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Online-Freiwilligenarbeit

Nette kleine Spielereien gibt es immer wieder — ganz besonders im weiten Feld der Software-Entwicklung. Manchmal kommen dabei dabei ziemlich coole Ideen raus. So etwa ThirdEye und Be My Eyes — iPhone-Apps, die eine Art barrierefreier Zugang zur Power der Crowd für Menschen mit Sehbehinderung möglich machen sollen.

ThirdEye — ein guter Ansatz

Nachdem StarHub und die Singapore Association of Visually Handicapped im Sommer 2013 ihre App “ThirdEye” rausgebracht haben, dachte ich mir “ziemlich cool”. Die App bot Micro-Volunteers die Möglichkeit blinden und sehbehinderten Menschen bei der Identifikation alltäglicher Stillleben behilflich zu sein. Sie setzte auf die sehr barrierearme Nutzbarkeit von iPhones auf, hatte aber auch so ihren Verbesserungsbedarf. Auf Google+ kommentierte ich die App seiner Zeit wie folgt:

Crowdsourced Augumented Reality für blinde Menschen

Möchten blinde Menschen wissen, wie es um sie herum aussieht? Wie wäre z.B. die aktuelle Umgebung zu beschreiben, wie das Obst in der Auslage? Ich weiß nicht, ob sie wirklich nützlich ist, ziemlich cool ist sie alle mal, die #OneThirdEye App von +StarHub und der Singapore Association of Visually Handicapped.

Für blinde Menschen, die auf ein drittes Auge angewiesen sind, läuft die App weitgehend barrierefrei. Die VoiceOver Funktion meines iPhones jedenfalls half mir, mit geschlossenen Augen zu navigieren. Ich bin nicht im Raum herumgelaufen, deshalb konnte ich blind ein Foto machen und hochladen, auf dem auch etwas zu sehen ist. Ich kann mir aber vorstellen, dass bilden Menschen auf der Straße so etwas schwer fallen dürfte.

Für Micro-Volunteers greift die App — warum auch immer — auf das Facebook-Profil zu. Die Fotos, die in einer Art Stream angezeigt werden, sind erwartungsgemäß mehr oder weniger aussagekräftig. Mal sind es Vorhänge, mal Knie, mal ein Autositz von hinten. Nichtsdestotrotz gibt es zu beinahe jedem Foto ein paar Kommentare. Auch unter meinem Foto wurden binnen drei Minuten vier treffende Beschreibungen gepostet: “I see a really messy table with earphones, books and papers” schreibt z.B. Stephen Lee.

Will man als Micro-Voluneer ein Foto beschreiben, reicht ein Klick auf das Bild und einer in die Eingabezeile (Kurze Wege!). Weitere Informationen und Hinweise, wie z.B. ein Bild für blinde Menschen am besten zu beschreiben ist, sucht man allerdings vergebens.

Alles zusammen: Mega coole App, die hoffentlich das Experimentierstadium, in dem sie sich momentan befindet überlebt. Mein Eindruck war, dass es momentan wenige, dafür aber sehr fleißige, Kommentator!nnen gibt, die alle möglichen Schnappschüsse beschreiben; egal ob nun mit dem Gefühl, sich an einem Testlauf zu beteiligen oder ohne.

Etwas kritisch sehe ich, dass (a) keine Rückmeldung zwischen den Hilfeempfäger!nnen und den Kommentierenden möglich ist, (b) das System einen recht unbesorgten Umgang mit der Privatsphäre fremder Menschen induziert und (c) keine Tipps für nütze und unnütze Bildbeschreibungen gegeben werden. Was genau könnte ich als blinder Mensch denn mit der Information anfangen, dass der Duden auf meinem Schreibtisch gelb ist?

Be My Eyes — die Weiterentwicklung (?)

Vor kurzem nun brachte die dänischen Software-Schmiede ROBOCAT die Be My Eyes App raus. Die Idee zur App wurde schon im April 2012 auf dem dänischen Startup Weekend das erste Mal präsentiert, doch kommt sie mir wie die Weiterentwicklung von ThirdEye vor: Auch Be My Eyes setzt auf die barrierenarme VioceOver-Funktion des iPhones — eine Android-App ist (noch) nicht verfügbar — und soll Menschen mit Sehbehinderung alltägliche Assistenz via Micro-Volunteering vermitteln. Im Vergleich mit der ThirdEye App gibt es aber einige Unterschiede:

Video statt Foto

Be My Eyes setzt nicht auf Foto sondern Video. Das ist eine entscheidende Weiterentwicklung, war doch die Kritik an ThirdEye, dass es blinden oder sehbehinderten Menschen im Alltag recht schwer fallen dürfte, ein Foto zu machen, auf dem man auch etwas erkennt. Jene blinden Kollegen zumindest, die ich seiner Zeit zu ThirdEye befragte, meinten, dass sie noch nie ernsthaft versucht hätten, ein brauchbares Foto zu machen. Doch warum sollten sie dann gleich mit Video anfangen?

Interaktion statt Kommentare

Be My Eyes setzt nicht auf die Kommentierung sondern den Dialog via Video-Telefonie. Auch das eine entscheidende Weiterentwicklung. Der Dialog muss sich nämlich nicht auf den ‘Job to do’ (die Beschreibung des Video-Inhalts) beschränken — “ein bisschen mehr nach links”, “ein bisschen näher ran”, “ist das dein erster Video-Call”? Ganz abgesehen davon, dass die Interaktion den Micro-Volunteers einen Einblick in die Lebenswelt blinder Menschen gibt, hilft sie blinden Menschen auch brauchbare Inhalte zu erstellen und entsprechende Informationen darüber zu bekommen.

Evaluation statt ewiges Rauschen

Be My Eyes evaluiert die Assistenz der Micro-Volunteers. Einer meiner Kritikpunkte an der ThirdEye App war die fehlende Rückmeldung von Hilfeempfänger!nnen zu den Micro-Volunteers. Die ist mit der Interaktion via Video-Telefonie nun eigentlich gegeben,         nichtsdestotrotz ist noch eine kurze Evaluierung sinnvoll. Zum einen beugt es den Missbrauch der App vor (Micro-Volunteers können bei zu negativen Bewertungen gesperrt werden), zum anderen ließen sich so auch technische Mängel aufdecken, die beim Online- und Micro-Volunteering immer wieder Fallstricke darstellen.

Alles zusammen macht die Be My Eyes App eine gute Figur. Die Interaktion via Video-Telefonie ‘bereichert’ Kommunikation (Rich Media!) und macht ein kleines Bisschen Mehr möglich als nur die Hilfe für Menschen die nicht richtig gucken können (Stichwort: Vorurteile ggü. Menschen mit Behinderung). Was bleibt ist die durchaus gegebene Möglichkeit, das Menschen über diese App den ihnen völlig fremden Micro-Volunteers tiefere Einblicke in ihr Privatleben erlauben als sie womöglich wollen. Doch das ist auch ein Risiko der stofflichen Assistenz ‘on-site’.

Zum Schluss — Micro-Volunteering-Assistenz in Deutschland?!

Auch wenn man zuweilen anderes liest; dem letzten Freiwilligensurvey (2009) zufolge sind Menschen mit Behinderung eine sehr kleine Zielgruppe im freiwilligen Engagement (ebd.: 231f.). Befragt nach den Adressaten geben die meisten Engagierten keinen speziellen Personenkreis an. Am zweithäufigsten wird die Zielgruppe (wahrscheinlich nicht-behinderter) Kinder- und Jugendlicher genannt, gefolgt von älteren Menschen, Familien und Frauen. Insgesamt acht Prozent der Engagierten gibt an, sich für die Sammelkategorie “anderer Personenkreis” zu engagieren, zu denen neben Menschen mit Behinderungen auch Migrant!nnen, Ausländer!nnen, Flüchtlinge, Arbeitsuchende und Existensgründer!nnen gehören.

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Die Landschaft des deutschen Freiwilligenengagements kommt — auch vermittelt durch den Freiwilligensurvey — sehr geordnet daher (Stichwort: Schrebergärten-Mentalität). Man bleibt gern unter sich. Das gilt für gesellschaftliche Milieus (Prekäre, bürgerliche Mitte, Eliten etc.) gleichermaßen wie für die unterschiedlichen (Förder-) Kategorien (z.B. Menschen mit Behinderung). Mit Blick auf die Aktion Mensch Umfrage von 2013 kann man wohl sagen, dass sich am häufigsten Menschen mit Behinderung für Menschen mit Behinderung engagieren.

Nichtsdestotrotz sind Apps wie Be My Eyes sehr sinnvoll. Sie bauen Brücken und bieten die Möglichkeit, sich abseits ausgetretener Pfade zu engagieren, wobei das natürlich wieder eine Frage des Geschmacks (von Micro-Volunteers und Hilfeempfäner!nnen) und somit Milieu-Zugehörigkeit ist. Die Userschaft der Be My Eyes App wird sich m.E. also zunächst auf vor allem auf die Expeditiven und die Performer begrenzen, wobei dies Milieus sind, von denen viel abgeguckt wird (Stichwort: Kultureller Wandel) und mit deshalb — zumindest in Deutschland — ein langer Atem angebracht scheint.

tl;dr: Mit “Be My Eyes” ist eine sinnvolle Weiterentwicklung der “ThirdEye” App gelungen, die neues, unkonventionelles Engagement in Deutschland und der Welt möglich macht.

Zugegeben, auf meinem Blog war in 2014 nicht viel los. Ich war letztes Jahr mit anderen Dingen beschäftigt: Neben meiner Tätigkeit als Referent für soziales Ehrenamt beim DRK Bundesverband vertrat ich bis Mitte des Jahres den Grundlagenreferenten für die Jugendhilfe und tat mein Bestes, auch in den Hilfen zur Erziehung das Ehrenamt zum Thema zu machen. Seit April — also quasi parallel dazu — arbeitete ich mich in das Qualitätsmanagement der internationalen Freiwilligendienste ein und lote auch hier Möglichkeiten für das Online-Volunteering aus.

Blick zurück

Dass ich 2014 also nicht so viel für meinen Blog geschrieben habe, kann ich getrost auf die Perspektiverweiterung im Hauptberuf schieben und jetzt, Anfang 2015, einen genüsslichen Blick darauf zurück werfen, was andere so getrieben haben. Es hat sich nämlich auch in 2014 einiges in Sachen Online-Volunteering getan:

Ihr seht: Über 2014 kann man sagen, wo es nicht gerade einfach weiterläuft wie letztes Jahr ([u25] und www.onlinevolunteering.org) geht es weiter voran. Leider gilt das nicht für alle Baustellen. So werde ich bspw. das Gefühl nicht los, dass der neue Freiwilligensurvey, mit dem wir nach jüngstem Hören-Sagen nicht vor 2016 rechnen dürfen, bei seiner Befragung nicht über die Online-Information und -Vernetzung von Ehrenamtlichen hinaus geht.

Blick nach vorn

Mit den Entwicklungen aus 2014 im Hinterkopf kann das neue Jahr also kommen. Interessant wird sicherlich, wie sich youvo.org weiterentwickelt, wann wir etwas von den geplanten 10.000 EU-Aid (Online-) Volunteers hören und was es beim FSJ-Digital geben wird. Bei Sebastian Schütz (youvo.org) habe ich mich schon zu einem Gespräch angekündigt und an den Entwicklungen im FSJ bin ich ja jetzt von Berufswegen ganz nah dran.

Was die 10.000 Online-Volunteers des EU-Programms betrifft, werden sicherlich die Entwicklungen rund um das Digital Humanitarian Network interessant sein. Die Community der Online- und Micro-Volunteers, die zuletzt nach dem Typhon Ruby und während der andauernden Ebola-Epidemie in Westafrika tätig wurden, zeigen, dass sich hier starke Partner zusammen getan haben, die die humanitäre Hilfe über das Internet systematisch weiterentwickeln.

Verbunden mit diesen Entwicklungen interessiert mich insbesondere, ob die Reise nun eher in Richtung Crowdsourcing oder in Richtung (Online-) Volunteering geht. Kurz gesagt: Wird es darum gehen, Menschen für die humanitäre Hilfe zu gewinnen oder schlicht Ressourcen dafür zu akquirieren…

Gute Vorsätze

Gern will ich in 2015 wieder mehr bloggen. Es gibt vieles, über dass es sich zu schreiben lohnt. Allerdings muss ich mir mit Blick auf die vergangenen Monate auch eingestehen, dass es noch viele andere Dinge gibt, die meiner Aufmerksamkeit bedürfen. So ende ich hier nicht mit Versprechen und SMARTen Zielen sondern dem guten Vorsatz, häufiger zu meinen Themen zu schreiben — zumindest kurz.

tl;dr: Man hat’s hier im Blog vielleicht nicht gesehen, aber auch 2014 ging doch einiges voran in Sachen Online-Volunteering.

Vor Kurzem ist mir dieses Paper des “Frauenhofer FOKUS”, ein Kompetenzzentrum für öffentliche Informationstegnologie, zugeflogen. Ulrike Hinz, Nora Wegener, Mike Weber und Jens Fromm stellen darin die Charakteristika digitalen bürgerschaftlichen Engagements, die sich bietenden Möglichkeiten und Mehrwerte der Digitalisierung der Bürgergesellschaft sowie Herausforderungen für Träger digitalen Engagements und mögliche Handlungsfelder für Engagierte dar.

Das Paper schien mir zunächst so ein “Ritter-inkognito-Ding” zu sein: Eine Hand voll Autor!nnen, von denen ich in diesem Zusammenhang noch nie gehört habe, schreiben über die Verbindung von Internet mit freiwilligem Engagement, tun dabei so, als seien sie selber darauf gekommen, dass das irgendwie in die Zeit passt und wuppen das Thema unversehens auf’s nächste Level — raus aus der Nische. Soweit so gut! Bei genauerem Hinschauen aber, fiel mir auf, das da der eine oder andere interessante Denkanstoß für’s Online-Volunteering drin steckt. Aber von vorn!

Fünf wohlbekannte Thesen zur Digitalisierung

Gleich auf Seite fünf, nach dem Inhaltsverzeichnis, werden im Paper fünf Thesen präsentiert, mit denen sich die Autor!nnen nicht eben weit aus dem Fenster lehnen:

  1. “Der Einsatz von Informationstechnologie (IT) stärkt das bürgerschaftliche Engagement” — die Schlagworte hier: niedrigschwelliger Einstieg ins Engagement und Zugänge zum freiwilligen Engagement über das Internet und die Welt der Sozialen Medien.
  2. “Flexibilisierung bürgerschaftlichen Engagements durch IT bedient einen gesellschaftlichen Bedarf” — das Schlagwort hier: Flexibilisierung des Engagements.
  3. “Die fortschreitende Digitalisierung bringt neue Formen des bürgerschaftlichen Engagements hervor” — die Schlagworte hier: Online-Volunteering und Micro-Volunteering
  4. “Organisationen profitieren von der aktiven Annahme der digitalen Herausforderung” — die Schlagworte hier: sinkende Verbindlichkeit des Engagements, Digital Divide sowie Senkung der Kosten für das Engagement und das Erschließen neuer Wissens-Ressourcen.
  5. “Digitales bürgerschaftliches Engagement verdient öffentliche Förderung und Anerkennung” — Diffusion kultureller Praktiken, Online-Volunteer-Management und digital Literacy.

An dieser Stelle sollte klar sein, wie mein erster Eindruck (s.o.) zu Stande kam. Keine dieser Thesen ist in meinem Blog oder im Kreis der NPO-Blogparade irgendwie neu, keines der Schlagworte wurde in den letzten sechs Jahren nicht aufgegriffen. Aber wie dem auch sei! Im Paper stecken, wie gesagt, auch neue Denkanstöße, die der Debatte (ob nun in Blogs oder anderen Kreisen) nicht schaden werden.

Fünf Handlungsfelder für Online-Volunteers

Nach ein bisschen Bla Bla über Bürgerschaftliches Engagement in Deutschland — 23 Mio. und so — und der Widergabe der Definition á la Enquete-Kommission “Zukunft des Bürgerschaftlichen Engagements” (gute Entscheidung!) stellen die Autor!nnen “Digitale Bausteine Bürgerschaftlichen Engagements” dar:

In Anlehnung an die Klassifizierungen zur Anwendung von E-Government (dazu von Lucke/Reinermann 2000: 3) unterscheiden Hinz et al. zunächst grundsätzlich zwischen der Unterstützung bürgerschaftlichen Engagements und digitalem bürgerschaftlichen Engagement (ebd.: 7ff.). Ersteres gliedert sich in Information, Vernetzung und Vermittlung/Assistenz auf, was recht gut zu den im Freiwilligensurvey eingeführten Anwendungsfeldern des Internets im freiwilligen Engagement (Gensicke/Geiss 2010: 242 ff.) passt.

Zweiteres — das digitale bürgerschaftliche Engagement — gliedern Hinz et al. in fünf Handlungsfelder auf: “Erstellung und Verbesserung von Inhalten”, “Kommunikation, Lehre und Beratung”, “Entwicklung technischer Lösungen”, “Beteiligung von Bürgerinnen und Bürgern” und “Crowdfunding (Finanzierung durch Viele)” (siehe ebd.: 10).

Baustein-digitale-MitarbeitBemerkenswert an dieser Klassifizierung finde ich, dass sie sich in die von mir oft verwendeten Tätigkeitsfelder für Online-Volunteers (siehe Jähnert 2012: 5) praktisch einpassen lässt:

  • Die Produktion digitaler Güter in kopierbarer Form ist hier in “Erstellung und Verbesserung von Inhalten” sowie “Entwicklung technischer Lösungen” untergliedert,
  • die Internetvermittelte Kommunikation mit “Kommunikation, Lehre und Beratung” widergegeben und
  • die Planung und Organisation mit “Beteiligung von Bürgerinnen und Bürgern” sowie “Crowdfunding” beschrieben.

Was bleibt vom FOKUS “White-Paper”

Zum Rest des Papers lässt sich eigentlich nicht viel sagen. Unter “Möglichkeiten und Mehrwerte der Digitalisierung” schreiben die Autor!nnen auf, warum ihre Thesen stimmen. Unter “Herausforderungen” geben Sie die üblichen Bedenken zum Interneteinsatz im freiwilligen Engagement wieder. Und im “Ausblick” fordern sie die umfassende Anerkennung der Digitalisierung als gesellschaftliche Realität und Teil des bürgerschaftlichen Engagements von heute.

Was bleibt ist ein nett gestaltetes, kurzes Paper vom Frauenhofer Institut in dem der ‘Siegeszug des Internets’ mit der Bürgergesellschaft in Verbindung gebracht und festgestellt wird, dass die Herausforderungen aktiv angegangen werden sollten. Insbesondere die im Ausblick geforderte Anerkennung freiwilligen Online-Engagements auf den Ebenen der Organisation und Finanzierung für Infrastrukrur bürgerschaftlichen Engagements (Stichworte Online-Volunteer-Management & Digital Literacy) klingt hoffentlich nach. Ich werde dazu berichten …

tl;dr:  Das Online-Volunteering wächst aus der Nische heraus — neue Impulse für dafür liefert das FOKUS-Paper “Digitales Bürgerschaftliches Engagement”

Anfang Juli trafen sich zahlreiche Engagierte, Fach- und Führungskräfte aus der deutschen Nonprofit-Szene auf dem Ehrenamtskongress in Nürnberg. Thema war alles, was sich um die Engagementförderung in Deutschland dreht. Im Plenum wurde zur „Caring Community“ (Prof. Dr. Klie), „Beziehungen zwischen Nonprofits und Unternehmen“ (Willim) und Fundraising für den Verein (Mayer-Porzky) referiert. In den „Exkursionen“ wurden zahlreiche Engagement-Projekte und -Programme vorgestellt und in den Workshops praktische Fragen der Engagementförderung diskutiert.

Ich war eingeladen, über neue Wege des freiwilligen Engagements zu sprechen und will meinen Input zum Workshop und die anschließende Diskussion hier gern kurz zusammenfassen.

Zum Auftakt – Titeldreh

Gleich zu Beginn meines Workshops musste ich etwas klar stellen: Der Titel, den ich mir für das Programm ausgesucht hatte, gab die Intention meines Inputs genau falsch herum wieder. „Online-Volunteering, Micro-Volunteering, Crowdsourcing …“ klingt zwar irgendwie stimmig, macht aber den Eindruck, als würde das freiwillige Engagement mit dem Interneteinsatz zwangsläufig verkürzt und vercrowdet. Das muss freilich nicht so sein, kann aber passieren, wenn die Aufforderung dazu im Subtext der Präsentation ständig mitschwingt.

Ähnliches passiert Land auf Land ab mit dem projektbezogenen Engagement: Es wird angenommen, dass sich Engagementinteressierte – insbesondere jüngeren Jahrgangs – nicht mehr längerfristig binden wollen – was bei ihrem Einstieg ins Engagement natürlich nicht ganz falsch ist. In der Folge werden Mitgliedschaft, Gremienarbeit und alles andere, was das Engagement vermeintlich langweilig macht, aus dem Engagementprofil gestrichen. Im Ergebnis engagieren sich immer mehr Freiwillige nur noch projektbezogen, das ‘Engagement-Hopping’ nimmt über die Zeit zu und Vereine und Verbände klagen über sinkende Bereitschaft längerfristiger Bindung.

Die neuen Wege zum Engagement – das habe ich an der einen oder anderen Stelle schon deutlich gemacht – will ich nicht als neue Spielart der bloßen Beschäftigung freiwillig Engagierter verstanden wissen. Es sind neue Wege zum freiwilligen Engagement, die vom Freiwilligenmanagement als Trittstufen einer ladder of engagement oder Etappen einer supported journey zur zielgerichteten Entwicklung der Potentiale freiwillig Engagierter genutzt werden können.

Exkurs “Engagementkarriere”

Mit der „Ladder of Engagement“ und der „Supported Volunteer Journey“ meine ich hier „Engagementkarrieren“:

Mit dem Begriff der Ehrenamtskarrieren werden unterschiedliche Entwicklungsmöglichkeiten von Engagierten bezeichnet. Ehrenamtliche können sich im Laufe ihres Engagements zum Beispiel auf bestimmte Themen spezialisieren oder generell mehr Verantwortung übernehmen – im Personalmanagement wird das dann „Jobenrichment“ genannt. Als „Jobenlargement“ dagegen wird die dritte Möglichkeit von Engagementkarrieren bezeichnet: Mehr Zeit in sein Engagement zu investieren.

Crowdsourcing, Micro-Volunteering, Online-Volunteering – Beispiele, Beispiele, Beispiele

Anstatt, wie es sonst oft meine Art ist, die zentralen Begriffe meiner Präsentation haarklein zu definieren, habe ich mich diesmal dazu entschlossen, die Vorstellungen von Crowdsourcing, Micro- und Online-Volunteering etwas wilder wachsen zu lassen. Das hat – glaube ich – auch ganz gut funktioniert.

Anhand der Beispiele ließ sich zeigen, dass mit dem Crowdsourcing eine unbestimmte Masse von Menschen (die Crowd) angesprochen wird, deren Engagement ziemlich selbstreferenziell ist. Zwar ist das Mapping barrierefreier Orte auf der Wheelmap ein Online-Engagement im öffentlichen Raum, doch referiert es eben nicht oder zumindest nur sehr schwach auf die Berliner SOZIALHELDEN als gemeinnütziger Verein. Nichtsdestotrotz schafft die Wheelmap Bewusstsein für Barrieren im öffentlichen Raum und bildet ein Zentrum der Gemeinschaft – der Szene –, deren Thema die Inklusion ist. Aus dem Netzwerk dieser Gemeinschaft wiederum lassen sich Online- und Micro-Volunteers gewinnen, die die Webseite dann bspw. ins Klingonische übersetzen.

Micro-Volunteering, das sollten die Projektbeispiele „The Extraordinaries“ und „Donate Your Brain“ zeigen, ist weniger selbstreferenziell als altruistisch angelegt. Mehr als das gute Gefühl, geholfen zu haben, bekommen die Freiwilligen nicht zurück. Wie auch das Crowdsourcing referiert das Micro-Volunteering nur schwach zum Engagementermöglicher – in diesem Fall Sparked.com und Techsoup.org – macht es aber möglich, Kandidat!nnen für weiterführende Engagementkarrieren zu identifizieren und anzusprechen.

Die Beispiele, die ich schließlich zum Online-Volunteering vorstellte, sollten zeigen, dass das Online-Volunteering im Grunde nichts anderes ist, als ‘ganz normales Ehrenamt’, bei dem sich die Volunteers eben flexibel, ortsunabhängig über das Internet engagieren. Und damit waren wir auch schon wieder beim Ausgangspunkt angelangt. So flexibel und projektbezogen sich das Online-Volunteering auch gestalten lässt, die Freiwilligen von allem vermeintlich Langweiligem fern zu halten, ist den folgenden Schritten zur Bindung Ehrenamtlicher an die Initiative, den Verein oder den Verband wenig zuträglich…

Zur Diskussion – Zeit es Auszuprobieren

Nach meinem Eindruck hat der Aufbau meines Inputs mit Beispielen zum Crowdsourding, Micro-Volunteering und Online-Volunteering wirklich gut geklappt. Die Botschaft, neue Freiwillige dort abzuholen wo sie stehen, mit Themen anzusprechen, die sie interessieren und ihnen Engagementgelegenheiten zu bieten, die sie kompetent wahrnehmen können, ist – zumindest nach meiner Wahrnehmung der anschließenden Diskussion – prinzipiell angekommen.

Exkurs: Freiwilligenkompetenz

Es lässt sich schwer abstreiten, dass für das freiwillige Engagement gewisse Kompetenzen notwendig sind. Gemeint sind hier aber nicht Fachkompetenzen! Gemeint sind die Grundkompetenzen, die es braucht, um …

  1. überhaupt zu wissen, dass freiwilliges Engagement in Vereinen und Verbänden möglich ist,
  2. prinzipiell auch dazu geneigt zu sein, mögliche Engagementgelegenheiten wahrnehmen zu wollen.
  3. durch eigene Recherche oder persönliche Netzwerke auf passende Gelegenheiten aufmerksam werden zu können.

Diskutiert wurden Möglichkeiten der praktischen Umsetzung dieser neuen Wege. Das Fazit lautete schließlich, man muss das einfach praktisch angehen und dafür – der Einwurf kam von einem Fundraiser – auch Personalressourcen frei machen, ohne einen konkreten Return on Investment versprechen zu können. Diskutiert wurde in dieser Richtung weiter über das interne Marketing für die Unterstützung freiwilligen Engagements und die Umsetzung neuer Ideen mit guten Geschichten und überzeugenden Zahlen…

Dann waren die 90 Minuten Workshop auch schon wieder vorbei und mir blieb nur die engagiert diskutierenden Teilnehmenden noch auf weiterführende Lektüre für die teils langen Heimreisen hinzuweisen:

  • Meine Blogbeiträge zum New Volunteer Management
  • Das LAST Virtual Volunteering Guidebook. Von Jayne Cravens und Susan J. Ellis (erhältlich bei www.energize.com)
  • sowie das Praxiskompendium zum Management von Online-Volunteers von Lisa Dittrich und mir (erhältlich bei der Akademie für Ehrenamtlichkeit Deutschland, www.ehrenamt.de)

tl;dr: Aus Klein mach Groß: Crowdsourcing, Micro-Volunteering, Online-Volunteering — Fragen und Anregungen gern hier in den Kommentaren.

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