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Zivilgesellschaft

Hier nun der letzte Teil meiner Reihe zur Zukunft des freiwilligen Engagements — vorerst. Ich hatte in den letzten Teilen dargestellt, in welchen Rahmenbedingungen freiwilliges Engagement (nicht erst in Zukunft) gestaltet werden muss. These #1 lautete, sich freiwillig zu engagieren muss wie Fernsehen, eine Aktivität friktionsloser Kurzweil, werden. These #2 lautete, Engagementförderung besteht nicht (nur) darin, abstrakte Versprechungen vom Ehrenamt zu vermarkten, sondern darin, den Return on Engagement erlebbar zu machen. Und die implizite These #3 lautete, die ganze Sache könnte zwar engagementförderlich — sprich ‚erfolgreich‘ — sein, könnte aber auch ziemlich in die Hose gehen — ich hatte gar vom „Ende des Ehrenamts“ geschrieben.

Nun ist es freilich eine verzwickte Angelegenheit, sich mit der Zukunft zu beschäftigen. Viel zu oft fällt man dabei auf das eigene Wunschdenken herein. Zu einfach ist es, sich ‚passende‘ empirische Befunde zusammen zu suchen und daraus ‘Trends’ abzuleiten. Ein Beispiel: Nach der zweiten Welle des Freiwilligensurveys war in der Engagmentszene die Ansicht noch weit verbreitet, die Engagementförderung in Deutschland wäre wirklich so erfolgreich, dass sie die bundesdeutsche Engagementquote peu a peu anheben könnte — keine großen Sprünge aber solide Schritte. Nach der dritten Welle haben viele gemerkt, dass dem nicht so ist; viel eher stagniert die Engagementquote und wir müssen nach neuen Wegen zum freiwilligen Engagement suchen.

Um nun nicht erneut auf mein Wunschdenken hereinzufallen — auch ich war vom Erfolg der Engagementförderung mehr oder weniger überzeugt — will ich einen kleinen Kniff versuchen, den ich aus der Betriebswirtschaftslehre bzw. der Managementlehre oder noch genauer einer Vorlesung zu strategischer Planung kenne: die Szenariotechnik. Grundsätzlich geht es dabei um den gedankenexperimentellen Entwurf zweier Zukunftsszenarien: einem best case und einem worst case szenario. Wie gesagt, es ist recht einfach, eine vorgestellte Zukunft zu beschreiben; die Vorstellung formt den Text. Nimmt man sich nun vor, ein grelles Positivszenario und ein düsteres Negativszenario zu entwerfen, bekommt man genau das: Zwei Extreme zwischen denen irgendwo die wahrscheinliche Zukunft liegt.

Online- und Micro-Volunteering: die Flugzeuglandung

Das positive Zukunftsszenario der Engagementförderung mit situativ passgenauen Engagements, die den Return on Engagement erlebbar machen, habe ich mit dem Bild der Flugzeuglandung beschrieben. Hier waren die Freiwilligen jene, die Flugzeugen gleich, losgelöst von fester Struktur in der Zeit sind und sich je nach Situation zur Kontaktaufnahme mit der Außenwelt ‚verführen‘ lassen. Sie unterhalten sich per Funk mit anderen Pilotinnen und Piloten und steuern regelmäßig unterschiedliche Flughäfen an — Unternehmen, für die sie arbeiten, Familienstrukturen, in die sie eingebettet sind, (Aus-)Bildungsstätten, in denen sie sich qualifizieren (müssen). Neben diesen Basisinstitutionen moderner Gesellschaften (Erwerbsarbeit, Familie und Bildung) stehen an der Peripherie des modernen Lebensvollzuges allerdings noch weitere Flughäfen zur Auswahl — z.B. der Fitnessclub um die Ecke, kulturelle Angebote in der Region und Freiwilligenorganisationen mit ‚guten Zwecken‘.

Während die ‚Landungen‘ an der Arbeitsstelle, der Familie oder Bildungsinstitutionen mehr oder minder unausweichlich sind (deshalb Basisinstitutionen), stellen die anderen Möglichkeiten der individuellen Gestaltung frei zur Verfügung stehender Zeit dar, die prinzipiell frei gewählt und insofern gegeneinander abgewägt werden müssen. Wie gezeigt, spielt bei dieser Abwägung neben der grundsätzlichen Wahrnehmung der Option (a) der erwartete Return und (b) die Einschätzung der Realisierbarkeit des jeweiligen Engagements eine Rolle; Abwägungen, die zumeist auf der Basis vereinfachender Heuristiken getroffen werden und damit ‚von außen betrachtet‘ nicht unbedingt rational erscheinen (stark verkürzt: Fernsehen statt Ehrenamt).

Der erste Schritt dieser Landung an Flughäfen der gesellschaftlichen Peripherie besteht nun in der Kontaktaufnahme des Towers mit dem Piloten bzw. der Pilotin. Ganz allgemein kann das Bild dieser Kontaktaufnahme unter das Marketing bzw. die Öffentlichkeits- und Pressearbeit einer Organisation subsumiert werden, wobei allerdings daran zu erinnern ist, dass die Kultur des Social Webs andere Formen der Ansprache nötig macht, als sie in früheren Tagen noch Gang und Gäbe waren (Vom Flyer zu Facebook & Co.). Mit der Ansprache wird die erste Determinante der Entscheidung für ein freiwilliges Engagement anvisiert: die Wahrnehmung des Engagements als Handlungsoption.

Der zweite Schritt kann erst nach dem Engagement des Piloten bzw. der Pilotin, überhaupt auf die Ansprache zu antworten — sprich, Anschlusskommunikation möglich zu machen — gegangen werden. An dieser Stelle folgt nun die Offerte der Freiwilligenorganisation, ein friktionsloses Micro-Engagement ‚dazwischen zu schieben‘, das mit einem konkreten Return-Versprechen verbunden wird (vll. „Wenn du uns an dieser oder jener Stelle hilfst, kommen wir mit unserem sozialen Projekt weiter“). Das Versprechen des guten Gefühls, jemandem mit seinen Fähigkeiten geholfen oder auch ‘nur’ etwas dazu gelernt zu haben, bleibt für die Freiwilligen allerdings solange substanzlos, bis er (oder sie) es tatsächlich selbst erlebt und auch als solches erinnert. Nur die Erinnerung des Return on Engagement kann schließlich dazu führen, sich auch wieder zu engagieren — das nächste Mal vielleicht etwas länger, in einem Team, auf schon geringerer Flughöhe, schließlich steter in Form traditioneller Strukturen freiwilligen Engagements (Landung) und letztendlich (angekommen im Hangar) als ehrenamtliche Führungs- und Leitungspersönlichkeit.

Der entscheidende Punkt bei diesem positiven Szenario der Engagementförderung ist das Erinnern des guten Gefühls des ‚giving back‘, das durch die direkte Beziehung zwischen Organisation und Freiwilligen entsteht. An eben dieser Stelle wiederspricht das Szenario den Forschungsergebnissen Hartmut Rosas, der schließlich konstatiert, die Postmoderne würde durch die Kurz-Kurz-Muster der Erinnerung so erlebnisreich wie erfahrungsarm. Wäre dem nämlich so, würden Micro-Volunteers zwar ihren persönlichen Return on Engagement erleben, aber eben — wenn überhaupt — nur als kurzes Schlaglicht und nicht als wirklich positive Erfahrung erinnern. Hier setzt das, Rosa zufolge wahrscheinlichere, Negativszenario an.

Crowdsourcing: der ewige Blindflug

Mithin wird das Online- und Micro-Volunteering sowohl im angelsächsischen Sprachraum als auch hierzulande unter dem Schlagwort „Crowdsourcing“ lanciert. Der zentrale Gedanke dabei ist, aus der Crowd — wenn man es überspitzt ausdrücken will, der gesichtslosen Masse — Ressourcen für die Erreichung eigener Ziele zu akquirieren. Für die Veranschaulichung dieser Verheißung werden zumeist prominente Beispiele wie die Online-Enzyklopädie Wikipedia, die Wheelmap der Berliner SOZIALHELDEN oder das Projekt reCAPTCHA herangezogen. Dass „Micro-Volunteers“ damit z.T. unfreiwillig unbezahlte Arbeit für Wirtschaftsunternehmen leisten, denen sie sonst vielleicht eher kritisch gegenüber stehen, wird dabei gern unter den Teppich gekehrt (man denke hier an die „Volunteers“, die Facebook übersetzen oder jene, die die Datenbanken von Google mit OCR-untauglichen Informationen füllen).

Zwar gilt es bei Crowdsourcing-Projekten prinzipiell zwischen denen zu unterscheiden, die eine Verbindung der „Crowd“ mit dem jeweiligen Zweck des Projektes herstellen (Wikipedia oder Wheelmap) und jenen, die das nicht tun (reCAPTCHA, Duolingo, Microtask usw.), doch kann für beide gleichermaßen gelten, dass ein Mehr an Commitment damit nicht anvisiert wird. Vielmehr werden zwei unterschiedliche Gesellschaftssphären konstruiert — nämlich jene der Engagierten, die wissen, was getan werden muss und jene der Individualisten, die die Zielereichung möglich machen sollen –, die allein über die Mobilmachung, also das Marketing, aneinander gekoppelt sind. Abseits des eklatanten Demokratiedefizits (nicht gewählte ‚Eliten‘ meinen zu wissen, was getan werden muss) ist diese Vorstellung auch für die Engagementförderung problematisch. Dazu hier der Versuch, das Crowdsourcing in das Bild des Flugverkehrs zu integrieren:

Es kann weiterhin gelten, dass die Individuen der Crowd, Flugzeugen gleich, losgelöst von fester Struktur in der Zeit sind und zwischen den gesellschaftlichen Basisinstitutionen hin und her pendeln. Wie gesagt, die ‚Landung‘ im Erwerbsleben, den Familienstrukturen bzw. den gesellschaftlichen Institutionen der (Aus-)Bildung bleibt auch in der Postmoderne mehr oder minder unausweichlich. Flughäfen an der gesellschaftlichen Peripherie allerdings werden nur noch gelegentlich angesteuert; nämlich dann, wenn sich der jeweilige Pilot bzw. die jeweilige Pilotin zu einem Ausflug zum Sportstudio um die Ecke oder zu kulturellen Angebote in der Region verleiten lässt. Mitgliedschaften ohne Vertragsbindung und Grundgebühr, Drive-In-Angebote unterschiedlichster Couleur wie auch Produkte und Dienstleistungen ‚to go‘ müssen in diesem Bild immer weitere Verbreitung finden, weil sich der individualisierte — auf ‚flexicurity‘ angewiesene — Mensch in der Postmoderne sonst nicht mehr erreichen lässt. Von einer echten Landung irgendwo auf Flughäfen der gesellschaftlichen Peripherie kann hier gar nicht mehr gesprochen werden, weil die Pilotinnen und Piloten immer nur kurz aufsetzen, um dann gleich wieder durch zu starten.

Und auch die Freiwilligenorganisationen mit guten Zwecken tauchen in diesem Bild nur noch auf, wenn auch sie Dienstleistungen (Kinderbetreuung, Sport- und Kultur, Notrettung, Pflegedienste usw.) anbieten und zwar auf die gleiche Weise wie auch alle anderen: Ohne Vertragsbindung und wenn möglich ‚to go‘. Das Commitment potentieller Freiwilliger wird hier nicht mehr forciert, schließlich muss in diesem Bild davon ausgegangen werden, dass der postmoderne Mensch ohnehin keine positiven Erfahrungen damit macht. An die Stelle der Commitment-Förderung tritt der Versuch, die Bewegungen der Crowd (vll. auch nur die Abwärme der Motoren) für den Betrieb eigener Projekte zu nutzen. Dafür könnten die Pilotinnen und Piloten vielleicht darum gebeten werden, kleine Windräder auf den Dächern ihrer Flugzeuge zu montieren und so mit minimalen Friktionskosten „grünen Strom“ zu erzeugen. Oder sie montieren sich hochauflösende Kameras an die Unterseite ihrer Maschinen, um somit eine Echtzeit-Karte der Erdoberfläche zu erstellen. Vielleicht wird auch der Funkverkehr künftig nicht mehr peer-to-peer, sondern über die Bande einer Heerschar von Dolmetsching-Schülern laufen, sodass die Kommunikation in Echtzeit übersetzt und jedermann zugänglich wird.

Prinzipiell rückt die Organisation von Zivilgesellschaft als öffentliche Veranstaltung in diesem Bild hinter die pragmatische Erreichung gesetzter Ziele zurück, wobei unterschiedliche Marketing- und Motivationsstrategien zum Einsatz kommen, die die Individuen der Crowd zum Arbeiten verleiten sollen. Neben moralisierenden Überzeugungsstrategien, die ein  ausgemachtes Problem möglichst dicht an die (‚die einzige‘) Lösung rücken, wird zunehmend auch die Gamification — also die Verbindung mit Kurzweil und Flow versprechenden spielerischen Elementen — mit dem Crowdsourcing verknüpft. Da somit der Zweck des Engagements von der eigentlichen Arbeit entkoppelt wird, gestaltet sich eine so entworfene Zivilgesellschaft so undemokratisch wie blind für die tatsächlichen Probleme, die sich in den alltäglichen Lebensbereichen der Menschen finden. Mit Hartmut Rosa wäre im Anschluss an Max Weber sogar zu konstatieren, dass wir es hier mit einem neuen stahlharten Gehäuse zu tun hätten, in dem die pragmatisch-rationale Arbeitsteilung soweit ausdifferenziert wird, dass jede Tätigkeit ihren Sinn in sich verliert und dementsprechend kaum noch mit dem eigenen Leben in Verbindung gebracht werden kann. Im Endeffekt wiederum: Beschleunigung bis zum rasenden Stillstand.

Fazit

Es mag sein, dass sich engagierte Unterstützerinnen und Unterstützer des Crowdsourcings dem Bild des ewigen Blindflugs nicht anschließen möchten. Schließlich — so könnte ihr Argument lauten — darf dem postmodernen Menschen ein gewisser Durchblick unterstellt werden, der ihm oder ihr die Entscheidung offen lässt, sich von dem einen oder anderen Projekt vercrowden zu lassen. Ignoriert man die Tatsache voranschreitender Ausdifferenzierung und Komplexitätssteigerung, mag das zumindest bei jenen Projekten, die eine Verbindung zwischen dem Anliegen (dem ausgemachten Problem) und der Arbeit der Crowd herzustellen versuchen auch stimmen, doch scheinen mir diese Projekte rar gesät. Viel häufiger sind Crowdsourcing-Aktionen, die mit moralischen Überzeugungsstrategien ansetzen oder die Arbeit völlig von ihrem eigentlichen Zweck entkoppeln. Bei ersteren stellt sich zumindest die demokratietheoretische Frage, wer den eigentlich entscheiden (und vermarkten) soll, was moralisch verwerflich ist und was nicht, bei zweiterer lässt sich darüber hinaus noch Fragen, ob solcherlei Engagements nicht vielleicht sogar psychische Schäden (insb. Depressionen) provozieren.

Um es an dieser Stelle deutlich zu sagen: Ich bin kein Gegner gesellschaftlicher Beschleunigung. Ich glaube nicht, dass Reservate der Entschleunigung öffentlich finanziert werden müssen, um müde Gewordenen eine Zuflucht zu bieten. Ich meine aber, dass gesellschaftliche Beschleunigung gestaltet werden kann und sollte. Insbesondere die Desychronisationserscheinungen zwischen den Subsystemen moderner Gesellschaften provozieren Exklusion, die zumindest dem Wording nach mit den Digital Natives (den Beschleunigten), den Digital Immigrants (den Beschleunigern) und den Digital Outsiders (den Beschleunigunsmüden) treffend beschrieben sind; eine Exklusion, die einer Gesellschaft teuer zu stehen kommt, wenn sie weiterhin dem Wachstumsprimat der globalisierten Ökonomie folgen will/muss/soll.

Was nun die wahrscheinliche Zukunft des freiwilligen Engagements anbelangt, bleibt festzuhalten, dass sie irgendwo zwischen den beiden entworfenen Extremen liegen wird. Allerdings sehe ich mehr empirische Evidenzen für den „Blindflug“ als für die „Flugzeuglandung“. Kurzfristig wird Crowdsourcing einigen (bei weitem nicht der Mehrzahl) zivilgesellschaftlichen und profitorientierten Unternehmungen mehr Rücklauf einbringen, langfristig aber wird diese Strategie immer exklusiver (Jene, die erfolgreich sind, werden immer mehr Erfolg haben als andere — Matthäuseffekt), bis schließlich einige ungewählte Eliten ihre Vorstellung ‚einer besseren Welt‘ durchsetzen. Welche Problemlagen sich dann tatsächlich in den privaten Lebensbereichen finden, ist für diese Eliten relativ unerheblich — wichtig ist vielmehr, ob sich das jeweilige Anliegen vermarkten lässt, was wiederum dazu führen dürfte, dass immer versucht wird noch einen Schritt weiter zu gehen.

Für mich ist das keine wünschbare Zukunft. Dennoch bleibt der Auftrag, gesellschaftliche Entwicklung — meint Beschleunigung — zu gestalten. Wir werden gemeinsam Wege suchen müssen, wie gute Erfahrungen — oder Erfahrungen überhaupt — mit zunehmender Individualisierung („losgelöst von fester Struktur in der Zeit sein) und steigender Mobilität (ständiges Durchstarten) noch möglich gemacht werden können. Auf eure Ideen, Kritikpunkte und Anregungen bin ich sehr gespannt.

PS: Das Video zum auf der Berliner SocialBar gefreestylten Vortrag “Neues Freiwilligenengagement” reiche ich sobald als möglich nach.

Reading time: 11 min

Wer ans Ehrenamt denkt, denkt wohl nicht ans Spielen. Ein Ehrenamt geht mit Verantwortung einher, Verantwortung für gemeinsame Ressourcen, Verantwortung für das Erreichen gemeinsamer Ziele und nicht zuletzt Verantwortung für andere Menschen. Dass diese Verantwortungsübernahme bei jungen Leuten heute nicht mehr en vogue ist und sich damit der virulente Mangel an ehernamtlichen Leitungs- und Führungskräften im Dritten Sektor erklären lässt, halte ich nicht nur für ein Gerücht, sondern für die Verdrehung von Tatsachen. Jugendliche und junge Erwachsene wollen sich engagieren und dabei Verantwortung übernehmen, nicht aber fraglos für die Ziele und Ideale der Alten (Farin 2012)

Was das Engagement und die Verantwortungsübernahme junger Menschen heute eher behindert ist indessen das, was Hartmut Rosa in Anschluss an Hermann Lübbe Gegenwartsschrumpfung” nennt: Das, was die Vergangenheit von der Zukunft trennt, schumpft in der Spätmoderne immer weiter zusammen, bis das Selbst im Jetzt (Identittät) schließlich nur noch ein einzelner Punkt in einer sich richtungslos (chaotisch) entwickelnden Welt ist. Das zu erwartende Ergebnis: “Beschleunigung bis zum rasenden Stillstand”.

The next Level: “Gamification”

In meiner Reihe zur Zukunft des freiwilligen Engagements (“Beschleunigung”, “kostenloses Engagement” & “Return on Engagement”) habe ich bisher zu zeigen versucht, dass das situativ passgenaue Freiwilligenengagement á la Online- und Micro-Volunteering ein Weg darstellen könnte, den individuellen Return on Engagement erlebbar zu machen und das Ehrenamt perspektivisch wieder zu einer Option der Füllung frei zur Verfügung stehender Zeit werden zu lassen. Das Micro-Volunteering stellt dabei freilich selbst eine Spielart der Beschleunigung dar, die nun allerdings sukzessive mithilfe des Akzelerators “Gamification” abgehängt wird.

Das finische StartUp Microtask verspricht Wirtschaftsunternehmungen resp. ihren Mitarbeitenden die “Freisetzung” von allgemein als stupide qualifizierter Arbeit durch Crowdsourcing. Schreib- und Tipparbeiten, wie vll. die Übertragung handschriftlicher Dokumente in computerlesbare Daten, wird in kleine, einfach zu erledigende Aufgaben zerlegt und von “Micro-Volunteers” in der ganzen Welt erledigt.

Wärend wir das Grundprinzip bereits vom reCAPTCHA-Projekt kennen, ergänzt Microtask die Sache um den Faktor “Gamification”. Die Aufgaben werden in kleine Browsergames á la FarmVille eingebaut und somit vom eigentlichen Zweck vollständig entkoppelt. Analog zu reCAPTCHA-Projekt muss der Spieler / die Spielerin die Tasks erledigen, um im Spiel weiter zu kommen, dass damit evtl. Arbeitsplätze vernichtet werden — um hier mal moralisch zu werden — interessiert dabei genauso wenig, wie der Zweck, zu dem die Daten schließlich gebraucht werden (vll. Atomlobbyismus?).

Fazit

Microtask forciert ebensowenig freiwilliges Online-Engagement wie es reCAPCHA tut (Jähnert 2012: 2). Durch die Verbingung von Gamification mit der Idee des Crowdsourcings werden die Aufgaben allerdings so gestaltet, dass sie sich umstandslos in das tägliche Leben der “Digital Natives” (DIVSI 2012: 34) einpassen. Dementsprechend kreativ und interessant ist die Strategie des finischen StartUps. Ließe sich nämlich das Gamification beim Online- und Micro-Volunteering so weiterentwickeln, dass eine Verbindung zwischen den Spielenden und dem Zweck deren Tätigkeit hergestellt werden könnte, könnte in der Tat von einem Micro-Engagement gesprochen werden, das zu mehr als nur folgenloser Kurzweil führt — Micro-Volunteering that leads to “Macro-Volunteering”.* **

Anhand der Studien Hartmut Rosas zur Beschleunigung in der Moderne habe ich in den letzten beiden Teilen meiner Reihe zur Zukunft des freiwilligen Engagements („Beschleunigung“ & „kostenloses Engagement“) gezeigt, dass die Kosten für ein Engagement seitens der Freiwilligenorganisationen dem postmodernen homo oeconomicus immer noch viel zu hoch zu sein scheinen. Die Angabe, keine Zeit (mehr) für ein freiwilliges Engagement zu haben (bspw. Gensicke/Geiss 2010: 143ff.), hat sich im Zuge der Betrachtung als Symptom der Beschleunigung herausgestellt. Nicht etwa, weil das Freizeitbudget des postmodernen Menschen tatsächlich schrumpfen würde (eher Gegenteiliges ist der Fall) — viel eher ist es die aus der gesellschaftlichen Beschleunigung resultierende gefühlte Zeitnot, die uns die Entscheidung für ein stetes Ehrenamt schwer werden lässt.

Wie Ulrich Beck in seinem Konzept der Risikogesellschaft festhält, beinhaltet die Entscheidung für eine Handlungsoption immer auch die, gegen alle anderen. Während ich bspw. an diesem Text arbeite, verfolge ich nicht die Tweets und Statusmeldungen meiner Netzwerkkontakte und laufe somit Gefahr, eine ‚wichtige‘ Meldung (vll. ein Jobangebot) zu verpassen. Um dieses Risiko zu minimieren und dennoch sein produktiv zu können, übe ich mich in dem, was man allgemein als Multitasking bezeichnet: Ich mache kurze Schreibpausen und schaue bei Twitter und Facebook vorbei bzw.  achte auf die Alert-Mails (automatische Benachrichtigungen via E-Mail), die mich als Zeitsparmaschinen, als die ich sie eingerichtet habe, paradoxer Weise zeitlich stark beanspruchen. Durch diese ablenkenden Ausflüge brauche ich immer wieder einige Zeit, um in den Schreibfluss zu kommen, was die Arbeit am Text in die Länge zieht. Da das Surfen im Social Web und das Schreiben dieses Textes im Grunde zwei unterschiedliche Tätigkeits- und Erlebnissphären darstellen und am Ende des Tages von mir auch als solche erinnert werden („Kurz-Kurz-Muster“), wird mich heute Abend wohl das Gefühl beschleichen, eine halbe Ewigkeit für diese paar Seiten Text gebraucht zu haben, woraus wiederum ein gewisser Nachholbedarf dessen erwächst, was ich möglicher Weise verpasst habe. Da der Tag aber nur 24 Stunden hat, bleibt mir schlussendlich das Gefühl, keine Zeit mehr für das zu haben, was ich eigentlich gern tun würde, weil ich zuerst tue, was ich glaube, tun zu müssen: Einen Text schreiben und gleichzeitig auf dem Laufenden bleiben.

Was Sascha Lobo in seiner Kolumne die Mensch-Maschine kürzlich als Prokrastination bezeichnete, stellt sich hier als etwas dar, das Rosa (2005: 297) in Anschluss an Niklas Luhmann als Temporalisierung von Komplexität bezeichnet: Der postmoderne Mensch registriert seine Handlungsoptionen und wägt sie nach Machbarkeit ab. Er (oder sie) entscheidet sich schließlich für das, was momentan möglich erscheint und schiebt alles andere auf. Eben deshalb, so habe ich im ersten Teil dieser Reihe gezeigt, sieht der postmoderne Mensch eher Fern und surft im Social Web, als dass er (oder sie) sich ehrenamtlich engagieren würde.

Im zweiten Teil dieser Reihe habe ich demgemäß die Möglichkeiten betont, freiwilliges Engagement friktionslos zu gestalten — heißt, die Kosten, die Engagierte mit einem Ehrenamt verbinden, soweit zu senken, dass der Return on Engagement überwiegt und die Handlungsoption Ehrenamt als ‚die beste‘ Wahl erscheint. Als problematisch hat sich dabei herausgestellt, dass die Returnversprechungen „Spaß haben“, „Wirkungsmacht“, „neue Leute kennen lernen“ usw. viel zu abstrakt sind, als dass das Ehrenamt mit ihnen ‚vermarktet‘ werden könnte. Und auch die diskursive Hervorhebung der Wichtigkeit bzw. des gesellschaftlichen Nutzens freiwilligen Engagements anhand krisenhafter Erscheinungen unserer Zeit, die Daniela Neumann im Rahmen ihrer Dissertation untersucht, führen nicht zum gewünschten Ergebnis (mehr Engagierte); vielmehr scheinen sie ein hohles Echo in Gestalt engagementfreundlicher Stimmung und hoher Engagementbereitschaft zu erzeugen.

Die Fragen, die sich demnach hier anschließen lauten: Wie lässt sich der Return on Engagement konkret erlebbar gestalten? Was müssen Freiwilligenorganisationen tun, um die nächste Generation der bislang vor allem Engagementwilligen jungen Erwachsenen zu erreichen? Und welche Folgen könnten damit verbunden sein? Bevor ich auf die letzte Frage nach den möglichen Folgen neuen Freiwilligenengagements eingehen kann, will ich in diesem dritten Teil einen Lösungsvorschlag für die ersten beiden Fragen formulieren. Als These notierte ich dafür im letzten Teil: „Engagementförderung besteht nicht darin, abstrakte Versprechungen vom Ehrenamt zu vermarkten, sondern darin, den Return on Engagement erlebbar zu machen.“

Das gute Gefühl erlebbar machen

Der postmoderne homo oeconomicus ist sicherlich kein perfekter Entscheider. Angesichts der Fülle und Vielfalt von Informationen, die der Mensch im spätmodernen Internetzeitalter tagtäglich registrieren, selektieren und verarbeiten muss, ist er (oder sie) auf vereinfachende Heuristiken angewiesen (dazu Bühler 2010: 33). Das subjektive Empfinden wie auch Emotionen und mentale Modelle bilden dabei wesentliche Entscheidungsgrundlagen für oder gegen ein freiwilliges Engagement. Abstrakte Versprechungen von „Spaß“, „Wirkungsmacht“ und „Gemeinschaft“ müssen hier ins Leere laufen, weil die emotionale Verknüpfung zu diesen Kategorien individuell verschieden ist. Was ein Sportkletterer unter Spaß versteht, kann für den Schachspieler eine Höllenqual sein, was eine Politikerin unter Wirkungsmacht versteht, erscheint ihrer Kritikerin als Getrieben-Werden und unter Gemeinschaft resp. „Sozialkapital“ verstehen die einen ‚Vitamin B‘, die anderen den Garant für ein gutes Zusammenleben.

Eben diese unterschiedlichen Verknüpfungen machen das Erleben des Return on Engagements notwendig. Wie wir in der betterplace LAB Studie zum freiwilligen Engagement in Deutschland zeigten (Jähnert/Breidenbach/Buchmann 2011: 33f.), ist es eben dieser gefühlte Return on Engagement, der Freiwillige in ihrem Engagement motiviert und der m.E. nun auch den Schlüssel zur Förderung freiwilligen Engagements darstellt. Insbesondere, weil Stetigkeit und Dauer eines Engagements keine zwingenden Voraussetzungen für das Erleben dieses Returns darstellen — im Zuge steigender Mobilitäts- und Flexibilitätsanforderungen ist eher vom Gegenteil auszugehen (Petersen 2012: 60ff.) — scheint die Beschleunigung von Freiwilligenengagements im Sinne der biographischen bzw. nun situativen Passung (á la Fernsehen) durchaus angebracht.

Werner Kerschbaum, seines Zeichens stellvertretender Generalsekretär des österreichischen Roten Kreuzes, regte auf dem Münsteraner Zukunftskongress des DRK Ende vergangenen Jahres diesbezüglich an, Freiwilligenorganisationen metaphorisch als Flughäfen zu verstehen, bei denen (a) ein ständiges Kommen und Gehen und (b) ein striktes Management herrscht. Die Flugzeuge stellen in diesem Bild die Freiwilligen, die Lotsen im Tower das Freiwilligenmanagement dar. Insbesondere der Landeanflug war für Kerschbaum von besonderem Interesse. Auch ich will dieses Bild hier gern ‚ausmahlen‘. Dabei sei allerdings darauf hingewiesen, dass die Flugzeuglandung nicht losgelöst vom lotsenden Tower (dem Freiwilligenmanagement) und dem koordinierten Abflug (Starterlaubnis) gedacht werden kann.

Nach Hartmut Rosa ist die spät- oder postmoderne Identität eine nur noch situative (ebd. 2005: 352ff.). Die Konstruktion von Identität als Verknüpfung der eigenen Vergangenheit (Wer war ich?) mit der jeweils wünschbaren Zukunft (Wer will ich sein?) in der schrumpfenden Gegenwart des In-der-Zeit-Seins hat sich im Zuge der Modernisierung gewandelt. Wurden Identitäten in der Frühmoderne vor allem vor dem Hintergrund der Vergangenheit konstruiert, wurden sie in der klassischen Moderne zu einem Gestaltungsprojekt in der Lebenszeit. In der Spät- oder Postmoderne aber entzieht sich die Identitätskonstruktion mehr und mehr der räumlichen Umgebung und der materielle Struktur, sodass Identität zu einem Punkt zusammenschrumpft, von dem aus alle ‚Außenbeziehungen‘ gestaltet werden (ebd.: 377); Individualisierung par excellence.

Es ist eben dieser Punkt, auf den die postmoderne Identität zusammenschrumpft, der so trefflich zum Bild des Flugzeuges passt. Losgelöst von fester Struktur und ausgerüstet mit ermöglichender (nicht aber erzwingender) Technik entscheiden die jeweiligen Pilotinnen und  Piloten, wann sie mit wem wie Kontakt aufnehmen und ob sie wann und wo landen. Wie Roland Hitzler (1999) bzgl. neuer Gemeinschaften von „Existenzbastlern“ konstatiert, wird zur Landung in der Postmoderne nicht mehr verpflichtet sondern verführt, womit hier noch einmal die Konkurrenz angesprochen ist, der freiwilliges Engagement als eine Möglichkeit der Gestaltung frei zur Verfügung stehender Zeit ausgesetzt ist.

Nicht zum ersten Mal schlage ich für diese Verführung Online- und Micro-Engagements vor, die kein hohes Commitment erfordern und zeitlich wie inhaltlich sehr klar definiert sind. Für solche Engagementangebote braucht es zwar das lotsende Management im Tower, doch noch keine Landug, keine feste Struktur (Teams, Räumlichkeiten, Material usw.). Die freie Entscheidung, rasch wieder davon zu fliegen und sich anderenorts zum Landeanflug verführen zu lassen, bleibt erhalten, wobei der Return on Engagement zunächst ephemer (in ‚small crunches‘), später in längeren Episoden, verbunden mit fester Struktur erlebbar wird.

Fazit

Wenn die stagnierenden Engagementquoten in Deutschland Symptome der Beschleunigung in der Postmoderne sind, sind neue Wege zum freiwilligen Engagement gefragt, die nicht mehr nur biographisch sondern vielmehr situativ passen müssen. Soll auch jenen neuorientierten Individualisten das gute Gefühl des giving back möglich gemacht werden, müssen die Freiwilligenengagements so an deren Lebensweise angepasst werden, dass sie mindestens als ein gute, wenn nicht gar die beste Wahl erscheinen. Freiwilliges Engagement genießt in Deutschland durchaus hohes Ansehen, die Stimmung ist gut, doch wollen die traditionell zeitlich und inhaltlich unspezifischen, meist technikfernen Engagements nicht so recht zur Lebensweise des postmodernen Menschen passen; das freiwillige Engagement und Ehrenamt scheint damit immer noch viel zu teuer. Dass vor allem jungen Erwachsenen das Erleben des Returns on Engagement verwehrt bleibt, dürfte ihnen die Entscheidung für ein Ehrenamt nicht einfacher macheb. Wie soll man Handlungsoptionen gegeneinander abwägen, wenn man kein Gefühl für den erwartbaren Return hat?

Vorgeschlagen habe ich hier, Engagements so zu gestalten, dass sie in den individuellen Alltagsvollzug eingepasst werden können. Ergänzt mit weiteren Möglichkeiten des Engagierens, die die Freiwilligen mehr und mehr einbinden, ihnen mehr Gestaltungsspielraum und Verantwortung überlassen — so das positive Szenario — lässt sich langfristig der Bedarf an Ehrenamtlichen für Leitungs- und Führungspositionen decken. Doch auch das Negativszenario ist zu bedenken. Wenn es nämlich zutrifft, dass unsere Zeit so erlebnisreich wie erfahrungsarm ist, ist es durchaus vorstellbar, dass es niemals zu ‚Landung‘ neuer Freiwilliger kommt und der Bedarf an situativ passgenauen Micro-Engagements bis ins unermessliche steigt. Dann drohte die Stimmung unter den bereits Engagierten umschlagen, was auch sie dem Trend Micro-Volunteering folgen ließe — mit fatalen Folgen. Die Starts am Flughafen würden die Langen überwiegen; die einstmals gut gemeinte Strategie der Engagementförderung würde ins Gegenteil umschlagen und das Ende des Ehrenamts einläuten.

So schließe ich diesmal nicht mit einer These, sondern mit der Ankündigung, diese zwei Szenarien das nächste Mal gedankenexperimentell durchzuspielen. Vielleicht erweist sich das eine, das andere oder gleich alle beide als ziemlich unrealistisch …

Im ersten Teil meiner Reihe zur Zukunft des freiwilligen Engagements schrieb ich über die Beschleunigung in modernen Gegenwartsgesellschaften. Die Moderne, so der Befund, ist gekennzeichnet von größeren und kleineren Beschleunigungsschüben, die sich auf dreierlei Weise im Leben des post- oder spätmodernen Menschen manifestieren: Die technische Beschleunigung, die Beschleunigung des sozialen Wandels und die Beschleunigung des Lebenstempos. Hartmut Rosa (ebd.: 243ff.) zeigt, dass sich diese drei Ebenen in einem „Akzelerationszirkel“ gegenseitig antreiben und [e]ine wirkungsvolle Unterbrechung […] im Horizont der sich verselbstständigenden systemischen Prozesse der Moderne […] sehr unwahrscheinlich [ist]“ (ebd.: 255).

Die Beschleunigung in spät- oder postmodernen Gesellschaften, so habe ich im letzten Teil zu zeigen versucht, führt auf der Ebene des individuellen Erfahrens zu gefühlter Zeitnot, die einen hilfreichen Hinweis auf das „Warum“ der Diskrepanz zwischen hoher Engagementbereitschaft (37%) und tatsächlichem Engagieren (36%) gibt (zu den deutschen Engagementquoten siehe Gensicke/Geiss 2010). Da die Beschleunigung in der modernen Gegenwartsgesellschaft zu einer Schrumpfung des Zeitraums führt, der sich vom einzelnen als Gegenwart noch sicher überblicken lässt, fühlt sich der postmoderne Mensch schlicht nicht mehr in der Lage, längerfristige Engagements mit unspezifischen Anforderungsprofilen zu übernehmen. Insofern eben diese mehr oder minder unspezifischen Engagements aber typisch für die deutsche Freiwilligenarbeit sind, stellt sich die Angabe keine Zeit für ein Engagement zu haben als Symptom der Beschleunigung dar. Anstatt sich freiwillig für eine gute Sache, eine bessere Welt oder die eigenen Ideale einzusetzen, ‚entscheidet‘ sich der postmoderne homo oeconomicus lieber für Tätigkeiten, die zwar weniger geschätzt werden und weniger Befriedigung verschaffen, aber eben besser in das eigene Identitäts-Patchwork passen; der postmoderne Mensch sieht fern und surft im Social Web.

Mit Angelika Diez diskutierte ich in den Kommentaren diese Identitäts-Patchworks. Während Rosa behauptet, dass die Fragmentierung der postmodernen Erlebniswelt die Ausbildung stabiler Identitäten kaum noch vorstellbar macht, waren wir uns doch einig, dass Identitäten heute zwar nur noch stark fragmentiert zu beschreiben sind, sich aber dennoch als individuell sinnvoll und damit stabil erweisen. Angelika beschrieb dies mit den einzelnen Bildern eines Films, ich mit Gravitationsfeldern, die die Erlebnisse und Erfahrungen um ein (oder vielleicht auch mehrere) Issues kreisen lassen — ein bestimmtes Thema, eine Lebensqhilosophie etc.

Das Für und Wider unserer Vermutungen werde ich später noch einmal aufnehmen. Hier im Folgenden will ich zunächst nach Möglichkeiten friktionslosen Freiwilligenengagements suchen. Als These notierte ich dafür im letzten Teil, dass die Engagementförderung dem Vorbild des Fernsehens folgen sollte und eine ganze Bandbreite von unterschiedlich aufwändigen Engagements möglich machen muss“ — vom langfristigen, anspruchsvollen Commitment bis zum sporadischen Hosentaschenenagegement für zwischendurch.

Kostenloses Engagement!?

Der Schwerpunkt dieses zweiten Teils liegt also nicht auf den Arbeitsleistungen Freiwilliger, die für Nonprofits vermeintlich kostenlos sind, sondern auf der möglichst friktionslosten Gestaltung des Freiwilligenengagements. Speziell die Einstiegsoptionen in den Freiwilligensektor, so die Grundannahme, dürfen den Interessierten nicht mehr abverlangen, als das, was sie eigentlich tun wollen. Wer helfen oder sich einbringen will, sollte es zunächst einfach tun können, ohne vorher oder währenddessen zusätzliche Aufwendungen leisten zu müssen; der Return on Engagement sollte dementsprechend höher sein, als die Aufwendungen, die dafür nötig sind. Wie Brigitte Reiser festhält, sind hier also eher Hosts als Helden gefragt.

Bei oberflächlicher Betrachtung scheint die Gestaltung kostenlosen Ehrenamts schon längst im Gange. Zumindest die tatsächlichen Aufwendungen für die Ausübung eines freiwilligen Engagements werden schon häufig erstattet (Fahrtkosten, Arbeitsmaterial und -kleidung etc.). Zudem wurde im Zuge der Entbürokratisierung 2007 — übrigens auch Symptom der Beschleunigung (Rosa 2005: 323ff.) — eine steuerfreie Ehrenamtspauschale von 500 € p.a. (§ 3 Nr. 26 a EStG) eingeführt, die die Quote pauschaler Aufwandsentschädigungen im freiwilligen Engagement von sieben auf zehn Prozent ansteigen ließ (Jähnert/Breidenbach/Buchmann 2011: 48). Es ist nicht auszuschließen, dass die Möglichkeit pauschaler Aufwandsentschädigungen im Dritten Sektor immer mehr als Anreizsystem für das freiwillige Engagement missverstanden wird, was wiederum tief blicken lässt: Trotz der verbesserten Möglichkeit keine — oder zumindest keine direkten — finanziellen Einbußen durch das Ehrenamt zu haben, stagniert die deutsche Engagementquote seit den 1990er Jahren (Petersen 2012: 53f.). Insbesondere traditionelle Dritt-Sektor-Organisationen klagen über fehlenden Nachwuchs für zu besetzende Ehrenämter, obwohl sie es eigentlich sein müssten, die Ehrenamts- und Übungsleiterpauschalen zahlen und tatsächlich entstandene Aufwendungen entschädigen können.

Das Problem, vor dem die deutsche Engagementförderung also steht, ist, dass das Ehrenamt dem postmodernen Menschen immer noch viel zu teuer scheint. Nicht etwa, weil er (oder sie) nicht bereit wäre, in eine gute Sache zu investieren (vgl. jährliches Spendenvolumen in Deutschland), sondern, weil viel zu oft versteckte Kosten hinter einem Engagementangebot vermutet werden. Versteckte Kosten, die sich nicht in finanziellen Messgrößen wiedergeben lassen und damit nur sehr schwer verhandelbar sind.

Einen nützlichen Hinweis auf diese versteckten Kosten geben Jürgen Habermas und Hartmut Rosa gleichermaßen. Habermas schließt aus der systemischen Verselbstständigung eine strukturell generierte Verantwortungslosigkeit, die jedes einzelne System „unsensiebel für die Kosten [macht], die es für andere Systeme erzeugt“ (ebd. 1992: 417). In Anschluss an Lewis A. Coser spricht Rosa dementsprechend von „gierigen Organisationen“ (ebd.: 2005: 304), die nicht nur einen Teil der Zeit eines Menschen in Anspruch nehmen ‚wollen‘, sondern der Tendenz nach ungeteilter Aufmerksamkeit verlangen (ebd.: 304f.). Eben dieser tendenziell totalitäre Anspruch auf frei zur Verfügung stehende Zeit, der auch aus anderen Gesellschaftsbereichen (Familie, Schule, Erwerbsarbeit) bekannt ist,  wird — so lässt sich an dieser Stelle vermuten — häufig als Okkupationsversuch des eigenen Lebens wahrgenommen und dementsprechend gegen den zu erwartenden Return abgewägt.

Siegfried Bühler (2010: 34f.) sieht eben diesen Prozess des Abwägens als wesentlichen Punkt bei der Entscheidung für ein freiwilliges Engagement. Ihm zufolge determinieren insbesondere die Variablen (a) Wahrnehmung einer Handlungsalternative wie z.B. eines freiwilliges Engagement, (b) die Einschätzung der Realisierbarkeit dieser Handlungsalternative und (c) die Abwägung gegen andere Alternativen als ‚die beste‘ die Entscheidung für die Aufnahme eines Freiwilligenengagements. Über die Variable (a) wird bereits viel gesprochen, über die Variablen (b) und (c) hingegen nicht. Ungeachtet des Konkurrenzdrucks, der dadurch entsteht, scheint es, als würden Engagementangebote allein nach dem Bedarf der Freiwilligenorganisationen ‚gestrickt‘ und einfach gehofft, dass das Engagement schon für irgendjemanden passen wird. Wie gezeigt, schließt dieser Bedarf auch die unsensible Okkupationstendenz gieriger Organisationen ein, weshalb zeitlich und inhaltlich unspezifische Engagementangebote in der deutschen Freiwilligenarbeit so typisch sind.

Da nun aber angesichts stagnierender Engagementquoten die Vermutung nahe liegt, dass das „Freiwilligen-Markt“ (Neumann 2012:11f.) für diese Art von Engagements bereits ausgeschöpft ist, müssen neue Wege des freiwilligen Engagements gegangen werden, die sich nicht mehr nur an den Bedarfen der Organisationen ausrichten, sondern diese auf empathische Weise mit den Bedarfen potentieller Freiwilliger in Einklang bringen. Insofern geht es also viel mehr darum, das gute Gefühl des giving back möglich zu machen und so den von vielen Freiwilligen bestätigten Return on Engagement erlebbar zu machen. Das Erleben dieses Returns aus freiwilligen Engagement ist dabei deshalb so wichtig, weil die Versprechungen von Gemeinschaft, Spaß, Kompetenzerwerb und Wirkung viel zu abstrakt sind, als dass man mit ihnen das traditionelle Ehrenamt ‚vermarkten‘ könnte.

Fazit

Vor dem Hintergrund der Beschleunigung in post- oder spätmodernen Gesellschaften sowie der Stagnation der deutschen Engagementquoten scheinen traditionell zeitlich und inhaltlich unspezifische Engagementangebote, wenn sie überhaupt wahrgenommen werden und realistisch erscheinen, für ein Gros der Deutschen nicht die ‚beste Alternative‘ zu friktions- und (mithin) folgenloser Kurzweil. Mit Freund!nnen und Bekannt!nnen über Facebook & Co.  zu chatten oder Statusmeldungen, Tweets und Blogposts zu kreieren, fern zu sehen oder Sport zu treiben scheinen eher die Freizeitbeschäftigungen der Wahl zu sein; freiwilliges Engagement und Ehrenamt wird damit mehr und mehr zum Sonderfall.

Dabei ist es mitnichten so, dass der individuelle ‚Nutzen‘ freiwilligen Engagements verkannt würde. Vielmehr wird dem Ehrenamt (als höchsten Ausdruck der Sozialmoral [Gensicke 2011: 171]) einiges an Bedeutungs- und Befriedigungspotential beigemessen, was sich aber eben nicht in den Quoten tatsächlich engagierter und damit der zivilgesellschaftlichen ‚Durchschlagskraft‘ widerspiegelt. Die These, die ich das nächste Mal wieder aufnehmen will, lautet dementsprechend: Engagementförderung besteht nicht darin, abstrakte Versprechungen vom Ehrenamt zu vermarkten, sondern darin, den Return on Engagement erlebbar zu machen.

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