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Online-Freiwilligenarbeit

Online-Volunteering, so heißt es oft, wäre vor allem etwas für junge Menschen; Engagement 2.0 für Teenager. Als ebensolches hat es auch schon Eingang in die Engagementforschung gefunden (z.B. Begemann et al. 2011). Mit ernüchternden Ergebnissen! Zwar steht das Internet ganz offenbar nicht in Konkurrenz zum freiwilligen Engagement, doch scheinen Teenager — gemessen z.B. am Betreiben eines eigenen Weblogs — nicht sonderlich affin, was das Online-Engagement betrifft (ebd. 5f.).

Nun bietet das Online-Volunteering als freiwilliges Engagement im und über das Internet natürlich noch ein paar mehr Möglichkeiten als sie von Begemann und Kollegen 2011 in Erwägung gezogen wurden (ebd. 14f.). Über die technische und inhaltliche Weiterentwicklung des Internets hinaus sind ja auch Engagements möglich, die vorrangig dem Menschen ‘am anderen Ende der Leitung’ zu Gute kommen — die Gestaltung von Präsentationen oder die Beratung in technischen Fragen, um hier nur zwei Beispiele zu nennen.

Wie es also um das Online-Engagement von Teenagern in Deutschland bestellt ist, war eine meiner ersten Fragen an die Daten des neuen Freiwilligensurveys

Die Findings im Überblick:

  • Relativ gesehen gehören Teenager zu den am wenigsten im Netz engagierten Freiwilligen. Sogar ihre Oma- und Opa-Generation engagieren sich häufiger (auch) im Internet.
  • Internet und Soziale Medien sind im Engagement während der “Nestbauphase” (zwischen 20 und 35) Standard. Twens (den 20- bis 29-Jährigen) engagieren sich am häufigsten online.
  • Im Allgemeinen zeigt sich das Online-Volunteering im Vergleich der Altersgruppen vorrangig als Möglichkeit freiwilliges Engagement räumlich und zeitlich flexibel zu gestalten. 

Online-Volunteering: nur für Erwachsene!

In den Interviews für den Freiwilligensurvey wurden jene, die ein oder mehrere Freiwilligentätigkeiten angaben, recht umfassend zu ihrem zeitaufwändigsten Engagement befragt. Unter anderem werden Sie gefragt, ob sie für ihr Engagement das Internet bzw. das Web 2.0 nutzen und ob ihr Tätigkeit  “ausschließlich”, “überwiegend” oder “nur teilweise” im Internet stattfindet (vgl. Simonson/Vogel/Tesch-Römer 2016: 298f.). Streng genommen sind die Quoten zum Online-Volunteering also etwas zu gering. Eingeschlossen sind hier nur jene Freiwilligen, die angaben, sich in ihrer zeitaufwändigsten Tätigkeit über das Internet engagieren — jene, die (‘nebenher’) weniger zeitaufwändige Engagements über das Internet leisten, wurden nicht mitgezählt. Das soll hier aber nicht weiter stören. Zum einen sollte den Quoten und ihren Nachkommastellen ohnehin nicht zu viel Gewicht beigemessen werden, zum anderen wird das Wesentliche schon in den Grafiken deutlich, was einen zahlenmäßigen Vergleich überflüssig macht.

Online- und Onstige-Engagement in 13 Altersgruppen

Was in der Grafik des Online- und Onsite-Engagements in 13 Altersgruppen zuerst auffällt ist, das die These vom Engagement 2.0 für Teenager ganz offenbar nicht stimmt. Weit über die Hälfte der 14- bis 19-jährigen engagiert sich nicht einmal teilweise über das Internet. Die Erklärung dafür könnte sein, dass Engagementgelegenheiten für Teenager üblicher Weise kein Online-Engagement vorsehen. Abgesehen von Aspekten der Medienbildung und -erziehung müssen sie das auch nicht unbedingt. Die allermeisten Teenager gehen noch zur Schule und sind daher bei ihrem Engagement nicht auf räumliche und zeitliche Flexibilität angewiesen.Das sich die relativ niedrige Internetnutzung im Engagement der Teenager (siehe auch Grafik unten) negativ auf ihr künftiges (Online-)Engagement auswirkt, ist nicht anznehmen, anhand dieses Querschnitts aber auch nicht auszuschließen.

Der Bedarf nach Flexibilität im freiwilligen Engagement ist ab dem 20. Lebensjahr scheinbar ein anderer: In allen Altersgruppen zwischen 20 und 70 Jahren engagieren sich über die Hälfte der Freiwilligen mindestens teilweise über das Internet. Erst bei den älteren Freiwilligen ab 70 Jahren überschreitet das Onsite-Engagement wieder die 50%-Marke. Als Erklärung liegt hier natürlich nahe, dass die über 70-jährigen das WWW und die Sozialen Medien  erst spät in ihrem Leben kennen und nutzen gelernt haben und deshalb in ihrem Engagement weniger darauf zurück greifen. Hier ist ebenso anzunehmen, dass sie das auch nicht unbedingt müssen, weil sie — ähnlich wie die Schüler — nicht so sehr auf räumliche und zeitliche Flexibiliät angewiesen sind. Dass sich zumindest die 70- bis 74-jährigen trotzdem beinahe zur Hälfte auch online engagieren, könnte darauf hindeuten, dass die Engagementgelegenheiten in diesem Alter andere — weniger bevormundende — sind.

Spannend fand ich auch die deutlich höheren Anteile der Twens, die sich mindestens überwiegend über das Internet engagieren. Erklärt werden könnte dies mit der hohen Mobilität junger Erwachsener, die für Ausbildung, Studium und Berufseinstieg häufig den Wohnort wechseln müssen. Anzunehmen ist, dass einige das Engagement, dem sie an ihrem früheren Wohnort nachgegangen sind, — zumindest für gewisse Zeit — über das Internet weiter führen bzw. versuchen mit dem Online-Volunteering die zahlreichen Herausforderungen dieser Lebensphase mit dem freiwilligen Engagement unter einen Hut zu bringen.

Internetnutzung und Web 2.0 im freiwilligen Engagement in 13 Altersgruppen

Eine ganz andere Vermutung zu dem Überhang an mindestens überwiegend im Internet engagierten jungen Erwachsenen ist, dass das Online-Volunteering in der Tat eine Art ‘Nebenprodukt’ verstärkter Web 2.0-Nutzung im Engagement ist. Die 20- bis 35-jährigen sind definitiv die ‘Netizens’ unter den Engagierten — unter den 25- bis 29-Jährigen findet sich gar überhaupt niemand mehr, der sich ganz ohne das Internet engagiert. Und auch die Sozialen Medien stehen hier vergleichsweise hoch im Kurs. Es ist durchaus möglich, dass sich in den Soziotopen des Web 2.0 alternative Engagementgelegentheiten auftun, die aus den genannten Gründen, aber vielleicht auch nach dem Motto ‘etwas neues ausprobieren’, eher von den Twens als anderen Altersgruppen aufgegriffen werden.

Schluss

Sicher darf man die (hoffentlich) ansehnliche Grafiken — und ihnen zu Grunde liegenden Daten — nicht überinterpretieren.Es handelt sich nur um einen Querschnitt durch 13 Altersgruppen, was Aussagen zur Entwicklung im Engagement zu bloßen Vermutungen macht. Relativ sicher lässt sich sagen, dass das Online-Volunteering als Möglichkeit der räumlichen und zeitlichen Flexibilisierung des Engagements recht weit verbreitet ist und ganz besonders dort aufscheint, wo es am sinnvollsten die Integration von Engagement, Beruf, Studium und Familie befördert.

PS: Ich konnte mich nicht entscheiden: Grafiken bunt oder schwarz-weiß? Was meint ihr?

Mitte April erschien der Freiwilligensurvey 2014. Ich hatte mich hier im Blog bereits mit der der neuen Engagementquote und den berichteten (und nachgelieferten) Findings zum Online-Volunteering befasst. Meine Conclusio zum Online-Volunteering im Freiwilligensurvey: “Das Online-Volunteering hat es in den deutschen Freiwilligensurvey geschafft. Die Feldvermessung kann beginnen.” Und das wird sie jetzt auch! In den kommenden Monaten werde ich mich hier im Blog mit einer Sekundäranalyse des Deutschen Freiwilligensurveys zum Online-Volunteering in Deutschland beschäftigen.

Die Datengrundlage

Im neuen Freiwilligensurvey wurden die freiwillig Engagierten unter anderem zu ihrer zeitaufwändigsten Tätigkeit befragt. Seit 2004 spielt hierbei auch das Internet eine Rolle. 2014 wurde nun zum ersten mal explizit nach dem Online-Volunteering gefragt: “Findet Ihre Tätigkeit ausschließlich oder überwiegend oder nur teilweise im Internet statt?” Etwas mehr als 7.000 freiwillig Engagierte gaben an, sich mindestens teilweise über das Internet zu engagieren, wobei es sich — erwartungsgemäß — relativ selten um “ausschließlich” oder “überwiegend” online engagierte Freiwillige handelt.

Mit dieser so in den recht umfangreichen Fragebogen für Engagierte eingefügten Fragestellung bieten die Daten des Freiwilligensurveys eine gute Grundlage für die Sekundäranalyse zum Online-Volunteering in Deutschland, zumal die Daten für wissenschaftliche Zwecke kostenlos zur Verfügung gestellt werden.

Nach einigen Mail-Wechseln mit dem Forschungsdatenzentrums des DZA ist mein Antrag auf Nutzung der Mikrodaten des Deutschen Freiwilligensurveys durchgekommen. Die Nachfragen betrafen vor allem meinen akademisch-institutionellen Hintergrund. Die Angabe “www.hannes-jaehnert.de” im Antragsformular war dann doch erklärungsbedürftig 🙂

Datengrundlage sind die vom Forschungsdatenzentrum des Deutschen Zentrums für Altersfragen (FDZ-DZA) herausgegebenen Daten des Deutschen Freiwilligensurveys (FWS).

Die Daten aller vier Wellen bieten für die Sekundäranalyse zum Online-Volunteering in Deutschland die Möglichkeit eines — zumindest ansatzweisen — Zeitvergleichs. Zwar wurde im ersten Freiwilligensurvey 1999 gar nicht nach dem seinerzeit im freiwilligen Engagement noch sehr randständigen Internet gefragt und 2004 und 2009 im Grunde nur die Einschätzungen freiwillig Engagierter zur Relevanz des Internets erhoben, doch,  so die Autorinnen des Methodenteils vom neuen Freiwilligensurvey (Simonson/Hameister/Vogel 2016: 55), ist eine gewisse Vergleichbarkeit mit den Angaben aus 2004 und 2009 gegeben. Was die Daten des ersten Freiwilligensurveys von 1999 betrifft, könnten sich diese im Laufe der Analysen als nützlich erweisen — bspw. wenn es darum geht, Entwicklungen im freiwilligen Engagement nachzuzeichnen, die sich auch im Online-Volunteering widerspiegeln (ggf. hinsichtlich des Zeitaufwandes oder beliebter Tätigkeitsfelder).

Die Datenanalyse

Die Scientific Use Files (SUF) der vier Freiwilligensurveys umfassen zwischen 6,3 und 12,5 MB numerische Angaben zu hunderten von Variablen. Mit MS Excel oder Google Tables ist dem nicht beizukommen. Da ich mir für die Analyse allerdings auch keine Lizenz für proprietäre Statisik-Analyse-Software wie SPSS oder Statistica leisten kann, greife ich auf das Open Source Programm PSPP zurück.  Die Vorteile liegen auf der Hand:  

  • PSPP ist kostenlos und steht in relativ stabil laufenden Versionen für Mac, Linux und Windows zur Verfügung.
  • Das Programm verarbeitet problemlos für SPSS optimierte SUFs. Das ist auch notwendig, da für PSPP keine extra optimierten SUFs angeboten werden.
  • Die (grafische) Benutzeroberfläche von PSPP ist der von SPSS relativ ähnlich. Das macht auch die Nutzung von Tutorials zur Standardsoftware möglich.

Meine ersten (Geh-)Versuche mit PSPP stimmen zuversichtlich. Gleichwohl das Programm dann und wann abstürtzt und nicht alles kann, was SPSS kann, gibt es — zumindest was die deskriptiven Verfahren anbelangt — zuverlässig vergleichbare Ergebnisse aus.* So lande ich bspw. bei der Beschreibung der Engagementquote in 13 Altersgruppen relativ nah an den im Freiwilligensurvey 2014 berichteten (vgl. Vogel et al. 2016: 99).

FWS-vs-PSPP_Freiwilliges-Engagmenent_13AltG

* Update: Zwischenzeitlich habe ich die Gewichtung der Stichprobe kennen gelernt — jetzt stimmt’s 🙂

Die Forschungsfragen

In den letzten Jahren sind zum Online-Volunteering zahlreiche Vermutungen an- und einige handfeste Thesen aufgestellt worden. Viele davon habe ich hier im Blog und in diversen Fachartikeln dokumentiert. Eines der bekannteren Beispiele war Online-Volunteering – Engagement für Busy People — eine ziemlich steile These aus der internationalen StartUp-Szene. Aber auch die Mär vom Jugendphänomen Online-Volunteering ist dem einen oder anderen sicherlich geläufig.

Die Forschungsfragen zum Online-Volunteering in Deutschland sollen zunächst eben jene Fragen sein, die sich seit etwa 2008 dazu stellten. Bei der Beschreibung der Daten wird sich darüber hinaus sicherlich noch der eine oder andere erklärungsbedürftige Befund ergeben …

Eure Fragen zum Online-Volunteering in Deutschland sind hier natürlich auch herzlich willkommen. Hinterlasst einfach ein Kommentar oder schreibt mir eine E-Mail!

Nach dem mein erster Blick auf die neuerliche ‘Vermessung des freiwilligen Engagements in Deutschland’ ergab, dass die neue Engagementquote mit 44% viel zu hoch ist, mag ich mich heute gern meinem Lieblingsthema widmen: dem Online-Volunteering. Schon oft habe ich mich gefragt, ob diese Engagement-übers-Netz-Kiste eigentlich an der Realität des ‘deutschen Ehrenamts’ vorbei geht oder ob es wenigstens ein paar Leute gibt, die das kümmert. Es gibt sie! Online-Volunteering ist eine Form freiwilligen Engagements, die angesichts der 2-, 3- und 4.0-isierung so ziemlich aller Gesellschaftsbereiche sehr wohl relevant ist und deshalb — richtiger Weise — auch im neuen Freiwilligensurvey Thema wurde.

Aus Gründen der Übersichtlichkeit im Freiwilligensurvey 2014 können die gesammelten Aussagen zum Online-Volunteering an dieser Stelle gleich vollständig wiedergegeben werden:

Nur bei einem sehr geringen Teil der Engagierten findet das Engagement ausschließlich (0,6 Prozent) oder überwiegend (2,1 Prozent) im Internet statt (Tabelle 11-12 [s.u.]). In der jüngsten Altersgruppe wird das Engagement etwas häufiger als in anderen Altersgruppen überwiegend über das Internet ausgeübt (3,3 Prozent); ausschließlich über das Internet engagieren sich aber auch in dieser Altersgruppe nur 0,7 Prozent der Engagierten. Die Internetnutzung stellt in der Regel also eine Erweiterung der freiwilligen Tätigkeit dar, ersetzt andere Tätigkeitsformen aber nur im Ausnahmefall. Online-Volunteering, im Sinne einer ausschließlich oder überwiegend über das Internet ausgeübten Tätigkeit, ist insofern als Phänomen zwar feststellbar, jedoch (noch) keine weit verbreitete Form des Engagements (Simonson/Vogel/Tesch-Römer 2016: 316f.).

830.000 Online-Volunteers in Deutschland sind nicht genug.

Nach meiner ersten neugierigen Suche nach dem Online-Volunteering im neuen Freiwilligensurvey war ich freilich ziemlich ernüchtert: Keine 3% freiwilliges Engagement über das Internet in Deutschland; rund 25% dagegen in der Schweiz (Freitag et al 2016: 123). Selbst die Freiwilligensurveys von 2004 und 2009 stimmten da hoffnungsfroher — schon 2004 schätze ein Viertel der deutschen das Internet als “sehr wichtig” für die “Abwicklung der Arbeit” ein, 2009 war es schon fast ein Drittel (Gensicke/Geiss 2010: 245).

Doch wie kommt das zu Stande? Warum konnte ich gut und gerne mit einem Fünftel Online-Volunteers in Deutschland rechnen und dann kommen 3%?

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Die Fragen nach dem Online-Volunteering

Natürlich ist nicht plötzliches Desinteresse am Internet und den Sozialen Medien der Grund für die unterschiedlichen Befunde. Es sind die unterschiedlichen Fragestellungen und zugrunde liegenden Definitionen die hier derart unterschiedliche Ergebnisse produzieren. In den Freiwilligensurveys 2004 und 2009 wurde nach den Einschätzungen der Freiwilligen gefragt. Hier gaben also 25% bzw. 31% der Engagierten an, dass sie im Rahmen ihrer (zeitaufwändigsten) Tätigkeit die “Möglichkeiten des Internet” als sehr wichtig für die “Abwicklung der Arbeit” einschätzen, nicht unbedingt, dass sie es dafür auch tatsächlich nutzen (siehe Genicke/Picot/Geiss 2005: 454 bzw. Gensicke/Geiss 2010: 366).

Im Freiwilligen-Monitor für die Schweiz dagegen wurde das Online-Volunteering ganz konkret als freiwilliges Engagement abgefragt, das sich im Grunde von herkömmlicher Freiwilligenarbeit “allein im Ort der Tätigkeit” unterscheidet (Freitag et al. 2016: 124). Dieses freiwillige Engagement im virtuellen Raum berichten Freitag et al. anhand zwölf unterschiedlicher Tätigkeiten, die von der Gründung und Moderation von Facebook-Gruppen über die Pflege der Vereinswebseite bis zu Einträgen auf OpenStreetMap reichen (ebd.: 126). Gleichwohl sich schon einige Kolleg!nnen aus der Schweiz etwas düpiert gezeigt haben, dass die Moderation von Facebook-Gruppen plötzlich als Freiwilligentätigkeit gilt, wurden im Freiwilligen-Monitor tatsächliche — nicht nur mögliche — Online-Freiwilligentätigkeiten berichtet, die meistens aber nur ein Teil des Engagements der Freiwilligen in der Schweiz sind (ebd.: 138ff.).

Im deutschen Freiwilligensurvey nun wurden die freiwillig Engagierten im Kontext ihrer allgemeinen und ihrer “interaktiven” Internetnutzung bei ihrer (zeitaufwändigsten) Freiwilligentätigkeit danach gefragt, ob ihr Engagement “ausschließlich”, “überwiegend” oder “nur teilweise” im Internet stattfindet (Simonson/Vogel/Tesch-Römer 2016: 298f.). Diese Fragestellung folgt im Wesentlichen der international am weitesten verbreiteten Definition des Online-Volunteerings als freiwilliges Engagement das teilweise oder komplett über das Internet geleistet wird, wobei aus mir noch nicht ersichtlichen Gründen nur die Ausschließlich- und Überwiegend-Angaben berichtet werden (s.o.).

Das Online-Volunteering in Deutschland

Was im Freiwilligensurvey 2014 nun also berichtet wurde, ist die Zahl derjenigen Engagierten, deren (zeitintensivstes) Engagement ausschließlich oder überwiegend im Internet stattfindet bzw. über das Internet geleistet wird. Hochgerechnet etwa 180.000  Freiwillige (0,6%) engagieren sich hiernach ausschließlich, etwa 650.000 (2,1%) überwiegend über das Internet. Spannend wäre sicherlich, die Angaben der jeweiligen Tätigkeiten zu untersuchen, um (a) die Zuordnung zu den Tätigkeitsfeldern für Online-Volunteers (Jähnert 2012: 5) und (b) die These von der Aufweichung des Engagementbegriffs im neuen Freiwilligensurvey (siehe letzter Beitrag zum Freiwilligensurvey 2014) empirisch etwas besser unterfüttern zu können.

FSW14_Online-Volunteering_Anhang

Quelle: FWS 2014, gewichtet, eigene Berechnungen (DZA). Basis: Alle Engagierten (n = 12.253).

Der Befund, dass sich nur sehr wenige Freiwillige ausschließlich über das Internet engagieren und die Zahl der überwiegend im Internet Tätigen höher ist, passt zu den allgemeinen Annahmen zum Online-Volunteering als ergänzende Flexibilisierungsmöglichkeit des Engagements, und findet sich auch in den Aussagen von Freitag et al. im Freiwilligen-Monitor für die Schweiz wieder. Die Gruppe der “Nur online Freiwillige[n]” wird hier mit rund 3% als die kleinste beziffert, währenddessen die der “online und realweltlich Freiwillige[n]” mit 22% deutlich mehr Engagierte umfasst (ebd.: 139). Zu vermuten ist deshalb, dass die im Freiwilligensurvey fehlenden Nur-Teilweise-Angaben zum Engagement über das Internet die Zahl der Online-Volunteers in Deutschland noch einmal deutlich erhöhen dürften.

Update (26.04.2016)

Auf Anfrage beim DZA, ob die Nur-Teilweise-Angaben zum Engagement über das Internet zu erhalten wären, erhielt ich die folgende Aufstellung:

Angaben: Engagement im Internet (bezogen auf alle Engagierten)

  • “ausschließlich”: 0,6%
  • “überwiegend”: 2,1%
  • “nur teilweise”: 55,2%

Gerechnet auf die deutsche Wohnbevölkerung ab 14 Jahren ergibt das dem Schweizer Freiwilligen-Monitor 2016 sehr ähnliche Ergebnisse.

Die Quote ist nicht alles!

Persönlich habe ich natürlich auf empirische Befunde gehofft, die die Relevanz des Online-Volunteerings in Deutschland offenkundig erscheinen lassen. Auf der Grundlage der im neuen Freiwilligensurvey berichteten Daten ist allerdings nur der Schluss möglich, dass es sich hierbei zwar um ein messbares Phänomen, (noch) nicht aber um eine weit verbreitete Form des Engagements handelt (s.o.). Dass es deswegen aber irrelevant wäre, sollte daraus nicht resümiert werden! Selbst wenn man nur die Online-Volunteers zugrunde legte, die sich ausschließlich über das Internet engagieren und die jeweiligen Tätigkeiten noch einmal mit einem enger gefassten Verständnis freiwilligen Engagements ‘aussieben’ würde, spielte das Online-Volunteering als Form des freiwilligen Engagements in einer Liga mit den (Internationalen-) Jugendfreiwilligendiensten, denen ja in der Tat einige Relevanz beigemessen wird.

Und die Quote ist auch nicht alles! Es ist ein großer Gewinn, dass das Online-Volunteering in Deutschland Eingang in die öffentliche Sozialberichterstattung — bzw. genauer: die Datengrundlage dafür — gefunden hat.  Anhand der im Rahmen des Freiwilligensurveys erhobenen Daten lassen sich nun über 300 Fälle aus dem Feld des Online-Volunteerings untersuchen. Das ist eine recht übersichtliche Zahl, die sicherlich keine statistischen Stunts wie detaillierte Faktorenanalysen zulässt, wohl aber vertiefte Einblicke in das Feld geben kann, über das bislang allenfalls (mehr oder weniger gut) fundierte Annahmen kursieren.

tl;dr: Das Online-Volunteering hat es in den deutschen Freiwilligensurvey geschafft. Die Feldvermessung kann beginnen.

Wie viele Jahre braucht es, bis das Online-Volunteering dasselbe Ansehen wie das ‚on-site‘ Engagement genießt? Rückblickend auf das Jahr 2015 würde ich sagen: noch ein paar Jahre mehr. Es scheint mir mit dem Engagement im und über das Internet so zu sein, wie mit dem Engagement vor Ort. Viele tun es, kaum einer nennt es (Online-) Engagement. Man tut einfach etwas mit anderen. Dabei kann es eben passieren, dass Online-Volunteering oder Crowdsourcing, vielleicht aber auch sowas wie „Ehrenamt 4.0“ herauskommt. Die Eule der Minerva fliegt nachts, deshalb  wissen wir es erst sicher, wenn’s soweit ist. Einen Zwischenstand aber kann man geben: Es geht weiter voran mit der Digitalisierung des Ehrenamts — im Rückblick auf 2015 allerdings etwas anders als in den letzten Jahren.

Digitalisierung im freiwilligen Engagement

In den letzten Jahren wucherte das Internet mit seinen Sozialen Medien immer weiter in die Spähren des freiwilligen Engagements und Ehrenamts: Nebst E-Mail und Dropbox erfreuen sich heute besonders Facebook- und WhatsApp-Gruppen großer Beliebtheit. Schon länger bekannt, schlägt sich dieser Trend nun auch in entsprechenden Dritt-Sektor-Erhebungen nieder: Der IT-Report von Stifter Helfen zeigt, dass die Anzahl privater Endgeräte (Desktop-Rechner, Laptops, Tablets und Smartphones), die in Nonprofits zum Einsatz kommen, die der organisationseigenen Geräte mittlerweile überschritten hat (Frede/Kreideweis/Röhrl 2015: 20). Und auch die genannten Web- und Social Media Dienste finden sich im IT-Report wieder: Allem voran Facebook und Webmail, gefolgt von Speicherdiensten Dropbox und Messangern wie WhatsApp (ebd.: 47 & 52).

Zusammenstellung aus dem IT-Report 2015Die bloße Nutzung von Online-Tools ist schon etwas, der sichere Umgang damit etwas anderes. Wenn ich früher — meint vor etwa 5 Jahren — in meinen Seminaren und Workshops fragte, wer denn schon mit welchen Internet-Tools arbeitet, kam als häufigste Antwort „E-Mail“. Als ich die Teilnehmenden eines Seminars, dass ich für dieses Jahr vorbereitete, fragte, welche Erfahrungen sie denn mit welchen Webtools haben, zeigte sich eine wesentlich größere Spannbreite: Von den ‚üblichen Verdächtigen‘ wie Facebook und Twitter über Wikis und Content-Management-Systeme bis hin zu den Exoten im Nonprofit-Bereich: Snapchat, Vine & Co. Doch wenngleich die Bandbreite der mindestens gelegentlich genutzten Tools um Einiges größer geworden ist, ist die Unsicherheit im Umgang damit noch ziemlich groß. Nicht umsonst werden Grundlagen für Social Media und Einführungen in die Welt der Online-Tools bei Tagungen zum Thema Nonprofits und Social Media immer noch gestürmt, währenddessen spezielle Anwendungsfelder (z.B. eParticipation, eLearning usw.)  auf weniger Zuspruch stoßen. Offenbar besteht in Sachen digitale Kompetenz noch Nachholbedarf.

Digital Literacy in Nonprofits

Das Konzept der Digital Literacy wurde vor einiger Zeit schon in der deutschen Bloggerszene diskutiert. Für mich ist sie ein Teil der Medienkompetenz, die sich ausschließlich auf die digitalen Medien des Internets bezieht. Ganz allgemein lässt sich die digitale Kompetenz als Fähigkeit beschreiben, sich selbstständig mit der Digitalisierung im eigenen Lebensumfeld auseinander setzen zu können; oder „to adapt to the advancement in the technological world, with little to no instructions“. Dabei umfasst die Digital Literacy vielerlei Aspekte: von der bloßen Fertigkeit, die Technik zu bedienen über die Fähigkeit lernend zu handeln (learning by doing) und mit anderen zusammen zu arbeiten bis hin zum Schutz der eigenen Daten und Persönlichkeit (siehe Grafik).

digitalliteracy
Die Vermittlung so gearteter Eigenständigkeit ist leider alles andere als banal. Zur Dialogrunde „Digitales Bürgerschaftlichen Engagement“ im Bundesinnenministerium bin ich Anfang im März deshalb mit Vorschlägen gegangen, wie die ‚Medienkompetenz’ von haupt- und ehrenamtlich Mitarbeitenden in Nonprofit-Organisationen auf den Ebenen Wissen, Können und Wollen gefördert werden könnte. Die Stichworte waren seinerzeit: (Wirkungs-) Forschung, Raum für Experimente und Change Agency. Die ernüchternde Antwort des Bundesinnenministers de Maizière darauf:

Klassische Förderprogramme zur Medienkompetenz — ich wüsste nicht, wie das geht. Was meinen Sie was Volkshochschulen für gute Sachen anbieten?

Offenbar war Herr de Maizière in diesem Punkt nicht ganz im Bilde, was in seinem Ministerium so läuft. Denn nur ein halbes Jahr später trat die Initiative „Digitale Nachbarschaft“ des Vereins „Deutschland sicher im Netz“ auf den Plan, um genau hier — bei der Digital Literacy — von Haupt- und Ehrenamtlichen im Nonprofit-Bereich anzusetzen. In den nächsten Jahren werden mit der Förderung des BMI ehrenamtliche Scouts über Webinare ausgebildet, die ihr Wissen über selbstorganisierte Seminare und Workshops an Mitengagierte weitergeben sollen.

Ob das funktionieren wird, ist schwer zu sagen. Ich bin aber optimistisch. Einerseits werden mit den Webinaren Menschen adressiert, die mindestens einen Aspekt der Internetnutzung in Ihrem Umfeld verändern wollen und entsprechende Veränderungen anstoßen könnten. Andererseits kann das Scout-Konzept als weitgehend etabliert und anschlussfähig zum Subsidiaritätsverständnis der deutschen Zivilgesellschaft gelten. Und nicht zuletzt kommen fachliche Inputs — die Webinare werden nichts anderes sein — in den Sphären des deutschen Ehrenamts erfahrungsgemäß ganz gut an.

Online-Engagement durch die Hintertür

Die Initiative „Digitale Nachbarschaft“ setzt an der Sicherheit im Netz an. Das zumindest war das prominente Thema bei der Eröffnungsveranstaltung am 10. Dezember in der Berliner Kalkscheune. Inhaltlich werden sich die Webinare aber sicher nicht allein auf diesen Aspekt der Digitalisierung beschränken, sondern vielerlei Möglichkeiten aufzeigen, Online-Tools im Ehrenamt einzusetzen. Das Leitthema Sicherheit im Netz verstehe ich dementsprechend als Ansatzpunkt, der durchaus Sinn macht. In der öffentlichen Diskussion spielen weniger die Vorteile der Digitalisierung — z.B. die Möglichkeit neue Wege zum Engagement anzubieten — als vielmehr die Gefahren, die unzureichender Datenschutz, Cybermobbing und ‚Filter Bubbles’ mit sich bringen, eine Rolle. An entsprechendem Informations- und Selbstvergewisserungsbedarf anzuschließen, ist also durchaus zielführend; zumal auch die Diskussion um die Risiken der täglichen Internetnutzung freiwilliges (Online-) Engagement gedeihen lässt.

Ein Beispiel für derartiges (Online-) Engagement ist die Plattform Juuuport der Landesmedienanstalten in Niedersachsen, Bremen, Baden-Würtemberg, Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz, Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen. Auf Juuuport engagieren sich junge Meschen für den sichereren Umgang mit Internet und Social Media und gegen Cybermobbing — ein Problem, dass insbesondere im schulischen Umfeld ausgemacht wird. Auch hier werden Scouts ausgebildet und eingesetzt, um für den ‚richtigen’ Umgang mit den üblichen Social Media Diensten zu sensibilisieren. Auch für Juuuport kann ich nicht mit Sicherheit sagen, ob und wie das Engagement wirkt. Dass aber der Modus des Online-Engagements nachwirkt, halte ich für ziemlich wahrscheinlich. Die Antwort eines jungen Mannes auf dem Podium der Jubiläumsveranstaltung zum fünften Geburtstag von Juuuport in Hannover jedenfalls fand ich bezeichnend:

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Politische Dimensionen der Digitalisierung im Ehrenamt

Sowie das Internet mit seinen Sozialen Medien in die Spähren des Ehrenamts hineinwächst, so verändern sich auch die Rahmenbedingungen für das freiwillige Engagement und Ehrenamt (Mit Friedrich Krotz lassen sich diese Wandlungsprozesse als ‚Mediatisierung des Ehrenamts‘ zusammenfassen). Dass die Digitalisierung des Ehrenamts — bzw. des ‚bürgerschaftlichen Engagements‘ — auch Eingang in die Digitale Agenda der Bundesregierung gefunden hat, ist bezeichnend. Offenbar hat man erkannt, dass sich auch hier etwas verändert, was über die Öffentlichkeitsarbeit hinausgeht und politischer Steuerung bedarf. Vielleicht (Das ist jetzt eine wilde Vermutung von mir!) ist das strategische Ziel der Förderung digitaler Kompetenz (Digital Literacy) im tradierten Bereich der Zivilgesellschaft, ein Gleichgewicht in der Netzöffentlichkeit herstellen, um sich künftig nicht mehr von immer den selben Akteuren und Akteursgruppen anstupsten lassen zu müssen. Ich kann mir durchaus vorstellen, dass schlagkräftige Gegenkampagnen — z.B. von Befürwortern von TTIP, CETA & Co. — herzlich willkommen wären.

Wie alle Wandlungsprozesse aber verläuft auch dieser Wandel des Ehrenamts nicht gradlinig, eingleisig oder sonst wie voraussagbar. Er ist auch nicht zu verhindern oder gar umzukehren, wohl aber förderfähig. Es wird z.B. immer Engagmentbereiche geben, in denen sich die Digitalisierung langsamer niederschlägt als in anderen. Sicherlich gilt das für den sozialen Bereich des Dritten Sektors, also ambulante und stationäre Sozialarbeit, in der freiwilliges Engagement sowieso nur in homöopathischen Dosen vorkommt (Rosenkranz/Weber 2012). Hier kann ein kleiner Schubser (neudeutsch „Nudge“) — z.B. durch Freiwilligendienstleistende im FSJ digital — durchaus Sinn machen. Dazu aber vielleicht, wenn es dazu mehr zu sagen gibt.

tl;dr: Der voranschreitenden Digitalisierung des Ehrenamt folgt das Online-Volunteering auf dem Fuße nach, hoffe ich.

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