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NPO-Blogparade

Dies ist mein Beitrag zur laufenden NPO-Blogparade, ein Online-Diskussionsformat, das diesmal vom 03. bis zum 27 April läuft. Bei der NPO-Blogparade diskutieren Bloggerinnen und Blogger über Dritt-Sektor- und Zivilgesellschaftsthemen — nicht selten mit einem Hang zu Social Media und Web 2.0. Wenn du mitdiskutieren willst, kannst du das hier in den Kommentaren, in deinem eigenen Blog, als Gastblogger oder in der Xing-Gruppe “Zivilgesellschaft und Internet” gern tun….

Die aktuelle NPO-Blogparade dreht sich um Netzwerke: Netzwerke, die den demographischen Wandel gestalten. Ganz praktisch fragt Brigitte Reiser von nonprofits-vernetzt: “Netzwerke aufbauen — Chancen und Hindernisse?”

Gestalten oder Reagieren? Worum es geht:

Vor der Praxis allerdings steht für mich die grundsätzliche Frage, wie und welche Netzwerke den demographischen Wandel überhaupt gestalten können. Von der Robert Bosch Stiftung habe ich dazu ein interessantes Papier gefunden, in dem neben “kleinen Lebenskreisen” die Subsidiarität und Solidarität in den Mittelpunkt der Gestaltung des demographischen Wandels gestellt wird. Als kleine Lebenskreise werden hier Patchworks aus Nachbarschaft und  Familie bezeichnet, die helfen, den (Arbeits-) Alltag zu bewältigen.

Da wäre etwa Henriette, 35-jährige Juristin und alleinerziehende Mutter des fünfjährigen Jonas. Sie lebt gemeinsam mit ihrem Sohn und zwei weiteren Familien in zwei übereinanderliegenden Wohnungen in Berlin-Neukölln. Insgesamt wohnen dort fünf Erwachsene, die sich mit der Betreuung von fünf Kindern abwechseln. Zwei werden morgens in den Kindergarten gebracht, zwei gehen zur Schule, eins ist noch nicht mal ein Jahr alt und bleibt momentan bei der Mutter zu Hause. Wenn einer der Erwachsenen spontan eine Dienstreise oder einen Kinobesuch plant, ist das nie ein organisatorisches Problem (S. 8).

Ganz klar: Nachbarn, Freunde oder Familienangehörige — ein Netzwerk auf die man sich verlassen kann — helfen, den Alltag zu bewältigen und auch spontan den Anforderungen des Arbeitslebens gerecht zu werden. Man kann das auch Kapitalumwandlung nennen — vermittels einigen (organisatorischen) Aufwands an ‘Transformationsarbeit’ wird aus sozialem Kapital ökonomisches … Doch Bourdieu (1983: 195ff). beiseite! Ist das, was mit der Gestaltung des demographischen Wandels gemeint ist? Geht es hier nicht viel mehr darum, auf die Herausforderungen des demographischen Wandels zu reagieren? Und geht es nur ums reagieren?

Wenn es um die Gestaltung des demographischen Wandels geht, geht es m.E. um mehr als nur fit und beweglich (mobil) zu sein. Es geht um mehr, als nur irgendwie alles unter einen Hut zu bringen und wettbewerbsfähig zu bleiben. Für mich geht es bei der Frage, wie der demographische Wandel gestaltet werden kann, sodass sich mit dessen Auswirkungen, die Uwe Amrhein trefflich skizziert, gut leben lässt. Es geht also um die Frage nach dem guten Leben.

Kritische Theorie? Demographischer Wandel und Beschleunigung:

Ohne hier zu weit auszuholen und die Theorie der gesellschaftlichen Beschleunigung auszurollen, ist es doch sinnvoll dazu noch mal bei Hartmut Rosa nachzuschauen. Der entwirft in seinem Buch “Beschleunigung und Entfremdung” einen Ansatz kritischer Theorie spätmoderner Zeitlichkeit, wobei es ihm im Kern um das gute Leben geht.

In diesem Buch werde ich zu jener Frage zurückkehren, die uns Menschen wichtigsten ist: der Frage nach dem guten Leben -- und der Frage danach, warum wir eigentlich kein gutes Leben haben.

Die Kritische Theorie ist vor allem durch die Frankfurter Schule bekannt. Adorno und Horkheimer sind hier zwei Namen, die immer mit genannt werden. Doch wie dem auch sei! Eine leitende Absicht der Kritischen Theorie ist nach Axel Honneth die Identifikation soziale Pathologien der Gegenwart. Dem folgt auch Rosa und spezifiziert: “das reale menschliche Leiden [sei] der adäquate normative Ausgangspunkt” für seine Überlegungen (S. 72).

Doch welches Leiden beschert uns der demographische Wandel? Leiden wir jetzt im Moment daran, dass es immer weniger Kinder und immer mehr ältere — und vor allem immer älter werdende — Menschen gibt? Gleichwohl es mich beschäftigt, belastet mich der demographische Wandel persönlich weder psychisch noch physisch — jetzt im Moment. Das sieht bei anderen Menschen sicherlich anders aus. Seniorinnen und Senioren, die sich die Zuzahlung zu ihren Medikamenten nicht leisten können oder mangels Angehöriger vereinsamen, bekommen den demographischen Wandel sehr wohl zu spüren. Können wir deshalb von einer Pathologie sprechen?

Jain! Der demographische Wandel ist kein ‘krankhafter und abnormer Vorgang’ (wie “Pathologie” in der Wikipedia erläutert wird). Er ist das nachvollziehbare Resultat der Multioptions- oder Risikogesellschaft (Gross bzw. Beck), die dankenswerter Weise immer neue Möglichkeiten entdeckt, der Natur ein Schnippchen zu schlagen: Auf der einen Seite der medizinische Fortschritt, die gesündere Ernährung und andere lebensverlängernde Maßnahmen — auf der anderen Seite die technischen Errungenschaften, die das Leben ‘einfacher’ machen sollen (ich denke gerade an das Cyborg Manifest).

Pathologisch ist dagegen, dass wir, wie Rosa feststellt, kein gutes Leben haben, obwohl wir gern eins hätten und prinzipiell auch die Möglichkeit dazu haben. Pathologisch ist, dass uns unsere heiß geliebten technischen Errungenschaften — sozusagen als Nebenwirkung — eine soziale Beschleunigung sowie eine Beschleunigung des Lebenstempos bescheren (Rosa S. 15ff), die uns das was wir wirklich wollen — vielleicht Zeit mit den Lieben verbringen oder bloggend über die Welt nachdenken — in eine unbestimmte Zukunft verschieben lässt (Wer hier nicht an Friedrich Nietzsche denkt …).

Kritische Praxis: Liebevolle Verwaltung

Und damit sind wir beim praktischen Problem angelangt: Henriette, die 35-jährigen Juristin von oben, lässt ihren Jonas von den Nachbarn versorgen, um so viel wie irgend möglich in ihrem eigenen (Arbeits-) Leben unterzubringen. Wird Jonas jemals ernsthaft an eigenen Nachwuchs in nennenswerter Zahl denken, wenn er sich an seine liebevoll verwaltete Kindheit erinnert? Beschert uns die gesellschaftliche Beschleunigung vielleicht eine Generation Maggie Simpsons, die von ihren Eltern mit der gleichen Sorgfalt behandelt wie der heimische Staubsauger (Eric Bronson 2009: 60)? In der aktuellen merz zeigt Verena King, dass das Ringen um Effizienz, die Priorisierung des Dringlichen und die Entgrenzung veränderte Aufmerksamkeiten und Relevanzen nach sich ziehen, die die Entwicklung von Kindern durchaus beeinflussen (ebd. 2014: 30ff).

Und was für die Kleinen gilt, gilt auch für die Alten, Armen, Kranken und Behinderten: Hilfe wo Hilfe nottut und ansonsten so tun als ob nichts wäre. Für die leistungsfähigen Middleager, die sich gekonnt von der liebevollen Verwaltung distanzieren können, ist das freilich eine willkommene Hilfestellung für die Autonomie, die prinzipiell gutes Leben ermöglicht. Für jene, denen die Distanz fehlt, weil sie andauernd auf liebevolle — manchmal auch nur gut gemeinte — Verwaltung angewiesen sind (ich denke gerade an das Arbeitsamt), ist das nicht so einfach.

Vernetzt euch! bildet Banden!*

Zeit zu spenden ist im Moment die meist propagierte Antwort der modernen Bürgergesellschaft auf das Problem der liebevollen Verwaltung. Ein bisschen Normalität in den Alltag einsamer Menschen bringen oder den Kindern geben, wozu die Eltern nicht in der Lage sind, ist aber nicht genug. Allein die Symptome zu lindern reicht nicht aus, denn auch die wertvolle Zeitspende will effizient eingesetzt werden, dort wo sie am dringendsten gebraucht wird und möglichst immer irgendwie verbunden mit dem täglichen Workload (entgrenzt). Zeit ist schließlich Geld!

Keine Frage: Ehrenamt, freiwilliges Engagement — auch spontanes und kurzfristiges on-site oder online  — ist wichtig. Gute Nachbarschaft auch und Netzwerke mit Leuten, die sich auf einander verlassen können, sowieso. Die Frage ist aber, wozu sie dienen. Dienen die “kleinen Lebenskreise” allein dazu, die liebevolle Verwaltung effizient zu organisieren, um stärker zu beschleunigen als alle anderen, verhelfen sie niemandem zum guten Leben — nicht jenen, die das, was sie wirklich wollen, in eine unbestimmte Zukunft verschieben und erst recht nicht jenen, die auf den “rutschenden Abhängen” (Rosa 2005: 176ff.) zurückbleiben.

Was also tun? Entschleunigen? Slowfood, Sabatical und ein geh’ mir aus der Sonne für jedermann? Unmöglich! Oder?

Rosa zählt fünf Formen der Entschleunigung:

  1. Entschleunigung aufgrund natürlicher Geschwindigkeitsgrenzen, die allerdings nicht so fest stehen, wie man glauben mag (S. 47f.)
  2. Entschleunigungsoasen, die, wenn nicht vollkommen romantisch verklärt, in der Regel als rückständig wahrgenommen werden (S. 48f.)
  3. Entschleunigung als dysfunktionale Nebenfolge sozialer Beschleunigung; indes das, was uns tagtäglich auf die Palme bringt.
  4. Intentionale Entschleunigung, die (a) eher den Vermögenden vorenthalten bleiben, die etwas mit dem Zeitwohlstand anzufangen wissen und (b) eigentlich nicht zur Ent- sondern zur Beschleunigung dienen (S. 50ff.)
  5. Strukturelle und kulturelle Erstarrung, in der alles so weit beschleunigt und flexibilisiert wurde, dass nichts mehr geht — der “rasender Stillstand” (S. 53f.)

Keiner dieser Varianten — außer dem als Fluchtpunkt der Beschleunigung beschriebenen “rasenden Stillstand” — misst Rosa ein wirklich bremsendes Potential bei. Er rechnet aber auch nicht mit Solidarität und Subsidiarität — den Stärken “kleiner Lebenskreise”. Und wie viele andere rechnet er auch nicht damit, dass sich diese Ressourcen für das gute Leben durch politische Entscheidungen stärken lassen; z.B. mit einem modernen Arbeitsbegriff, der auch Familienarbeit einschließt oder einer Grundsicherung, die diesen Namen verdient …

Ich persönlich sehe in der intentionalen Entschleunigung durchaus Potential für das gute Leben. Werden monatelange Sabaticals mehr Menschen möglich gemacht als das derzeit der Fall ist und würde die Tätigkeit, die in dieser Zeit geleistet wird als (gemein-)nützige Arbeit verstanden, wäre vielen Menschen geholfen. Aber auch das ist eine politische Frage!

Meine Antwort also auf die Frage, wie und welche Netzwerke den demographischen Wandel gestalten können, ist folgende: Netzwerke, die sich auf allen politischen Ebenen für das gute Leben einsetzen, sind diejenigen, die den demographischen Wandel gestalten. Auf kommunaler Ebene kann das durchaus das gemeinsame ‘Zeit-Freischaufeln’ für das Freiwilligenengagement (nicht nur Zeitspende!) sein. Auf Länder-, Bundes- und Europa-Ebene dagegen geht es um Lobbyarbeit — und die braucht mehr als Netzwerke, die braucht Banden.

* Währnend “Bildet Banden!” eine recht bekannte Parole aus den 1970er Jahren ist, ist der Titel “Vernetzt Euch!” von Lina Ben Mehnni weniger bekannt. Die Libysche Bloggerin berichtet in Ihrem Essay eindrücklich von der Netzwerkarbeit, die ganz wesentlich zum Ende des Gaddafi-Regiems beigetragen hat.

tl;dr: Bei der Gestaltung des demographischen Wandels geht es um nicht weniger als das gute Leben, dessen Gelingensbedingungen urpolitische Fragen berühren. In diesem Sinne: Vernetzt euch, bildet Banden.

Anlässlich der Woche des bürgerschaftlichen Engagements, die alljährlich vom BBE organisiert wird, luden Brigitte Reiser und ich zu einer neuen Runde der NPO-Blogparade ein. Unser Thema:

“Freiwilliges Engagement attraktiver machen – aber wie?!”

Meine Hoffnung, die Wochen des bürgerschaftlichen Engagements — sowohl die bundesweite als auch die in Berlin — ins Netz zu holen, war mit dieser Blogparade nicht einzulösen. Trotz Verlängerung blieben Beiträge aus den Kreisen des BBE und der Landesfreiwilligenagentur Berlin aus, sodass der sich entwickelnde Diskurs nicht über den Kreis der Blogosphäre hinausging. Dafür aber gingen aus unserem Blogger!nnen-Netzwerk einige sehr gute Beiträge ein. Beiträge, die ein Schlaglicht auf die vielen konstruktiven Ideen zum Thema werfen.

Wie kann man freiwilliges Engagement attraktiver machen?

Stefan Zollondz schlägt “Liquid Engagement” vor, um freiwilliges Engagement attraktiver zu machen. Darunter versteht er

… eine flexible Form der Beteiligung innerhalb der Bürgergesellschaft. Die Person, die sich liquid engagiert bringt ihr spezifisches Wissen selbstbestimmt an Stellen ein, wo sie einen hedonistisch geprägten Handlungsbedarf sieht. Dabei kommt es im besten Fall zu einer temporären Identifikation mit dem Empfänger des Engagements.

Für Organisationen ist es folglich wichtig, ganz unterschiedliche Andock-Möglichkeiten für das ‘sie umfließende’ Bürgerengagement zu schaffen. Wie dies praktisch funktionieren kann, lässt sich zum Beispiel bei Kampagnen beobachten, die Bürgerinnen und Bürger in dezentralisierte, selbstorganisierte Events einbinden. Carsten Direske beschreibt solche “decentralised events” im Campact -Blog.

Aus meiner Warte ist es im freiwilligen Engagement besonders wichtig, dass Bürgerinnen und Bürger ihre individuellen Kompetenzen entfalten und weiterentwickeln können. Dafür sollten die Herausforderungen im Zeitverlauf eines Engagements stets anspruchsvoller werden, damit keine Langeweile aufkommt. In ihrem Kommentar zu meinem Beitrag wies Lisa Schürmann daraufhin, wie wichtig es für Nonprofits dementsprechend sein müsste, auch “ungewollte” Kompetenzen einbinden zu können — das weiterzuentwickelnde Kompetenzthema also aus der Sicht der Bürgerinnen und Bürger, nicht aber ausschließlich aus der Perspektive der Organisation zu betrachten.

Engagement, schreibt Julia Russau in ihrem Beitrag, muss kritisch, attraktiv und/oder einfach umzusetzen sein, — es muss sich also für oder gegen etwas richten, das man “unbedingt verändern möchte”, dabei die “bessere” Alternative zu konkurrierenden Freizeitangeboten bieten und außerdem möglichst einfach zu realisieren sein:

Wer Freiwillige gewinnen will, darf nicht darauf warten, dass die Freiwilligen von sich aus kommen. Im Gegenteil: Organisationen müssen Freiwillige gezielt ansprechen und Angebote so platzieren, dass sie für die Freiwilligen unübersehbar und mit einem möglichst geringen Aufwand verbunden sind.

Tauschnetzwerke im Freiwilligenengagement könnten die Attraktivität des Ehrenamts steigern, — diese Idee entwickelten Martin Horstmann und Brigitte Reiser gemeinsam im Zwiegespräch. Mit dem eignen Engagement — so die Essenz der Idee — werden “Credits” erarbeitet, die anderen wiederum über freiwilliges Engagement zu Gute kommen. Solche Tauschringe müssten freilich überörtlich und trägerbezogen aufgebaut und orgaisiert werden — “weg vom Raum, hin zu Träger”. Eine zukünftige Aufgabe des Freiwilligenmanagements in überregional präsenten Organisationen?

Katarina Peranic von openTransfer.de ist überzeugt davon, dass die Präsenz des Themas Freiwilligenengagements in den Medien, analog und digital, eine viel größere Rolle spielen müsste, um Engagement attraktiver zu machen, mentale Hürden abzubauen und Einstiege zu erleichtern.” Ihr zufolge müssten gemeinnützige Organisationen ihre Budgets für Öffentlichkeitsarbeit und Fundraising stärker bündeln und einen Pool an guten Redner!nnen zum Thema aufbauen, damit das Thema stärker in den Fokus rückt. Aber auch der einzelne Engagierte sollte häufiger Soziale Medien nutzen (können und dürfen), um über das Engagement zu berichten und die damit verbundene Begeisterung in die Öffentlichkeit zu transportieren.

Das Thema ‘Geld’ schneidet auch Stefan Nährlich in seinem Kommentar an: Er geht davon aus, dass mehr Mittel die Unabhängigkeit von Nonprofits steigern können, weist aber darauf hin, dass diese nicht unbedingt von staatlicher Seite kommen müssen. Im Modell der “Percentage Philanthropy oder 1%-Philanthropie.” sieht er einen möglichen Weg, Nonprofits mehr Spielraum zu geben, um Engagement attraktiver zu machen: 

Steuerzahler können 1-2 Prozent ihrer Einkommensteuer nicht an den Staat, sondern an eine gemeinnützige Organisation ihrer Wahl durch das Finanzamt überweisen lassen. Kein Weg der alle Probleme löst, aber die Finanzierungsbasis vergrößert

Engagement braucht Pluralität — das ist ein erstes Fazit, das Brigitte in ihrem Beitrag aus den  eingegangenen Beiträgen zieht. So vielfältig, wie die Motive und Wünsche der Freiwilligen sind, so vielfältig sollten auch die organisationalen Kontexte sein, in denen freiwilliges Engagement stattfindet. Bezogen auf das Bürgerengagement dominiert in Nonprofits zumeist das Dienstleistungs- und Arbeitsplatzmodell. Diese Form des “Engagement als Beschäftigung” kann unserer Gesellschaft meines Erachtens nicht das Sozialkapital und den Mehrwert verschaffen, den sie sich davon erhofft. Es kommt also “auf das Wie des freiwilligen Engagements an!”: Statt nur Dienstleistungen zu erbringen, ist Mitwirkung angesagt. Dies könnte auch das Band zwischen Organisationen und ihrer Basis verstärken. Um diese wirkmächtige Mitwirkung freiwillig Engaggierter realisieren zu können, bringt Brigitte mit dem Co-Working- und Aktivismus-Modell alternative Paradigma für das Freiwilligenmanagements ins Spiel.

Fazit und Ausblick

Freiwilliges Engagement attraktiver machen — als Erkenntnis aus der NPO-Blogparade können wir mitnehmen, dass eine gemeinnützige Organisation, wie auch die lokalen Freiwilligenagenturen, an vielen Stellschrauben und Angeboten arbeiten müssen, wenn sie mehr Bürger!nnen für ein freiwilliges Engagement gewinnen möchten. Vor diesem Hintergrund ist es unverständlich und schade, dass das Freiwilligenmanagement in unserem Land diese Pluralität der Zugänge nicht bietet, sondern allein vom Workplace-Paradigma — der Vorstellung vom “Engagements als Beschäftigung” — dominiert wird.

Kein anderer Ansatz konnte sich bisher in der Praxis durchsetzen. Das Workplace-Paradigma wird Tag für Tag in zahllosen Einrichtungen und Kommunen im Freiwilligenmanagement umgesetzt und wir fragen uns, ob im Moment überhaupt konkurrierende Ansätze entwickelt werden, die mehr Pluralität bieten. Welche Forschungsinstitute und welche Organisationen arbeiten überhaupt an mehr Vielfalt im Freiwilligenmanagement? Die Vielfalt der Zugänge, die eigentlich im Fokus von Nonprofits stehen sollten, die freiwilliges Engagement attraktiv machen wollen, steht offensichtlich eher am Rand.

Vielleicht kann die Skizzierung eines neuen Freiwilligenmanagements das Thema einer der nächsten NPO-Blogparaden sein…. Vorerst aber danken wir allen herzlich, die an dieser Blogparade mitgewirkt und ihr Wissen und ihre Ideen beigesteuert haben. Um unsere Ideen, wie sich freiwilliges Engagement attraktiver gestalten lässt, noch in eine breitere Öffentlichkeit zu tragen, wollen wir die Ergebnisse dieser Blogparade noch in einen Fachartikel packen und in einem der üblichen Kanäle der Szene platzieren. Mitwirkende aus dieser Runde sind dafür herzlich willkommen.

Der Twichat zur Blogparade (#npochat) findet am kommenden Dienstag den 15. Oktober von 11 bis 12 Uhr statt. Bis dahin gibt es vielleicht noch neue Antworten auf die Frage, wie freiwilliges Engagement attraktiver gemacht werden kann. Eure Ideen sind natürlich weiterhin willkommen. Gern hier in den Kommentaren oder als eigener Artikel mit Trackback zu dieser Auswertung.

Wie sich freiwilliges Engagement attraktiver gestalten lässt, ist die Frage der noch bis Sonntag laufenden NPO-Blogparade von Brigitte Reiser und mir. Bei Vorträgen und Workshops werde ich oft gefragt, wie neue Freiwillige zu gewinnen und zu halten sind. Wie so oft kann ich hier nicht mit einem Masterplan aufwarten. Ich Glaube aber, dass ein Blick in die Motivationstheorie nützliche Anhaltspunkte für eine mögliche Antwort bieten kann.

Vom üblichen Material — dem Freiwilligensurvey — ausgehend, will ich hier kurz ein paar Motivationstheorien erläutern, die sich mit dem Begriff der “Kompetenzsteigerung” klammern lassen. Drauf gebracht hat mich Lisa Schürmann, deren Masterarbeit ich mir hier im Blog schon genauer angeschaut habe. Auf der Erkenntnis-Grundlage, dass die persönliche Weiterentwicklung — die Steigerung immer individueller Kompetenzen — Menschen in ihrem Tun motiviert, will ich zeigen, dass freiwilliges Engagement eher als Prozess persönlicher Weiterentwicklung, denn als Moment der Mobilisierung verstanden werden sollte.

Was erwarten Freiwillige von ihrem Engagement?

Erwartungen an das Engagement FWS 2009Wie freiwilliges Engagement gestrickt sein muss, damit es für die Aktiven attraktiv ist, lässt sich im Freiwilligensurvey nachlesen: Der Spaß an der Tätigkeit und die Gewissheit, anderen Menschen helfen zu können bzw. gemeinsam mit anderen etwas für das Gemeinwohl zu tun, liegen ganz weit vorn. Im Mittelfeld folgen dann die Erwartungen, eigene Erfahrungen und Kompetenzen — auch generationenübergreifend — einbringen bzw. erweitern zu können und dabei eigene Entscheidungsmöglichkeiten zu haben. Auf den ‘hinteren Plätzen’ schließlich folgen die Erwartungen, Anerkennung im Engagement zu finden und seine eigenen Interessen vertreten zu können.

Diese Befunde wurden schon unzählige Male zitiert und interpretiert. Um es kurz machen: Nur, weil der Spaß an der Tätigkeit im Durchschnitt am wichtigsten ist, heißt das nicht, dass der Fun-Faktor das freiwillige Engagement dominieren würde. Was die Engagierten selbst angeht dominieren zur Zeit die Gemeinwohl- und Interessenorientierungen. Das wiederum heißt aber nicht, dass freiwilliges Engagement nun keinen Spaß machen soll. Das heißt lediglich, dass in den Motivbündeln der Freiwilligen andere Faktoren wichtiger sind. Und auch diesen Befund sollte man nicht überstrapazieren. Gefragt wurden schließlich nur die freiwillig Engagierten, nicht jene, die sich “bestimmt” oder “eventuell” engagieren würden.

Wie kann die Motivation Freiwilliger erklärt werden?

Über das Stimmungsbild im freiwilligen Engagement hinaus, kann der Fragebogen mit den möglichen Erwartungen an das freiwillige Engagement noch für etwas anderes nützlich sein. Die Macher!nnen des Freiwilligensurveys haben sich ja etwas dabei gedacht, genau diese Fragen zu stellen und keine anderen. Dementsprechend finden sich hier Anhaltspunkte für gängige Theorieansätze, die zu erklären versuchen, was das freiwillige Engagement eigentlich attraktiv macht. Ich will im Folgenden ein paar mögliche Kandidaten kurz vorstellen.

Theorie des guten Lebens

Nahe liegt zunächst, sich mit dem klaren Favoriten des Fragekataloges zu befassen: dem Spaß an der Tätigkeit. Gemeinhin wird das Bedürfnis, Spaß zu haben, mit dem Hedonismus — der Theorie des guten Lebens — assoziiert. Nicht selten wird der Hedonismus vor der Folie weit verbreiteter  Wertvorstellungen als eine Art moderne Plage abgetan. Insbesondere jene, die sich nicht anzupassen bereit sind und ‘ihr eigenes Ding’ machen wollen, werden als Hedonisten bezeichnet (z.B. in der SINUS-Jugendstudie). Menschen, so heißt es etwas allgemeiner, die nur tun, was ihnen Spaß macht, verkennen die Notwendigkeit, dass alle Mitglieder einer Gesellschaft ihren Beitrag leisten müssen. Sie ignorieren die Interdependenzen moderner Gesellschaftssysteme und sind deshalb weniger zivilisiert (i.S. Norbert Elias).

Diese Lesart des Hedonismus ist eine ungerechtfertigte Abwertung. Zum einen beschäftigt sich die Theorie des guten Lebens nicht mit Fragen der Moral sondern einzig und allein damit, was ein gutes Leben ausmacht. Zum anderen — und das macht die Kritik tatsächlich kleinkariert — wägen wir alle für uns selbst potentielles Leid gegen potentielle Freude ab und treffen so Entscheidungen im Sinne des modernen Hedonismus. Hier klingt es bereits an: der Utilitarismus Jeremy Benthams bildet eine Grundlage für den modernen Hedonismus; eine Lehre des guten Lebens übrigens, die via Gamificaion bereits Einzug in die Sphären des Fundraising und der “Human Computation”(Luis von Ahn) gefunden hat. Anschauliche Beispiele für Verhaltensmanipulation via Fun-Faktor finden sich zum Beispiel unter  www.thefuntheory.com.

Theorie der Wertkongruenz

Die zwei Angaben, die dem Spaß an der Tätigkeit im Ranking des Freiwilligensurvey folgen und im freiwilligen Engagement in Deutschland seit 1999 immer wichtiger geworden sind, betreffen das Streben nach Wertkongruenz. Auch das eine Frage des guten Lebens! Anders als beim Hedonismus aber spielen hier Moralvorstellungen eine prominentere Rolle. Werte bezeichnen — etwas verkürzt — die Vorstellung vom Guten und Wünschbaren — etwas, das man anstrebt. Dementsprechend handelt es sich um Wertvorstellungen, die je nach Historie und kollektivem Erfahrungsschatz in einer Gesellschaft, einem Land oder einer Region mehr oder weniger weit verbreitet sind.

Der World Value Survey bspw. ordnet die in Deutschland vorherrschenden Wertorientierungen dem Cluster des protestantischen Europa zu, in dem säkulare Werte und die das Streben nach Selbstentfaltung vorherrschen. Diese allgemeine Verortung in Deutschland vorherrschender Wertorientierung finden sich etwas ausdifferenzierter in den Wertesurveys von Klages und Gensicke. Hier werden drei Dimmensionen von Wertorientierung genauer untersucht: die bürgerlichen Pflicht- und Akzeptanzwerte (Konvention, Sicherheit & Leistungsorientierung) die Selbstentfaltungs- und Engagementwerte (Phantasie, Kreativität, Toleranz & Hilfsbereitschaft) sowie die hedonistischen und materiellen Wertorientierungen (insbesondere Konkurrenzfähigkeit & Konsummöglichkeit).

Die Theorie der Wertkongruenz erklärt nun das Handeln von Menschen zum Versuch den eigenen Wertvorstellungen gerecht zu werden. Freiwilliges Engagement wird dementsprechend häufig auch als wertrationales Handeln (Max Weber) verstanden, das nicht unerhebliche Investitionen voraussetzt und von dem die Freiwilligen selbstverständlich erwarten, dass es sich lohnt.

Rein wertrational handelt, wer ohne Rücksicht auf die vorauszusehenden Folgen handelt im Dienste seiner Überzeugung von dem, was Pflicht, Würde, Schönheit religiöse Weisung, Pietät oder die Wichtigkeit einer ‘Sache’ gleichviel welcher Art ihm zu gebieten scheinen (Weber 2002: 12).

Theorie der Selbstbestimmung

Die Angaben der Wichtigkeit im freiwilligen Engagement mit anderen symphytischen Menschen zusammenzukommen, die eigenen Erfahrungen und Kenntnisse einbringen bzw. erweitern zu können sowie eigene Entscheidungsmöglichkeiten zu haben, betreffen die Theorie der Selbstbestimmung. Edward L. Deci und Richard M. Ryan sprechen hier von einer humanistischen Theorie menschlicher Motivation, der zu folge aus gefühlter Entscheidungsfreiheit eine intrinsische Motivation zur Kompetenzentwicklung erwächst, die sich wiederum positiv auf individuelles Wohlbefinden, Selbstwertgefühl sowie Selbstwirksamkeitserwartung (Albert Bandura) auswirkt und so die Motivation im Engagement weiter steigert.

Selbstbestimmte Bildung setzt dementsprechend einen sich selbst verstärkenden Kreislauf aus intrinsischer Motivation und Erfolgserlebnissen in Gang, der allerdings durch externe Einflussnahme korrumpiert bzw. unterminiert werden kann. Insbesondere materielle Formen der Anerkennung werden — so die Annahme — von den Freiwilligen in einen kausalen Zusammenhang mit der Tätigkeit gebracht, wodurch diese nicht mehr als selbstbestimmt erlebt wird (zsf. dazu Lisa Schürrmann 2013: 32).  Und auch immaterielle Formen der Anerkennung seitens der Organisation können sich negativ auf das Wohlbefinden der Freiwilligen auswirken. Stefan Güntert (2007) zeigt, dass die Anerkennung seitens der Organisation von Freiwilligen als ähnlich belastend empfunden wird wie “erlittene Bürokratie” (mehr dazu hier).

Was ist der gemeinsame Nenner der Motivation Freiwilliger?

Motivationstheorien wie die von Wertkongruenz und Selbstbestimmung lassen sich relativ problemlos mit der Klammer der Kompetenzsteigerung versehen (siehe auch dazu Lisa Schürrmann 2013: 34f.). Hier wie dort ist der zentrale Punkt die Weiterentwicklung individuelle Fähigkeiten und Fertigkeiten der Engagierten. Diese Weiterentwicklung ist beim Hedonismus nicht auf den ersten Blick zu erkennen. Und doch gibt es sie! Zur Erinnerung: Der moderne Hedonist wägt bei seinen Handlungsentscheidungen lediglich erwartbares Leid gegen erwartbare Freude ab und entscheidet sich für das rechnerisch geringere Übel. Was dabei Leid und was Freude ist, ist allerdings eine Frage individueller Neigungen (dementsprechend selbstbestimmt) sowie der Vorstellungen vom Guten und Wünschbaren (dementsprechend wertrational).

Es gibt Menschen, die Tage damit verbringen, auf hohe Berge zu klettern und sich dabei nicht selten in Lebensgefahr bringen. Es gibt Menschen die nächtelang auf LAN-Partys wirklichkeitsferne und höchst redundante Computerspiele spielen, ohne einzuschlafen. Und es gibt Menschen, die sich stundenlang in das Zusammenkleben maßstabsgerechter Modelle vertiefen können und dabei alles um sich herum vergessen. Das sind nur drei Beispiele für Tätigkeiten, die im Sinne des gängigen Verständnisses als moderne Plage sehr hedonistisch anmuten, die mit dem freiwilligen Engagement aber eines gemeinsam haben: Sie machen glücklich.

Der Psychologe Mihaly Csikszentmihalyi machte sich seiner Zeit auf die Suche danach, was Menschen eigentlich glücklich macht bzw. zunächst, wann Menschen überhaupt Glück empfinden. Für seine Forschung zur “optimal experience” stattete Csikszentmihalyi seine Probanden mit Piepern und Fragebögen aus. Immer wenn er sie anpiepte — das tat er natürlich nach dem Zufallsprinzip — sollten die Probanden einen Fragebogen ausfüllen, in dem sich Csikszentmihalyi nach den aktuellen Tätigkeiten und Befindlichkeiten erkundigte. Erstaunlicher Weise fühlten sich die Probanden gerade dort am glücklichsten, wo man es am wenigsten erwartete: bei der Arbeit. Csikszentmihalyi formulierte daraufhin seine Theorie des Flowerlebens:

… einem Gefühl, dass die eigenen Fähigkeiten ausreichen, eine gegebene Herausforderung in einem zielgerichteten, regelgebundenen Handlungssystem zu bewältigen, das deutliche Rückmeldung darüber bietet, wie gut man dabei abschneidet (Csikszentmihalyi 1992: 103).

Selbstverständlich taugt nicht jede Tätigkeit für den Flow. Sie muss zu den jeweiligen Kompetenzen und Neigungen passen. Außerdem — und auch das ist verständlich — muss sie mit der Zeit anspruchsvoller werden. Die Zeit bzw. der Zeitverlauf ist hier eine wesentliche Komponente! Eine Tätigkeit, vielleicht das Spielen eines bestimmten Comuputerspiels auf dem A-Level, macht eine Weile Spaß. Irgendwann aber wird es langweilig, weil das Spiel nicht mehr herausfordert. Man wechselt auf Level B … Die Langeweile bildet also die untere Begrenzung des so genannten Flows-Kanals. Und auch nach oben wird der Flow begrenzt: Die Tätigkeit darf nicht überfordern. Fängt man gleich auf Level F — also viel zu hoch — an, wird man die gegebenen Herausforderungen nicht meistern können und das Spiel bald frustriert abbrechen. Wenn man sich in einer Tätigkeit also zwischen Über-und Unterforderung einpendelt kann man in einen Flow geraten, für dessen Aufrechterhalten ebenfalls eine Kompetenzsteigerung notwendig ist.

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Der gemeinsame Nenner der vorgestellten Motivationstheorien ist also die individuelle Kompetenzsteigerung — die persönliche Weiterentwicklung, die Entfaltung der eigenen Fähigkeiten und das Streben nach der “optimal experience” haben alle gemeinsam, dass der Akteur im Tun seine Fähigkeiten und Fertigkeiten wie von alleine ausbaut.

Wie lässt sich freiwilliges Engagement attraktiver machen?

Ich habe hier nur eine handvoll Motivationstheorien angerissen, von denen ich glaube, dass sie der oben dargestellten Abfrage im Freiwilligensurvey zu Grunde liegen. Es gibt sicher noch viele weitere! Einige davon lassen sich bestimmt mit der Kompetenzsteigerung klammern, andere vielleicht nicht. Ich will hier einfach annehmen, dass Kompetenzsteigerung ein wesentlicher Faktor ist, der Menschen in ihrem tun motiviert. Diese Klammer funktioniert allerdings nur, wenn jeder Kompetenz, so zwecklos sie auch scheint, eine Daseinsberechtigung eingeräumt und akzeptieren wird, dass Menschen versuchen gerade diese oder jene Fähigkeiten und Fertigkeiten zu entfalten.

Nun ist es schwer zu leugnen, dass es spezielle Kompetenzen gibt, für die man Mühe hat, ein passendes Engagement zu finden. Mit den individuellen Kompetenzen verhält es sich allerdings wie mit der Motivation: Wir tragen ganze Bündel davon mit uns herum. Freiwilliges Engagement bietet Interessierten dementsprechend die Möglichkeit, einige Kompetenzen zu erweitern, währenddessen andere in anderen Tätigkeiten entwickelt werden können. Freiwilliges Engagement sollte dementsprechend als gleichberechtigt mit anderen (Freizeit-) Aktivitäten gedacht und nicht irgendwie in moralisierende Höhe getrieben werden. Zudem sollte das Freiwillige am freiwilligen Engagement auch nicht länger als Spende von Zeit oder Skill verkauft werden — viel besser trifft es doch die selbstbestimmte Wahl einer Kompetenz, die weiterentwickelt werden soll. Das wäre — nebenbei — auch ein Verständnis, dass die so oft geforderte Win-Win-Situation für Organisation und Freiwillige, die bei einer Spende ja durchaus schief hängen kann, in die Waage bringen würde.

Das Verständnis freiwilligem Engagements als Wahl zu entfaltender Kompetenzen ist eigentlich nicht neu. Bei Gesprächen, die in Freiwilligenagenturen vor der Vermittlung mit Engagementinteressierten an Freiwilligenorganisationen geführt werden, wird nichts anderes getan, als abzuklopfen, was die Leute interessiert und was sie machen möchten. Auch Engagements auf Probe zielen in diese Richtung. Allerdings glaube ich, dass dieses Verständnis von freiwilligem Engagement noch nicht wirklich durchgedrungen ist. Insbesondere im Bereich der ‘neuen’, der bit sized Netzengagements steht immer noch viel zu oft der Moment der Mobilisierung im Vorder- und der Prozess des Engagements im Hintergrund. Dabei liegt hier großes Potential! Kleine Engagements — ob sie nun über das Internet geleistet werden oder an einem bestimmten Einsatzort — können durch aus zu größeren werden. Es müssen einfach Bedingungen geschaffen werden, bei denen Online- und Micro-Volunteers ihre Kompetenzen einbringen und entfalten können. Das ist schließlich das, was freiwillige in ihrem Engagement motiviert.

tl;dr: Motivationstheorien gibt es viele! Klammern wie die der Kompetenzsteigerung lichten das Dickicht und machen den Blick dafür frei, dass der Prozess des Engagierens wichtiger ist als der Moment der Mobilisierung.

Reading time: 10 min

Beitrag zur aktuellen Runde der NPO-Blogparade “freiwilliges Engagement attraktiver machen — aber wie?!” von Brigitte Reiser und mir. Die NPO-Blogparade läuft noch bis Sonntag 29. September 2013.

Ist bürgerschaftliches Engagement gewollt?

Freiwilliges Engagement soll attraktiver werden. Warum? Weil die in Handlung übersetzte Bereitschaft zum freiwilligen Engagement ein wesentlicher Gradmesser für den Zustand einer Bürger- oder Zivilgesellschaft ist. Je mehr Menschen sich in der Öffentlichkeit engagieren, desto mehr Sozialkapital hat eine Gesellschaft, desto besser funktioniert sie, desto harmonischer geht es im Gemeinwesen zu. Das zumindest behauptete Robert Putnam in seinen famosen Studien rund um “Bowling alone”, die — wenngleich viel kritisiert — in der deutschen Engagementpolitik eine beeindruckende Wirkung entfalteten. Man hat es auf “öffentliches Sozialkapital” abgesehen, weil man glaubt, so die klaffenden Lücken und Gräben in unserer Gesellschaft zumindest stellenweise Kitten zu können. De facto aber — das zeigen zahlreiche Studien — wirkt die Engagementförderung vor allem in der Mitte der Gesellschaft und hilft den ohnehin ‘Vermögenden’, weiteres Kapital (sozial, kulturell & ökonomisch) zu akkumulieren.

Ist Engagementförderung also nur ‘bürgerliche Selbstbeschäftigung’ — Makulatur für die ‘echten’ Probleme unserer Zeit (Arbeitslosigkeit, [Alters-] Armut, Klimawandel usw.)?  ‘Beschäftigung’ wurde schon früh als probate Prophylaxe allzu weit gehender Aufmüpfigkeit entdeckt. Im alten Rom waren es “Brot und Spiele”, heute soll unsere Empörung über die Symptome gesellschaftlicher Entwicklung in Strukturen kanalisiert werden, die den Blick für’s Ganze — auch den für den öffentlichen Diskurs — versperren und so das Bürger-Geschrei von Politik und Verwaltung mit ruhigem Gewissen ignoriert werden kann.

Erstes Fazit: “Bürgerschaftliches Engagement”, wie es momentan vorgesehen ist, ist zu flach, um gesamtgesellschaftlich einen Unterschied zu machen.

Ist Zivilgesellschaft mit dem Staat zu machen?

Es ist eine Utopie, zu glauben, die Zahl der Engagierten allein würde in unserer Gesellschaft irgendeinen Unterschied machen. So lange Freiwillige nur ‘beschäftigt’ werden, ändert sich gar nichts. Es kommt auf das Wie des freiwilligen Engagements an! Zivilgesellschaftliche Organisationen — von der Bürgerinitiative bis zum Wohlfahrtsverband — spielen dabei eine wesentliche Rolle. Ihnen kommt die Aufgabe zu, die Empörung der Bürgerinnen und Bürger aufzunehmen und lautverstärkend in die politische Öffentlichkeit weiterzuleiten. Stellenweise kommen sie dieser Aufgabe auch nach, in weiten Teilen aber spielen diese zivilgesellschaftlichen Deliberationsprozesse keine Rolle.

Eben hier lassen sich zivilgesellschaftliche Akteure — inzwischen betriebswirtschaftlich geführten Dienstleistungsorganisationen im Dritten Sektors — auf die Gestaltung einer flachen Bürgergesellschaft ein. Ein böse gemeinter Vorwurf soll das nicht sein! Es ist ein Feststellung. Der erste Engagementbericht der Bundesregierung zeigt, dass die Schrebergärten-Mentalität im Dritten Sektor, die auch einen eklatanten Mangel an der Vernetzung zu schlagkräftigen Akteuren nach sich zieht, von einer spartenförmigen Förderpolitik herrührt, die mit bürgerschaftlicher Mitwirkung wenig am Hut hat.

“[D]er Nonprofit-Sektor [ist] in Deutschland nach wie vor eine überaus geordnete soziale Welt. Nach staatlichen Zuständigkeitsmustern in die Sparten Soziales, Sport, Kultur, Bildung, Ökologie oder Politik aufgeteilt, sind säuberlich voneinander separierte ‘Schrebergärten’ entstanden, die sich in der Vergangenheit mit staatlicher Förderung und Privilegierung jahrzehntelang selbst genügten” (S. 198).

Zweites Fazit: Die mithin als Professionalität getarnte Selbstgenügsamkeit im Dritten Sektor spielt der Verflachung von Zivilgesellschaft in die Hände. Aus einstmals zivilgesellschaftlichen Akteuren werden Dienstleistungsorganisationen für den Staat.

Argumente und ‘Gute’ Gründe für das Engagement

Wie lässt sich dem entgegenwirken? Wenn zivilgesellschaftliche Organisationen des Dritten Sektors ihrer Aufgabe nachkommen sollen, die Diskurse in der politischen Öffentlichkeit zu moderieren und die Empörung von ‘unten nach oben’ lautverstärkend weiterzuleiten, brauchen sie gute Gründe. Davon gibt es einige:

  • Der Einbezug freiwilliger wird mithin ökonomisch begründet: Angebote, bei denen Freiwillige mitwirken sind breiter aufgestellt und erwecken mehr Vertrauen; ein klarer Vorteil im Marketing. Mithin — dieser Fakt ist bekannt — gibt es auch schwarze Schafe, die das freiwillige Engagement als billige (Personal-) Ressource missbrauchen.
  • Auch volkswirtschaftlich wird die Notwendigkeit freiwilligen Engagements begründet: Jeder investierte Euro — das zeigen insbesondere SRoI-Rechnungen — zahlt sich um ein vielfaches aus, weil der Staat sowie die kommunalen und regionalen Leistungsträger Ausgaben einsparen können.
  • Das freiwillige Engagement ist außerdem ein Image-Faktor: Organisationen, die Projekte mit Freiwilligen machen, können ihre Anliegen besser als gesellschaftlich relevant darstellen.

Die Liste lässt sich hier nicht abschließen. Je nach dem, wen man vom Einbezug Freiwilliger überzeugen möchte, ziehen unterschiedliche Argumente. Aus meiner Sicht dominiert im Moment die ökonomische Begründung. Freiwilliges Engagement bringt uns was! Das ist sicher auch nicht ganz falsch, vernebelt aber die guten Gründe für die Zusammenarbeit mit Freiwilligen.

Ein guter Grund für den Einbezug Freiwilliger und die Ermöglichung von Mitgestaltung sehe ich in der Stärkung der Verbindung zwischen Organisation und Basis. Für kleine Vereine und Initiativen mag das abstrakt klingen. Sie haben ihre Basis — ihre Unterstützer — ja zumeist im lokalen Umfeld, quasi direkt vor der Nase. Bei größeren Vereinen zum Beispiel im Sport oder der Kultur wird das schon greifbarer. Im Sport hat sich ein Funktionärswesen entwickelt, das sich von seiner jeweiligen Basis zuweilen deutlich entfernt. Häufig fehlt es einfach am regelmäßigen Kontakt, um ein Verständnis füreinander zu entwickeln und auf dieser Grundlage konstruktiv zusammen zu arbeiten. Oft aber fehlt auch der Wille, das Engagement der Basis ernst zu nehmen.

Insbesondere Engagements abseits eingetretener Pfade — außerhalb der Schrebergärten-Logik — werden mit Argwohn beäugt. Es wird selten gefragt welchem Zweck das jeweilige Projekt eigentlich dient, sprich welches Problem damit eigentlich gelöst werden soll. Unterstützung für Quergedachtes ist rar. Eher spielt man Neues und Ungewohntes noch zu Moden oder Phasen herunter, die es auszusitzen gilt. Eine selbsterfüllende Prophezeiung! Mangels Unterstützung, Anerkennung und Wertschätzung gehen Vorhaben außerhalb der Spur recht bald ihrem Ende entgegen. Auf der Strecke bleibt dabei, dass dieser scheinbaren Abstrusität ein Problem zu Grunde lag, das hätte aufgenommen und bearbeitet werden können. Auf der Strecke bleiben also die Engagierten und aus ihrer Sicht natürlich auch die Legitimität des Vereins als Organisation der Bürgergesellschaft.

Was sich im Sport anhand neuer Sportarten und -trends recht gut beobachten lässt, ist im sozialen Bereich ähnlich. Projekte außerhalb der Spur, Projekte, die noch unerkannte Probleme im Lebensumfeld der Engagierten anzeigen könnten, werden mit nur wenig Aufmerksamkeit bedacht — von Ressourcen ganz zu schweigen. Das ist fatal! Denn insbesondere diese Engagements, bergen enormes Potential für die wirkliche Innovation — Innovation, die tatsächlich gebraucht wird und nicht vermarktet werden muss.

Fazit

Es gibt viele Gründe, das freiwillige Engagement attraktiver zu machen. Ob sie alle gut und richtig sind, bezweifle ich. Da ich aber weiß, dass man für freiwilliges Engagement werben muss — und zwar in der Öffentlichkeit wie auch innerhalb der Organisation — habe ich mit zielgruppenspezifischen Argumenten für das freiwillige Engagement kein Problem. Wenn es beispielsweise gilt, Geschäftsleute vom Wert freiwilligen Engagements zu überzeugen, warum dann nicht, die ökonomische Schiene fahren? Warum nicht auch Marketing-Aspekte einbringen und Erfolgsgeschichten erzählen, an die man selber nicht so richtig glaubt?

Egal aber wie man versucht, für das freiwilliges Engagement zu werben, seinen wahren — den guten Grund — für das freiwillige Engagement sollte man nicht aus dem Blick verlieren. Für mich ist der gute Grund für das freiwillige Engagement die Anbindung der Organisation an die Basis, weil so direkte Verbindungen (strong ties) entstehen, die es (a) einfacher Machen Problemlagen aus den Lebensumfeldern der Engagierten zu identifizieren, (b) freiwilliges Engagement authentisch anzuerkennen und wertzuschätzen und (c) auch der abstrakten Organisation (‘denen da oben’) Legitimität zu verschaffen.

tl;dr: Um freiwilliges Engagement attraktiver zu machen, braucht es Argumente, gute Gründe und jene, die den Unterschied kennen.

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