). Darüber hinaus wollte ich gern nachholen, was ich in meinem forschungsorientierten Masterstudiengang seinerzeit vermisste: Brauchbares Handwerkszeug für die quantitative Sozialforschung. Was habe ich also gelernt?

  1. Mein Projekt „Online-Volunteeting in Deutschland“ fällt unter Citizen Science, weil ich zwar Wissen über das digitale Ehrenamt aber keinen aktademisch-institutionellen Background vorzuweisen habe. Das hat auch zu lustigem Hin- und Her bei der Beantragung des SUF geführt und ist – wie ich zwischendurch irgendwo mitbekommen – sogar förderfähig.
  2. Dank tatkräftiger Hilfe erfahrenerer SUF-Nutzerinnen und Nutzer weiß ich jetzt, wie man ein eine neue Variable in der PSPP-Syntax programmiert. Damit trage ich – hoffentlich – auch zur Weiterentwicklung der Citizen Science bei. Seit dem 3. Januar dieses Jahres kann man ja in meinem Blog nachlesen, wie die Variable zum wöchentlichen Zeitaufwand aus dem Freiwilligensurvey in PSPP nachgebaut werden kann.
  3. Auch große Fallzahlen (im Freiwilligensurvey immerhin knapp 30.000 Befragte) garantieren nicht unbedingt verlässliche Einblicke bis in die letzen Winkel des Engagements. Spätestens dort, wo der halbe Kuchen (die 42% der 30.000 Befragten) in 14 ungleich große Stücke (z.B. Engagementbereiche) geteilt wird und der dritte Teil jedes noch so kleinen Stückes genauer untersucht werden soll, wird es heikel. Nur weil der Krümel einer Schwarzwälder Kirschtorte schwer nach Kirschwasser schmeckt, heißt das ja nicht, dass der Bäcker betrunken war.

Auch wenn ich also mit meinem kleinen Projekt noch nicht ganz durch bin, habe ich schon viel gelernt und freue mich darauf, den nächsten Datensatz in die Finger zu bekommen. Vielleicht werden wir dann ja noch schlauer… 

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