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Die dritte Woche im Ausnahmezustand ist vergangen und es wurde deutlich: Deutschland, Europa und die Welt standen noch nie vor größeren Herausforderungen.  

  • Der Shutdown schüttelt die Wirtschaft kräftig durch. Während ein großer Teil des Wirtschaftssystems lahm liegt, blühen einige Bereiche gerade richtig auf.
  • Die dramatische Situation der Flüchtenden an der Türkisch-Griechischen Grenze und anderswo spitzt sich zu. Auch ohne Corona ist die Lage weiterhin dramatisch!
  • Die gesundheitlichen Folgen der Isolation und die zunehmenden Belastungen des Gesundheitssystems werden immer deutlicher. Trotz noch verfügbarer Kapazitäten werden notwendige Behandlungen verschoben oder verschleppt.

Angesichts der Vielzahl an Problemen, die wir auch ohne Corona haben, ist es irgendwie verständlich, dass ein Ende des Ausnahmezustands so dringend herbeigesehnt wird. Es scheint sich der in Krisen ganz normale Wunsch nach Rückkehr zum Ausgangszustand Bahn zu brechen. Doch dafür ist es noch deutlich zu früh!

Persönlich habe ich den Eindruck, einfach nicht genug tun zu können. Deshalb aber in irgendwelchen Klein-Klein-Aktionismus zu verfallen, halte ich für wenig aussichtsreich. Wichtig sind jetzt Netzwerke und gemeinsame Aktionen mit großer Reichweite – nicht die 184ste Engagement-Datenbank, -App oder -Webseite. Sorry!

Raum für Engagement

Der #WirVsVirus Hackathon der Bundesregierung war definitiv eine dieser aussichtsreichen Aktionen. Er war – und ist mit seinem Umsetzungsprogramm auch weiterhin – ein wichtiges Zeichen dafür, das (digitales) Engagement gewollt und gefördert wird (Das ist neu!). Allein 1.500 Ideen ins Netz zu stellen aber hilft leider wenig, den täglichen Herausforderungen in Krankenhäusern und Pflegeeinrichtungen, beim Home Schooling und digitaler Sozialarbeit zu begegnen.

Ich finde es deshalb auch eine gute, unterstützenswerte Idee, mit weiteren Austausch-, Netzwerk- und Entwicklungsformaten an die initialen Bemühungen anzuschließen und dem großartigen Engagement in Krisenzeiten Raum zu geben. Initiativen, an denen ich mich in der letzten Woche beteiligen durfte, gehen in diese Richtung:

  • Für den #CareHacktCorona Hackathon vom 17. auf den 18. April wurde auf Initiative des PARITÄTischen in Baden-Württemberg ein breites Netzwerk mobilisiert – mit dabei ist unter anderem das DRK im Ländle und die Caritas im Ruhrbistum Essen. Ziel ist es, Ideen und Ansätze für konkrete Bedarfe aus der Sozialwirtschaft zu entwickeln, wobei die Ergebnisse von #WirVsVirus sicher auch eine Rolle spielen werden.
  • Für den ganz offenbar großen Bedarf nach Austausch zu den täglichen Herausforderungen in zivilgesellschaftlichen Organisationen bereitet openTransfer im Netzwerk mit GoVolunteer und anderen ein BarCamp vor, das am 24. April rein digital über die Bühne gehen soll. Ich bin froh, hier mit meinen Praxis-Recherchen der letzten Wochen unterstützen und weiter dazu lernen zu können.
  • Und auch kleinere Formate für den losen Austausch und Geselligkeit auf Distanz standen diese Woche auf der Agenda: Mit digital Engagierten von D64 habe ich einen virtuellen Stammtisch zu digitalpolitischen Themen organisiert, durfte bei einem digitalen Lean Coffee mit Engagierten aus dem Kreis der Agilen Verwaltung dabei sein und wieder viel Neues lernen.

Und auch sonst war meine Woche stark von digitalem Engagement geprägt. Gemeinsam mit Maik Meid und Jörg Reschke habe ich darüber im Fundraising-Radio gesprochen. Mein Fazit hier: Das digitale Ehrenamt bekommt derzeit einen mächtigen Schub und ich hoffe, dass davon auch nach der Krise etwas ›hängen bleibt‹. Allerdings ist auch die Sehnsucht, sich von Angesicht zu Angesicht zu begegnen enorm. Bei aller Euphorie über das was plötzlich alles geht, steht doch zu befürchten, dass die neuen, digitalen Möglichkeiten für Austausch und Vernetzung, für Remote-Work und Kooperation nur eine Alternative bleiben, wenn’s halt mal nicht anders geht.

Notizen für danach

Bei mir, wie bei vielen anderen, steht dieser Tage also ziemlich viel auf dem Programm. Meistens geht es darum, ganz akute (im weitesten Sinne technische) Probleme zu lösen. Sich dabei eher auf einen Marathon statt eines Sprints einzustellen, nicht allzu viel vom ›alten Normalzustand‹ zu träumen und weiter über den Tellerrand der Corona-Krise hinaus zu schauen, finde ich dabei ziemlich wichtig.

Eine tolle Gelegenheit, an die Zeit nach Corona zu denken, bietet der Aufruf von Joß Steinke, bis zum 19. April »Notizen für danach« für den Blog der DRK-Wohlfahrt.de zu hinterlassen. Wir werden, glaube ich, viel zu besprechen haben:

  • Welche Strukturen sind in der aktuellen Krise (und waren den Krisenlagen davor) eigentlich diejenigen, die wirklich in der Breite wirkten? Welche Strukturen sind ›systemrelevant‹ und welche sehen bei näherer Betrachtung eigentlich nur schön, innovativ und agil aus?
  • Welche Learnings können wir aus der Cornoa-Krise ziehen, bei der ziemlich viel ziemlich schnell gehen musste und nicht alles haarklein zu planen und zu kontrollieren war? Können wir das uns krisenhaft aufgenötigte Vertrauen in eine neue Kultur der Zusammenarbeit mitnehmen?
  • Wie üben wir ein (digitales) Miteinander ein, das über schmuckes Marketing hinaus geht und die Grundlage für gemeinsames Wirken bildet? Wie können wir den freien Fluss des Wissens über Sektorengrenzen hinweg gestalten und tragfähige Netzwerke etablieren, die nicht bloß kurzfristig auf die jeweils eigenen Ziele einzahlen?

Diese Art digitale Sammlung von Ideen und Meinungen – manche sagen auch Blogparade – scheint auf den ersten Blick gar nicht viel mit Geselligkeit auf Distanz zu tun zu haben. Und doch bietet der orts- und in diesem Fall auch zeitunabhängigen Austausch durchaus die Gelegenheit, ein Gefühl von Verbundenheit zu pflegen – ähnlich wie beim #SozialChat auf Twitter und der Hashtag-Kampagne #StayAtHomeHero steht dabei das Erleben dieser Krise selbst im Zentrum.

Zwischenfazit: Digitales Engagement als Socializer

Dass Hannah Arendts Begriff des ›Handels‹ für mich im Zentrum freiwilligen Engagements und Ehrenamts steht, hatte ich an der einen oder anderen Stelle hier im Blog bereits erwähnt: Wenn es bei der Freiwilligenarbeit definitionsgemäß nicht um Erwerbsarbeit oder Selbstversorgung gehen kann, bleibt ja nur die Geselligkeit. Anders als beim Kneipenabend aber steht beim freiwilligen Engagement und Ehrenamt ein Thema, ein Issue im Zentrum des Tuns, das sich am Gemeinwohl zu orientieren hat (vgl. hierzu auch Wehner/Güntert 2015: 15f. | Blick ins Buch).

In Zeiten des ›Physical Distancing‹ also Räume für digitales Engagement zu schaffen kann nicht allein das Ziel haben, nützlich Dinge zu entwickeln. Freiwilliges Engagement und sei es auch noch so sporadisch, kurzfristig und ›ungebunden‹ ist ein unschlagbarer Socializier, der auch auf Distanz funktioniert. Wie Arendt es ja sagte: Es »ist die einzige Tätigkeit der Vita Activa, die sich ohne die Vermittlung von Materie, Material und Dingen direkt zwischen Menschen abspielt«.

Die zweite Woche im Ausnahmezustand ist vorbei. Es wurden keine Ausgangssperren verhängt, dafür ein Kontaktverbot ausgesprochen. Zu Hause bleiben und Abstand halten, ist weiterhin die Devise.

In meinem – zum Glück ganz gut ausgestatteten – Home Office habe ich mich mittlerweile häuslich eingerichtet. Ich schaffe mir tägliche Routinen, versuche mich ausreichend zu bewegen und anständig zu ernähren. Das Gefühl, dass die Tage so vor sich hin dröppeln und konturlos in einander übergehen, bin ich allerdings noch nicht ganz losgeworden.

Die Frage nach Geselligkeit auf Distanz (»Distant Socializing«), die ich letzte Woche mit den psychischen und mentalen Folgen von Einsamkeit in Verbindung brachte, hat an Relevanz nicht verloren. Im Gegenteil: Zumindest nach meinem Eindruck werden die Fragen nach funktionierender Technik allmählig von der nach guter Organisation abgelöst – Organisation, die die sozialen Aspekte der Teamarbeit statt ihrer Effizienz und Effektivität aufs Trapez heben.

»Invented« statt »Invited Spaces«

Eine auf Dauer recht anstrengende Herausforderung bei der Kommunikation auf Distanz ist die deutliche Reduktion der Sinneseindrücke. In Telefon-Gesprächen und Video-Konferenzen muss eigentlich alles, was face to face implizit mitläuft, explizit gemacht werden: die Zustimmung, die Ablehnung, die Freude, die Trauer, die Wut, die Verzweiflung – alles! Das passiert natürlich nicht; zumindest nicht in dem Maße, wie es bei einer physischen Begegnung möglich ist. Telefon-Gespräche und Video-Konferenzen haben für mich deshalb immer etwas ›künstliches‹, etwas ›technisches‹ an sich – ein kaum zu vermeidender Eindruck, der durch prozesshafte Ergebnisorientierung (Moderation, Timeboxing, TOPs und ToDos) noch verstärkt wird.

Für Kommunikationsräume dieser Art leihe ich mir gern den Begriff der »Invited Spaces« aus der Politikwissenschaft aus. Bezeichnet werden damit top-down geschaffene Beteiligungsmöglichkeiten, mit denen ein bestimmtes Thema in einer vorgegebenen Struktur verhandelt wird. Als »Invented Spaces« dagegen werden bottom-up entstehende Kommunikationsräume bezeichnet, die thematisch nicht oder nur lose vorstrukturiert sind (z.B. hier).

Die Kommunikation in Sozialen Medien und in ›Web 2.0-igen‹ Formaten wie BarCamps bietet die Möglichkeit für die Entstehung solche Räume. Vorgegeben wird hier lediglich eine (technische) Struktur, in der potentiell alle möglichen Themen verhandelt werden können. Dabei geht nicht um die Aus- und Verhandlung im Sinne der Abstimmung und Konsensfindung (dafür braucht man »Invited Spaces«), sondern viel mehr um den Aufbau und die Pflege guter Beziehungen – um Resonanz und Geselligkeit also.

Spielen ist menschlich!

Das ›technische‹ an der Kommunikation kann mit der Digitalisierung von »Invented Spaces« natürlich nicht vermieden werden. Die Reduktion der Sinneseindrücke bleibt herausfordernd. Ohne die verbissen prozesshafte Ergebnisorientierung allerdings kann die Kommunikation eine andere, eine spielerischere, intuitivere werden. Und genau das kann sie menschlicher machen. Denn, das wusste schon Friedrich Schiller:

Der Mensch ist nur da ganz Mensch, wo er spielt.

Besonders deutlich ist mir das beim 3D-BarCamp Ende vorletzter Woche geworden. Eingeladen hatte Henning Behrens zu einem Event »fast wie in der Realität«. Eine der acht Sessions – »Agile Spiele« – hatte Kathrin Bischoff angeboten, mit der ich zuvor schon einen Ausflug in AltspaceVR gemacht hatte. Deutlich wurde mir dabei zweierlei: Zum einen, dass man sich neue digitale Umgebungen besser ›erspielen‹ kann, als dass man sie einfach nur verstehen müsste. Zum anderen, dass das spielen mit den gegebenen Möglichkeiten (Hand heben, Beifall klatschen, lächeln usw.) zuverlässig Reaktionen anderer hervorruft, die die Interaktion schon recht ›real‹ wirken lassen. Das Spiel mit den Avataren beim 3D-BarCamp hat dies sogar noch verstärkt, weil da eben kein echter Mensch vor einer Webcam zu sehen war, sondern nur der Avatar.

Zwischenfazit: Geselligkeit spielend neu erfinden

Themenoffene Kommunikationsstrukturen, die ich hier »Invented Spaces« nenne, bieten einiges Potential für Geselligkeit auf Distanz. Nach meinem Eindruck zeigt sich das auch abseits von Video- und VR-Konferenzen in den Sozialen Medien. So hat sich die durchschnittliche Interaktionsrate in meinem Twitter-Stream seit Beginn des Ausnahmezustandes vor zwei Wochen glatt verdoppelt. Ohne es genau ausgezählt zu haben, würde ich behaupten, dass das nicht nur auf Retweets, Likes, Profil- und Link-Klicks sondern zu einem großen Teil auf die gestiegene Zahl von Kommentaren und Diskussionen zurückzuführen ist.

Was Video- und VR-Formate anbelangt, glaube ich, können »Invented Spaces« ganz ähnlich wirken. Der Eindruck des ›technischen‹ wird dabei auch mit VR-Headset nicht zu vermeiden sein, wäre mit spielerischen Elementen aber vielleicht gut zu kaschieren. Im Gaming-Bereich – genauer aus dem Massively Multiplayer Online Role-Playing Games – kann man sehen, dass das gut funktioniert: Die Spielenden begegnen sich hier ja zunächst auch nur als Nicknames und Avatare in Chat- und Voice-Umgebungen, erleben das Spiel aber nicht allein, sondern in Gruppen, Clans und Gilden. Vielleicht – und das ist wirklich nur eine Vermutung – ist es gerade das scheinbar reale Bild einer Person vor der Webcam und das Küchenregal im Hintergrund, dass uns das Gemeinschaftserleben vermiest. Natürlich möchten wir unser Gegenüber sehen, doch erinnert uns die Scheibe, das Rauschen und Knattern dazwischen immer wieder an die bestehende Distanz, die wir damit doch eigentlich überwinden wollen.

Seit einer Woche herrscht Ausnahmezustand – nicht nur in Deutschland. Das soziale Leben wird heruntergefahren: Bars und Restaurants, Kitas und Schulen wurden geschlossen, Altenheime und Krankenhäuser lassen Angehörige nicht mehr rein und allen Ortens wird an die Vernunft der Menschen appelliert: #FlatteningtheCurve.

»Es fehlen Begegnungen, die sonst selbstverständlich sind« sagt Bundeskanzlerin Angela Merkel in ihrer außerordentlichen Ansprache zur Verbreitung des Corona-Virus. »Die Lage ist ernst!« Das Virus ist hoch ansteckend und sehr gefährlich. Besonders ältere Menschen und Menschen mit Vorerkrankungen gehören laut Robert Koch Institut zu den Risikogruppen, bei denen ein schwerer Verlauf bei Erkrankung zu erwarten ist.

Abstand halten ist das dringende Gebot der Stunde, Ausgangssperren bereits ernsthaft im Gespräch. Mit Hochdruck wird digitalisiert was zu digitalisieren geht, um den Betrieb irgendwie am Laufen zu halten. Was aber geschieht mit den »Begegnungen, die sonst selbstverständlich sind«, wenn (vorübergehend) alles was geht auf remote umgestellt wird?

Einsamkeit: Mögliche Folgen der Krise

Schon 2013 hatte ich mich einmal mit der Frage beschäftigt, warum wir uns überhaupt noch im ›Real Life‹ treffen, wenn wir die Welt doch in der Hosentasche mit uns herumtragen. Mein Fazit damals: Weil alles andere noch nicht »in« ist. Zwar gibt es durchaus Menschen, die ›Distant Socializing‹ auch ohne Corona-Krise praktizieren (müssen), die sind aber nicht Mainstream. Die meisten Menschen haben heute ihre Schwierigkeiten mit Beziehung auf Distanz, weil sie es schlicht nicht geübt haben.

Die möglichen Folgen dieser Ungeübtheit bei einer plötzlichen Isolation beschreibt Jamil Zaki von der School of Humanities and Sciences der Stanford University recht anschaulich:

… loneliness is psychologically poisonous; it increases sleeplessness, depression, as well as immune and cardiovascular problems. In fact, chronic loneliness produces a similar mortality risk to smoking 15 cigarettes a day.

Das Problem hinter der Frage, was mit sozialen Beziehungen geschieht, wenn sie nur noch remote gepflegt werden können, ist also kein banales: Je länger die Krise dauert desto mehr werden Lösungen gebraucht, die Einsamkeit im großen Stil entgegenwirken, um so zu verhindern, dass der Corona-Krise eine Welle psychischer und mentaler Erkrankungen folgt.

Und das Problem könnte sich noch verschärfen: Wenn Träger der Sozialen Arbeit die wirtschaftlichen Folgen der Corona-Krise nicht überstehen, werden Hilfs- und Beratungsangebote wegbrechen, die zur Bewältigung der sozialen, psychischen und mentalen Folgen der Krise dringend gebraucht werden.

Geselligkeit auf Distanz: Worum geht’s?

Geselligkeit (›Socializing‹) ist kein ganz einfach zu bestimmender Gegenbegriff zu Einsamkeit. Es ist eher ein subjektives Gefühl von Verbundenheit als eine einzelne soziale Praxis. Ich bringe es mit gelingenden (Welt-) Beziehungen und horizontaler Resonanz sowie Gemeinschaft und Identität in Verbindung.

Philosophisch betrachtet ist Geselligkeit eine Form der Tätigkeit, die Hannah Arendt »Handeln« nannte und von »Arbeiten« und »Herstellen« unterschied:

Das Handeln ist die einzige Tätigkeit der Vita activa, die sich ohne die Vermittlung von Materie, Material und Dingen direkt zwischen Menschen abspielt (ebd. 2011: 17).

Es ist, wie sie mit dem Verweis auf das Lateinische schreibt, das pure Leben; das pure »unter Menschen sein« (›inter homines esse‹). Wie aber gehen wir dieser Tage »unter Menschen«?

  1. Digitales Bürgerschaftliches Engagement: Die Engagementbereitschaft ist in Krisenzeiten bemerkenswert hoch. Ausschließlich und überwiegend über das Internet geleistetes Engagement steht dieser Tage hoch im Kurs. Eindrücklich zeigt das der Hackathon #WirVSVirus, bei dem an diesem Wochenende (20. bis zum 22. März) mehr als 40.000 Online-Volunteers an etwa 1.200 Ideen zur Krisenbewältigung arbeiteten. Eindrücklich aber auch die ungezählten Initiativen und nachbarschaftlichen Aktionen, an denen sich Land auf Land ab mit Sicherheit noch hundertmal mehr Menschen beteiligen.
  2. Kunst und Kultur im Stream: Nach Absage zunächst größerer dann aller anderen Veranstaltungen haben große Opern- und Theaterhäuser begonnen, ihre Aufführungen live zu streamen – die Übertragung von „Carmen“ aus der Staatsoper Unter den Linden erreichte etwa 160.000 Menschen (Bericht RBB24). Und auch freischaffende Künstler, wie Igor Levit, streamen ›Wohnzimmerkonzerte‹, die zig-tausendfach angesehen werden.
  3. Digitale Normalität: Wie man Home Office und Remote Work, digitale Konferenzen, Meetings und Workshops organisiert, war diese Woche eine der ganz wichtigen Fragen. Unzählige Anleitungen und Tool-Sammlungen schwirren im Netz umher – zum Beispiel die Werkzeugsammlung auf DRK-Wohlfahrt.de und die Fragen für die Planung virtueller Events von Kathrin Bischoff. Auch sind mir Einladungen zu Remote-Meditationen (@joanabp) und -Stammtischen (@herb37) zugeflogen.

Ich nenne hier natürlich nur ein paar wenige Beobachtungen aus meiner ersten Woche im Ausnahmezustand (weitere finden sich in meinem Stream auf Twitter). Ich will damit die drei Cluster illustrieren, die ich aus daraus gebildet habe. Deutlich wird so nämlich, wozu Menschen auch remote »unter Menschen« gehen: Sie suchen sich Gelegenheiten (1) mit anderen zu wirken, (2) Erlebnisse miteinander zu teilen und (3) ihre Normalität so gut es geht aufrecht zu erhalten.

Zwischenfazit: Zentrale Sujets der Geselligkeit

Normalität, Gemeinschaft und Selbstwirksamkeit habe ich hier zentrale Sujets (auch) digitaler Geselligkeit identifiziert. In der aktuellen Krise, nach der mit Sicherheit vieles anders sein wird als zuvor, aber stellen sich die Fragen: Doch was ist normal? Wie vergemeinschaften sich Menschen? Und wie erleben sie Selbstwirksamkeit? Nach einer Woche Ausnahmezustand lassen sich diese Dynamiken noch nicht ausreichend beobachten. Zumindest aber lassen sich ein paar Fragen formulieren, die auf die nächste Beobachtungsebene der Interaktionsfelder zielen:

  • Wie wirkt sich die notwendig explizitere Kommunikation bei Telefon- und Video-Konferenzen auf das Miteinander aus? Erleben wir durch effizientere Abstimmung vielleicht mehr Selbstwirksamkeit?
  • Wie wirken sich die Grenzüberschreitungen zwischen Privatem und Beruflichem aus? Werden wir uns menschlich näher kommen, weil wir nun wissen, wie es hinter dem heimischen Schreib-, Wohnzimmer- oder Küchentisch der Kolleg!nnen aussieht?
  • Wie wirkt sich ortsunabhängiges Online-Volunteering auf die Vergemeinschaftung aus? Werden wir mehr unter ›unseresgleichen‹ bleiben oder den Spagat zwischen Nachbarschaft und (digitalen) Neo-Tribes meistern?

Mit euren Beobachtungen und Fragen, Anmerkungen und Hinweisen könnt ihr euch hier gern einklinken. Was fällt euch in eurem Umfeld in Sachen Geselligkeit auf Distanz auf? Nennt gern konkrete Beispiele!