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Zivilgesellschaft

Es ist Sonntag. Die Mittagsstunde rückt näher. Ich sitze an meinem Küchentisch und habe die Frühstücksutensilien immer noch nicht weggeräumt. Ich hatte mir gedacht, ich schaue erstmal in meine E-Mails und räume ein bisschen die private Inbox auf. Unter der Woche komme ich einfach nicht dazu. Mitten in der begonnen Putzaktion lächelt mich ein Google Alert frech an und wischt mir die restliche Hausarbeit sauber von der Prioritätenliste: Auf defacto.expert hatten Maximilian Filsinger und Markus Freitag einen Artikel zu „Digitalisierung und Zivilgesellschaft“ veröffentlicht.

Markus Freitag ist Professor für politische Soziologie in Bern und als langjähriger Leiter des Schweizer Freiwilligenmonotors eine durchaus ernst zu nehmende Figur in der Zivilgesellschaftsforschung. Maximilian Filsinger ist ebenso von der Uni Bern. Er ist dort Doktorand am Institut für Politikwissenschaft und befasst sich unter anderem mit zivilgesellschaftlichem Engagement und generalisiertem Vertrauen („Sozialkapital“).

Internet versus Ehrenamt

Die Seite „DeFacto“ war mir neu und der Claim dazu – „belegt, was andere meinen“ – nicht ganz geheuer. Der Beitrag von Filsinger und Freitag allerdings machte einen anständigen Eindruck. Ganz so, als würde man sich bemühen, universitäre Forschung einem breiteren Publikum zugänglich zu machen. Und in der Tat lässt sich der Text gut lesen und am Ende findet sich ein Link zu einem ausführlicheren Artikel der Autoren in der Voluntas, einem wissenschaftlichen Journal zu Freiwilligenarbeit und Nonprofit-Organisationen.

Filsinger und Freitag schreiben in ihrem Beitrag darüber, wie die Internet- und Social Media Nutzung mit der Übernahme freiwilligen Engagements zusammenhängt. Sie gehen dabei – und da passt der DeFacto-Claim dann doch ganz gut – von einem negativen Zusammenhang aus:

Wir untersuchen den Zusammenhang zwischen Internetnutzung und Vereinsengagement auf Grundlage einer zukunftspessimistischen Sichtweise, wonach Internetnutzung zu einer Abnahme sozialer Beziehungen in der realen Welt führt und somit soziale Isolation wahrscheinlicher macht. Diese Annahme basiert vor allem auf dem Gedanken, dass Freizeit als eine begrenzte Ressource zu verstehen ist, um die eine leicht zugängliche Internetaktivität und eine anspruchsvolle Freiwilligenarbeit konkurrieren.

Zwar lässt mich die These, dass die Internetnutzung soziale Beziehungen „in der realen Welt“ schwinden lässt, ein bisschen mit den Augen rollen, doch im Zusammenhang mit der Übernahme – nicht der Ausübung (!) – eines freiwilligen Engagements ist die Sache einen näheren Blick wert.

Diese Jugend! 

Zum Zusammenhang von Internet- und Social Media Nutzung im freiwilligen Engagement hatte ich ja an den Daten des Freiwilligensurveys 2014 gezeigt, dass es hier scheinbar keine negativen Effekte gibt. Ganz im Gegenteil! Freiwillig Engagierte, die das Internet und die Sozialen Medien in ihrem Engagement nutzen, investieren im Schnitt mehr ihrer Freizeit als jene, die das Internet in ihrem Engagement nicht nutzen.

Wie aber steht es um die Wahrscheinlichkeit überhaupt ein freiwilliges Engagement zu übernehmen, wenn diese Option der Freizeitgestaltung mit der Internet- und Social Media Nutzung konkurrieren muss?

Um das herauszufinden rechnen Filsinger und Freitag mit den Daten des Schweizer Haushalts-Panels, einer repräsentativen Längsschnittstudie vergleichbar mit dem Sozioökonomischen Panel in Deutschland, eine logistische Regression. Der Regressand (die abhängige Variable) ist dabei die Ausübung oder Nicht-Ausübung eines freiwilligen Engagements, die unabhängigen Variablen sind Alter sowie Intensität und Art der Internetnutzung.

Heraus kommt dabei unter anderem ein Graph, der zeigt, dass es wohl nicht ganz so einfach ist: Die Internetnutzung wirkt nicht per se negativ auf die Übernahme-Wahrscheinlichkeit eines freiwilligen Engagements. Bei älteren Menschen wirkt sie sogar positiv! Bei jüngeren Menschen allerdings scheint die These von der Konkurrenz zwischen Internet und Freiwilligenengagement zuzutreffen. Warum?

Quelle: Filsinger / Freitag

Daddeln statt Vereinsengagement

Filsinger und Freitag schreiben den negativen Effekt der Internetnutzung auf die Übernahme-Wahrscheinlichkeit eines freiwilligen Engagements vor allem unterschiedlichen Nutzungsarten zu. Soziale Meiden führen ihnen zufolge nicht in die Isolation sondern sind der Ausweitung sozialer Kontakte dienlich und machen so die Übernahme eines freiwilligen Engagements wahrscheinlicher.

Vernetzende Aktivitäten über das Internet verhindern eine soziale Abgeschiedenheit, da sie im Gegensatz zu reinen Streaming Plattformen wie Netflix, sozialen Austausch ermöglichen. Diese Internetnutzer sind somit nicht isoliert, sondern ergänzen ihre offline Beziehungen mit online Kontakten.

Wie so oft ist es also nicht die Quantität sondern die Qualität der Internetnutzung, die den Ausschlag gibt. Rein konsumierende Internetnutzung geht mit weniger Engagement einher als aktive Vernetzung. Insbesondere bei jungen Menschen scheint das zu gelten. Die daddeln halt den ganzen Tag! Vielleicht aber finden sie das olle Vereinsengagement der Erwachsenen auch einfach nur piefig. Klaus Farin zumindest scheint das so zu sehen!

tl;dr: Für junge Menschen ist das Netz attraktiver als Vereinsengagement. Think about it! 

Vor etwa einem Jahr habe ich hier im Blog zum ersten Mal über meine Arbeit im neu geschaffenen ‚Cluster‘ Soziale Innovation & Digitalisierung geschrieben. Ich habe immer noch keine Ahnung, was ein ‚Cluster‘ sein soll. Ich finde aber gut das es das gibt. Es ist ein sinnvolleres Wort als „Büro“. Bei einem „Büro für Soziale Innovation & Digitalisierung“ müsste ich automatisch an Zuständigkeit denken. Das hat in meinem alten Job – im „Büro für Internationale Freiwilligendienste“ – auch Sinn gemacht, die Zuständigkeit für soziale Innovationen und Digitalisierung aber lässt sich nicht zwischen vier Wänden einsperren. Es sind ja alle gefragt, die gesellschaftliche Transformation, die wir Digitalisierung nennen, mit Kreativität und Innovationsgeist, mit neuen Methoden und Denkweisen zu gestalten.

Was wir in unserem Cluster dazu beitragen können, ist Anregungen und Beispiele dafür zu poolen, sodass sich jedermann (und -frau) bedienen kann, um das eigene Themenfeld – ob das nun Kita oder Pflege, Jugendarbeit oder Behindertenhilfe ist – sinnvoll zu gestalten. Allein mit einem solchen Pool ist es freilich nicht getan! In der Praxis machen wir uns natürlich ‚zuständig‘ – vor allem dafür, den Wert alternativer Methoden oder Perspektiven, neuer Ansätze, Kooperationen und Netzwerkarbeit hervorzuheben und so auch zu pushen.

Ich sehe uns im Cluster Soziale Innovation & Digitalisierung schon als diejenigen, die ihre Anregungen und Beispiele, ihre Prototypen und Fuck-up-Cases in die Welt der Kitas oder Pflege, der Jugendarbeit oder Behindertenhilfe tragen. Das ist nicht immer (eigentlich nie) einfach! Zum Beispiel, weil wir auf gar keinen Fall sowas wie „Fuck-up-Case“ sagen dürfen …

Ansätze für Soziale Innovation

Über mein Verständnis von sozialer Innovation und ihrer gesellschaftlichen Verbreitung hatte ich hier im Blog geschrieben und mit Brigitte Reiser diskutiert. Mein Fazit: Soziale Innovation bezeichnet – wie auch die Digitalisierung – einen gesellschaftlichen Wandlungsprozess, der auf allen Ebenen – vor allem aber vor Ort – gestaltet werden kann. Ein paar Werkzeuge für diese Gestaltungsaufgabe haben wir im vergangenen Jahr gesammelt, erprobt und entwickelt:

  • Um die Performance von Ideengebern und Projekt-Verantwortlichen bei ihren Präsentation zu verändern, um anzufangen Bulletpoint-Wüsten und Power-Point-Karaoke den Garaus zu machen, für größere Bilder und weniger Text auf den Vortragsfolien adaptieren wir Pecha Kucha als Vortragsmethode.
  • Um dem immer hohen Bedarf nach kollegialem Austausch gerecht zu werden, um der nur passiven Aufnahme von Input etwas entgegen zu setzen und Freak Events zum New Normal werden zu lassen, entwickeln wir das BarCamp zum MachCamp und verbreiten es als alternatives Tagungsformat im Verband.
  • Um unsere Arbeitsmittel – vom Teamblog über die Webseite bis zur Präsentation – bestmöglich zu entwickeln, um nicht erst im öffentlichen Betrieb die wesentlichen Anpassungen vornehmen zu müssen und nicht zuletzt um fatale System-Crashs zu vermeiden arbeiten wir mit Prototypen und der (mehr oder weniger) ausdrücklichen Bitte, sie kaputt zu machen.

Erwartungsgemäß kamen Methoden wie das BarCamp im vergangenen Jahr etwas besser an als Pecha Kucha oder Prototyping. BarCamps sind, wenn man so will, serienreif und stoßen in der Wohlfahrtspflege mittlerweile auf große Ressonanz. Die Adaption dieses Tagungsformates für das DRK ist demnach sehr vielversprechend, die Verbreitung im Verband deshalb aber nicht weniger herausfordernd. Ein BarCamp ist ein Do-it-yourself-Format, für das es keine reine Lehre gibt. Wenn wir also die Wirkung von Bar- oder MachCamps über die Verbandsstrukturen skalieren wollen, reicht es nicht, einmal jährlich eine neue Auflage des Cross Media Day zu feiern. Die neuen Auflagen müssen wir mit immer neuen Leuten, Organisatoren und Moderatoren feiern!

Für das Prototyping und Pecha Kucha müssen wir noch ein bisschen werben. Hier experimentieren wir mit Story-Telling und neuen Workshop-Formaten sowie Schreib- und Bildwerkstätten. Aktuell arbeiten wir hierfür an greifbaren Beispielen, wie einer neuen Webseite, und fordern in Fortbildungsveranstaltungen zu Pecha Kucha anstelle der immer gleichen Präsentationen heraus.  

Wege in der Digitalisierung

Zur Digitalisierung hatte ich vor einem Jahr geschrieben, dass die Wohlfahrtspflege hier noch ganz am Anfang steht. Ich hatte ernsthaft überlegt, ob ich das so schreiben kann, bin aber der Ansicht, dass alles andere gelogen wäre. Aktuelle Themen der digitalen Gesellschaft wie „Big Data“, “Blockchain” „künstliche Intelligenz“ und „Robotik“ liegen für die klassische Wohlfahrt noch in weiter Ferne. Verbessert hat sich nach meinem Eindruck allerdings das Verständnis von Social Media und den Möglichkeiten, mit der postenden und twitternden Crowd umzugehen (Stichwort: Social Media Policy). Das ist natürlich ein guter Zugang zur Digitalisierung, die ja in erster Linie wohlbedachter Organisationsentwicklung bedarf, zeigt aber eben auch, dass hier noch ein weiter Weg zu gehen ist.  

Es ist nicht einfach, Neugierde auf die Digitalisierung als vor allem technisch getriebene Transformation der Gesellschaft  zu wecken. Entweder, so mein Eindruck, weil die konkreten Veränderungen weit ab der Lebensrealität vieler Praktiker geschieht oder, weil ganz intuitiv unüberwindbare Blockaden gegen die bloße Möglichkeit eigener Veränderung in Stellung gebracht werden.

Ein möglicher Weg für uns wäre es freilich, Krisen heraufzubeschwören. Wer aber schon mal versucht hat, mit Führungskräften aus der Pflege über mögliche Disruptionen (z.B. durch das BUURTZORG-Konzept) zu diskutieren, wird wissen, dass der Verlass auf die Behäbigkeit des Systems beinahe grenzenlos ist. Viel sinnvoller scheint es mir deshalb, den Weg über die Mythen, Geschichten und Narrative zur Digitalisierung in der Wohlfahrtspflege zu gehen. Zum einen schaffen wir damit den Nährboden für Ressonanz in der Verbandskommunikation, zum anderen können wir so die konkreten Fragestellungen für die Organisationsentwicklung identifizieren.

Weiter geht’s

Das vergangene Jahr stand für mich ganz im Zeichen des Aufbruchs. Gemeinsam haben wir tolle Veranstaltungen, wie das Forum Soziale Innovation, Insight DRK und den Cross Media Day organisiert. Ich habe dabei viele Menschen getroffen, die sich sehr für die Innovationsförderung und Digitalisierung im DRK und in der Wohlfahrtspflege interessieren und aktiv mitmischen wollen. Ich habe aber auch Menschen kennen gelernt, die das alles doof finden und dafür auch interessante Argumente haben.

In unserem Cluster und mit unseren Kolleg!nnen aus dem Generalsekretariat haben wir im letzten Jahr einige Hebel für den Wandel im DRK ausprobiert und mit dem einen oder anderen auch etwas bewegt. Mit zahlreichen engagierten aus dem ganzen DRK und von allen Verbandsebenen  haben wir gezeigt, dass BarCamp im DRK richtig gut funktioniert. Die nominierten Teams aus dem Ideenwettbewerb haben gezeigt, dass Pecha Kucha ziemlich cool mit Wohlfahrtsthemen zusammengeht und nebenbei einen wunderbaren Abend bei „Insight DRK“ gestaltet. Wir basteln an Prototypen und sammeln gute Erfahrungen damit. Und auch wenn es manchmal schneller gehen dürfte kommen wir auch beim Thema Digitalisierung voran.

Alles in allem also liegt ein gutes Jahr hinter uns. Ich gehe fest davon aus, dass ein weiteres gutes folgen wird. Herausforderungen gibt es schließlich genug. Zum Beispiel würde ich sehr gern noch viel mehr von den digital Jedis und Intrapreneurs aus dem DRK und von anderswo hören und lesen. Aktuell ist dafür ein Webinar-Format in Planung und eine Mailing-Gruppe in der Testphase. So richtig viel Ressonanz kommt aber noch nicht. Habt ihr Tipps oder Hinweise? Immer gern rein damit in die Kommentare.

Als ich neulich morgens las, was POTUS Trump gen Nord-Korea twitterte, kam ich nicht umhin, zumindest kurz an die atomare Apokalypse zu denken: Wer hätte gedacht, dass ich die live erleben würde …

Donald Trump ist so eine Figur unserer Zeit, finde ich. Er scheint mir das zu verkörpern, was vielen in den Sinn kommt, wenn es um Politik geht: Kampf und Krise, rechts gegen links, unten gegen oben, wir gegen die anderen … Doch regt sich Unbehagen! Glaubt man den Analysen Hartmut Rosas, sehnt sich der moderne Mensch nach Resonanz – nach einer gelingenden Anverwandlung von Welt, nicht nach wandelnden Krisenerscheinungen.

Bewegung & Gegenbewegung

Matthias Horx, Leiter des Frankfurter Zukunftsinsituts, konstatiert im Vorwort zu dessen diesjährigen Report, dass sich die „wahren Zukunftstrends“ als Gegenbewegungen gegen die Krisen der Zeit entwickeln. Mit Blick auf die allgegenwärtige Digitalisierung  drückte er das in einem Interview Ende letzten Jahres so aus:

Je mehr digitalisiert und vernetzt wird, desto mehr sehnen sich die Menschen nach Dingen zum Anfassen, nach Realität und schönem Design.

Zukunftstrends wider den Krisen unserer Zeit? Klingt gut! Doch vollzieht sich kultureller Wandel tatsächlich im Wechselspiel von Bewegung und Gegenbewegung? Meines Erachtens ist kultureller Wandel in modernen Gesellschaften vor allem durch das Streben nach Prestige (Norbert Elias), die  Akkumulation von Kapital (Pierre Bourdieu), den Kampf um Anerkennung (Axel Honneth) oder auch die Vergrößerung der Weltreichweite (Hartmut Rosa) gekennzeichnet. Dieses kämpfende Streben könnte man durchaus als (Grund-) Bewegung innerhalb der Gesellschaft ansehen, dessen Gegenstück dann die ebenso kämpferische Abgrenzung, Zurückweisung und Isolation ist.

Die von Horx ausgemachte Sehnsucht „nach Dingen zum Anfassen, nach Realität und schönem Design“ fügt sich gut in dieses Bild. Sie scheint im krassen Gegensatz zu dem unbehaglichen Mainstream zu stehen. Doch lässt sich daraus ein Zukunftstrend ableiten?

Vorhersagen & Orakelei

Bekanntlich sind Vorhersagen schwierig, vor allem wenn sie die Zukunft betreffen. Das skizzierte kämpferische Streben des Kulturwandels kann helfen, Entwicklungen nachzuvollziehen. Für konkrete Vorhersagen taugt es aber wenig. So könnte zum Beispiel diagnostizieren, warum dem Kulschel-Mainstream der Weltpolitik mit seinem großartigen Geschichtenerzähler Barack Obama die Trollerei nachfolgte. Sie versprach ein neues Gefühl zur Politik: Weniger einlullen lassen, mehr auf die Kacke hauen.

Doch war das eben nur eine von vielen möglichen Gegenbewegungen. Eine Bewegung hin zu mehr Fakten und Transparenz wäre ja auch möglich gewesen! Gleiches gilt für die Gegenbewegung zum heutigen Mainstream des um sich greifenden Unbehagens: Dass nach der Zeit twitternder Krisenerscheinungen die „Rache des Analogen“ (s.u.) folgt, ist auch nicht die einzige Möglichkeit.

Was sich im Allgemeinen also sicher voraussagen lässt, ist das sich über kurz oder lang etwas ändert. Das ist freilich ziemlich banal sicher aber auch einer der wesentlichen Gründe, warum es schon immer eine große Nachfrage nach Vorhersagen der Zukunft gab. Von den Orakeln von Delphi bis zu den Trendreports unserer Zeit ging es immer um zumindest ein gewisses Maß an Sicherheit in einer unbestimmten Zukunft. Die Lenkung der menschlich-selektiven Wahrnehmung dürfte dabei wohl die größten Leistungen der Orakel sein.

Resonanz & Entfremdung

Worauf Matthias Horx nun die Aufmerksamkeit lenkt, ist die Resonanz: „das große Prinzip unserer Tage.“ Die Resonanz, so hofft er, kann uns helfen, die Echo-Kammern des Internets zu überwinden und unser Unbehagen endlich loszuwerden. Die entsprechende Gegenbewegung markiert er mit Begriffen wie „Tugend“, „Moral“ und „Richtung“, „Utopie“ und „Design“, „Körper“, „Geist“ und „Seele“.

Allesamt passen sie ganz prächtig zum Konzept der Resonanz – einer Beziehung sich antwortender gegenüber, in der beide Seiten mit eigener Stimme sprechen und so in der Lage sind, sich gegenseitig anzuverwandeln.

Was ist Resonanz? Resonanz ist durch Af<–fizierung und E–>motion, intrinsisches Interesse und Selbstwirksamkeitserwartungen gebildete Form der Weltbeziehung in der sich Subjekt und Welt gegenseitig berühren und zugleich transformieren.

Resonanz ist kein Echo-, sondern eine Antwortbeziehung; sie setzt voraus, dass beide Seiten, mit eigener Stimme sprechen, und dies ist nur dort möglich, wo starke Wertungen berührt werden. Resonanz impliziert ein Moment konstitutiver Unverfügbarkeit.

Resonanzbeziehungen setzten voraus, dass Subjekt und Welt hinreichend ‚geschlossen‘ bzw. konsistent sind, um mit eigener Stimme zu sprechen und offen genug, um sich affizieren oder erreichen zu lassen.

Resonanz ist kein emotionaler Zustand, sondern ein Beziehungsmodus. Dieser ist gegenüber dem emotionalen Inhalt neutral. Daher können wir traurige Geschichten lieben.

Resonanz beschreibt Hartmut Rosa als mehr denn widerspruchslose Symbiose oder bloßes Echo. Resonanz ist ein Beziehungsmodus von Subjekt und Welt, der dem der Entfremdung — von einer indifferenten oder gar feindlich (repulsiven) Welt — gegenüber steht.

Was ist Entfremdung? Entfremdung bezeichnet eine spezifische Form der Weltbeziehung, in der Subjekt und Welt einander indifferent oder feindlich (repulsiv) und mithin innerlich unverbunden gegenüberstehen. Daher kann Entfremdung auch als Beziehung der Beziehungslosigkeit (Rahel Jaeggi) bestimmt werden.

Entfremdung definiert damit einen Zustand, in dem die ‚Weltanverwandlung‘ misslingt, so dass die Welt stets kalt, starr, abweisend und nichtresponsiv erscheint. Resonanz bildet daher ‚das Andere‘ der Entfremdung – ihren Gegenbegriff.

Depression/Burnout heißt der Zustand, in dem alle Resonanzachsen stumm und taub geworden sind. Man ‚hat‘ beispielsweise Familie, Arbeit, Verein, Religion etc., aber sie ‚sagen‘ einem nichts: Es findet keine Berührung mehr statt, das Subjekt wird nicht mehr affiziert und erfährt keine Selbstwirksamkeit. Welt und Subjekt erscheinen deshalb gleichsam als bleich, tot und leer.

Doch wird 2018 nun das Jahr der Resonanz? Wird es ein „Comeback der Tugenden“ geben? Werden richtungsweisende Utopien formuliert und verfolgt? Und wird dem Dreiklang aus Körper, Geist und Seele mehr Beachtung geschenkt werden? Kurz: Wird 2018 alles gut? 

Bei meiner recht regelmäßigen Blog- und News-Lektüre zu sozialer Innovation fällt mir immer wieder auf, dass über soziale Innovation im Rahmen sehr unterschiedlicher mentaler Modelle[1] gesprochen wird. So auch kürzlich im Beitrag von Brigitte Reiser zu hybriden Sozialräumen und den damit verbunden Aufgaben für die Wohlfahrtspflege. Nach einer sehr richtigen Darstellung dessen, was Wohlfahrtsverbände aktuell alles vor sich haben und aus was sich der Staat nicht zurückziehen darf, weist sie darauf hin, dass zahlreiche zivilgesellschaftliche Initiativen – „im Unterschied zu den Verbänden“ – nicht auf staatliche Förderung gewartet haben, bevor sie sich der Digitalisierung zuwandten und kritisiert damit die „Innovationskraft der Verbände“.

Das mentale Modell von sozialer Innovation scheint mir hier die des Voran- und Vorausgehens zu sein, das ich gern mit dem der produktiven Avantgarde beschreibe – zum Beispiel mit Blick auf die Verbreitung des Online- und Micro-Volunteering. Für mich ist dieses Voraus- und Vorangehen allerdings nicht hinreichend, um als soziale Innovation zu gelten, wenngleich es – das sei hier auf jeden Fall betont – eine sehr wichtiger Baustein dafür ist!

Was ist soziale Innovation?

Die Diskussion um die Innovationsfähigkeit wird im Kontext der Marktwirtschaft schon länger geführt. Hier gilt sie mittlerweile als ein Garant für Wettbewerbsfähigkeit. Gleichwohl der Zusammenhang zwischen der Innovationsfähigkeit eines Unternehmens und dessen marktwirtschaftlichen Erfolg nicht unumstritten ist, gilt der Schumpeter’sche Dreischritt aus Invention, Innovation und Diffusion doch als brauchbares Analysemodell, das auch für eine Definition sozialer Innovation taugt.

Kreisdarstellung des Dreischritts sozialer Innovation

Soziale Innovation als Dreischritt von Invention, Innovation und Diffusion

Invention

Die Invention als Prozess der Entwicklung neuer Ideen und Konzepte ist im marktwirtschaftlichen wie im zivilgesellschaftlichen Kontext der erste Schritt zur Innovation. Diese Invention hat weniger mit dem Mythos des Newton’schen Apfels gemein als man denken möchte. Selbstverständlich kann Neues zufällig entstehen und durch aufmerksame Beobachtung entdeckt werden. Neues lässt sich aber auch in methodisch geleiteten Prozessen ‚erzeugen‘, bei denen Fachwissen und Praxiserfahrung – nicht Langeweile und Obstbäume – die wesentlichen Voraussetzungen sind. Meines Erachtens haben methodisch geleitete Prozesse das größere Potential als die zufällige Entdeckung. Im Falle sozialer Innovation geht es schließlich um die zielgerichtete (Neu-) Konfigurierung sozialer Praktiken, Prozesse und Strukturen und nicht die Entwicklung durch Zufall.

Innovation

Das im Prozess der Invention entdeckte oder entwickelte Neue muss im zweiten Schritt zu sozialer Innovation von den Adressaten Nutznießern als Verbesserung des Status Quo anerkannt werden. Wie auch bei Kreativität (Mihaly Csikszentmihalyi), handelt es sich bei Innovation um ein systematisches, kein individuelles Phänomen: Man kann man unmöglich wissen, ob eine Idee neu und wertvoll ist – man ist auf die Einschätzung anderer angewiesen, die man freilich gleich mit in die Weiterentwicklung der Innovation einbeziehen kann. Bei der sozialer Innovationen sind diese ‚anderen‘ freilich in aller erster Linie die Nutzenden, aber auch Finanziers und Fördermittelgeber erheben Inventionen mithin zu Innovationen (… und irren sich dabei in schöner Regelmäßigkeit). 

Diffusion

Wird eine Invention als Innovation anerkannt, kann sie im Sinne der angedachten (Neu-) Konfiguration sozialer Praktiken wirken. Voraussetzung dafür ist freilich, dass das Angebot, die Prozesse oder Strukturen überhaupt aufrechterhalten (finanziert!) werden können. Wirkt etwas Neues nun aber einmal, ist dritte Schritte auf dem Weg zu sozialer Innovation diese Wirkung zu steigern. Die Rede ist hier freilich von Skalierung[2], die mit der Ausweitung des Aktionsradius und der Erschließung neuer „Märkte“ oder über den Transfer mit der Einrichtung neuer Standorte und der Weitergabe von Wissen organisiert werden kann (siehe hier) – erst wenn das gelingt, spreche ich von sozialer Innovation.


Dieser modellhafte Dreischritt zu sozialer Innovation ist natürlich vor allem eins: modellhaft! Er findet nicht im luftleeren Raum – heißt nicht ohne die jeweiligen Kontextbedingungen – statt. Soziale Innovationen sind schließlich nur sehr selten vollständig selbst entwickelte Neuerungen. Sie sind meist Adaptionen oder Fortentwicklungen bereits diffundiertem und entsprechend oft nur im jeweiligen Kontext neu.

Das BarCamp als dem OpenSpace recht ähnliches Veranstaltungsformat, ist dafür ein gutes Beispiel: Als Gegenveranstaltung zu Tim O’Reilly’s Foo Camp aus der Taufe gehoben (Invention) kam das Format mit seiner klaren Ausrichtung auf themenoffenen Austausch gut an (Innovation) und wurde bald auf der ganzen Welt veranstaltet (Diffusion). Das BarCamp-Format ist also eine soziale Innovation, das seinerseits wieder angepasst und damit Ausgangspunkt weiterer sozialer Innovationen geworden ist – hierfür ist wohl die SocialBar als strukturierter Stammtisch ein gutes Beispiel …  

Zum Schluss: Die Rolle der produktiven Avantgarde

Ich denke, es ist sehr wichtig, sich über mentale Modelle der zentralen Sujets eines Diskurses zu gründlich zu verständigen. Erfahrungsgemäß – ich denke an die Diskussionen um neue Formen des Ehrenamts – ist das nicht einfach aber lohnend. Die Klarheit über die zu Grunde liegenden zentralen Annahmen, Vorstellungen und Bilder macht das gegenseitige Verständnis einfacher und fördert den Dialog, statt des immer vehementeren Diskutierens.[3]

Die produktive Avantgarde, zu der ich mich im Bereich des digitalen Ehrenamts einfach mal selber rechne, hat für die Weiterentwicklung der Wohlfahrtspflege sicher wertvolle Vorarbeit geleistet. Es wurden Erfahrungen gesammelt, Instrumentarien und Methoden entworfen, Fragestellungen formuliert und alternative Herangehensweisen erprobt, die in der Wohlfahrtspflege heute wieder neue Entwicklungen anstoßen oder auch Grundlage für weitere soziale Innovation sind. Innovationen übrigens, die sich besser im Dialog als in der Diskussion entwickeln lassen.

Was die Rolle produktiver Avantgardisten anbelangt, glaube ich, dass sie – wenn sie nicht mehr Neues entwickeln und erproben wollen – sich auf den dialogischen Support, auf die kooperative Zusammenarbeit statt Besserwisserei und Innovations-Handel konzentrieren sollten. Aus eigener Erfahrung weiß ich, dass das nicht einfach ist, glaube aber, es lohnt.


[1] „Mentale Modelle sind tief verwurzelte Annahmen, Verallgemeinerungen oder auch Bilder und Symbole, die großen Einfluss darauf haben, wie wir die Welt wahrnehmen und wie wir handeln“ (Senge 2008: 17)

[2]  „Skalierung bedeutet,[…] die soziale Wirkung, die ein Sozialunternehmen auf Basis seines operativen Modells generiert, möglichst effizient und effektiv zu steigern“ (Bertelsmann Stiftung 2013: 11)

[3] Dazu hier mal ein etwas schnulziger anmutendes Stück Internet: „Über die Schönheit des Dialogs“

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