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Online-Freiwilligenarbeit

Anfang Oktober hatte ich den Auftakt zur Vorbereitung eines gemeinsamen Workshops mit Gerald Czech zum Online-Volunteering im Österreichischen Roten Kreuz in Krems an der Donau gemacht und „den Ball sehr theoretisch über zwei Thesen“ in Richtung Wien abgespielt. Grundsätzlich beschrieb ich die Online-Freiwilligenarbeit (a) als wertvolle, weil wirkungsmächtige, Ergänzung der On-Site-Freiwilligenarbeit im Rettungsdienst und (b) als Möglichkeit der hierarchiearmen Beziehungspflege und Koproduktion. Gerald hatte nicht lange Zeit später mit einem Konzeptpapier (in der Version „0.1“) von August letzten Jahres geantwortet, dem folgend das Online-Volunteering vor allem für die Presse- und Öffentlichkeitsarbeit im Rahmen des ÖRK-Portals www.rotkreuz.at in Dienst genommen werden sollte.

Online-Portal des Österreichischen Roten Kreuz

Das Engagement für die Presse- und Öffentlichkeitsarbeit – und besonders die über Dialog und Partizipation forcierenden Sozialen Medien – liegt für die Online-Freiwilligenarbeit offenbar besonders nahe. Häufig höre ich Vorschläge, die in diese Richtung gehen, weise dabei aber immer darauf hin, dass die Öffentlichkeitsarbeit nur ein Teilbereich des Managements einer NPO ist und insofern auch über das Involvement online-engagierter Freiwilliger in andere Bereiche nachgedacht werden sollte. Idealer Weise durchdringt die Freiwilligenarbeit eine NPO auf allen Ebenen und beschränkt sich nicht nur auf die Hilfe (ganz unten in der Hierarchie) und die ehrenamtlich Vorstandsarbeit (ganz oben in der Hierarchie). So möchte ich also den Ball, den Gerald zurück nach Berlin spielte, als idealtypisches Beispiel für den Einbezug Freiwilliger aufnehmen und dazu anregen, auch über das strategische Involvement in andere Bereichen des ÖRK nachzudenken. Dazu ein Vorschlag für unseren gemeinsamen Workshop:

Toolkits für die Online-Freiwilligenarbeit

Gerald schlägt in seinem Konzeptpapier unter anderem die Einrichtung von Freiwilligen-Blogs im Rahmen des ÖRK-Portals vor. Damit forciert er vor allem die redaktionelle Unterstützung, mit dem sich das ohnehin schon sehr breite Content-Angebot von www.rotkreuz.at um div. special interests ergänzen ließe. Ein guter Vorschlag, der auch für andere Bereiche als die Öffentlichkeitsarbeit nutzbar sein könnte. Ich kann mir durchaus vorstellen, dass sich Online-Volunteers finden lassen, die die Arbeit anderer Managementbereiche (vll. die des Freiwilligenmanagements) kritisch begleiten können und wollen. Dafür braucht es m.E. noch nicht einmal das ‚publizistische Hintergrundwissen‘ von ‚Bloggern und Hobbyautoren‘, wenngleich eine zusätzliche, technische Unterstützung jener Volunteers, die sich nicht zu den digital natives zählen wünschenswert ist. Somit würde die Online-Freiwilligenarbeit als Win-Win-Programm konzipiert: Die hauptamtlichen Fachreferent!nnen bekommen kritischen Input von der Basis (hier nicht im Sinne der Helfer!nnen ganz unten in der Hierarchie, sondern der Unterstützer!nnen, die das Rückgrat der gesamten Organisation bilden) und willige Expert!nnen könnten neben dem Umgang mit neuen Medienformaten wie Blogs, Facebook-Gruppen u.ä. im Diskurs auch mehr vom jeweiligen Managementbereich lernen; ein Angebot, das vor allem Studierende der jeweiligen Fachrichtungen ansprechen und sie auch über die relativ mobile Phase des Studiums an das ÖRK binden könnte.

Für derartige Volunteerblogs allerdings nur den „Raum“ zur Verfügung zu stellen, kann bei weitem nicht ausreichen. Auch das Online-Volunteering muss als Freiwilligenarbeit begleitet werden und organisiert sich nicht von allein. Sinnvoll könnten m.E. Toolkits mit allen (!) relevanten Informationen zu den jeweiligen Projekt- oder Programminitiativen, Policys für den Umgang damit und technische Einführungen (bspw. als Videotutorials). Überdies muss auch eine ernstzunehmende Rückbindung zum jeweiligen Fachreferenten / der jeweiligen Fachreferentin angelegt werden. Zwar könnten dies schon regelmäßige Kommentare und / oder Diskussionsbeiträge sichern, doch erachte ich Gesprächsrunden oder Stammtische (ob nun im Internet via Video-Konferenz oder vor Ort) für die Vermittlung von Wirkungsmacht (einem wesentlichen Motivator im freiwilligen Engagement) als wesentlich effektiver.

Für unseren Workshop in Krems, für den sich meines Vernehmens wohl über ein Viertel aller Tagungsteilnehmer!nnen als interessiert gemeldet haben, schlage ich vor, den Inhalt eines solchen Toolkits zu entwickeln; entweder für einen speziellen Bereich wie die Öffentlichkeitsarbeit (wobei hier nicht der Eindruck entstehen darf, das wäre der einzig mögliche Bereich) oder etwas abstrakter als Whitepaper für alle Bereiche.

Seit nunmehr drei Jahren schreibe ich in meinem Weblog über das Online-Volunteering, die Freiwilligenarbeit über das Internet. Eng damit verbunden war und ist die Diskussion um die Rolle von Internet und Social Media in NPOs und Zivilgesellschaft. Sowohl im Rahmen der NPO-Blogparade als auch im lockeren Verbund der NPO-Blogger!nnen-Szene diskutierten wir Themen wie gute Rahmenbedingungen für moderne, partizipative Freiwilligenarbeit, die Akkumulation sozialen Kapitals durch den Social Media Einsatz in NPOs, Social Media Policys und Guidelines sowie ungezählte Projekte von der Aktion Uwe bis zu Engagiert in Deutschland. Allein mein Blog zählt mittlerweile über 200 Artikel, zu denen ich noch beinahe 5000 Einträge auf Twitter, eine Facebook-Seite zum Freiwilligenmanagement und div. Publikationen rechnen würde; für Interessierte ein nicht einfach zu übersehender Haufen von Ansätzen, Ideen und Kommentaren — eine Art Nachhall der weiterlaufenden Debatte.

Das Centrum für Corporate Citizenship Deutschland (CCCD) hat sich im vergangenen Jahr der Herausforderung angenommen, den Zusammenhang zwischen Bürgergesellschaft und den sozialen Medien des Internets zu ergründen und die Debatte darum in übersichtlicher Form zusammen zu fassen. In der nun erschienenen Studie zu „Internet und digitale Bürgergesellschaft“ postulieren die Autorin Alexandra Härtel und ihr Co-Autor Dr. Serge Embacher „neue Chancen für Beteiligung“ und fassen den Kern unserer Debatte damit treffend zusammen: Social Media bietet vielfältige Chancen für die zivilgesellschaftliche Beteiligung, die aber immer auch mit div. Herausforderungen verbunden sind.

Aufbau und Methodik

Nach einer einführenden Untersuchung des Zusammenhangs von Social Media, freiwilligem Engagement und Bürgerbeteiligung, zeigen Embacher und Härtel unterschiedliche Ansätze auf, die neue Handlungsspielräume für die Bürger- und Zivilgesellschaft eröffnen können. Darunter finden sich neben dem Online-Volunteering auch Crowdsourcing- und Koproduktionsansätze, die anhand unterschiedlicher Beispielprojekte illustriert werden. Daran anschließend setzen sich die Autorin und der Autor kritisch mit den Social Media Aktivitäten von drei größeren Organisationen der (internationalen) Zivilgesellschaft auseinander bevor sie im letzten Teil der Arbeit die Herausforderungen und Handlungsperspektiven besprechen, die sich durch den Einsatz von Social Media für die Arbeit von NPOs ergeben.

Das methodischen Vorgehen während dieser Untersuchung zielte eher auf eine Bestandsaufnahme von Praxen und Potentialen des Social Media Einsatzes im zivilgesellschaftlichen Sektor, denn der Formulierung nie gehörte Hypothesen. Damit wurde das Untersuchungsdesign sehr bodenständig und zielführend gestaltet. Neben einer Literaturrecherche wurden 16 leitfadengestützte Experteninterviews und ein Fachgespräch mit neun Teilnehmenden geführt, wobei sowohl Befürworter!nnen der sich verbreitenden Social Media Kommunikation als auch Skeptiker!nnen des „Web 2.0 Hype“ zu Wort kamen (eine Liste der Interviewpartner!nnen und Diskussionsteilnehmer!nnen findet sich im Anhang 5 auf Seite 30). Ich denke die Autorin und der Autor verstehen ihre Publikation zu Recht

… als Beitrag zur Fortentwicklung der Engagementpotentiale in Deutschland und damit auch als Schritt auf dem Weg in eine moderne, solidairische Bürgergesellschaft (Embacher/Härtel 2011: 6).

Inhalte und zentrale Thesen

Für Embacher und Härtel liegt zwischen der „Welt der Social Media“ und der Bürgergesellschaft eine gewisse „Wahlverwandtschaft“ vor (ebd.: 6). Sowohl die Bürgergesellschaft als auch die „gesellschaftsbildenden Medien“ des Social Web weisen ihnen zu folge deliberative Charakterzüge auf (ebd.: 8), die sie auch anhand einiger Kernelementen des seit Dekaden fortschreitenden Strukturwandels der Freiwilligenarbeit herausarbeiten (dazu ebd.: 9). Embacher und Härtel folgend sind sowohl in der Bürgergesellschaft als auch im Social Web “Solidarität und Selbstverwirklichung” wie auch “Partizipation und Selbstbestimmung” nicht zu trennende Begriffspaare. Überdies – so behaupten die Autorin und der Autor ohne es recht zu belegen – würden die sozialen Medien des Internets wie auch die moderne Freiwilligenarbeit von den Individualisierungs- und Pluralisierungstendenzen moderner Gesellschaften profitieren und diese sogar verstärken (ebd.).

Mit der Individualisierung und Pluralisierung von Lebenslagen lösen sich die traditionellen Milieus allmählich auf und verlieren ihre soziale Bindekraft. Lebenswege sind heute weniger durch Milieuzugehörigkeit vorgezeichnet als durch (freilich damit verknüpfte) Bildungschancen, durch Geschlechterrollen, individuelle Lebensentscheidungen und andere Faktoren (Embacher/Härtel 2011: 9).

Es wird an dieser Stelle leider nicht deutlich, was genau mit „Milieuzugehörigkeit“ gemeint sein soll, inwieweit diese nicht doch vielleicht auf „individuelle Lebensentscheidungen“ wirkt und welche „anderen Faktoren“ dabei noch eine Rolle spielen könnten. Tatsächlich ist der „Zerfall traditioneller Milieus“ eine gern angeführte Folge der Individualisierungs- und Pluralisierungstendenzen mit denen wir es in modernen, freiheitlich verfassten Gesellschaften zu tun haben; empirisch belegen lässt sich diese These — die m.E. auch den behaupteten deliberativen Charakterzügen entgegen steht — m.W. aber nicht.

Den zweiten Teil ihrer Studie beginnen Embacher und Härtel mit der (etwas verspäteten) Beschreibung dessen, was sie sich unter Social Media resp. dem Social Web vorstellen. Leser!nnen denen dieses Thema bisher noch fremd ist, sollten mit diesem Abschnitt (S. 12f.) beginnen. Mit dem Verweis auf Ebersbach, Glaser und Heigl plädieren die Autorin und der Autor für den Terminus „Social Web“ anstelle der „journalistischen Chiffre für die Neuerfindung des Internets“, dem Web 2.0 (Embacher/Härtel 2011: 12f.).

Im Rahmen des Konzepts Social Web werden durch webbasierte Anwendungen soziale Praktiken wie Informationsaustausch, Bereitstellung von Daten, Aufbau von Beziehungen und deren Pflege sowie die themenbezogene Kollaboration unterstützt ([Ebersbach/Glaser/Heigl] 2011: 38). Diese web-basierten Anwendungen im Social Web werden unter dem Begriff Social Media zusammengefasst  (ebd.: 12).

Das so beschriebene Social Web mit seinen sozialen Medien (die als Anwendungen hier ausschließlich auf das WWW aufsetzen) zeichnet sich für Embacher und Härtel vor allem durch die Prinzipien „Offenheit“ und „Transparenz“ aus (ebd. 13): Offenheit als Möglichkeit jedwede Information und/oder Meinung ohne redaktionelle Filterung veröffentlichen zu können, Transparenz als Möglichkeit Prozesse und Zusammenhänge (wie die Debatte um Internet und digitale Bürgergesellschaft) auch ohne exklusiven Quellenzugang recherchieren zu können (ebd.).

Die neuen Handlungsspielräume, die sich aus den so beschriebenen Strukturen des Social Web ergeben, beschreiben die Autorin und der Autor zunächst als Netzwerkbildung und Einbindung neuer Zielgruppen (Online-Volunteering), bevor sie anhand konkreter Beispiele „Do-It-Yourself-Initiativen“ (ebd.: 16), „Agenda-Setting mit Hilfe von Social Media“ (ebd.: 17) und „Selbsthilfe im Social Web“ (ebd.: 18) umreißen. Mit diesen Beispielen wollen Embacher und Härtel zeigen,

… dass die Kommunikationsmöglichkeiten im Social Web für das individuelle Engagement neue Wege der Selbstorganisation, der Aktivierung von Ressourcen in Netzwerken (Wissen, Kompetenzen, finanzielle Mittel), der Bürgerbeteiligung und Einflussnahme eröffnen und wie diese von den Engagierten genutzt werden (Embacher/Härtel 2011: 18).

Doch nicht nur für die Selbstorganisation der Bürgerinnen und Bürger bietet das Social Web neue Handlungsperspektiven. Embacher und Härtel konstatieren auch für etablierte Organisationen der (internationalen) Zivilgesellschaft vormals nicht gekannten Möglichkeiten zur Akquise wichtiger Netzwerkressourcen. Unter den Schlagworten „Networked Nonprofits“ (Beth Kanter / Alison Fine) und „Koproduktion sozialer Dienstleistungen“ (Brigitte Reiser) fassen Embacher und Härtel diese selten strategisch genutzten Möglichkeiten zusammen (ebd.: 19). Anhand des Deutschen Caritasverbandes, Oxfam und Greenpeace Deutschland zeigen sie anschließend auf, dass und wie Social Media hier eingesetzt werden (kann) (ebd.: 19ff).

Im dritten und letzten Teil ihrer Studie zeigen Embacher und Härtel Herausforderungen und Handlungsperspektiven auf, die sich ihres Erachtens aus der „‚Liaison‘ von Internet und Bürgergesellschaft“ ergeben (ebd.: 23). Dabei plädieren sie für den Einsatz von Social Media im zivilgesellschaftlichen Bereich, warnen allerdings vor einer Indienstnahme der sozialen Medien „für die Verfestigung von intransparenten Macht- und Entscheidungsstrukturen“ wobei der implizite Verweis auf den deutschen Nationalsozialismus natürlich nicht fehlen darf:

Die Okkupation des Web 2.0 für die ‚bestehenden Verhältnisse‘ wäre nicht das erste Beispiel in der Geschichte der Massenmedien für eine negative Entwicklung. Ob sich Social Media und Social Web tatsächlich als Antriebskräfte für einen transparenten, offenen und responsiven Dritten Sektor erweisen werden, hängt u.a. vom Handeln der Engagierten und ihrer Organisationen ab (Embacher/Härtel 2011: 23).

Anschließend an diese eher allgemeine Warnung beschreiben Embacher und Härtel mit der „Ausgrenzung gesellschaftlicher Gruppen“ (ebd.: 23), der „männlichen Dominanz“ (ebd.: 24) und des „Slaktivism“ (ebd.) drei etwas handfestere Herausforderungen, die der durchaus evidente Einzug von Social Media in der bürgergesellschaftlichen Selbstorganisation mit sich bringt. Als Anregungen für zivilgesellschaftliche Organisationen formulieren die Autorin und der Autor einige  Handlungsperspektiven, die vor allem etablierte, hierarchisch verfasste NPOs vor große Herausforderungen stellen dürften (zum folgenden: ebd.: 25ff.):

  1. Zunächst sehen Embacher und Härtel dringenden Fortentwicklungsbedarf bzgl. der Organisationskultur und des Selbstverständnisses von Dritt-Sektor-Organisationen, womit sie auch eine strategische Organisationsentwicklung eingefordert sehen.
  2. Damit verbunden ist die Forcierung von Netzwerkarbeit wie auch der von Beteiligungsmöglichkeiten, die echte Partizipation via Social Web möglich und die gemeinsame Erarbeitung (Koproduktion) von Social Media Policys und Social Media Guidelines erforderlich machen.
  3. Mit der Förderung des Einbezugs der Stakeholder zivilgesellschaftlicher Organisationen (Partizipation) verbinden die Autorin und der Autor auch die Förderung von Medien- und Beteiligungskompetenz durch fachliche Qualifikation, Beratung und Training.

Fazit und kritische Anmerkungen

Embacher und Härtel meinen wohl zu Recht, dass die Debatte über den Zusammenhang von bürgerschaftlichem Engagement und Social Media innerhalb der Sphären etablierter Dritt-Sektor-Organisationen noch ganz am Anfang steht (ebd.: 27). Während sich die Bürgergesellschaft – jene kleineren Vereine und Assoziationen, die Embacher und Härtel als Form der bürgerschaftlichen Selbstorganisation beschreiben – bereits wie selbstverständlich auch über die Sozialen Medien des Internets organisiert, ist ein Gros hierarchisch verfasster NPOs von flachen Beteiligungsstrukturen weit entfernt. Das Social Web wird hier allzu oft nur als neuer Kanal für die One-To-Many-Kommunikation mit der großen Masse an potentiellen Empfänger!nnen im Internet eingesetzt , ohne dass hier ernstzunehmende Rückkanäle geöffnet und Informationsangebote strategisch fragmentiert würden. Damit wird das Social Web — übrigens auch von Embacher und Härtel — als Massenmedium (im analytischen Sinn) missverstanden.

Wie bereits erwähnt ist die hier vorgestellte Untersuchung methodisch auf eine Zusammenfassung einer (weiterlaufenden) Debatte angelegt. Inhaltlich stellt sie den aktuellen Stand treffend dar und ist Interessierten insofern nur zu empfehlen. Dennoch bleiben kritische Punkte anzumerken bzw. zu diskutieren:

  • Als fundierter Beitrag zur Debatte um die Chancen und Herausforderungen, die die neuen Medienformate des Internets für den Dritten Sektor bergen, ist die vorliegende Arbeit zunächst insofern zu kritisieren, als grundlegende Formalien wissenschaftlichen Arbeitens stellenweise nicht oder nur unzureichend eingehalten wurden. Nicht nur einmal werden Sachverhalte ohne entsprechende Zitation behauptet oder Darstellungen anderer Autor!nnen ohne entsprechenden Verweis übernommen. Einerseits ist dies für jene — wie mich — ärgerlich, die sich die Mühe machen (auch wissenschaftliche und zitierfähige) Publikationen zu erarbeiten, andererseits wird damit auch das weiterführende Studium einzelner Aspekte dieses Themenfeldes (bspw. Online-Volunteering oder die ‚lernende Community‘ der Social Media Szene) erschwert, was ja gerade die Stärke dieser Zusammenfassung hätte sein können.
  •  Weiterhin hätten auch einige eingeführte Begriffe und Konzepte wie der des Milieus oder der der „Medien- und Beteiligungskompetenz“ näher beschrieben werden müssen. Was Embacher und Härtel genau unter dem z.Zt. sehr populären Milieubegriff oder dem der Medienkompetenz bzw. dem mir bislang unbekannten Begriff der Beteiligungskompetenz verstehen, bleibt leider im Dunkeln.
  • Als diskussionswürdig erachte ich außerdem die nicht wirklich begründete Trennung von bürgergesellschaftlicher Selbstorganisation in kleinen Vereinen und Initiativen und größeren Organisationen der Zivilgesellschaft. Semantisch stellen Embacher und Härtel die einen als eine Art Manifestation der Bürger-, die anderen als eine der Zivilgesellschaft dar, was sich angesichts der deutlich zivilgesellschaftlichen Ansprüche (i.S. des Habermas’schen Vernetzungsimpetus) der Berliner Sozialhelden oder der Kampagnennetzwerke wie Campact, Avaaz wohl kaum durchhalten lässt.

Interessierten Leserinnen und Lesern wünsche ich viel Vergnügen bei dieser m.E. erhellenden Lektüre. Der dargestellte Stand der Dinge sollte dabei allerdings nicht als ‘in Stein gemeißelt’ betrachtet, sondern als Aufforderung verstanden werden, sich aktiv in die laufende Diskussion einzubringen. Vielleicht ist hierfür auch eine neue Runde der NPO-Blogparade sinnvoll. Was meint ihr?!

Lisa Schürmann arbeitet seit 2009 beim Deutschen Weltgebetstagskomitee und hat sich das Praxiskompendium zum Management von Online-Volunteers angeschaut. Bei ihrer Arbeit als Referentin für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit verantwortet sie u.a. die redaktionelle Betreuung der Bildungsmaterialien, mit denen sich die in der Weltgebetstagsbewegung engagierten Frauen in den Gemeinden auf das jeweilige Schwerpunktland und den Gottesdienst vorbereiten. Da wir bei der Arbeit an unserem Praxiskompendium auch auf die engagierte Mitarbeit unseres Grafikers und Online-Volunteers Herbert Schmidt bauen konnten, liegt auch für Lisa das Thema Online-Volunteering recht nahe. Im Rahmen ihrer Masterarbeit beschäftig sich Lisa überdies mit Kampagnen anlässlich des „Europäischen Jahres der Freiwilligentätigkeit 2011“ wobei es auch Ansatzpunkte für die webbasierte Einbindung Freiwilliger gibt. In ihrer Rezension merkt Lisa an, dass mehr Beispiele für das Online-Volunteering gut gewesen wären und eine Entwicklungsprognose der Online-Freiwilligenarbeit fehlt. Kritikpunkte, die wir natürlich gern aufnehmen.

Im Laufe des Jahres 2011, dem „Europäischen Jahr der Freiwilligentätigkeit“, wurde in Tagungsbeiträgen sowie in wissenschaftlichen und journalistischen Artikeln immer wieder auf Trends im Bereich „Freiwilligentätigkeit in Deutschland“ hingewiesen, die so schon seit einiger Zeit diskutiert werden: Sei es die Tatsache, dass Menschen mobiler sind und häufiger den Arbeitsplatz und damit auch den Wohnort wechseln. Sei es, dass gerade jüngere Menschen sich – auch aus o.g. Gründen – lieber gezielt für zeitlich befristete Projekte engagieren, als eine Jahre- (oder gar Jahrzehnte-) lange „Ehrenamtskarriere“ in ihrem Heimatort anzustreben. Sei es, dass – wie u.a. der Freiwilligensurvey (1999, 2004, 2009) gezeigt hat – große Bevölkerungsgruppen, z.B. Menschen mit Migrationshintergrund oder Menschen mit Behinderungen, im „freiwilligen Engagement“ unterrepräsentiert sind. Und sei es schließlich, dass die Internetnutzung allgemein, wie auch die der Freiwilligen in Deutschland merklich angestiegen ist (von 44% 2004 auf 59% 2009, siehe Freiwilligensurvey).

Umso erstaunlicher ist es, dass – trotz dieser Entwicklungen – die Online-Freiwilligenarbeit in Deutschland noch „in den Kinderschuhen steckt“. Online-Freiwilligenarbeit („Online-Volunteering“) meint dabei ein freiwilliges Engagement, dass in Zusammenarbeit mit anderen teilweise oder vollständig über das Internet geleistet wird. In der fachlichen Diskussion wird dieser Bereich erst zaghaft wahrgenommen. Menschen, die sich bereits engagieren oder noch engagieren möchten, und v.a. Organisationen, die mit Freiwilligen arbeiten, haben häufig nicht einmal von Online-Volunteering gehört. Oft gibt es gar kein Bewusstsein darüber, was für spannende Projekte und zukunftsträchtige Potentiale sich dahinter verbergen.

Damit sich das ändert, dafür liefert das Handbuch „Management von Online-Volunteers“ einen wichtigen Beitrag. In der von der Akademie für Ehrenamtlichkeit Deutschland (fjs e.V.) herausgegeben Broschüre bieten Hannes Jähnert und Lisa Dittrich auf über 50 Seiten einen Einstieg in das Thema Online-Volunteering in Deutschland.

Das erste Schwerpunkt-Kapitel „Grundlagen“ beginnt mit einem Blick auf die Herausforderungen für Freiwilligenorganisationen in Deutschland und skizziert Chancen von Online-Volunteering. Schnell kommen Jähnert und Dittrich auf die Vorurteile und Ängste gegenüber diesem Tätigkeitsfeld zu sprechen: Wie glaubwürdig kann das „virtuelle“ gegenseitige Kennenlernen zwischen Organisation und am Engagement Interessierten sein? Können sich auch weniger technikaffine Menschen online engagieren? Ist das Internet gar ein rechtsfreier Raum, ohne Absprachen und Regeln? Es ist sicher sinnvoll, gleich zu Beginn mit diesen „Mythen“ aufzuräumen: Schließlich wird das Handbuch für viele seiner Leser/innen die erste intensivere Auseinandersetzung mit Online-Volunteering sein. Besonders gelungen sind die drei Praxisbeispiele (u.a. das Mentoring-Programm „CyberMentor“ für junge Frauen), bei denen an konkreten Projekten mögliche Arbeitsfelder für Online-Engagierte skizziert werden. Weiterführende Links zu anderen „Vorzeige-Projekten“ wären wünschenswert.

Einen zweiten Schwerpunkt widmet das Handbuch dem Bereich Freiwilligen-Management. Welche Arbeitsbereiche im Online-Volunteering denkbar sind und wie Freiwilligeneinsätze über das Internet geplant, gestaltet und evaluiert werden können, sind Fragen, die auch in der „klassischen“ Zusammenarbeit mit Freiwilligen vertrauten Frauen und Männern in den Köpfen schwirren. Das Handbuch fasst die einzelnen Schritte sehr anschaulich zusammen und geht gleich „an Ort und Stelle“ auf mögliche Stolpersteine ein. Aufgelockert werden die übersichtlich gelayouteten Textabschnitte durch visuelle Beispiele, etwa eine Muster-Anzeige „Online-Freiwillige gesucht!“.

Dass das Handbuch dem „Barrierefreien Online-Engagement“ seinen dritten Hauptschwerpunkt widmet, ist v.a. deswegen bemerkenswert, als hier Menschen mit Behinderungen nicht etwa schwammig als neue „Trendzielgruppe“ ausgemacht werden. Vielmehr wird konkret gezeigt, wie ernst gemeinte barrierefreie Engagementangebote aussehen können.

Auf eine Prognose, wie das Online-Engagement die Freiwilligentätigkeit in Deutschland verändern kann, verzichten die Autor/innen des Handbuches. Das ist insofern schade, als Einsätze von Online-Engagierten ganz sicher Auswirkungen auf das Innenleben der Freiwilligenorganisationen haben werden, z.B. in Bezug auf Transparenz oder auf ein Agieren „auf Augenhöhe“ von Hauptamtlichen und Freiwilligen. So ist zu hoffen, dass möglichst viele Leser/innen sich nach der Lektüre von „Management von Online-Volunteers“ an die Umsetzung eines professionellen Angebots für Online-Freiwillige machen. Das Handbuch bietet dafür einen guten, praxistauglichen Leitfaden. Bei der Überarbeitung für eine zweite Auflage werden die Autor/innen dann hoffentlich auf eine breitere Online-Engagement-Landschaft in Deutschland blicken können und vielleicht schon ein erstes Fazit wagen, wie sich die Engagement-Landschaft durch das Online-Engagement verändert hat.

Es muss schon im Oktober letzen Jahres gewesen sein, als mich Gerald Czech vom Österreichischen Roten Kreuz fragte, ob ich nicht Lust hätte, bei einer ÖRK-Konferenz in Krems an der Donau über das Online-Volunteering zu sprechen. Natürlich sagte ich zu. Das ÖRK ist schließlich eine jener vielversprechenden NPOs, die vielen anderen traditionellen Großorganisationen im deutschen Sprachraum vormachen kann, dass die Freiwilligenarbeit über das Internet auch für sie ein gangbarer Weg ist. Da Gerald und ich nun im Dezember diesen Workshop zum Online-Volunteering gemeinsam anbieten werden und das Thema „neue Wege zur Freiwilligenarbeit“ u.E. die Öffentlichkeit bekommen sollte, die es verdient, entschieden wir, den Workshop im öffentlichen Dialog über unsere Weblogs vorzubereiten. Ich mache heute den Anfang und will hier zunächst zwei Thesen formulieren, die den Nutzen des Online-Volunteerings für das ÖRK deutlich machen sollen. Natürlich kann sich jeder und jede einklinken – Ergänzungen, Hinweise und Kritik sind uns immer willkommen.

Online-Volunteering: Eine Ergänzung des Engagements ‚on-site‘

Wer die Webseite zur Konferenz besucht, bekommt zunächst die Botschaft präsentiert, das ÖRK hätte „die richtige Jacke für dich“. Pfiffige Freiwilligenwerbung würde ich sagen, doch trifft das auch auf mich zu? Hat das ÖRK auch Jacken für Ausländer, für nicht physisch präsente Sonderlinge, für Online- und Micro-Volunteers? Sicherlich nicht, für Online-Engagierte wird es künfitg eher Buttons für die Webseite geben, wie in der laufenden Facebook-Kampagne freiwillig 2011. Das auf der Webseite aber mit dem symbolträchtigen Kleidungsstück geworben wird, spricht doch Bände. Selbstverständlich ist das Rote Kreuz auf physisch präsente Freiwillige angewiesen. Die Zeit, in der Freiwillige Roboter über das Netz steuern werden, scheint mir (noch) in einer fernen und auch gar nicht so wünschenswerten Zukunft zu liegen. Und doch gewinne ich den Eindruck, dass dem On-Site-Engagement hier großer Wert beigemessen und das Online-Engagement entsprechend unterschätzt wird. Sicherlich kann das Online- und Micro-Volunteering den Rettungs- und Pflegedienst nicht ersetzen, Online- und Micro-Volunteers aber – das ist mein Vorschlag für die erste These – können die Arbeit ‚am Menschen‘ sehr gut ergänzen.

Aus der Katastrophenhilfe dazu zwei Beispiele:

  • Ein erstes Beispiel für die Unterstützung der Katastrophenhilfe vor Ort, lieferte Anfang 2010 das US-amerikanische StartUp „The Extraordinaries“. Nach dem katastrophalen Erdbeben im Januar 2010 auf Haiti setzen die Extraordinaries ein System auf, mit dem vermisste Personen ausfindig gemacht werden konnten. Dafür wurde die digitale Bilderflut aus dem haitianischen Katastrophengebiet zunächst mittels Schlagworten (bspw. „Mädchen“, „Junge“, „alte Frau“) kategorisiert und anschließend zusammen mit eventuell passenden Bildern von Vermissten (eben Jungen, Mädchen und alten Frauen) über eine iPhone-App angezeigt. Der Engagement-Task beschränkte sich dann nur noch auf das vergleichen zweier Bilder und das drücken eines von zwei Knöpfen: passt oder passt nicht. Die Zahl der so ausfindig gemachten Personen mag angesichts der Not tausender mit 24 recht mickrig scheinen, doch wer will schon sagen, dass es den Aufwand nicht Wert gewesen wäre?
  • Ein zweites Beispiel für die Unterstützung der humanitären Hilfe durch Online-Volunteers bietet zweifelsohne die Mapping-Plattform Ushahidi. Via SMS, MMS oder Online-Applikation werden auf den Karten von Ushahidi Krisengebiete und Konfliktherde in der ganzen Welt markiert und mit zur Verfügung stehenden Informationen versehen. Sicherlich lassen sich schon diejenigen, die die diversen Informationen auf den Karten von Ushahidi einpflegen als Micro-Volunteers bezeichnen, ohne das Engagement der vielen engagierten Webentwickler und Programmiererinnen aber wäre ein Crowdsourcing dieses Umfangs nicht möglich. Konnten sich für die Vermisstensuche der Extraordinaries nur Freiwilligen mit einem iPhone engagieren, ist Ushahidi mit beinahe allem kompatibel, was Daten senden kann.

Natürlich gibt es noch weiter Beispiele für wirkungsmächtige Freiwilligenarbeit über das Internet. Die beiden genannten sollten an dieser Stelle aber ausreichen, um einen Übertrag auf die praktische Arbeit des Österreichischen Roten Kreuzes zu wagen. Beide Beispiele zeigen schließlich, dass Online-Volunteers von zu Hause, vom Arbeitsrechner oder von unterwegs aus die Arbeit der freiwillig und hauptamtlich Mitarbeitenden vor Ort wirksam unterstützen können. Einerseits können sie Informationen recherchieren und über Webapplikationen zur Verfügung stellen, andererseits können sie eben diese Webapplikationen selbst (mit) gestalten und/oder programmieren. Wenn ich recht informiert bin, hat es diesbezüglich auch schon erste erfolgreiche Ansätze im ÖRK gegeben. (Twitter | Facebook)

Die wirksame Unterstützung durch Volunteers, die sich überwiegend über das Internet einbringen, muss dabei natürlich nicht nur auf die Katastrophenhilfe beschränkt bleiben. Wie der Erfolg des „Team Österreich“ zeigt, gibt es hier zwar großes Potential, doch ist der Einbezug auch in anderen Bereichen der Rotkreuzarbeit sinnvoll. Vorstellbar sind z.B. Online-Mentoring-Programme mit älteren und jüngeren Beteiligten, kollaborative Wissenssammlungen und -recherche sowie „Klickarbeit“ bei Testläufen von Webapplikationen …*

Online-Volunteering: Hierarchiearme Beziehungspflege für NPOs

Im Zuge meines Vergleiches der Online-Engagementangebote, die das Österreichische Rote Kreuz und 2aid.org auf Facebook einstellten, vermutete ich, dass das Engagementangebot des ÖRK vor allem einen strategischer Einbezug der Facebook-Fans als aktive Mitgestalterinnen und Mitgestalter darstellte. Zwar kommentierte Gerald, dass das Engagement der freiwilligen Übersetzerinnen und Übersetzer durchaus auch kompensatorischen Charakter hatte, doch bezweifle ich, dass darin die große Stärke dieser Art des Einbezugs lag. Einerseits wurde mit der Suche nach „virtuellen Freiwilligen“ einiges an Aktivität provoziert, was für den Betrieb von Facebook-Seiten niemals schlecht ist, andererseits zeigt ein Blick in die Infos zu den Kommentatorinnen und Kommentatoren, dass diese aus allen Ecken der Alpen (nicht nur aus Österreich) stammten. Mit ihrem Online-Engagement für den Dachverband des Österreichischen Roten Kreuzes – so meine nächste These für unseren Workshop im Dezember – wurde also die Beziehung zu einem eher abstrakten Gebilde intensiviert.

Das Engagement der etwa 51.000 Freiwilligen des Österreichischen Roten Kreuzes wird föderal organisiert. Es gibt 10 Landesverbände mit jeweils mehreren Bezirksstellen, die alle einem Dach- oder Bundesverband untergeordnet sind. Das hat den Vorteil, dass der lokale Bezirksverband für Engagierte durchaus greifbar ist. Die Ansprechpartnerinnen und -partner sind hier (bestenfalls) wohlbekannt. Interessierte können das jeweilige Büro der Freiwilligenkoordination besuchen, sich informieren oder vielleicht auch kritische Fragen diskutieren. Beim Landesverband (eine Ebene darüber) ist das schon schwieriger. Hier dürfte es eher um die strukturellen Rahmenbedingungen der Freiwilligenarbeit und die Lobbyarbeit gehen. Sicherlich ist freiwilliges Engagement auch hier noch möglich, doch das Retten, Bergen und Pflegen muss man sich an dieser Stelle schon dazu denken. Im Bundesverband (noch eine Ebene höher) schließlich geht es um grundsätzliche Fragen der Imagepflege und des Marketing, der Ressourcenbeschaffung und der (internationalen) Netzwerkarbeit, was den Einbezug freiwilligen Engagements noch schwieriger erscheinen lässt. Je höher also die Eben dieses hierarchischen Systems, desto abstrakter die Arbeit, die dort geleistet wird und desto weniger hat die Freiwilligenarbeit dort (wenn sie überhaupt möglich ist) noch etwas mit dem zu tun, was weithin mit dem Roten Kreuz in Verbindung gebracht wird. Und dennoch macht die Ermöglichung des Online-Engagements auf allen Ebenen Sinn:

  1. Auf der lokalen Ebene macht die Online-Beteiligung Freiwilliger Sinn, weil sich so auch Menschen in die (notwendige) Koproduktion sozialer Dienstleistungen einbringen können, die ihr zu Hause oder ihren Arbeitsplatz nicht ohne Weiteres verlassen können. Gemeint sind hier nicht nur Menschen mit Behinderung, die wie alle anderen auch ein Recht auf Partizipation haben. Gemeint sind hier auch Frauen und Männer mit kleinen Kindern oder pflegebedürftigen Angehörigen. Mit dem Ansatz der Koproduktion können Hierarchien zwischen den Leistungsempfängern und -erbringern – seien es nun Freiwillige oder Hauptamtliche – abgebaut werden, weil die Leistungserbringung so gestaltet wird, dass alle Seiten damit einverstanden sind und sich niemand als eine Art ‚Abnehmer wider Willen‘ sehen muss.
  2. Sicherlich sind solcherlei Koproduktionsansätze auch auf Landesebene denkbar, des höheren Abstraktionsgrades wegen aber schwieriger umzusetzen. Da es hier eher um die strukturellen Rahmenbedingungen und die Einflussnahme auf politische Prozesse im Land geht, ist das freiwillige Online-Engagement hier vor allem bei der kollaborativen Erarbeitung von Konzepten und Papieren denkbar. Und auch dieses etwas trockene Engagement würde (a) die Hierarchie zwischen Landesverband und freiwilligen Unterstützerinnen und Unterstützer abbauen helfen und (b) auch einiges an Mobilisierungspotential (bspw. für politische Aktionen) beim Landesverband bündeln.
  3. Auf der drittgenannten Ebene, der des Bundesverbandes, vermag ich schließlich nur gelegentliche Ansatzpunkte für die Koproduktion zu erkennen. Einer davon war natürlich die gemeinschaftliche Erarbeitung der Social Media Policy des Österreichischen Roten Kreuzes, bei der sich vielerlei Akteure einbrachten, die mithin auch nicht zum ÖRK gehörten. Vielleicht lassen sich auf diesem Wege auch Tool-Kits nach dem Vorbild von Green Action erstellen, doch reicht meine Phantasie darüber hinaus nicht mehr weiter.* Das Online-Volunteering sehe ich auf dieser Ebene vor allem als eine Möglichkeit aktive Unterstützung möglich zu machen und den Dachverband via Social Media ein Stück näher an die Lebenswirklichkeit seiner Stakeholder zu rücken.

Vielleicht sind meine hier formulierten Vorstellungen von der föderalen Struktur des ÖRK und den Aufgaben der jeweiligen Verbandsebenen nicht an allen Stellen richtig. Ich hoffe Gerald wird – wenn nötig – Licht ins Dunkel bringen, denn ich glaube, dass die Freiwilligenarbeit (online oder on-site) und die organisationale Struktur in einer Wechselwirkung zueinander stehen, der mit Bedacht begegnet werden muss. Freiwilligenmanagement meint nicht die bloße Verwaltung des Ehrenamts, sondern auch die stete Organisationsentwicklung, die die Kenntnis der jeweiligen Strukturen voraussetzt.

*Für die Diskussion in Workshops und Seminaren haben kreative Vorschläge großen Wert. Einige Vorschläge habe ich hier schon formuliert, einige wurden bereits auf der Facebook-Seite des ÖRK eingebracht. Wenn du auf die Schnelle allerdings eine Idee hast, wie sich Freiwillige auf Bundes-, Landes- und kommunaler Ebene  einbringen könnten, schreib sie doch einfach in die Kommentare unter diesem Beitrag. Vielen Dank.

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