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Zivilgesellschaft

Was für eine Woche!! Es ist Sonntag, ich sitze auf meiner Couch. Leise läuft das Radio und ich schwelge so vor mich hin. Revue passieren lasse ich ein paar Schlaglichter aus der vergangenen Woche. Es war – zugegeben – so eine #lebenamlimit-Woche mit Konferenzen in Bonn und Berlin, haufenweise Krimskrams auf dem Schreibtisch und einer Geburtstagsfeier am Wochenende, die ich nicht verpassen wollte. Alles picke-packe voll also, wie das im Herbst oft so ist. Zwei Highlights allerdings unterschieden diese Woche von anderen Wochen im Herbst: der Projekte-Pitch für das Innovationslabor und der erste Cross Media Day des DRK.

Insight DRK – der Projekte-Pitch zum Innovationslabor

Vom Innovationslabor, diesem  drei-jähriges Lern- und Experimentierprojekt in der DRK-Wohlfahrtspflege, hatte ich ja hier schon berichtet und kurz den Auftakt sowie den Projekte-Pitch erwähnt. Der Auftakt zur Innovationsförderung im DRK – das Forum Soziale Innovation im Juni dieses Jahres – war schon richtig gut und vom Setting in einem der D-Spaces des HPI-Potsdam, mit 360-Stream und Video-Dokumentation für die DRK-Wohlfahrt auch sehr innovativ. Bei der Vorstellung der für das Innovationslabor des DRK nominierten Projekte am vergangenen Donnerstag im Quartier Zukunft der Deutschen Bank ging es allerdings noch einmal ganz anders zu!

Eingeladen hatten wir unter dem Motto „Insight DRK“, was, weil es für die Wohlfahrtspflege schon ziemlich Englisch ist, mit dem Untertitel „Ideen für soziale Innovation in der Sozialwirtschaft“ ‚übersetzt‘ wurde. Die zehn für das Innovationslabor nominierten Projekte sollten den Teilnehmenden aus der (Sozial-) Wirtschaft und dem Social Entrepreneurship authentische Einblicke in das DRK und die Gelegenheit bieten, mit Ideengebern und Innovatoren aus dem Verband ins Gespräch zu kommen.

Besonders an diesem Abend war nun, wie die nominierten Teams ihre Projektideen vorgestellt haben. Um zu lange Ergüsse über Unwesentliches zu vermeiden und mit zehn Projektvorstellungen einen kurzweiligen Abend zu gestalten, hatte ich die Nominierten Ende September gebeten, Präsentationen mit maximal 20 Powerpoint-Folien vorzubereiten, wobei jede Folie nur 20 Sekunden angezeigt wird. Die Idee dazu kam mir bei einem Pecha-Kucha-Abend im Heimathafen Neukölln, den ich äußerst kurzweilig fand. Alle Pecha-Kucha-Regeln allerdings wollte ich den Nominierten nicht zumuten. Es sollte schließlich viel Raum für kreative Ausgestaltung bleiben, der von den Teams auch gut genutzt wurde.   

Cross Media Day – das erste BarCamp im DRK

Der Cross Media Day am Samstag war das zweite Highlight dieser Woche. Auf BarCamps treibe ich mich nun schon seit einigen Jahren herum und ich habe auch schon den einen oder die anderen DRKler auf solchen „Unkonferenzen” getroffen. Im Verband allerdings ist dieses Format weitgehend unbekannt und blieb bislang entsprechend ungenutzt. Im Mai dieses Jahres stand nun aber die Entscheidung fest: Das soll sich ändern!

Mit dem Ziel Innovatoren, digital Interessierte und Social Media Kommunikatoren aus dem gesamten DRK zusammen zu bringen und zu praktischem do-it-your-self zu motivieren, haben wir – ein fünf-köpfiges Orga-Team und zahlreiche Helferinnen und Helfer aus dem DRK-Generalsekretariat – den ersten Cross Media Day des DRK auf die Beine gestellt. Auch keine ganz banale Sache! Etwa sechs Monate Vorbereitung und geduldiges Erklären des Formates sind zuvor ins Land gegangen – ohne die Unterstützung der ‚Führungsetage‘ und deren festen Willen, sich selbst auf ein solches Experiment einzulassen, wäre das nicht gelungen.

Den Cross Media Day am Samstag nun, werte ich als ein vollen Erfolg! Nebst BarCamp mit sportlich-disziplinierter Session-Planung (inkl. Begrüßung und Vorstellungsrunde nur 45 min!), 18 sehr unterschiedlichen und größtenteils sehr lebhafter Sessions sowie den üblichen Querelen (#WLAN) war unsere MachBar gut frequentiert. Hier konnten die Teilnehmenden unterschiedliche Techniken kennenlernen und selbst testen. Neben dem virtuellen Rettungswagen und einem kleinen VR-Spiel zu Forecast Based Financing, standen hier Foto-Bearbeitung und Videoschnitt, Mapping im Katastrophenschutz und Amazone Alexa zum Ausprobieren bereit. 

Weiter geht’s – und wie

Der Bedarf nach neuen Formaten des Austauschs und der Vernetzung ist im DRK riesengroß. Sowohl die persönlichen Gespräche mit den Nominierten bei Insight DRK als auch die Sessions auf dem Cross Media Day machten das deutlich. Ich bin mir sicher, dass wir diesen Weg auch weiter gehen sollten – nicht nur mit neuen Formaten für Präsenz-Veranstaltungen sondern auch in Video-Konferenzen und virtuellen Gruppen. Die auf dem Cross Media Day angebotenen Sessions geben uns wertvolle Anhaltspunkte dafür, welche Themen aktuell unter den Nägeln brennen.

Sicher wird dieser Weg nicht ohne Hürden sein, doch die ersten Schritte nicht zu gehen, weil die dritten, vierten oder fünften vielleicht ‚schwierig‘ sein könnten, finde ich ziemlich daneben. Genauso daneben übrigens wie den Versuch, Formate wie BarCamp oder Pecha-Kucha vollständig – so wie es vermeintlich ‚richtig‘ ist – auf das DRK und seine doch eigene Kultur zu übertragen.

Morgens nach dem Frühstück nehme ich immer mein Smartphone in die Hand und schaue, was so los ist auf Twitter und auf Facebook. Wäre ich älter würde ich vielleicht die Treppe runter gehen und irgendeine Zeitung aus dem Briefkasten holen, wieder hoch tapsen und den einen oder anderen Artikel lesen. Vielleicht hätte ich auch schon einen Bezahl-Account bei ZEIT online, SPON oder der BILD.de und würde mir den Gang sparen. Ich bin aber noch nicht reif für täglich Print und so habe ich auch am Sonntagmorgen mein Smartphone angemacht und bin bei Facebook auf den Beitrag von Hendrik Epe gestoßen — er hatte mich in einem Beitrag, den er in der Gruppe “SozialunternehmerInnen” hinterließ markiert.

Hendrik fragt, ob wir denn Innovation Labs, Hubs, F+E Abteilungen oder sonst was in Sozialunternehmen brauchen. Wer Hendriks Blog kennt, weiß, dass das keine bloß rhetorische Frage ist. Da er nun aber in seinem Facebook-Beitrag nach meiner Meinung gefragt hat, will gern etwas zu der Diskussion beitragen.

das kleine Wörtchen ‘auch’ – #framing

Eigentlich habe ich natürlich gar keine Zeit dafür. Ich stecke mitten in meinen Urlaubsvorbereitungen. Am kommenden Wochenende ziehe ich mit meiner Freestyle-Crew  “Slalomplace” zum zweiten Mal die Inline Games im Sportpark Neukölln durch — ein internationales Inline-Skating-Turnier mit rund 120 Gästen aus 17 verschiedenen Nationen, die sich an drei Tagen in sechs verschiedenen Disziplinen miteinander messen wollen (Livestreaming und Social Media Newsroom inklusive!).

Anyway! Hendrik kommt zu dem Schluss, dass es Innovationslabore braucht, um das Thema “Innovation” auch in der Sozialwirtschaft zu einem großen Thema zu machen. Sein Beitrag ist wirklich lesenswert! Er antwortet nicht einfach mit “Ja” sondern stellt die Vor- und Nachteile dar, die auch in meiner Welt so oder so ähnlich immer mal wieder auftauchen:

  • Endlich gibt es jemanden, der sich um soziale Innovation kümmert! VERSUS Zum Glück ist dieser Kelch an mir vorbei gegangen.
  • Jetzt bekommen wir endlich mal raus, wie wir sozial innovativer werden können! VERSUS Wasch’ mich aber mach mich nicht nass.
  • Zum Glück gibt es nun einen Ansprechpartner für supercoole Ideen, die so Verbände unbedingt brauchen VERSUS Die haben gar keine Ahnung, was wir eigentlich machen.

Was ich nun zur Diskussion beitragen will, ist ein kleiner aber recht grundlegender Hinweis: Das Wörtchen “auch” ist im Kontext von Innovationsförderung in der Sozialwirtschaft meines Erachtens komplett fehl am Platz!

 Aber: Brauchen nicht auch soziale Organisationen entsprechende Abteilungen, Labs, Hubs?

“Soziale Innovation” kommt von “Soziale Arbeit” – #isso

Klar! Jetzt kommt der über ein halbes Jahrzehnt Verbandssozialisierte und erklärt, dass die Träger der freien Wohlfahrtspflege schon seit Jahr und Tag soziale Innovationen hervorbringen und das nicht erst tun, seit dem die Industrie-Sau 4.0 quiekend durchs Dorf getrieben wird. Sie tun es! Sie tun es aber leider viel zu oft im Stillen, ohne viel Publicity, schöne Webseiten und öffentliche Auszeichnungen. Es ist nämlich ihr Beruf. Ein Beruf, der ihnen kaum Zeit lässt für breitbeiniges Gehabe … Okay, um bei der Wahrheit zu bleiben, viel zu oft sehen sie ‘breitbeiniges Gehabe’ auch nicht als ihre Aufgabe. Meist differenzieren sie Probleme bis zu Unkenntlichkeit aus oder suchen sich Anerkennung in abseitigen Nischen (Man erkennt, dass ich von mir selber rede, oder?)

Fakt ist, dass die Sozialwirtschaft in Deutschland schon immer soziale Innovationen hervor gebracht hat und weiter hervorbringt. Schon deshalb ist das Wörtchen “auch” an dieser Stelle nichts weiter als Kleinmacherei. Kleinmacherei übrigens, die das recht übersichtliche Selbstbewusstsein der Profession Sozialer Arbeit nicht unbedingt wachsen lässt.

Ein zweiter Punkt, warum ich meine, dass das Wörtchen “auch” hier fehl am Platz ist, ist meine Überzeugung, dass Organisationen der Sozialwirtschaft nicht wirklich gut daran tun, Marktwirtschaft zu spielen. Die Sozialwirtschaft ist nämlich nicht Marktwirtschaft. Selbstverständlich gibt es hier wie dort Konkurrenz, die prinzipielle Kooperationsfähigkeit über Organisationsgrenzen hinweg ist in der Sozialwirtschaft aber wesentlich breiter angelegt als in der Marktwirtschaft, wo sie auf gemeinesame Spezialinteressen (meist die Externalisierung von Kosten) beschränkt bleibt.

Und genau hier, glaube ich, müssen Innovatoren in der Sozialwirtschaft wirken. Ob nun Einzelpersonen daran arbeiten oder ganze Abteilungen, es muss darum gehen, einen eigenen Weg sozialer Innovation in der Sozialwirtschaft zu finden — Projekt- und Ideen-Transfer inklusive. Die Instrumente (Innovationslabore, -hubs und F+E Abteilungen) und Methoden (Design Thinking, Lean Start-Up oder Reverse Mentoring), die dafür bei der Telekom, bei Daimler oder Bosch zum Einsatz kommen, können dafür durchaus näher in Augenschein genommen werden. Im Sinne empirischer Forschung — schöne Grüße an deine Studies Hendrik — ist aber nicht gesagt, dass sie, nur weil sie bei der Telekom vermeintlich Wunder bewirken, dies auch beim Deutschen Roten Kreuz, bei der Caritas oder bei der Diakonie tun müssen.

Change as new normal – #wakeup

Aktuell scheint mir ein neuer Wind durch die Sozialwirtschaft zu wehen. Soziale Innovation und Digitalisierung — Themen, die lange ziemlich abseitig behandelt worden — rücken in den Fokus. Das ist selbstverständlich so, weil die die Industrie- und Arbeit 4.0 Debatte in den letzten Jahren mit lautem Gequieke für die rechte Aufmerksamkeit gesorgt hat. Das allerdings muss nicht heißen, dass die Sozialwirtschaft jetzt auch laut grunzen muss. Hahnen-Krähen wäre toll! Denn manche müssen noch geweckt werden … Aber aufstehen müssen, weil der Nachbar auch schon bei der Arbeit ist? Neee!

Den Drive hin zu Veränderung — zum “change as new nomal” — sehe ich als große Chance für die Profession Sozialer Arbeit. Eine Chance, die weithin sichtbaren gesellschaftliche Herausforderungen, wie den tiefen digitalen Graben zwischen On- und Offlinern, Digital Natives und Immigrants, wirksam zu begegnen und Brücken zu bauen zwischen jenen, die morgens die Treppe runter gehen, um die Zeitung zu holen und jenen die sich selbst schlaftrunken auf Facebook suchen. Ich find’s toll und bin durchaus bereit hin und wieder meine wichtigen Feierabend-Projekte zurückzustellen (#Inlinegames).

Am Freitag den 23. Juni fand der Kick-Off-Workshop zur fünften Welle des Freiwilligensurveys 2019 in Berlin statt. Das Bundesfamilienministerium (BMFSFJ) hatte im März dazu aufgerufen, Impulspapiere dafür einzureichen. Gemeinsam mit Mike Weber vom Fraunhofer Institut FOKUS reichte ich einen Vorschlag ein, wie die Digitalisierung des Ehrenamts im Freiwilligensurvey künftig besser in den Blick zu nehmen sein könnte. Unser Paper war eins von 18 und wurde von der Vorbereitungskommission mit Vertreterinnen und Vertretern aus BMFSFJ, dem Deutschen Zentrum für Altersfragen (DZA) und dem Bundesnetzwerk Bürgerschaftliches Engagement (BBE) als sehr konkreter Impuls für die Diskussion im Workshop angenommen.

Digitalisierung im Ehrenamt – mehr als Online-Volunteering

Inhaltlich konzentrierten wir uns in unserm gerade zweiseitigen Papier auf Funktionen der Digitalisierung im weiten Feld des freiwilligen Engagements. Mit Fragen nach diesen Funktionen, so unser Ansinnen, könnten planungsrelevante Daten für Bundes- und Landespolitik sowie Vereine und Verbände erhoben werden, die helfen, Bedarfe freiwillig Engagierter in „Delokalen und Digitalisierten Lebenswelten“ (2. Engagementbericht) besser zu adressieren und konzeptionelle Lücken zu schließen. Ganz konkret knüpften wir dabei an den zwei Items an, mit denen im Freiwilligensurvey 2014 bereits die allgemeine Internet- und Social Media Nutzung im Engagement und das Engagement über das Internet (Online-Volunteering) erhoben wurden (mehr dazu im Papier selbst).

Ich denke, dass mit den von uns vorgeschlagenen Ergänzungen zur Information und Vernetzung Ehrenamtlicher, der Nutzung technischer Assistenzsysteme (Künstliche Intelligenz, Internet of Things, Robotik usw.) im Ehrenamt sowie der Konkretisierung des Online-Engagements entlang typischer Tätigkeitsfelder (Produktion, Beratung und Organisation) ein großer Schritt in Richtung tiefer gehender Analysen zum Online-Volunteering in Deutschland getan wäre. Ich bin mir aber natürlich auch im Klaren darüber, dass die Internet- und Social Media Nutzung im Ehrenamt und das Online-Volunteering nur Teilaspekte der Digitalisierung im freiwilligen Engagement sind. Eindrücklich zeigte das – einmal mehr – die Sammlung von Potentialen der Digitalisierung im Ehrenamt, die ich gemeinsam mit Melanie Spreeberg von Kiron in einer Session beim openTransfer CAMP #Digitalisierung am 22. Juni sammelte und diskutierte.

Im Grunde – und auch das hatten Mike Weber und ich in unserem Impulspapier betont – markiert das Schlagwort Digitalisierung einen umfassenden Transformationsprozess sozialer Lebenswelten, der sich vielleicht mit dem Begriff der „Mediatisierung“ (Friedrich Krotz) fassen lässt, im Grunde aber noch sehr unscharf ist.

Nach dem Workshop ist vor dem Workshop

Insofern die Wechselwirkungen zwischen verändertem kommunikativen Handeln und dem Wandel von Alltagskultur im gesellschaftlichen Mainstream für die Engagementforschung sehr relevant sind, halte ich es für sinnvoll, das aktuell allgegenwärtige Schlagwort der Digitalisierung für den neuen Freiwilligensurvey so gut es geht zu schärfen. Und zwar gemeinsam mit zivilgesellschaftlichen Akteuren, die hierfür Fragestellungen aus vielfältigen Perspektiven einbringen können, die in der Engagementforschung bislang weitgehend ausgespart wurden. Welche Rolle könnten zum Beispiel vernetzte Sensoren (IoT), Robotik und künstliche Intelligenz künftig im freiwilligen Engagement spielen? Welche Entwicklungen sind vielleicht im Bereich des informellen Lernens im Engagement mit Blick auf „Medienkompetenz“ (Dieter Baacke) spannend? Welche neuen Formen des Sich-Engagierens und -Organisierens haben bereits an gesellschaftlicher Relevanz gewonnen? Und welche Rolle spielen Vereine, wenn das Engagement vermehrt in posttraditionalen Gemeinschaften (Ronald Hitzler) stattfindet?

Der Vorschlag, den ich in der Runde am 23. Juni also unterbreitete, war der eines anschließenden Workshops mit erfahrenen Akteuren aus dem Feld. Angesichts der vielfältigen Vorschläge zur Erweiterung des Fragebogens scheint es mir nicht zielführend weitere Ergänzungsvorschläge für den Fragebogen des Freiwilligensurveys zu sammeln. Sinnvoller ist es wohl, auf der Grundlage eines gemeinsamen Begriffsverständnisses die bestehenden Items darauf hin zu untersuchen, welche Aussagen zur Digitalisierung im ehrenamtlichen Engagement möglich und sinnvoll sind und wo vielleicht auch andere Erhebungen Lücken schließen müssen.

Chancen der Partizipation in der Engagementforschung

Der Freiwilligensurvey von 2014 hat ob seiner erstaunlich hohen Engagementquote und der beträchlichen Entfernung zu etablierten Denkmodellen der Engagementforschung vor 2016 ein echtes Akzeptanzproblem. Zu meinen eigenen Auswertungen des Freiwilligensurveys werde ich immer wieder gefragt, inwiefern, die Daten überhaupt zu gebrauchen sind, wenn jetzt auch aktives Chorsingen und Fußballspielen schon als ehrenamtliches Engagement gezählt werden. Es macht große Mühe, den Wert, den ich in den Daten sehe – und der hat wenig mit Vergleichbarkeit zu früheren Wellen zu tun – zu erklären, zumal immer wieder auch die Vermutung der politisch motivierten Manipulation der Daten durchscheinen.

Die Manipulation der Daten im Scientific Use File (SUF) halte ich für sehr unwahrscheinlich. Dass allerdings der Bericht zum Freiwilligensurvey 2014 fast zwei Jahre auf sich warten ließ, macht mir die Skepsis zumindest erklärlich. Einer Skepsis, der man im Vorfeld der Erhebung mit partizipatorischen Ansätzen wie gemeinsamen Workshops und Fachgesprächen aber auch mit einer rascheren Bereitstellung der Forschungsdaten und Befunde entgegenwirken könnte. Mein Vorschlag hierzu war, direkt nach der Erstellung des SUV eine Werkstatt mit Interessierten durchzuführen, in der konkrete Fragen unmittelbar an den noch frischen Daten bearbeitet werden können. Expertinnen und Experten, die sich mit entsprechender Analysesoftware auskennen werden dafür sicher zu finden sein.

tl;dr:

Vor ein paar Wochen war ich bei einer bemerkenswerten Veranstaltung, organisiert von D64 und dem Progressiven Zentrum. Auf einem Panel diskutierten Laura Esnaola (care.com) und Agnieszka Maria Walorska (ehem. StudiVZ) mit dem renommierten Wirtschaftsjournalisten Steven Hill, der in seinem neuen Buch “Die Start-up Illusion” den Ruin des deutschen Sozialstaates durch die Internet-Ökonomie US-amerikanischer Prägung thematisiert. Bemerkenswert fand ich, das niemand auf dem Panel das Buch gelesen hatte, es in der Diskussion aber trotzdem heiß her ging: Hier Steven Hill’s Warnung vor den Folgen des blödsinnigen Tanzes um das goldene Kalb, dort die Forderung, dem Wandel optimistisch zu begegnen. Und natürlich der energische Ruf nach einem “bedingungslosen Grundeinkommen”!

Mittlerweile verspüre ich so etwas wie eine allergische Überreaktion, wenn ich “bedingungsloses Grundeinkommen” lese oder höre. Meist plärrt einfach irgendwer ungefragt “Grundeinkommen” ins Gespräch und schon zucke ich unwillkürlichen in einer Mischung aus widerwilligem Kopfschütteln und ideenloser Resignation zusammen. Bislang dachte ich, es liegt an mir. Bislang dachte ich, ich wäre irgendwie zu blöd, um die Argumente richtig zu verstehen aber da sind gar keine Argumente! Zumindest keine, die mich irgendwie überzeugen könnten. So auch an diesem Abend, an dem sich die Contra-Hill-Panellistinnen darüber beschwerten, dass die so wunderbare Idee eines bedingungslosen Grundeinkommens von Hill in nur drei Zeilen Text leichtfertig abgetan wurde.

Grundeinkommen – eine gute Idee?

Wie gesagt, das gesamte Panel — außer der Autor selbst — hatte wenig Kenntnis vom Inhalt des Buches. Ich habe es mittlerweile gelesen und festgestellt, dass Hill das bedingungslose Grundeinkommen gar nicht so leichtfertig abtut. Er thematisiert es eben erst im Schlussteil, in dem es um die Möglichkeiten der weitere Entwicklung des deutschen Sozialstaates geht. Wenn das Grundeinkommen überhaupt irgendwo in dieses Buch gehört, dann hier hin. Und dann auch nicht unbedingt als der Master-Plan für den deutschen Weg im Wandel!

Hill weist gleich zu Beginn darauf hin, dass sich bei der Diskussion um das bedingungslose Grundeinkommen riesige politische Gräben auftun:  

Manche Vertreter der politischen Linken sehen im bedingungslosen Grundeinkommen die humanistischste aller Lösungen, den lang verloren geglaubten marxistischen Traum, dass ‘jeder nach seinen Bedürfnissen’ leben könne. Doch es sollte alle Alarmsirenen schrillen lassen, dass es für dieses Konzept auch Unterstützung aus dem neo-liberalen rechten Lager gibt, zum Beispiel vom Ökonomen Milton Friedmann, wenn auch aus völlig anderen Gründen: Für das rechte Lager ist das bedingungslose Grundeinkommen ein gut getarnter Vorwand um staatliche Sozialprogramme dramatisch zu kürzen und im Austausch gegen Barzahlungen die über Jahrzehnte gewachsenen Sozialversicherungssysteme zu demontieren (S. 236).

Würde das Grundeinkommen einmal eingeführt — darauf wies auch Bundesarbeitsministerin Andrea Nahles bei der re:publica hin — würden es auf ewig zum Spielball politischer Auseinandersetzungen werden, langfristig mit dem Trend zu weniger statt mehr (behaupte ich jetzt mal). Darüber hinaus ist es auch nicht fair umzusetzen. Zum einen gibt es große Unterschiede bei den Lebenshaltungskosten in unterschiedlichen Teilen Deutschlands, zum anderen kann ein bedingungsloses Grundeinkommen auch keine besonderen Bedarfe (z.B. von Menschen mit Behinderung) berücksichtigen.

Und noch etwas: Das bedingungslose Grundeinkommen löst nicht die Probleme, vor die uns der gesellschaftliche Wandel heute stellt. Nicht das Problem gemachter Ungleichheit (die Schere zwischen arm und reich), nicht das Problem fehlender Vielfalt (Filter-Blasen und Echo-Kammern) und auch nicht das Problem schwindender Nachfrage nach menschlicher Arbeitskraft (Industrie-, Arbeit-, Ehrenamt 4.0 und so).

Grundeinkommen – die Wiederkehr des Wismutfusels!

Das bedingungslose Grundeinkommen würde einen Keil in die Gesellschaft treiben. Denn es verstärkt das Prinzip des “The Winner Takes it All”, ganz ähnlich wie es in Deutschland schon nach der Wiedervereinigung in den 1990er Jahren zu beobachten war. Die Wandel-Gewinner — jene, die in ihrer vorerst nicht zu automatisierenden Nische weiterarbeiten können — werden von hohem Wert für die Wirtschaft und verdienen entsprechend zusätzlich zu ihrem Grundeinkommen. Die Wandel-Verlierer — jene die nicht Schritt halten und keine wirtschaftlich verwertbaren Talente vorzuweisen haben — vegetieren ungebraucht vor sich hin und  verkonsumieren, was ihnen Vater Staat als Grundeinkommen hinwirft.

Es ist ein bisschen wie die Wiederkehr des Wismutfusels, einem ziemlich widerlichen Brandwein, den Bergarbeiter in der DDR auf Bezugschein steuerfrei für ein paar Groschen kaufen konnten. Für Kumpel, die unter Tage arbeiteten gab es in der Regel zwei Liter im Monat, für die im Tagebau einen Liter. Bei Planübererfüllung gab es dann noch mal einen drauf — bis zu sechs Liter im Monat pro Person. Der Bergarbeiterschnaps war allerdings nie als Belohnung sondern als permanente Betäubung gedacht. Er sollte die Bergleute, die sehr hart, ziemlich monoton und in vielerlei Hinsicht unnter gefärlichen Bedingungen arbeiteten, gefügig machen und sie trotz Staublunge und kaputter Gelenke ruhig Schlafen lassen.

Auch wenn das bedingungslose Grundeinkommen nicht derart betäuben würde, wie es der Wismutfusel tat, würde es doch ganz ähnlich wirken. Es wäre nicht die Betäubung für die tätigen, sondern das Morphium für die nicht mehr gebrauchten Menschen in der Gesellschaft. Viel effektiver als es Hochprozentiger könnte, würde es den Seelen-Schmerz der Nutz- und Talentlosen lindern ohne etwas an der Ursache dafür zu tun. Wie traurig wäre das denn?

tl;dr: Das bedingungslose Grundeinkommen löst unsere Probleme nicht. Es betäubt nur die Symptome.

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