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Online-Freiwilligenarbeit

Das Schlagwort „Web 2.0“ begleitet uns ja nun schon eine ganze Weile. Und auch wenn „Web 2.0“ langsam out wird (siehe Google Trends), wird uns diese x.0-isierung voraussichtlich noch eine ganze Weile erhalten bleiben. Die x.0-Metapher scheint mir mittlerweile ein gängiges Instrument zu sein, um Diskussionen über digital-soziale Veränderungen anzustoßen oder zumindest Aufmerksamkeit für den eigenen Standpunkt dazu zu erhaschen — in der Diskussion um digital-soziales Engagement denke man vielleicht an „Ehrenamt 2.0“ (Thiedeke 2008) oder „Engagement 2.0“ (DJI und TU-Dortmund). Wie dem auch sei! Nehmen wir die x.0-Metapher als Marker für die Diskussion um digital-soziale Veränderungen, kommen wir um deren neustes Gespenst nicht herum: die „Industrie 4.0“.

Industrie 4.0

Die so genannte vierte industrielle Revolution soll nach der Indienstnahme von Dampf- und Wasserkraft in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts (Industrie 1.0), dem Aufkommen der fordistischen Massenproduktion in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts (Industrie 2.0) und dem Beginn der Produktionsautomatisierung in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts (Industrie 3.0) nun den Menschen vollends in die industrielle Maschinerie integrieren. Wie? Durch miteinander vernetzte, selbstständig ‚denkende‘ Arbeitsmittel: Datenbrillen und Tablets, über die die Menschen nachvollziehen können (sollen), was die über das Intra- und Internet verbundenen Gerätschaften gerade tun.

Ob in den „Smart Factories“ den so zu Cyborgs mutierten Menschen künftig jedwede Entscheidungsfreiheit genommen wird und wir uns also auf den Weg zurück zur Industrie 2.0 machen oder ob die neuen Möglichkeiten der digitalen Vernetzung zum industriellen „Cloud Working“ genutzt werden, ist prinzipiell offen. Mir schwant aber, dass die Sache für den Menschen nicht so gut ausgeht — sprich die anstehenden ‚Herausforderungen‘ zu Gunsten der effizienteren Maschinen ‚gelöst‘ werden.

Worin aller Voraussicht nach diese ‚Herausforderungen‘ bestehen, umreißen Martin Krzywdzinsk, Ulrich Jürgens und Sabine Pfeiffer im WZB-Brief vom September dieses Jahres:

  • Ersatz menschlicher Arbeit: Die Produktionsautomatisierung der Industrie 3.0 ist noch nicht vorüber. Ganz im Gegenteil! Durch ‚intelligenter‘ werdende Maschinen wird auch in der Industrie 4.0 weniger Menpower für die Produktion gebraucht. Das Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) geht von einem Minus zwischen 12 und 42% aus (Bonin/Gregory/Zierahn 2015).
  • Abwertung von Qualifikationen: Ganz besonders die mittleren und unteren Qualifikationsgruppen — sagen wir Maschinenführer und Reinigungskräfte — werden es in den Reinräumen der Industrie 4.0 künftig schwer haben. Von der Abwertung der Qualifikationen waren bislang eher die mittleren Qualifikationsgruppen betroffen (Schweißer wurden zum Maschinenführer), jetzt werden sich auch die Reinigungskräfte spezialisieren oder einen anderen Job suchen müssen.
  • Verschlechterung der Arbeitsbedingungen: Durch die digitale Vernetzung wird die Arbeit zunehmend entgrenzt und seitens des Managements besser kontrollierbar. Die Leistungskontrolle bspw. von Callcenter-Mitarbeitern (ein Paradebeispiel für die Dienstleistungsindustrie 4.0) ist heute schon so aussagekräftig, dass hier eine Art Akkordarbeit möglich wird: Wer im Callcenter mehr verdienen will, muss Kunden schneller ‚zufrieden‘ stellen. Die Entgrenzung der Arbeit wiederum betrifft die ständige Erreichbarkeit des „Always On“ und den Kontrollverlust über die eigene Arbeitsplanung. Beides — zunehmende Leistungskontrolle und Entgrenzung — sind wesentliche Negativ-Kriterien bei der Bewertung von Arbeit, wie sie der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) auf seiner Webseite als Selbsttest anbietet.

Das alles hat natürlich nicht so wahnsinnig viel mit freiwilligem Engagement und Ehrenamt zu tun, oder? Doch!

Ehrenamt 4.0

Es ist eine Binsenweisheit, dass sich die Strukturen der Arbeitswelt auch in denen des Ehrenamts niederschlagen. Teilweise mit beträchtlicher Zeitverzögerung überlagern die im Erwerbsleben usus gewordenen ‚neuen‘ Arbeitsweisen (z.B. das Cloudworking) die alten. Bei dieser Überlagerung stirbt das Alte nicht gleich aus, wird aber zunehmend aus dem Mainstream verdrängt, bis es irgendwann ganz verschwindet. Am Wandel des Ehrenamts — hier einmal im Stile der x.0-Metapher von 1 bis 3 — lässt sich das ganz gut erkennen:

  • Ehrenamt 1.0 ist das Mitgliederengagement in Gewerkschaften, Parteien, Kirchen, Verbänden sowie Sport- und Kulturvereinen. Es war früher bürgerlicher Mainstream, sich in einem Verein zu engagieren und wer wirklich etwas darstellen wollte, wurde Mitglied des Vorstandes. Heute müssen Mitgliederorganisationen schon ganz schön die Werbetrommel rühren und mit Bonbons locken, damit überhaupt noch jemand eintritt.
  • Ehrenamt 2.0 ist das Engagement in Projekten, das in kleineren Vereinen und Initiativen mehr oder weniger professionell gemanagt wird. Vereine und Verbände (natürlich auch Kirchen), die sich modern zeigen wollen bieten genau dieses zeitweise Engagement in Projekten an, die einem am Herzen liegen — sei es weil der eigene Nachwuchs dran hängt (Sport, Schule, Kindergarten) oder weil man selbstlos tätig werden will.
  • Ehrenamt 3.0 ist das auf Effizienz, Effektivität und Impact gebürstete Projektengagement. Dabei sind alle Mittel Recht, um allseitig gewinnbringend zu wirken: Über das Internet wird Flexibilität und / oder Anonymität gewährt, durch Reisetätigkeiten Urlaub mit Ehrenamt verbunden und Arbeitnehmer für die Teambildungsmaßnahme ‘Ehrenamt’ freigestellt (mehr zu “Volunteer Work in the 21 Century” hier).

Was nun zu folgen scheint ist das Ehrenamt 4.0 — ein Ehrenamt das mit „Human Computation“ wahrscheinlich treffend beschrieben ist. Menschen führen hier keine Maschinen mehr, sie ergänzen Maschinen nur noch dort, wo diese noch nicht soweit sind. Ein aktuell viel zitiertes Beispiel ist fold.it, ein experimentelles Desktop-Puzzel-Spiel bei dem es darum geht, komplexe Protein-Ketten zusammenzusetzen. Menschen — ganz besonders viele Menschen (die „Crowd“) — sind hierbei (noch) effektiver als Maschinen. Eine Maschine aber stellt die Spielumgebung; quasi die Struktur in dem sich die Menschen engagieren. Mitbestimmung? Pustekuchen!

Dunkle Zeiten?!

Die Integration des Ehrenamtes in die Welt vernetzter Maschinen und Algorithmen scheint angesichts der  voranschreitenden Entwicklung der Industrie 4.0 nur eine Frage der Zeit. Zunächst steht die Integration vernetzter Maschinen und Algorithmen in das Ehrenamt an. Sie macht uns das Engagieren leichter und man kann damit auch bestimmt mehr Menschen für das Ehrenamt mobilisieren. Doch schon bald werden wir merken, dass das angesichts der schier unerschöpflichen Zahl von Problemen in der Welt nicht reicht. (Ein Grunddilemma des Ehrenamts: Es reicht nie.)

Werden wir dann sagen „na und“ oder werden wir alles tun, die ewig knappe Ressource Ehrenamt so effizient wie möglich einzusetzen? Was geschieht dann? Bleibt das Ehrenamt „Bürgerpflicht“, wenn es nichts mehr mit Bürgersein zu tun hat? Ist das Engagement noch attraktiv und bindend, wenn die ehrenamtliche Arbeit nur noch Maschinen lehrt, es besser zu machen? Wenn die Mitbestimmung und Mitgestaltung denen vorbehalten bleibt, die die Maschinen prgrammieren und führen können? Wer wird sich noch engagieren, wenn die Freizeit-Arbeit dann fremdbestimmt und präzise kontrolliert ist?

tl;dr: Ein — zugegeben — düsteres Zukunftsbild des “Ehrenamt 4.0”, in dem Menschen in der Welt der Maschinen und Algorithmen aufgehen. Mit der Bitte um Richtigstellung!

… hatte ich das Vergnügen mit Tim Moritz Hector vom Wikimedia Deutschland e.V. und Kathleen Ziemann vom betterplace LAB über “Partizipatorische Perspektiven” des Online-Volunteerings zu plaudern — Ninia LaGrande  moderierte. Über was wir uns so unterhalten haben, kann man in diesem Mitschnitt bestaunen.

Wenngleich wir fast eine halbe Stunde über Online-Volunteering und Ehrenamt im “realen Leben” — zum Beispiel das bei der freiwilligen Feuerwehr (*hust*) — unterhalten haben, kam eine Frage gar nicht zur Sprache, die sich mir während der Veranstaltung ergab: Ortrud Wendt von der Niedersächsischen Landesmedienanstalt (NLM) wies in ihrem Grußwort darauf hin, dass laut JIM-Studie Jugendliche im Durchschnitt 1,5 Ehrenämter ausüben. Kathleen Ziemann berichtete in ihrem Input dann dagegen, dass jugendliches Engagement in Deutschland leicht rückläufig sei und außerdem eine verstärkte Tendenz zu sporadischem und aktionsbezogenem Engagement beobachtet werden könne. Kathleen bezog sich dabei natürlich auf die Betterplace Analyse “Das hat richtig Spaß gemacht”, der ich kaum wiedersprechen kann, weil ich sie 2011 selber geschrieben habe. Das mit den 1,5 Ehrenämtern hat mich trotzdem ein bisschen irritiert. Grund genug mal genauer hinzuschauen.

FWS vs. JIM – die Intensität des Engagements und die Quoten

Zunächst: Was hat die Studie „Jugend – Information – Medien“ eigentlich zum Engagement von jungen Menschen zu sagen?
Befragt werden seit 1998 jährlich gut 1.000 12- bis 19-jährige zu ihren Freizeitaktivitäten, Themeninteressen und Informationsquellen sowie zu TV-, Computer- und Handynutzung. Die JIM-Studie ist also vor allem für die Medienpädagogik gut, die mit Ehrenamt zunächst nicht all zu viel am Hut hat. 2014 wurden die Teens nun das erste Mal auch nach ihrem ehrenamtlichen Engagement gefragt. Das sicherlich vor dem Hintergrund der Diskussion um zurückgehendes Engagement Jugendlicher und den vermeintlich bösen Medien, die unseren Kindern die Zeit für die wichtigen Dinge im Leben rauben. Müßig eigentlich, wurde diese These des endweder Medien oder Ehrenamt doch schon gründlich wiederlegt (Begemann et al. 2011).
Da ich an den Fragebogen der JIM-Studie bisher nicht rangekommen bin, kann ich leider nur mutmaßen, wie das ehrenamtliche Engagement der Teens erhoben wurde: Nach der Anlage der Studie lässt sich vermuten, dass die Frage nach ehrenamtlichem Engagement bei denen  Freizeitaktivitäten untergebracht wurde. Gefragt wurde dabei wohl nach einer ‚regelmäßig ausgeübten freiwilligen Tätigkeit in einem Verein, einer Gruppe oder Institution‘ (vgl. JIM 2014: 10). Und wenn ich mir die ‚erzielte‘ Quote von ca. 50% Engagierten so anschaue, liegt für mich die Vermutung nahe, dass die Frageführung stark ins Erwünschte zielte (ähnlich der General Alterstudie).
Wie dem auch sei! Beim Vergleich unterschiedlicher Studien sind die Quoten ohnehin Schall und Rauch. Und auch mit den durchschnittlich 1,5 Ehrenämter pro Nase muss man sich nicht weiter beschäftigen. Das heißt nämlich nicht, dass jeder zweite Teenager durchschnittlich in zwei Organisationen, Gruppen oder Institutionen tätig ist, sondern ‚nur‘ dass oft mehr als eine Tätigkeit ausgeübt wird.
Was die JIM Studie also sagt, ist dass sich viele Teens in der einen oder anderen Weise 2014 freiwillig engagiert haben. Was sagt der Freiwilligensurvey?
Leider lässt der neue Survey noch mindestens bis Herbst 2015 auf sich warten. Entsprechend muss man den von 2009 zurate ziehen. Das ist nicht weiter schlimm, denn so doll werden sich die Daten 2014 nicht von 2009 unterscheiden…
Allein für sich genommen sagt der Freiwilligensurvey 2009 nichts anderes als die JIM-Studie: Viele Jugendliche gehen einem freiwilligen Engagement nach; in Zahlen 36% der 14- bis 19-jährigen. Interessant ist der Befund im Vergleich mit Befunden der vorherigen Erhebungswellen: Hier zeigt sich nämlich ein steter Rückgang des Engagements der Teens um 2%. Das ist nicht dramatisch, läuft aber gegen den allgemeinen Trend steigender Quoten (vgl. FWS 2009: 148ff.).
Zusammengefasst heißt das also folgendes:

  • Aus dem Befund der JIM-Studie 2014 irgendeinen Trend ableiten zu wollen, wäre gelinde gesagt hanebüchen. Anders ist das beim Freiwilligensurvey, für den wurde 2009 das dritte mal nach Ehrenamt gefragt.
  • Durch (sehr wahrscheinlich) unterschiedliche Frageführung und -kontextualisierung sind die beiden Quoten nicht vergleichbar. Was da steht ist schlicht: Viele Teenager engagieren sich freiwillig.

JIM vs. FWS: Sporadisches und aktionsbezogenes Engagement

Zum sporadischen Engagement in Initiativen- und Projektarbeit liefert der Freiwilligensurvey keine wirklich eindeutigen Ergebnisse. Es scheint so zu sein, dass das freiwillige Engagement, das hier erhoben wird ein längerfristiges ist, dass größtenteils mit „regelmäßigen terminlichen Verpflichtungen“ einhergeht. Gerade jeder fünfte Engagierte — hauptsächlich aus den Bereichen Schule und Kita — gab 2009 an, dass die „zeitaufwendigste Tätigkeit in absehbarer Zeit beendet“ sein wird (vgl. FWS 2009: 2010). Dass diese Quote seit 1999 kontinuierlich sinkt, deutet nicht unbedingt darauf hin, dass sich sonderlich viele Freiwillige nur Projektbezogen engagieren, was sich auch in ihrem Selbstverständnis widerspiegelt (vgl. dazu FWS 2009: 112).
Also doch kein sporadisches und aktionsbezogenes Engagement unter jungen Menschen? Doch, nur eben nicht im Freiwilligensurvey. Abgesehen davon, das man wohl vermuten kann, dass das Engagement, das im Freiwilligensurvey abgefragt wird, etwas enger gefasst wird als das in der JIM-Studie (s.o.), ist Absehbarkeit ein dehnbarer Begriff. Vermuten lässt sich, dass absehbare Zeiträume für ältere Menschen länger sind, als für jüngere. ‚Auf Dauer gestellt‘ geht bei Schüler!nnen vielleicht ab ‚länger als ein Schuljahr‘ los während es für Studierende vielleicht nur ‚länger als ein Semester‘ bedeuten kann. Wie gesagt: Eindeutig sind die Befunde hier nicht.
Und auch die JIM-Studie macht dazu keine Aussagen. Berichtet wird nur, dass sich viele Jugendliche engagieren. Das hier erhobene Engagement ist durch die Anlage der Studie (s.o) aber breiter gefasst. Man könnte also die Vermutung anstellen, dass sich nicht wenige Teenager auf eine Weise engagieren, die der Freiwilligensurvey nicht erfasst. Hier einfach eine Quote von 14% zu nennen (50% in der JIM minus 36% im FWS) wäre zu einfach. Einerseits sind die Altersgruppen nicht deckungsgleich, andererseits ist die Vermutung einer Frageführung hin zu sozialer Erwünschtheit nicht aus der Welt.
Zusammengefasst heißt das also folgendes:

  • In der ‚offiziellen‘ Engagementstatistik ist sporadisches und/oder aktionsbezogenes Engagement kein Thema. Entsprechend sind die Befunde nicht eindeutig.
  • Engagementformen, die nicht in die Engagement-Quote des Freiwilligensurveys eingehen — zum Beispiel sporadisches und/oder aktionsbezogenes Engagement —, könnten (Achtung Vermutung!) sich in Studien mit einem breiteren Engagementverständnis wie der JIM-Studie widerfinden.

Fazit:

Dass sich Teenager verstärkt sporadischem und/oder aktionsbezogenem Engagement zuwenden bleibt statistisch eine Vermutung, die sich vor allem aus der Öffentlichkeitsarbeit scheinbar ‚erfolgreicher‘ Nonprofits speist. Ob deren Verlautbarungen immer stimmen, sei dahin gestellt. Allerdings liegt die Vermutung nahe, dass sporadische und aktionsbezogene Engagementformate bei jungen Menschen besser ankommen, weil sie eben (situativ) passen.
Wie ich diese Entwicklung einschätze? Ich warne davor, die scheinbar objektiven Beobachtungen zu erst zu nehmen. Finden junge Menschen einen Zugang zu einem Engagement, engagieren sie sich auch so lange es eben geht. Auf die Vermutung hin, nur noch sporadische und/oder aktionsbezogene Engagementprojekte anzubieten, ohne echte Zugänge in die Organisation — zu längerfristiger Mitarbeit — zu schaffen, führt geradewegs in eine selbsterfüllende Prophezeiung: Weil nur noch sporadisches und/oder aktionsbezogenes Engagement angeboten wird, engagieren sich junge Menschen auch nur noch so und wir beschweren uns dann darüber, dass sich Jugendliche nicht mehr langfristig binden können oder wollen.

tl;dr: Sporadisches und/oder aktionsbezogenes Engagement könnte schon ein Format für junge Menschen sein, muss es aber nicht.

Mitte Juni war ich zur Auftaktveranstaltung der Bundesarbeitsgemeinschaft der Freiwilligenagenturen (bagfa) nach Hannover eingeladen, um dort die Themeninsel zum barrierefreien Engagement im Web zu gestalten. Später am Tag hatte ich dann gemeinsam mit Laura Gehlhaar (SOZIALHELDEN) und Sandra Vukovic (Aktion Mensch) die Gelegenheit auf dem Podium über inklusives (Online-) Engagement zu diskutieren. Gern will ich meinen Input, die anschließende Diskussion und meine Eindrücke vom Podium hier dokumentieren.

Themeninsel: Barrierefreies Engagement im Netz

Nachdem ich mich bei meinen letzten Inputs zum barrierefreien Engagement eher der angelsächsischen Herangehensweise orientierte — zuerst die Lösung aufzeigen, dann das Problem benennen — habe ich mich diesmal für die deutschen Variante entschieden: Zuerst bin ich auf die Grundlagen zu Inklusion und Engagement mit Behinderung eingegangen, um anschließend mit dem Online-Volunteering eine mögliche Lösung zu präsentieren.

Zuerst zu den Grundlagen: Bevor man sich strategisch und wirksam mit dem Thema Inklusion beschäftigen kann, muss man zuerst verstehen, was Inklusion ist. Sicher ist dafür gut zu wissen, dass neben dem Inklusionsprozess auch noch andere Prozesse laufen, die natürlich nicht nur ‘schlecht’ sind:

  • Exklusion: Wir leben wir nicht mehr im Mittelalter, wo z.B. das Heimatrecht nur per Abstammung oder Ehe erlangt werden konnte. Doch gibt es auch heute noch Exklusion — z.B. im Golf Club oder in Vorstandsetagen …
  • Separation: Auch Gulags bauen wir in Deutschland nicht, doch laufen Selektionsprozesse, die zuweilen heftige Debatten auslösen — z.B. in der Schule oder der Straffälligenrehabilitation …
  • Integration: Dieser jahrelang vom dem Englischen “inclusion” missverständlich übersetzte Begriff (vgl. Sander 2002) hat in Deutschland einige Relevanz erhalten und wird bis heute kontrovers diskutiert — z.B. hinsichtlich integrativer Kitas oder Werkstätten für Menschen mit Behinderung …
  • Inklusion: Mit der UN Behindertenrechtskonvention kommt der Begriff der Inklusion schließlich auch in Deutschland an. Er beschreibt den Prozess, in dem die empirische Realität einer vielfältigen Gesellschaft auf- und erstgenommen wird, in dem durch Abbau von Barrieren die Teilhabe aller möglich gemacht wird, um schließlich die Vielfalt der Gesellschaft auf allen Ebenen widerzuspiegeln (inklusive Gesellschaft).

Inklusion ist für mich — und einige andere — nicht nur auf die Teilhabe von Menschen mit Behinderung ausgerichtet. Er ist eine Art Begriffs-Matroschka, in dem sich alles Mögliche widerfindet (z.B. Migrationserfahrung und sexuelle Orientierung). Eigentlich müsste dieses umfassende Inklusionsverständnis zur Grundlage der Diskussion genommen werden, um nicht Gefahr zu laufen, Inklusion exklusiv werden zu lassen.

Doch wie so oft, sieht die Realität — auch die des bagfa-Projektes — anders aus: Einerseits liegt das freilich an Förderstrukturen, die die oft kritisierte Schrebergärten-Mentalität im Dritten Sektor weiterführt und im Laufe des Inklusionsprozesses aufgelöst werden müssen. Andererseits stellt eine selektive Herangehensweise die Inklusion auch nicht in Frage. Salopp formuliert: Das Projekt Inklusion ist so groß, dass man gut daran tut, mit einem überschaubaren Teil anzufangen. Man muss sich nur eben klar darüber sein, dass da noch viel zu tun ist…

Soviel also zum Inklusionsbegriff. Weiter mit der Frage, wie es um das Engagement von Menschen mit Behinderung eigentlich bestellt ist: Auf welche Potentiale kann man hier eigentlich hoffen?

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Die Umfrage der Aktion Mensch, die ich hier im Blog bereits unter die Lupe genommen habe, verspricht einiges, lässt aber auch die Herausforderungen beim freiwilligen Engagement mit Behinderung erahnen:

  1. Menschen mit Behinderung engagieren sich in ähnlichem Umfang wir Menschen ohne Behinderung.
  2. Menschen mit Behinderungen haben häufiger Schwierigkeiten einem Engagement nachzugehen und legen ihr Engagement genau aus diesem Grund häufiger nieder
  3. Das gemeinsame Engagement von Menschen mit und ohne Behinderung ist nicht die Regel. Vermuten lässt sich hier, dass Behinderte weiterhin eher als Hilfeempfänger denn als selbst Engagierte angesehen werden (Ein Problem der Anerkennung!). Das gilt allerdings nicht, wo Menschen mit Behinderung für ihre eigenen Belange tätig werden was sich bei ihnen deutlich im Engagement in der Behindertenhilfe niederschlägt.

Mit dieser Einführung zur Inklsion und Engagement mit Behinderung ging es in meinem Input dann weiter mit zur Organisationsentwicklung. Anspruch des bagfa-Projektes ist es ja nicht, die ganze Gesellschaft, sondern zunächst einen wesentliche Teil ihrer Engagementinfrastruktur — nämlich die Freiwilligenagenturen — zu „inklusiven Akteuren” weiterzuentwickeln.

Als nützliches Büchlein für diese anspruchsvolle Aufgabe ist mir vor etwa einem Jahr der Kommunale Index für Inklusion — das famose gelbe Buch — unter die Nase gekommen. Das Büchlein versammelt hunderte Diskussionsfragen, die den Fokus auf unterschiedliche Aspekte inklusiver Organisationen richten. Ein paar Fragen aus diesem Büchlein habe ich der Organisationsstruktur- und -kulturebene sowie den gängigen Praktiken zugeordnet und versucht diese auf die Online-Kommunikation via Website, E-Mail und Social Media zu beziehen.

Es zeigte sich dabei (wieder einmal), dass sich viele Prinzipien aus der ‘stofflichen Welt’ ohne viele Umstände auf die ‘virtuelle Welt’ übertragen lassen. Mit ein bisschen Phantasie ist der Kommunale Index für Inklsion also durchaus auch für die Befassung mit der Web-Kommunikation nützlich. Und noch mehr! Die Fragen, die sich zu Organisationsstrukturen stellen und übertragen lassen gehen beinahe nahtlos in den Prinzipien der BITV 2.0 über: Wahrnehmbarkeit, Bedienbarkeit, Verständlichkeit und Robustheit (vgl. Böhming 2015).

Und schließlich zum Online-Volunteering! Gern wollte ich mit den Teilnehmenden diskutieren, inwiefern dieses Engagement tatsächlich ein barrierefreies sein kann und welche Fallstricke dabei vielleicht vorstellbar sind. Vielleicht hat die diesmal gewählte teutonische Herangehensweise aber etwas zu stark beeindruckt. Jedenfalls provozierte die These, dass Online-Volunteering — bei allen Herausforderungen, die damit verbunden sind — Barrieren im gemeinsamen Engagement von Menschen mit und ohne Behinderung Engagement abzubauen, keine große Gegenwehr.

Zur Umsetzung aber gibt es noch einiges zu tun:

  • Die Möglichkeit, sich Online, von zu Hause, vom Arbeitsplatz oder von unterwegs aus engagieren zu können, muss wesentlich bekannter gemacht werden — sowohl unter den Trägern des Engagements (inkl. Freiwilligenagenturen) als auch unter den möglicher Weise interessierten Freiwilligen.
  • Neben den Kompetenzen zum Umgang mit Menschen mit Behinderung müssen auch die (kulturellen) Kompetenzen für die Einbindung von Online-Volunteers in den Organisationen aufgebaut werden — ein Lernprozess, der sicherlich nicht leicht oder nebenbei verläuft.
  • Und schließlich braucht es ein Freiwilligenmanagement, das fähig ist, weniger die Anforderung der Organisation als die Bedarfe, Wünsche und Ressourcen der Freiwilligen ins Zentrum der Bemühungen zu rücken.

In der anschließenden Diskussion wurden einige Online-Volunteering-Projekte wie etwa die Wikipedia, BeMyEyes, Cybermentor, Wheelmap und “Was habe ich” diskutiert. Interessanter Weise neigte sich die Diskussion dabei immer wieder in die Richtung Engagement für Menschen mit Behinderung (BeMyEyes, “Was habe ich”) — vielleicht ein Hinweis auf kommende Herausforderungen im Inklusions-Projekt der bagfa.

Insgesamt aber wurde deutlich, dass das Interesse am Online-Volunteering unter den Teilnehmenden recht hoch war. Einige konnten sich Online-Volunteers in ihrer Organisation freilich gar nicht vorstellen, andere arbeiten bereits mit Freiwilligen übers Netz und planen hier noch weiter voran zu gehen. Sehr erfreulich!

Podium: Inklusives (Online-) Engagement

Podium-Hannover(Foto: Bernd Mummenthey)

Angelika Magiros von der Bundesvereinigung der Lebenshilfe (sitzend rechts im Bild) moderierte die abschließende Podiumsdiskussion zur “Außensicht” auf die Herausforderungen der kommenden Jahre. Dabei ging es unter anderem um die Fragen, wie das bislang eher randständige Thema des Engagements — der Teilgabe — von Menschen mit Behinderungen mehr Rückenwind bekommen kann (Frage an Sandra Vukovic; mitte links im Bild) und wie das ganze vielleicht auch noch Spaß machen könnte (Frage an Blog Frau Gehlhaar; rechts im Bild)

Mich fragte Angelika inwiefern das Internet und seine Sozialen Medien beim Engagement mit Behinderung eine Rolle spielen können und ob das nicht vielleicht auch in die Hose gehen kann.

Selbstverständlich kann Online-Volunteering auch nach hinten losgehen. Online-Volunteers, die nur unbezahlt einen Job erledigen, den sonst keiner macht und sonst nichts mit der jeweiligen Organisation zu tun haben, ist für mich eine ebenso gruselige Vorstellung wie für viele andere auch. Nichtsdestotrotz muss sich die Szene mit den “Megatrends” des freiwilligen Engagements im 21. Jahrhundert beschäftigen, zu denen neben Mobilität und Trisektoralität auch die Digitalisierung zählt (vgl. UN-Volunteers 2011: 25ff). Und wenn man sich einmal mit der Digitalisierung beschäftigt, kann man es doch gleich so machen, dass dabei mehr Teilhabe rauskommt.

Eine andere Frage, die an uns alle drei ging, war, wie wir es schaffen, dass Inklusion nicht zur Worthülse mutiert — wie wir also immer auf’s neue vom Nutzen und der Richtigkeit des Inklusionsprozesses zu überzeugen.

Meine Antwort steckte da schon in der Frage: Man muss überzeugen! Unterschiedliche Leute überzeugt man natürlich auf unterschiedliche Weise: Den Geschäftsführer vielleicht mit höheren Einnahmen, den Pressemenschen vielleicht mit besserem Image … Dabei sollte man aber nie vergessen, dass solche Argumente nur Argumente, keine guten Gründe sind. Das darf man nicht verwechseln, sonst läuft man schnell Gefahr das Ziel — die inklusive Gesellschaft — aus dem Auge zu verlieren.

tl;dr: Der Auftakt ist getan, in den nächsten Jahren kommen sicher viele Mind-Shits auf Freiwilligenagenutren zu.

Anfang dieser Woche, genauer am Montag den 02. März, war ich als Engagementblogger mit dem Schwerpunkt Online-Volunteering beim Forum “Digitales Bürgerschaftliches Engagement” im Bundesministerium des Innern, um in einer illustren Runde über die Möglichkeiten der Förderung “digitalen Ehrenamts” zu diskutieren. Das Forum war das vierte einer ganzen Reihe, im Rahmen derer unterschiedliche Handlungsfelder und Schwerpunkte der Digitalen Agenda unserer Bundesregierung besprochen werden sollen.

Geladen war ein interessanter Kreis aus Politik, Wirtschaft, Wissenschaft und Gesellschaft:

  • Von der Bundespolitik waren nebst Bundesinnenminister Thomas de Maiziere (CDU), Willi Brase (SPD) Vorsitzender des Unterausschusses Bürgerschaftliches Engagement im Deutschen Bundestag sowie Ralf Kleindiek (SPD) beamteter Staatssekretär im Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (“und Engagement”) zu gegen.
  • Für das “technische Ehrenamt” im Bevölkerungsschutz waren Albrecht Broemme “Chef des Technischen Hilfswerkes” und Christoph Unger vom Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe da.
  • Kirchen und Verbände wurden durch Uwe Pöttgen, CIO des Malteser Hilfsdienstes, und Detlef Rückert, juristischer Referent der evangelischen Kirche in Deutschland, repräsentiert.
  • Aus der übrigen Zivilgesellschaft war nebst meiner Person Tim-Moriz Hector, Vorsitzender des Wikimedia Deutschland e.V., und Joana Breidenbach, betterplace.org, eingeladen.
  • Und auch die (Internet-) Wirtschaft war mit Mark Speich, Geschäftsführer der Vodafone Stiftung, Gabriele Hartmann, Ressortleiterin Unternehmensengagement der SAP SE, und Marianne Janik von Microsoft Deutschland vertreten.
  • Mit wissenschaftlicher Expertise wurde die Runde von den Professoren Sebastian Braun, vom Forschungszentrum für bürgerschaftliches Engagement der Humboldt-Universität zu Berlin, und Thomas Rauschenbach, vom Deutschen Jugendinstitut, unterstützt.

Gleichwohl Markus Beckedahl auf Netzpolitik moniert, dass ihm SAP, Microsoft und Vodafone nicht unbedingt als die ersten Dialogpartnern für das Thema Ehrenamt in den Sinn gekommen wären, fand ich die Zusammensetzung nicht verkehrt. Das freiwillige, bürgerschaftliche Engagement — ob online oder vor Ort — bewegt sich zwischen Staat, Markt und Familie. Warum sollte man diese Trisektoralität amputieren?

 Die Standpunkte in der Diskussion

Die Diskussion wurde — wie bei den anderen Foren auch — per Video festgehalten. Wer sich ein eigenes Bild des Diskutierten machen will, sollte sich die knapp 120-minütige Aufzeichnung anschauen. Etwas kürzer will ich hier die Inhalte und Standpunkte aus meiner Perspektive wiedergeben. Zwei Fragen stehen dabei im Mittelpunkt:

Wie kann das Ehrenamt in Zeiten omnipräsenter Informations- und Kommunikationstechnik neu gedacht werden?

Zunächst wurde darauf verwiesen, dass es schon einige gute Ansätze gibt, die es zu unterstützen, zu Sammeln und zu promoten gilt. Der Schwerpunkt lag dabei vor allem auf der Beschleunigung von Vermittlungsprozessen — also der Frage, wie das ehrenamtliche Angebot schnell zum bedürftigen Abnehmer kommt und vice versa. Mark Speich hob in dem Zusammenhang gleich auf “Big Data for Good” ab und zeigte anschaulich, dass die Diskussion um IT und Ehrenamt auch schnell über die Förderung freiwilligen Engagements hinausschießen kann.

Die — zugegeben — nicht ganz neue Idee, dass freiwilligen Engagements auch über das Internet geleistet werden kann, brachte ich an dieser Stelle ein. Freiwilliges Engagement als Online- und Micro-Volunteering möglich zu machen, kann schließlich helfen, neue Zielgruppen für das freiwillige Engagement zu gewinnen. Dabei wies ich aber auch gleich darauf hin, dass es sich beim Online-Volunteering nicht um eine Sonderform des Ehrenamts als sondern ‘nur’ um einen neuen Weg des freiwilligen Engagements handelt und entsprechend gute Rahmenbedingungen vorhanden sein müssen.

Ein weiterer Aspekt betraf die Einbindung freiwillig Engagierter in den Workflow von Sozialdienstleistern — also die Freiwilligen-Verwaltung. Abgestellt wurde hier insbesondere auf die Notwendigkeit verlässliche Dienstleistungen in einem Welfare-Mix aus Haupt- und Ehrenamt anbieten zu können. Auch hierfür wurden gute Beispiele wie der Ehrenamtsmanager der Stiftung Gute Tat genannt. Die kritische Rückfrage von Minister de Maiziere, was daran neu gedacht wäre und ob nicht eigentlich die Betroffenen im Mittelpunkt stehen sollten, zeigte, dass (auch) er sich Digitales Bürgerschaftliches Engagement anders vorstellt.

Wie kann die Politik das Digitale Bürgerschaftliche Engagement fördern?

Für den Punkt Freiwilligengewinnung wurde vorgeschlagen, die wesentlichen Akteure im Netz zueinander zu bringen. Die einfache Idee einer “Ehrenamtssuchmaschine” wurde recht bald mit Vorschlägen rund um das Mapping von Engagementangeboten (z.B. in Form einer Smartphone-App) und den Einbezug solcher Player wie LinkedIn ergänzt. Das Businessportal hat ja vor etwa einem Jahr begonnen, die Profile des User um den Aspekt ehrenamtlichen Engagements zu erweitern.

Hinsichtlich der Förderung des Online-Volunteerings in Deutschland wurde der Aspekt der Medienkompetenz von Mitarbeitenden in lokalen Nonprofits diskutiert. Ich hatte hierzu kurz ausgeführt, dass dies auf den drei Ebenen des Wissens, des Könnens und des Wollens geschehen müsste und die jeweiligen Fördermöglichkeiten deutlich gemacht: In puncto Wissen geht es einerseits um die Erforschung der Effekte verstärkter IT-Nutzung im Ehrenamt, andererseits aber auch um das offenbar gar nicht triviale Wissen um die Möglichkeiten, die es schon gibt. Auf der Ebene des Könnens geht es insbesondere um das Ausprobieren und (gemeinsame) Lernen — also die Frage, was funktioniert in welchem Kontext und was nicht und damit auch um die Frage von Wissentransfer. Mit Blick auf die dritten Ebene des Wollens rücken Fragen der Change Agency in Nonprofits in den Fokus, die es gezielt anzusprechen gilt.

Was die Freiwilligen-Verwaltung im “technischen Ehrenamt” und bei Sozialdienstleistern anbelangt wurde vor allem die Förderung von Strukturen — “Cloud Services” — vorgeschlagen, die helfen, alltäglich und verlässlich Dienstleistungen anzubieten. Welche Rolle das digitale Ehrenamt hier spielt, illustrierte Christoph Unger mit seiner Abwägung zwischen Mensch und Maschine:

Wenn ich […] die Katastrophenlage habe und brauche jetzt Informationen, können dann diese ehrenamtlichen Strukturen, die da irgendwo an ihren Rechnern weltweit sitzen, mir diese Informationen geben oder kommt ein […] Unternehmen und bietet mir die Serviceleistung oder die Hardware an und sagt ‘ich geb’ dir ein Programm, das ersetzt dir 100 oder 1.000 Kolleginnen und Kollegen, die da irgendwo sitzen’, dann nehme ich vielleicht doch die 1.000.000 EURO in die Hand und kaufe mir diese Technik (min 1:42,30).

Das Fazit zum Schluss

So haben wir also zwei Stunden diskutiert und es taten sich die üblichen Gräben auf. Auf der einen Seite jene, die sich die Förderung eines Ehrenamts mit Eigensinn und Innovationskraft wünschen, auf der anderen Seite die Verwalter umfangreicher Ressourcen, die Sicherheit und Verlässlichkeit herstellen wollen. Und dazwischen der Bundesinnenminister, der die Runde mit den Worten eröffnete “Was wir hier nicht diskutieren, ist allgemein Ehrenamt.”

Doch wie dem auch sei! Einige Möglichkeiten Digitales Bürgerschaftliches Engagement zu fördern, lagen auf dem Tisch und mit dem Vorschlag der Förderung von Medienkompetenz war ich nicht allein.* Anschließend an ein paar Beispiele aus Gesprächen mit lokalen Nonprofits hob auch Tim Moriz Hector von Wikimedia Deutschland hervor, dass Medienkompetenzen — eher im kulturellen denn im technischen Sinne — eine wesentliche Bedingung für die aktive Nutzung vorhandenen Möglichkeiten der IT sind.

Doch das letzte Wort in dieser Runde hatte freilich der Gastgeber. Und der zog in seinem Stegreif-Resümee ein ernüchterndes Fazit:

Ich sehe wenig Möglichkeiten [oder] vernünftige Sachen für irgendwelche klassischen Förderprogramme. Da geschieht so viel, da laufen wir nur hinter her.

Wo ich mir was vorstellen könnte, wäre in dem ganzen Bereich Sicherheit [und] Verlässlichkeit. Dass da öffentliche — muss ja auch nicht unbedingt staatlich sein — Strukturen aufgebaut werden, die einen hohen Glaubwürdigkeitsfaktor haben [z.B. DZI-Spendensigel oder fsk-Altersfreigabe]

Aber vielmehr könnte ich mir da nicht vorstellen […] Klassische Förderprogramme zur Medienkompetenz — ich wüsste nicht, wie das geht. Was meinen Sie was Volkshochschulen für gute Sachen anbieten? (min 2:00,00)

* Übrigens auch das Frauenhofer Institut, das ja vom BMI mit dem Whitepaper zum “Digitalen Bürgerschaftlichen Engagement” beauftragt wurde, kommt zu einem ähnlichen Ergebnis.

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